Volltext : Otto, Johann Friedrich Wilhelm: System einer allgemeinen Hydrographie des Erdbodens

1821
Dritte  Abth.  Dritter  Abschnitt.
Von  den  ältesten  Zeiten  her  glaubte  man,  daß  Egypten ¬
  diesem  Flusse  sein  Daseyn  zu  verdanken  habe;  daß  es
einst  ein  Arm  des  Meeres  gewesen,  aber  durch  die  Länge
der  Zeit,  und  die  ungeheure  Menge  Schlamm,  welche  der
Strom  abgesetzt,  ausgefüllt  und  in  Land  umgeschaffen  worden ¬
  sey.  Diese  Meinung  ist  indeß  nie  so  allgemein  gewesen,
als  man  vorgiebt,  nicht,  einmal  von  dem  Delta  überall  behauptet, ¬
  und  schon  längst  von  manchem  Reisenden,  als
Heymann  und  Bruce  widerlegt  worden.  Es  ist  indessen
nicht  zu  läugnen,  daß  der  Boden  Egyptens  von  diesen  abgesetzten ¬
  Erdtheilen  immer  mehr  erhöhet  werde,  und  daß  das
Wasser  jetzt  viel  höher  steigen  müsse,  als  vormals,  ehe  eine
Ueberschwemmung  erfolgen  kann.
Ausgemacht  ist  es,  daß  Egypten  diesen  Ergießungen  des
Nils  seine  ganze  Fruchtbarkeit  schuldig  ist,  indem  es  in  diesem ¬
  Lande  niemals  regnet;  daher  sagt  schon  Ovid:
Te  propter  nullos  tellus  tua  postulat  imbres,
Arida  nec  pluvio  supplicat  herba  Jovi.
Nicht  ein  jedes  Maas  der  Ueberschwemmung  ist  indeß
für  Egypten  gleich  vortheilhaft.  Um  die  Höhe  des  Stroms
zu  berechnen,  hat  man  auf  der  Insel  Rhoda,  zwischen  Cairo ¬
  und  Gitze,  eine  Meßsäule,  der  Mikeas  genannt,  errichtet. ¬
  Sie  ist  funfzig  Fuß-hoch,  und  in  drei  Hauptabtheilungen, ¬
  jede  von  acht  Constantinopolitanischen  Ellen,  getheilt,
und  in  ein  Viereck  eingeschlossen,  welches  auf  einem  Gewölbe ¬
  ruht,  unter  welchem  der  Fluß  durchgeht.  Diese  zeigt
nun  den  Stand  des  Wassers  an.  Jetzt  muß  das  Wasser
fünfzig  Fuß  hoch  steigen,  ehe  es  das  Land  gehörig  überschwemmt, ¬
  da  es  hingegen  in  den  ältesten  Zeiten  nur  sechszehen, ¬
  und  im  ersten  Jahrhunderte  christlicher  Zeitrechnung
sich  nur  zwei  und  dreißig  Fuß  zu  erheben  brauchte:  wenn
anders  die  vom  Herodot  und  Plinius  angegebenen
Maaße  zuverläßig  sind.
Man  hat  Kanäle  angelegt,  theils  um  das  Wasser  da¬
            
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