Inhaltsverzeichnis : Layard, Austen Henry: Niniveh und seine Überreste

228
geht  diese  Jahreszeit  ohne  Regen  vorüber;  und  das  war  in  diesem  Jahre  der
Fall,  denn  es  fiel  weder  im  Winter  noch  im  Frühjahre  Regen.  Die  Bewohner ¬
  der  Dörfer,  die  durch  die  verbesserte  Verwaltung  und  die  versöhnlichen
Maaßregeln  des  verstorbenen  Pascha  dazu  veranlaßt  worden  waren,  hatten
ihren  ganzen  Vorrath  an  Weizen  und  Gerste  dem  Boden  übergeben.  Verzweiflungsvoll ¬
  blickten  sie  den  wolkenlosen  Himmel  an.  Ich  beobachtete  das
junge  Gras,  das  so  gern  durch  den  trocknen  Erdboden  durchgebrochen  wäre,  aber
es  wurde  schon  bei  seiner  Entstehung  durch  die  Sonne  verbrannt.  Dann  und
wann  machte  eine  über  den  entfernten  einsamen  Bergen  von  Arbela  hängende ¬
  oder  im  weiten  Westen  über  der  Wüste  sich  bildende  Wolke  Hoffnungen ¬
  rege,  und  ein  Paar  Tropfen  Regen  ließen  allgemeine  Freude  laut  werden.
Die  Araber  pflegten  dann  Tänze  zu  arrangiren,  zu  singen  und  zu  schreien
wobei  das  durchdingende  tahlehl  der  Frauen  mit  einstimmte.  Es  endigte
aber  jedesmal  mit  einer  getäuschten  Hoffnung.  Die  Wolken  zogen  vorüber  und
derselbe  blaue,  reine  Himmel  war  wieder  über  uns.  Mir  war  der  gänzliche
Mangel  an  Grün  im  Frühjare  sehr  schmerzlich.  Monatelang  hatte  mein  Auge
auf  keinem  grünen  Gegenstande  verweilt,  und  die  immerwährend  gelbe  und
öde  Fläche  wirkte  auf  den  Geist  höchst  niederschlagend.  Der  Dschaif,  welcher ¬
  im  vorhergehenden  Jahre  wie  ein  Blumengarten  aussah,  in  dem  Alles
lebendig  gewesen  war,  lag  jetzt  kahl  wie  eine  Wüste  in  der  Mitte  des  Sommers. ¬
  Ich  hatte  auf  die  Wiederkehr  des  Grases  gehofft,  um  außerhalb  des
Dorfes  mein  Lager  aufschlagen  zu  können,  und  hatte  an  Excursionen  nach
vielen  alten  Ruinen  in  die  Wüste  und  Gebirge  gedacht;  ich  sah  mich  aber  in
meinen  Hoffnungen  eben  so  sehr  wie  die  Araber  getäuscht.
Der  Pascha  erließ  Befehle,  daß  Christen  und  Muselmänner  ein  allgemeines ¬
  Fasten  und  Beten  anstellen  sollten.  Man  flehte  in  Kirchen  und  Moscheen ¬
  um  Regen.  Die  Mohamedaner  hielten  eine  Art  von  dreitägigem  Ramazan ¬
  ab;  bei  Tage  hungerten  sie,  bei  Nacht  schmausten  sie  aber.  Die  Christen
enthielten  sich  während  einer  eben  so  langen  Zeit  der  Fleischgerichte.  Sobald
sich  eine  Wolke  am  Horizonte  sehen  ließ,  gingen  die  Bewohner  der  Dörfer
sogleich  mit  dem  Mullah  an  der  Spitze  in  das  freie  Feld  und  beteten  und
sangen  Verse  aus  dem  Koran  ab.  Scheikhs  —  verrückte  Asketiker,  die  entweder ¬
  halb  mit  Löwen=  oder  Gazellenfellen  bekleidet,  oder  ganz  nackend  herumwanderten ¬
  —  brannten  sich  mit  glühenden  Eisen  und  rannten  schreiend  durch  die  Straßen
von  Mosul.  Sogar  eine  Art  von  Nekromantie  wurde  nicht  vernachlässigt, ¬
  und  der  Kadi  und  die  türkischen  Behörden  nahmen  zu  allen  Arten  von
Beschwörungen  ihre  Zuflucht,  von  denen  es  hieß,  sie  seien  in  andern  Theilen
der  Länder  des  Sultans  bei  ähnlichen  Umständen  von  Erfolg  gewesen.  Ein
von  Mekka  zurückkehrender  Derwisch  hatte  glücklicherweise  eine  Flasche  von
dem  heiligen  Wasser  von  Zemzen  mitgebracht.  Aus  Rücksicht  der  Umstände
bot  er  es  dem  Pascha  an,  indem  er  erklärte,  wenn  die  heilige  Flüssigkeit
in  der  großen  Moschee  ausgegossen  werde,  müsse  nothwendigerweise  Regen  erfolgen. ¬
  Es  war  nie  bekannt  geworden,  daß  das  Experiment  einmal  fehl  geschlagen ¬
  habe.  Der  Pascha  bezahlte  das  Geld  —  einige  zwanzig  Beutel
und  leerte  die  Flasche;  der  Erfolg  war  aber  nicht  so,  wie  man  erwartet  hatte
und  als  man  den  Derwisch  suchte,  um  ihm  eine  Erklärung  abzufordern,  da
war  er  nicht  zu  finden.
Es  kam  kein  Regen,  nicht  einmal  die  Aussicht  auf  einen  Regenschauer
war  vorhanden.  Eine  Hungersnoth  schien  unvermeidlich.  Es  war  jedoch  bekannt, ¬
  daß  die  Kornböden  der  vorzüglichsten  Familien  von  Mosul  einen  über¬
            
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.

powered by Goobi viewer