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            <title type="main">Bremscheid, Matthias von: Die christliche Familie : Worte der Unterweisung und Ermahnung für das christliche Volk. – Mainz : Kirchheim</title>
            <title type="sub">Elektronischer Volltext</title>
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                <resp>Projektträger:</resp>
                <orgName xml:id="MPIB">Projekt Digitization Lifecycle am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung</orgName>
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                <resp>Volltexterstellung und Basis-TEI-Auszeichung durch:</resp>
                <orgName>MPIB Bibliothek, Berlin_Lisa Pegelow</orgName>
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            <publisher>
                <orgName xml:id="DLC">Projekt Digitization Lifecycle am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung</orgName>
            </publisher>
            <date when="2012"/>
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               <titlePart>Die christliche Familie.</titlePart>
               <titlePart>Worte der Unterweisung und Ermahnung <lb/>für <lb/>
                  <hi>das christliche Volk</hi>
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            <titlePart>Von<lb/>
               <hi>P</hi>. Matthias von Bremscheid,<lb/>Priester aus dem Kapuzinerorden.</titlePart>
            <titlePart>Die Familie muß eine gottgeweihte Haus-<lb/>kirche werden.<lb/>P. Alb. Weiß (Apolog. IV. 565).</titlePart>
            <titlePart>Mit kirchlicher Approbation.</titlePart>
            <docImprint>
               <pubPlace>Mainz</pubPlace>
               <publisher>Verlag von Franz Kirchheim.</publisher>
               <docDate>1885.</docDate>
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        </titlePage>
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                <head>Vorwort</head>
               <p>P. Albert Maria Weiß, 0. Pr., sagt im 
                   <lb/>vierten Bande (S. 565) seiner 
                   <q>„Apologie des 
                   <lb/>Christentums vom Standpunkte der Sitten¬
                   <lb/>lehre"</q>:<q>„Das Reich Gottes, das die Erde er-<lb/>neuern soll, hat einen seiner Hauptanknüpfungs¬punkte in der Ehe und der Familie. Von hier aus <lb/>muß es sich wieder über die Gesellschaft aus¬<lb/>breiten. Und wenn es nicht in diese eindringt, <lb/>ist sie dem Verderben verfallen. Darum hat <lb/>Haus und Familie eine so große Bedeutung <lb/>für die Lösung der socialen Frage. Wenn <lb/>Glaube und Treue, wenn Friede und Rein¬<lb/>heit, wenn Liebe und Opfersinn und Muth <lb/>zur Entsagung wieder auf Erden herrschend <lb/>werden sollen, und sie müssen das, denn sonst <lb/>ist keine Besserung zu hoffen, so muß das Alles <lb/>von der Familie ausgehen. Dazu aber muß die <lb/>Familie eine Gott geweihte Hauskirche werden, die durch <lb/>die Kirche Gottes auf Erden mit dem Reiche <lb/>Gottes in lebendigem Zusammenhange steht."</q>
            </p>
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               <p>Die Ueberzeugung, die in diesen schönen <lb/>Worten ausgesprochen ist, war die Veran-<lb/>lassung zur vorliegenden kleinen
                    Schrift. Daß <lb/>sie eine zeitgemäße ist, ergibt sich schon aus <lb/>den Worten des P.
                    Weiß ganz von selbst, und <lb/>muß auch Jedermann einsehen, der nur ober-<lb/>flächlich
                    die Gegenwart kennt. Taß sie, ob-gleich ähnliche, ja weit bessere Arbeiten
                    dieser Art erschienen sind , nicht überflüssig sei, dürfte vielleicht der Inhalt
                    selbst zeigen. Uebrigens ist es ja nach dem heiligen Augustinus von großem
                    Nutzen, daß verschiedene Männer nach ihrer verschiedenen Weise über denselben
                    Gegen¬stand schreiben. So möge denn der liebe Gott das Büchlein segnen, daß es
                    trotz seiner Mängel in Deutschlands Familien großen Segen stifte und dazu
                    beitrage, daß dieselben der heiligen Familie von Nazareth wieder mehr und mehr
                    ähnlich werden. </p>
                <p>Dieburg, am Feste der Heimsuchung Mariä 1885.</p>
                <p>Der Verfasser.</p>
            </div>
        
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         <div xml:id="d368e210" type="content">
            <head>Inhaltsverzeichniß</head>
    
            <table rows="2">
               <row>
                  <cell>I. Die christliche Ehe......... 1</cell>
               </row>
                  <row>
                      <cell>II. Der Eintritt in die Ehe........ 32</cell>
                  </row>
      
               <row>
                  <cell>III. Die Erziehung der Kinder...... 54</cell>
               </row>
      
               <row>
                  <cell>IV. Die Pflichten der Kinder gegen die Eltern. 93</cell>
               </row>
                  <row>
                      <cell>V. Das religiöse Leben in der Familie der<lb/> Gegenwart............ 118</cell>
                  </row>
      
               <row>
                  <cell>VI. Der Friede in der Familie...... 141</cell>
               </row>
                <row>
                     <cell>VII. Die stille Häuslichkeit der Familie.... 162</cell>
               </row>
               <row>
                  <cell>VIII. Das gemeinschaftliche Gebet in der Familie. 184</cell>
               </row>
      
