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geht diese Jahreszeit ohne Regen vorüber; und das war in diesem Jahre der
Fall, denn es fiel weder im Winter noch im Frühjahre Regen. Die Bewohner ¬
der Dörfer, die durch die verbesserte Verwaltung und die versöhnlichen
Maaßregeln des verstorbenen Pascha dazu veranlaßt worden waren, hatten
ihren ganzen Vorrath an Weizen und Gerste dem Boden übergeben. Verzweiflungsvoll ¬
blickten sie den wolkenlosen Himmel an. Ich beobachtete das
junge Gras, das so gern durch den trocknen Erdboden durchgebrochen wäre, aber
es wurde schon bei seiner Entstehung durch die Sonne verbrannt. Dann und
wann machte eine über den entfernten einsamen Bergen von Arbela hängende ¬
oder im weiten Westen über der Wüste sich bildende Wolke Hoffnungen ¬
rege, und ein Paar Tropfen Regen ließen allgemeine Freude laut werden.
Die Araber pflegten dann Tänze zu arrangiren, zu singen und zu schreien
wobei das durchdingende tahlehl der Frauen mit einstimmte. Es endigte
aber jedesmal mit einer getäuschten Hoffnung. Die Wolken zogen vorüber und
derselbe blaue, reine Himmel war wieder über uns. Mir war der gänzliche
Mangel an Grün im Frühjare sehr schmerzlich. Monatelang hatte mein Auge
auf keinem grünen Gegenstande verweilt, und die immerwährend gelbe und
öde Fläche wirkte auf den Geist höchst niederschlagend. Der Dschaif, welcher ¬
im vorhergehenden Jahre wie ein Blumengarten aussah, in dem Alles
lebendig gewesen war, lag jetzt kahl wie eine Wüste in der Mitte des Sommers. ¬
Ich hatte auf die Wiederkehr des Grases gehofft, um außerhalb des
Dorfes mein Lager aufschlagen zu können, und hatte an Excursionen nach
vielen alten Ruinen in die Wüste und Gebirge gedacht; ich sah mich aber in
meinen Hoffnungen eben so sehr wie die Araber getäuscht.
Der Pascha erließ Befehle, daß Christen und Muselmänner ein allgemeines ¬
Fasten und Beten anstellen sollten. Man flehte in Kirchen und Moscheen ¬
um Regen. Die Mohamedaner hielten eine Art von dreitägigem Ramazan ¬
ab; bei Tage hungerten sie, bei Nacht schmausten sie aber. Die Christen
enthielten sich während einer eben so langen Zeit der Fleischgerichte. Sobald
sich eine Wolke am Horizonte sehen ließ, gingen die Bewohner der Dörfer
sogleich mit dem Mullah an der Spitze in das freie Feld und beteten und
sangen Verse aus dem Koran ab. Scheikhs — verrückte Asketiker, die entweder ¬
halb mit Löwen= oder Gazellenfellen bekleidet, oder ganz nackend herumwanderten ¬
— brannten sich mit glühenden Eisen und rannten schreiend durch die Straßen
von Mosul. Sogar eine Art von Nekromantie wurde nicht vernachlässigt, ¬
und der Kadi und die türkischen Behörden nahmen zu allen Arten von
Beschwörungen ihre Zuflucht, von denen es hieß, sie seien in andern Theilen
der Länder des Sultans bei ähnlichen Umständen von Erfolg gewesen. Ein
von Mekka zurückkehrender Derwisch hatte glücklicherweise eine Flasche von
dem heiligen Wasser von Zemzen mitgebracht. Aus Rücksicht der Umstände
bot er es dem Pascha an, indem er erklärte, wenn die heilige Flüssigkeit
in der großen Moschee ausgegossen werde, müsse nothwendigerweise Regen erfolgen. ¬
Es war nie bekannt geworden, daß das Experiment einmal fehl geschlagen ¬
habe. Der Pascha bezahlte das Geld — einige zwanzig Beutel
und leerte die Flasche; der Erfolg war aber nicht so, wie man erwartet hatte
und als man den Derwisch suchte, um ihm eine Erklärung abzufordern, da
war er nicht zu finden.
Es kam kein Regen, nicht einmal die Aussicht auf einen Regenschauer
war vorhanden. Eine Hungersnoth schien unvermeidlich. Es war jedoch bekannt, ¬
daß die Kornböden der vorzüglichsten Familien von Mosul einen über¬