Full text : Otto, Johann Friedrich Wilhelm: System einer allgemeinen Hydrographie des Erdbodens

Ebe  und  Fluch.
geschwächt  werden,  d.  1.,  die  Mondsfluth  und  Mondsebbe
durch  die  Sonne.  Nachdem  also  diese  beiden  Kräfte  entweder ¬
  nach  einer  und  derselben  Richtung,  oder  gegen  einänder
wirken,  werden  Ebbe  und  Fluth  größer  oder  kleiner.  Weil
die  Sonne  das  Wasser  in  vier  und  zwanzig  Stunden  an
einem  Orte  zweimal  erheben,  und  eben  so  oft  sinken  lassen
sollte,  wenn  kein  Mond  vorhanden  wäre,  der  solches  innerhalb ¬
  24  Stunden  50  Minuten  verrichtet;  so  sieht  man
leicht,  daß  die  Veränderung,  welche  die  Sonne  in  der  Bewegung ¬
  des  Meeres  hervorbringt,  in  sa  fern  solches  auf  den
Mond  ankommt,  jeden  Tag  anders  seyn  müsse,  je  nachdem
nemlich  diese  beiden  Wirkungen  mehr  oder  weniger  mit  einander ¬
  übereinstimmen,  oder  gegen  einander  streiten.
Sobald  die  Sonne  und  der  Mond  mit  der  Erde  in  gerader =
  Linie  stehen,  wirken  die  Anziehungskräfte  beider  Körper ¬
  gemeinschaftlich  mit  vereinigter  Kraft,  und  heben  also
die  Fluth  höher,  als  zu  einer  andern  Zeit:  ist  hingegen  der
Mond  im  Mittagskreise  und  die  Sonne  im  Horizonte  desselben, ¬
  so  wirken  beide  Körper  auf  die  Erde  kreutzweise
denn  die  Sonne  ist  alsdenn  mit  der  Ebbe  in  gerader  Lini
und  vermindert  durch  ihre  Attraction,  daß  das  Wasser  daselbst ¬
  nicht  so  tief  sinken,  folglich  auch  die  Fluth,  unter  dem
Monde  und  an  der  von  ihm  abgekehrten  Seite,  nicht  so  hoch
steigen  kann,  als  geschehen  würde,  wenn  der  Mond  allein
und  die  Sonne  gar  nicht  vorhanden  wäre.  Jene  nennt
man  Springfluth,  diese  aber  Nipfluth,  todte  Fluth;
jene  ereignet  sich  im  Neu  und  Vollmonde,  diese  aber  in
den  Vierteln  oder  Quadraturen.
Zur  Zeit  des  Neumonds  nemlich  sind  die  Sonne  un
der  Mond  in  Conjunction,  d.  h.,  sie  befinden  sich  beide  über
einander  auf  einer  Seite  der  Erde,  und  bringen  alsdann
hier  die  verstärkte  Erhebung  des  Wassers  hervor.  Im  Vollmonde ¬
  sind  die  Sonne  und  der  Mond  in  Opposition,  d.  i.
se  stehen  einander  gerade  gegen  über,  nemlich  die  Sonne  an
            
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