               <row>
                  <cell>IX. Die heilige Communion und die Familie... 205</cell>
               </row>
      
               <row>
                   <cell>X. Die allerseligste Jungfrau Maria .... 224</cell>
               </row>
      
            </table>
        
         </div>
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         <div xml:id="d368e289" type="chapter">
            <head>I.<lb/> Die christliche Ehe.</head>
                <p>Was man nicht
            kennt, schätzt man nicht nach <lb/>seinem wahren Werthe. Wer einen Edelstein nicht<lb/> kennt,
            wird es nicht der Mühe werth halten, ihn <lb/>aus dem Staube, in dem er liegt, aufzuheben; er
<lb/>            geht gleichgültig an ihm vorüber, als wäre es eine <lb/>Glasscherbe. Was man aber nicht recht
            zu schätzen <lb/>weiß, wird man auch nicht in der rechten Weise ge¬<lb/>brauchen. Wer ein edles
            Samenkorn nicht kennt <lb/>und es für ein bloßes Sandkärnlein hält, wird das¬<lb/>selbe nicht in
            den gut zubereiteten Boden seines <lb/>Gartens hineinlegen, um sich eine herrliche Blume <lb/>zu
            ziehen, sondern er wird es ganz unbeachtet liegen <lb/>lassen. Aehnlich ist es auch mit
            Institutionen, mit <lb/>Vereinen und Gesellschaften. Wenn Jemand keine <lb/>Ahnung hat von dem
            wichtigen Zwecke und den <lb/>schon erzielten Leistungen eines Vereines, wird er <lb/>demselben
            schwerlich beitreten und sich nicht ange-<lb/>legen sein lassen, ein tüchtiges Mitglied
            desselben zu <lb/>werden. So ist es auch mit der Ehe. In unserer <lb/>Zeit wird die hohe Bedeutung
                    der Ehe vielfach ver-<lb/>
            </p>
            <note>P. Matthias, Die christliche Familie. 1 </note>
        
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            <p>kannt, ist bei
            Vielen, bei sehr Vielen die richtige <lb/>Schätzung der Ehe ganz verloren gegangen. Das <lb/>muß
            überaus traurige Folgen für fast alle Verhält¬<lb/>nisse der menschlichen Gesellschaft mit
            sich bringen; <lb/>in dieser Mißachtung und Entwürdigung der Ehe <lb/>hat man wohl auch eine der
            Hauptursachen für die <lb/>Uebel zu suchen, an denen unsere Zeit krank ist. <lb/>Darum lohnt es
            sich der Mühe, eine kurze Er-<lb/>wägung über die christliche Ehe anzustellen. Um <lb/>einen
            richtigen Begriff von derselben zu gewinnen, <lb/>müssen wir 1. ihre Heiligkeit, 2. ihre
            Unauf-<lb/>löslichkeit, 3. ihre hohe Bedeutung, 4. ihre <lb/>Beschwerden etwas näher betrachten.</p>
        
           <p> I.</p>
            <p>Die Ehe ist zunächst ein heiliger Stand. Sie ist heilig; denn </p>
            <p>1. Gott selbst, der
            unendlich Heilige, hat sie <lb/>eingesetzt. Durch das Wort seiner Allmacht hatte <lb/>er unsern
            Stammvater Adam erschaffen; er hatte <lb/>ihn geschmückt mit den herrlichsten Gaben und
            Fähig-<lb/>keiten, mit großen Gnaden und erhabenen Tugen¬<lb/>den ; er hatte ihn in das Paradies,
            den Garten der <lb/>Wonne, versetzt und ihm die Herrschaft über die <lb/>Erde übertragen. Dann
            aber, sprach Gott: <q>„Es <lb/>ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; <lb/>lasset uns ihm eine
            Gehilfin machen, <lb/>
        
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        die ihm ähnlich sei" </q>(I Mos. 2, 18). Gott <lb/>geht hier gleichsam mit
            sich selbst zu Rathe, <lb/>er spricht mit sich selbst. Das bedeutet den <lb/>ewigen Gedanken, den
            ewigen Rathschluß der <lb/>drei göttlichen Personen. Im Herzen des unend¬<lb/>lich heiligen Gottes
            ruhte also von Ewigkeit her die <lb/>Ehe, um mich, so auszudrücken, wie in einem heili¬<lb/>gen
            Schreine, ehe sie auf die Erde kam. In sei¬<lb/>nem heiligen Rathschlusse trägt er die Ehe
            ebenso, <lb/>wie die Dornenkrone und das Kreuz Jesu Christi. <lb/>Gott schuf dann in sinniger und
            bedeutungsvoller <lb/>Weise unsere Stammmutter Eva; er selbst führte <lb/>sie dem Adam als Gattin
            und Lebensgefährtin zu; <lb/>er selbst schloß diesen ersten Ehebund, segnete ihn <lb/>mit den
            feierlichen Worten: <q>„Wachset und meh¬<lb/>ret euch und erfüllet die Erde und herr¬<lb/>schet über
            die Fische des Meeres, über <lb/>die Vögel des Himmels und alle Thiere, <lb/>die sich auf der Erde
            regen."</q> — Wir sehen <lb/>hier bei der Einsetzung des Ehestandes eine erha¬<lb/>bene, majestätische
            Scene, hören eine großartige <lb/>Sprache, die Gott nicht führte, als er die andern <lb/>lebenden
            Wesen segnete. Aus dieser Handlung <lb/>Gottes, aus diesem ergreifenden Segen, den er <lb/>über
            das erste Ehepaar ausgesprochen, haben die <lb/>Menschen von jeher geschlossen, daß die Ehe
            etwas <lb/>Heiliges sei und daß Gott selbst bei deren Schließung<lb/>
        
