Volltext : Otto, Johann Friedrich Wilhelm: System einer allgemeinen Hydrographie des Erdbodens

Ebbe  und  Fluth.
bis  eine  andere  Kraft  sie  wieder  aufhebt.  Diese  Trägheit
zu  überwinden,  erfordert  die  Kraft  des  Mondes  einen  Auf
wand  von  Zeit,  welcher  die  Erhebung  des  Wassers  aufhält.
Dieses  Hinderniß  verspätet  nicht  nur  die  Periode,  un
macht,  daß  das  hohe  Wasser  in  A.  erst  einige  Zeit  nachher
kommen  kann,  nachdem  der  Mond  bereits  durch  M.  oder  N.
gegangen  ist,  sondern  es  vermindert  auch  die  Größe  der
Fluth  und  Ebbe.
Hiebei  verdient  noch  folgendes  in  Erwägung  gezogen
werden.  Wenn  der  Mond  in  A.  ist,  bemüht  er  sich,  da
Wasser  zum  Steigen  zu  bringen.  Nun  kann  dasselbe  nich
E
steigen,  wenn  nicht  seine  Quantität  vergrößert  wird.
muß  demnach  Wasser  von  anderen  und  selbst  entlegenen  Orten ¬
  herfließen.  Nun  gehört  aber  Zeit  dazu,  ehe  eine  hinlängliche ¬
  Menge  Wasser  zusammen  gebracht  werden  kann.
Ob  nun  gleich  die  Attraction  des  Mondes  an  einen
Orte  alsdann  am  stärksten  ist,  wenn  er  gerade  in  dem  Meridian ¬
  desselben  steht;  so  hört  doch  seine  anziehende  Kraft
nicht  mit  einem  Male  auf,  daselbst  zu  wirken,  sondern  die
Erhebung  dauert  noch  einige  Zeit  fort,  wenn  er  den  Meridian ¬
  bereits  zurück  gelegt  hat,  und  diese  Fortdauer  der  Attraction ¬
  erhält  das  Wasser  noch  in  seinem  angeschwollenen
Zustande  so  lange,  bis  die  Neigung  des  Wassers  zum  Fallen ¬
  der  anziehenden  Kraft  gleich  ist.  Das  Wasser,  wenn  e
sich  durch  die  Attraction  des  Mondes  gehoben  hat,  würde
selbst  dann  noch  ein  wenig  steigen,  wenn  der  Mond,  da  er
in  den  Mittagskreis  tritt,  mit  einem  Male  vernichtet  würde.
Das  Steigen  und  Fallen  des  Wassers  geschieht  nich
mit  gleicher  Geschwindigkeit=  Wenn  die  Fluth  bis  zur  grö
sten  Erniedrigung  herab  gesunken  ist,  bleibt  das  Wasser
hen,  als  wollte  es  sich  von  seinem  Falle  erholen;  dann
fängt  es  an,  mit  einer  allmählig  zunehmenden  Geschwindigkeit, ¬
  zu  steigen,  und  zwar  am  schnellsten  in  der  mittlern  Zei
der  Erhebung;  hierauf  steigt  es  nach  und  nach  langsame
            
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