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        zugegen sein wolle,
            um das Band zu schlingen, zu <lb/>besiegeln und zu heiligen. Beim Volke Israel tritt dieser
            Glaube deutlich und kräftig hervor aus den Ceremonien, von denen bei ihm die Eingehung
            der Ehe umgeben war. Aber auch bei den Heiden finden sich noch Spuren von dieser
            ehrwürdigen Ueberlieferung, die sich beim auscrwählten Volke Gottes so lebendig erhalten
            hat. Denn auch bei ihnen wurde keine Ehe abgeschlossen ohne Gebet, ohne Opfer und
            Anrufung der Gottheit.</p>
            <p>2. Die Ehe ist heilig; denn Jesus Christus, hat sie im neuen
            Bunde zur Würde eines Sakramentes erhoben. Es ist sicher nicht ohne Bedeutung, daß Jesus
            Christus, der ewig Jung-fräuliche, der Sohn einer jungfräulichen Mutter und der große
            Liebhaber der unversehrten, jung-fräulichen Reinheit, bei seinem öffentlichen Auf¬treten
            und gleich im Beginne seiner Lehrthätigkeit zuerst auf einer Hochzeit erschien und bei
            derselben sein erstes Wunder wirkte. Er wollte dem jungen Ehepaar zu Kana seinen
            göttlichen Segen bringen; er wollte allen Brautleuten damit die Mahnung geben, so mit
            einander in den Ehestand einzutreten, daß er unsichtbarer Weise mit seinem Segen an
            ihrer Hochzeit Theil nehmen könne. Aber er wollte dadurch wohl auch im Voraus darauf
            hindeuten, daß er im neuen Bunde die Ehe besonders heiligen.
            
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    sie zur Würde eines
            Sakramentes erheben und darum übernatürliche Gnaden an die würdige Schließung derselben
            knüpfen werde, daß er dadurch die Ehe zu einer Anstalt machen wolle, die Vieles zur Ehre
            Gottes, zum Wohle seiner Kirche und zur Heili¬gung der Menschen beitragen soll. Daß
            Jesus Christus dies wirklich gethan hat, bezeugt uns der Weltapostel Paulus in seinem
            Briefe an die Ein¬wohner von Ephesus. Dieser Apostel, den der Herr sich wunderbar
            erwählt und selbst unterrichtet hat, schreibt in demselben: „Die Ehe ist ein großes
            Sakrament; ich sage aber: inChristo und in der Kirche" (5, 32). Und in demselben Kapitel
            stellt der auserwählte und Hochbegnadigte Völlerlehrer die Ehe wiederholt als ein
            getreues Abbild der Vereinigung Christi mit seiner heiligen Kirche hin. „Die Frauen
            seien ihren Män¬nern unterthan wie demHerrn; denn der Mann ist das Haupt des Weibes, wie
            Christus ist das Haupt der Kirche, er, der Retter seines Leibes. Aber sowie die Kirche
            Christo unterworfen ist, so seien es die Frauen ihren Männern in Allem. — Männer, liebet
            euere Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt und sich selbst für sie hingegeben
            hat, um sie zu heiligen und zu reinigen in der Wasser-.
            
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            taufe durch das Wort des
            Lebens, um selbst herrlich dieKirche sich darzustellen, ohne Makel, ohne Runzel oder
            etwas dergleichen, sondern daß sie heilig und unbefleckt sei. So sollen auch die Män-ner
            ihre Frauen lieben wie ihre eigenen Leiber. Wer seine Frau liebt, der liebt sich selbst.
            Denn Niemand hat je sein eigenes Fleisch gehaßt, sondern er nährt und Pflegt es, wie
            auch Christus die Kirche." Wir sehen, immer von neuem kommt der Apostel auf den Gedanken
            zurück, daß die Ehe ein Abbild sei der Vereinigung Jesu Christi mit seiner heiligen
            Kirche, und immer wieder betont er diese Wahrheit mit allem Nachdruck. Nun ist aber die
            Vereinigung Christi mit der Kirche eine über¬natürliche, eine gnadenvolle und
            gnadenspendende. Darum muß auch die christliche Ehe, soll sie wirklich ein wahres Abbild
            dieser Vereinigung sein, übernatürliche Gnaden denen spenden, die sie würdig eingehen;
            sie muß einen übernatürlichen, sakramentalen Charakter besitzen. An dieser Lehre, daß
            die christliche Ehe ein Sakrament sei, hat un¬sere Kirche stets so fest gehalten, daß
            sie Jeden, der dieselbe leugnet, von ihrer Gemeinschaft ausschließt. Sie erklärt auf dem
            Concil von Trient: „Wenn Jemand sagt, die Ehe sei nicht wahrhaft
            
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            und eigentlich
            eines von den sieben Sa-kramenten des evangelischen Gesetzes, eingesetzt von Christus,
            sondern von den Menschen in der Kirche erfunden und er-theile keine Gnaden, der sei von
            der Kirche ausgeschlossen" (Sitzung 24, K. 1.). Und der römische Katechismus lehrt:
            „Wenn die Ehe als eine natürliche Verbindung am Anfange zur Fortpflanzung des
            Menschengeschlechtes eingesetzt worden ist, so wurde ihr in der Folge die Würde eines
            heiligen Sakramentes ertheilt, damit das Menschengeschlecht zur Verehrung Jesu Christi
            und zum Dienste des wahren Gottes und unseres Hei¬landes Jesu Christi erzeugt und
            erzogen werde." </p>
            <p>Diese Lehre von dem sakramentalen Charakter der Ehe haben in unseren
            Tagen zwei Päpste mit großem Ernste von neuem dem katholischen Erd-kreise verkündigt.
            Unser jetzt regierender heiliger Vater, Papst Leo XIII., hat schon im zweiten Jahre
            seines Pontifikates in einer eigenen Encyclica die christlichen Grundsätze über die Ehe
            scharf und be-stimmt auseinandergesetzt. Vor ihm hatte Pius IX. klar und entschieden
            gesprochen: „Jeder Katholik weiß, daß die Ehe wahrhaft und eigentlich als eines der
            sieben Sakramente des neuen Bundes von Christus eingesetzt ist, und daß es deshalb unter
            den Christen keine Ehe geben kann, die nicht 
            
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        zu gleicher Zeit ein Sakrament ist, und daß
            deshalb unter den Christen jede andere Verbindung zwischen Mann und Frau, außerhalb des
            Sakramentes, auch wenn sie in Kraft irgend eines Civilgesetzes abge-schlossen ist,
            nichts Anderes als ein abscheuliches und verderbliches und von der Kirche von jeher
            verdammtes Conkubinat ist, daß also das Sakra¬ment niemals vom Ehebündnisse getrennt
            werden kann, und, daß es der kirchlichen Gewalt allein zu¬steht, das zu bestimmen, was
            sich irgendwie auf die Ehe bezieht." </p>
            <p> 3. Die Ehe ist endlich heilig, weil ihre Auf-gabe,
            ihre Bestimmung eine heilige ist. Nur den zweifachen Zweck, welcher in den vorhin
            citirten Worten des römischen Katechismus angegeben ist, wollen wir hier mit einigen
            ganz wenigen Worten berühren. Die Ehe soll das Menschengeschlecht er-halten, soll also
            in gewissem Sinne Theil nehmen an dem Schöpfungswerke des allmächtigen und un-endlich
            heiligen Gottes. Die Seele des Kindes er-schafft Gott selbst unmittelbar, seinen Leib
            aber schenkt er ihm durch die Eltern, die das Kind er-zeugen; er macht sie zu
            Teilnehmern an seiner schöpferischen Thätigkeit. Am Schöpfungsacte Got-tes aber in der
            von Gott gewollten und eingesetzten Ordnung und Weise Theil nehmen, kann nur etwas
            Erhabenes und Heiliges sein.</p>
       
            <pb xml:id="d368e495" facs="B836F1_001_1885_0021.jpg" n="9"/>
            <p>Aber nicht bloß das Menschengeschlecht soll durch die Ehe
            erhalten werden, sondern auch das Reich Gottes, die Kirche unseres göttlichen Heilandes,
            die er sich durch sein unendlich kostbares Blut erkauft hat. Die christliche Ehe soll
            diesem Reiche Gottes immer neue Glieder, neue Kinder schenken. Die christlichen Eheleute
            sollen sich gegenseitig zu heiligen und so das innere Reich der Gnade in sich und ihren
            Angehörigen immer mehr zu befestigen suchen. Aus ihrer Familie soll der helle, reine
            Glanz eines wahrhaft christlichen Lebens und eines anziehenden Tugendbeispieles in die
            Welt hinausleuchten und so auch Andere für Gott und den Himmel gewin¬nen. Das ist doch
            gewiß eine erhabene und heilige Aufgabe, die den christlichen Eheleuten gestellt ist.</p>
            <p>So
            haben wir also in Kürze die große Würde und Heiligkeit der Ehe betrachtet. Welch' ein
            reicher Nutzen wäre es für das christliche Leben und die ganze Gesellschaft, wenn doch
            alle Christen von dem Glauben an dieselbe durchdrungen wären! Dann würde unsere Jugend
            nicht mit einem Leicht¬sinne, der sich kaum begreifen läßt, nicht mit einer
            Gottvergessenheit, die nur die gerechte Strafe Gottes nach sich ziehen muß, den
            wichtigen Schritt in den Ehestand thun. Sie würde sich bemühen, eine so¬lide, feste
            Tugend sich anzueignen, die sie befähigte, ihre spätern Pflichten treu und segensreich
            zu erfül-
            
           <pb xml:id="d368e502" facs="B836F1_001_1885_0022.jpg" n="10"/> 
            len; sie würde sich bemühen, in heiligem Ernste auf diesen Stand sich
            christlich vorzubereiten, um mit dem Segen des Himmels in denselben einzutreten. Wenn
            all' unsere Eheleute so recht tief überzeugt wären von der Heiligkeit ihres Standes, wie
            ganz anders würde dann bald manches Ehe- und Fa-milienleben beschaffen sein! Dann würde
            die Ehe für Viele bald nicht mehr der Schleier sein, der ihre sündhaften Unordnungen
            zudecken soll; sie wür¬den dieselbe nicht mißbrauchen und so nicht dem Staate Bürger,-
            der Kirche Kinder und dem Him¬mel Auserwählte rauben, indem sie unmittelbar in die
            Rechte Gottes eingreifen und ihm Geschöpfe streitig machen, die seine Allmacht in's
            Dasein rufen und seine Liebe selig machen wollte! Sie würden dann durch gute Worte,
            durch ihre Tugend¬beispiele und durch ihre Gebete sich gegenseitig zu fördern und zu
            vervollkommnen suchen in christlicher Heiligkeit; sie würden es sich ernst angelegen
            sein lassen, ihre Familie zu einer trauten, glücklichen Stätte zu machen, wo man Gott
            treu diente und sich gegenseitig auftichtig liebte! O christliche Ehe¬leute, vergesset
            es doch nie, daß ihr in einem hei¬ligen Stande lebet!</p>
       
            <p>II.</p>
            <p>Die Ehe ist ferner ein
            unauflöslicher Bund; nur der Tod kann denselben trennen, so
            
           <pb xml:id="d368e510" facs="B836F1_001_1885_0023.jpg" n="11"/>
            daß der überlebende
            Theil frei ist und zu einer neuen Ehe schreiten kann.</p>
            <p>1. Unauflöslich ist die Ehe. Das
            sagt uns zunächst die heilige Schrift; denn der Heiland selbst spricht in Bezug auf die
            Ehe: „Was Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen" (Matth. 19). Und an
            einer anderen Stelle sagt er: Wer immer sein Weib verläßt und eine andere heirathet, der
            begeht an ihr einen Ehebruch, und wenn einWeib seinenMann verläßt und einen anderen
            heirathet, so bricht sie die Ehe" (Mark. 10). Darum erklärt auch so entschieden der
            heil. Paulus: „Denen, die durch die Ehe verbunden sind, gebiete nicht ich, sondern
            derHerr, daß dasWeib sich nicht vom Manne scheide. Wenn sie aber ge¬schieden ist, so
            bleibe sie ehelos oder ver¬söhne sich mit dem Manne. Auch der Mann entlasse sein Weib
            nicht" (I Cor. 7, 10 ff.). Wir haben schon gehört, daß derselbe Apostel die Ehe als ein
            Abbild der Vereinigung Christi mit seiner Kirche darstellt. Nun ist aber diese
            Vereinigung eine unauflösliche; immerdar durch alle Jahrhunderte bleibt der Herr bei
            seiner Kirche, auch in den größten Leiden und Verfol¬gungen, auch in Zeiten, wo die
            Christen viel sün-
            
           <pb xml:id="d368e515" facs="B836F1_001_1885_0024.jpg" n="12"/> 
                    digen und dadurch Schmach über ihre Kirche bringen. Auch dann
            verläßt er sie nicht. Er hat ja selbst die trostvolle Verheißung gegeben: „Sehet, ich
            bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt." Nach diesem Vorbilde also soll das Band,
            das die Ehe¬leute mit einander verbindet, unlösbar sein. Auch bei Kreuz und Leiden
            sollen sie einander nicht ver¬lassen; dasselbe soll ihr Band nur noch befestigen und es
            stärker machen. Auch die etwaigen Fehler und Unvollkommenheiten des einen oder des
            anderen Ehetheiles dürfen dieses Band nicht lösen. Durch dieselben sollen sie sich nur
            gegenseitig in der Ge¬duld und christlichen Nachgiebigkeit üben, wie auch Christus
            Geduld und Barmherzigkeit gegen seine Kirche an den Tag legt zu Zeiten, wo die
            mensch¬lichen Fehler und Gebrechen ihrer Glieder sich in stärkerem Maße wie gewöhnlich
            zeigen.</p>
            <p>2. Unauflöslich ist die Ehe. Das ist und war immer die Lehre unserer heiligen
            katholischen Kirche. Diese Lehre hat sie oft mit unzweideutigen Worten ausgesprochen, so
            z. B. auf dem Concil von Trient. Für diese Lehre ist sie, wenn dieselbe irgendwie
            gefährdet war, immer mit großer Entschiedenheit eingetreten, hat sich da¬durch die
            Ungunst mächtiger Fürsten zugezogen, ist ihretwegen geschmäht und verfolgt worden. Als
            Philipp August von Frankreich im Jahre 1193
        
           <pb xml:id="d368e521" facs="B836F1_001_1885_0025.jpg" n="13"/> 
                    seine rechtmäßige Gattin Ingeburg,
            eine königliche Prinzessin von Dänemark, verstieß, um sich mit Agnes, der blühenden
            Tochter des Herzogs von Meranien zu vermählen, da erhob sich Papst Inno¬zenz III. und
            trat wie ein zweiter Johannes dem mächtigen Könige mit Festigkeit entgegen und sprach
            sein kräftiges: „Mn licet, es ist dir nicht erlaubt" aus. Und als im 16. Jahrhunderte
            König Hein-rich VIII. von England ebenfalls seine rechtmäßige Gattin entließ, um sich
            ein anderes Weib zu neh« men, da war es wieder die heilige Kirche, welche unerschrocken
            Einsprache dagegen erhob, und sie, die heilige Kirche, ließ es, wenn auch mit tiefem
            Schmerze, lieber geschehen, daß dieser König die Kirche blutig verfolgte und sein ganzes
            Land von ihr trennte, als daß sie die Lehre von der Unauf¬löslichkeit der Ehe aufgegeben
            hätte. Für diese opfermuthige Festigkeit, mit welcher die Kirche wie-derholt für das
            unauflösliche Band der Ehe einge-treten ist, schuldet die ganze Gesellschaft ihr großen
            Dank; denn sie hat dadurch eine mächtige Stütze der Sittlichkeit gerettet und uns vor
            heidnischer Barbarei bewahrt.</p>
            <p>3. Unauflöslich ist die Ehe; das verlangt die gute
            Erziehung der Kinder, die aus der Ehe hervorgehen. Das Kind braucht viele Jahre, bis es
            vollständig entwickelt ist in leiblicher,
            
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                    geistiger, sittlicher und religiöser
            Beziehung. Es bedarf Jahre lang der liebevollen Sorgfalt der Mutter und der mehr ernsten
            Autorität des Va-ters, wenn es unversehrt aus den Klippen und Gefahren, die ihm drohen,
            entkommen, wenn etwas Rechtes aus ihm werden soll. Wenn nun aber Vater und Mutter,
            sobald die bethörende Leiden¬schaft ihnen einen Grund der Scheidung vorspiegelt, sich
            von einander trennen und den Bund, den sie am Altare mit einander geschlossen haben,
            auflösen, muß dann dadurch nicht die Erziehung der Kinder überaus erschwert, ja in den
            meisten Fällen ganz unmöglich gemacht werden? So würde dann der Hauptzweck, zu welchem
            die Ehe von Gott eingesetzt wurde, geradezu vereitelt.</p>
            <p>Und noch etwas: Gerade der Mutter
            kosten die Kinder so viel Sorgen, Schmerz und Kummer, ja manchmal viel von ihrer
            Gesundheit. Dafür verdient sie von Seiten des Mannes eine große und beharrliche Liebe.
            Wie könnte . nun aber eine Mutter sich freudig mit der ganzen Liebe ihres Herzens für
            die Kinder und die Familie auf¬opfern, wenn sie immerdar fürchten müßte, ihr Mann könne
            sie eines Tages verlassen, um mit einer anderen Frau zu leben? Müßte sie nicht allen
            Opfergeist verlieren zum größten Schaden der Fa¬milie? </p>
            
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            <p>4. Unauflöslich ist die
            Ehe; so verlangt es das Wesen der Liebe, welche die Ehe schließt. Fraget junge
            Brautleute, die aus reiner, wahrer Neigung den Ehebund mit einander ein¬ gehen, ob in
            ihrem Herzen auch der Gedanke an eine Auflösung des Bundes sich vorfinde. Beide werden
            euch staunend ansehen, werden euch nicht verstehen; sie haben sich ja Treue bis in den
            Tod versprochen. Die wahre Liebe will von einer Tren¬ nung nichts wissen. Selbst bis
            über das Grab hinaus, bis in die Ewigkeit hinein läßt sie das Band der Einheit reichen.
            Wie könnte auch in der Ehe von einer starkmüthigen Liebe, von unerschütter¬ licher
            Treue, von einer freudigen Hingabe an den Beruf die Rede sein, wenn die Dauer des Bandes
            abhinge von der Laune und Leidenschaft des einen oder anderen Ehetheiles? Der bloße
            Gedanke an diese Auflöslichkeit wäre ja ein beständiges Damokles¬ schwert, das über
            solchen Eheleuten schwebte und kein wahres Glück aufkommen ließe.</p>
            <p>5. Unauflöslich ist
            die Ehe; das müssen wir sagen im Interesse einer gesunden, menschlichen Sittlichkeit.
            Denn könnte man dieses heilige Band leichtsinnig lösen, so würde da¬ durch der
            Leidenschaft Thür und Thor geöffnet und zwar der furchtbarsten Leidenschaft, die im
            mensch¬ lichen Herzen sich regt. Die wilden Wogen des
            
           <pb xml:id="d368e539" facs="B836F1_001_1885_0028.jpg" n="16"/>
       Meeres brechen sich an dem
            Ufer und werden von demselben wieder zurückgeworfen. Wehe, wenn diese Schranke nicht dem
            ungestümen Andränge der Wellen gesetzt wäre! Welch' Unheil und Verderben würden sie
            überall anrichten! Aehnlich ist es auch hier. In der Unauflöslichkeit der Ehe ist der
            Lei¬denschaft des Herzens eine mächtige Schranke gesetzt. Entfernet diese Schranke und
            ihr werdet sehen, daß die Leidenschaften wie verderbliche Meereswogen überall sittliche
            Verheerungen hervorrufen, daß sie Alles in Unordnung bringen. Ihr werdet sehen, wie die
            Einfachheit und Reinheit der Sitten für immer verschwindet, wie die Familien in Haß und
            Zwietracht gegen einander entbrennen; ihr werdet sehen, wie die Kinder sich gegenseitig
            entzweien und verfolgen und wie die Liebe und Ehrfurcht gegen die Eltern bald eine
            ungekannte Sache sein wird. Bei solchen Zuständen wäre natürlich an wahre Bildung und
            Civilisation nicht mehr zu denken.</p>
            <p>Aus der Wahrheit, daß die Ehe ein unauf-löslicher
            Bund ist, müssen wir nun einige praktische Folgerungen ziehen. Es ergibt sich aus
            derselben erstens die Folgerung, daß Solche, die in den Ehe-stand eintreten wollen, sehr
            vorsichtig sein müssen in der Wahl der Person, mit der sie diesen Bund zu schließen
            denken. Will Jemand eine Reise von einigen Wochen oder Monaten unternehmen, so ist
            
        <pb xml:id="d368e545" facs="B836F1_001_1885_0029.jpg" n="17"/>
        es
            ihm durchaus nicht einerlei, mit wem er sie macht; er sieht sich nach einem
            Reisegefährten um, mit dem er gut auskommt. Niemand tadelt diese Vorsicht; im Gegentheil
            man billigt sie allgemein. Sollte man nun aber nicht noch viel vorsichtiger und
            behutsamer in der Wahl der Person sein, wenn es sich nicht um eine Verbindung handelt,
            die bloß einige Wochen andauert, sondern um eine solche, die vielleicht zwei Personen
            für dreißig, vierzig, ja fünzig Jahre mit einander vereinigt, um eine Verbindung, bei
            der fast Alles gemeinschaftlich ist, bei der es gewöhnlich viel Kreuz und Leiden
            ge¬meinschaftlich zu tragen gibt, um eine Verbindung, so fest und innig, wie keine
            zweite mehr unter den Menschen hier auf Erden sich findet? Sollte man da nicht vor Allem
            ernstlich darauf sehen, ob man auch gegenseitig die Eigenschaften und Fähigleiten
            besitze, einander glücklich zu machen? Und doch wie oft ist man in dieser Beziehung
            blind und trifft seine Wahl ohne alle ernste Ueberlegung.</p>
            <p>Wenn das Band der Ehe nicht
            lösbar ist und darum die Eheleute für ihr ganzes Leben in treuer Liebe mit einander
            vereinigt bleiben sollen, dann müssen sie zurückschrecken vor Allem, was die eheliche
            Treue verletzt, vor Allem, was dieses Band auch nur irgendwie lockert. Die eheliche
            Treue aber wird schon verletzt durch jeden freiwilligen Ge-
            <note>P. Matthias, Die christliche
                Familie. 2</note>
            
               <pb xml:id="d368e553" facs="B836F1_001_1885_0030.jpg" n="18"/>
            danken, durch jede freiwillige Begierde auf eine an-dere Person. Darum
            müssen Eheleute derartige Gedanken und Begierden schnell von sich abweisen und
            bekämpfen, wie man schnell eine glühende Kohle, die auf das Kleid gefallen, von
            demselben abschüttelt. Denn so spricht der göttliche Heiland: „Ihr habt gehört, daß zu
            den Alten ge¬sagt worden ist: Du sollst nicht ehe¬brechen. Ich aber sage euch, daß ein
            Jeder, der ein Weib mit Begierde an¬sieht, in seinem Herzen schon die Ehe gebrochen hat"
            (Matth. 5, 27 f.). Das Band der Ehe wird dann gelockert dadurch, daß Eheleute nicht jene
            Freundlichkeit, Zuvorkommenheit und Liebe gegen einander zeigen, die sie doch sich
            gegen¬seitig schuldig sind; dadurch, daß sie keine Geduld mit einander haben, bei jeder
            Kleinigkeit unwillig werden und sich Vorwürfe machen; dadurch aber besonders, daß sie in
            Zank und Unfrieden mit einander leben, vielleicht sogar Wochen lang. Wie betrübend ist
            es, wenn auf diese Weise Eheleute beständig an dem Bande lockern, das Gott doch so fest
            und eng um sie geschlungen! wie verbittern sie sich dadurch selbst das Leben und wie
            viel Unheil bringen sie dadurch über ihr ganzes Haus! Ja, christliche Eheleute, nicht
            lockern dürfet ihr an diesem Bande, mit dem Gott euere Herzen und euer Leben
            
        <pb xml:id="d368e555" facs="B836F1_001_1885_0031.jpg" n="19"/>
    mit
            einander verbunden hat, sondern ihr müsset da-rauf bedacht sein, dieses Band im Laufe
            der Jahre noch fester um euch zu schlingen. Das geschieht besonders durch
            gemeinschaftliche Uebung euerer heiligen Religion, durch gemeinschaftliches Gebet in der
            Familie, durch gemeinschaftlichen Besuch des Gottesdienstes und durch gemeinschaftlichen
            öfteren Empfang der heiligen Communion. Später wer¬den wir zwar noch darauf
            zurückkommen, für jetzt sei nur die herrliche Stelle von Tertullian über diesen
            wichtigen Gegenstand angeführt. Er schreibt: „Wer vermag das Glück einer Ehe zu
            schildern, welche die Kirche verbindet, das Meßopfer bestätigt, der Segen der Kirche
            besiegelt, die Engel preisen und der Vater im Himmel genehmigt! Welch eine Verbin-dung,
            die ein Glaube, eine Hoffnung, eine Zucht und ein Dienst Gottes mit einander ver-knüpft.
            Es herrscht keine Verschiedenheit weder des Geistes noch des Fleisches unter ihnen. Sie
            sind in Wahrheit Zwei in einem Fleische. Wo aber ein Fleisch, da ist auch ein Geist.
            Vereint beten sie, vereint büßen sie ihre Sünden, vereint fasten sie. Einer belehrt den
            Andern, Einer ermahnt den Andern, Einer erträgt den Andern. In der Kirche sind sie
            ver¬eint, vereint am Tische des Herrn, vereint in Trübsalen, vereint in Verfolgungen,
            vereint in Freuden. Keiner verhehlt dem Andern etwas, Kei- 
            <note>2*</note> 
            
               <pb xml:id="d368e560" facs="B836F1_001_1885_0032.jpg" n="20"/>
        ner weicht dem
            Andern aus, Keiner fällt dem An¬dern zur Last. Ungehindert besuchen sie die Kran¬ken,
            unterstützen die Armen, geben frei Almosen, gehen ungestört zum heiligen Opfer und
            halten ohne Hinderniß die tägliche Andacht. Nicht ver¬stohlen macht man das heilige
            Kreuzzeichen, nicht zitternd die Begrüßung der Glaubensgenossen, nicht stumm das
            Tischgebet. Zusammen beten sie die Psalmen und wetteifern, wer seinem Gott am Besten
            lobsinge. Dieses sieht und hört Christus und freut sich, ihnen sendet er seinen Frieden.
            Denn wo Zwei versammelt sind, da ist er mitten unter ihnen" (Ad uxorem 1. II, c. 9.).
            Dieses schöne Bild, dieses erhabene Ideal der christlichen Ehe sollten all unsere
            Eheleute nach Kräften zu er« reichen suchen. Dann fürwahr würde Heil und Segen von ihrer
            Ehe in reichem Mähe sich auf die Gesellschaft ergießen; es würde dann so recht zu Tage
            treten, welch hohe, segensvolle Bedeutung die Ehe besitzt.</p>
            <div xml:id="d368e563" type="section">
               <head>III.</head>
               <p>Die Ehe ist ferner ein
            überaus wichtiger Stand.. Sie ist dies schon deshalb, weil sie der am meisten
            verbreitete Stand ist. Es ist gewiß ein hohes Glück, von Gott für das Priesterthum
            be¬rufen zu sein und dann diesem erhabenen Berufe
            
        <pb xml:id="d368e570" facs="B836F1_001_1885_0033.jpg" n="21"/>
        entsprechend zu leben und zu
            wirken, oder in jung-fräulicher Keuschheit, ich möchte sagen, als weiße Lilie zur Ehre
            Gottes im Kloster oder in der Welt zu blühen und schöne Tugendfrüchte, die den Him¬mel
            erfreuen, zur Reife zu bringen. Sind solche Seelen der Gnade getreu, dann sind sie
            sicher die besonderen Lieblinge Gottes und auch eine reiche, sehr reiche Quelle des
            Segens für die Menschheit. Doch die Meisten unter uns sind wohl zum Ehe¬stande berufen,
            und wir Alle, auch wir Priester, auch wir Ordensleute werden von dem mächtigen Einflüsse
            dieses Standes mitberührt. Wissenschaft¬liche Forschungen, industrielle Erfindungen,
            politische Fragen interessiren gewöhnlich nur engere Kreise, aber die Ehe interessirt
            alle Stände vom Throne bis herab zur Hütte, die kaum genügend vor der Kälte des Winters
            schützt. Der mächtigste Mensch, der ein Scepter in seiner Hand trägt, und der letzte und
            ärmste, der krank in einem Spitale liegt, alle sind mit der Ehe verwachsen. Doch
            abgesehen von dieser allgemeinen Verbreitung ist die Ehe auch darum ein so wichtiger
            Stand, weil sie einen wirt¬lich unberechenbaren Einfluß ausübt auf die übrigen
            Verhältnisse der menschlichen Gesellschaft. Sie ist jene Anstalt, unter deren Macht alle
            übrigen Ver¬eine, Gesellschaften und Einrichtungen stehen. Ich nehme selbst das
            katholische Priesterthum nicht aus,
            
        <pb xml:id="d368e572" facs="B836F1_001_1885_0034.jpg" n="22"/>
       dem doch unsere heilige Kirche aus höchst
            weisen und wichtigen Gründen den Eintritt in die Ehe untersagt hat, das katholische
            Priesterthum, das nur dann das kräftige, wirksame Salz und das leben-spendende Licht der
            Erde ist, wenn es die jung-fräuliche Keuschheit liebt.</p>
               <p>Sind die Ehen wahrhaft christlich
            gut und glück-lich, so wird sich in der ganzen Gesellschaft ein schönes christliches
            Tugendleben entfalten; denn dann wird in dem Heiligthume der Familie schon früh in das
            Herz des jugendlichen Christen der Sinn für das Gute und Edle hineingesenlt; er lernt
            zurückschrecken vor Allem, was böse, unsittlich und gemein ist.</p>
               <p>Sind die Ehen gut,
            christlich gut und glücklich, so ist das eine unschätzbare Wohlthat für den Staat. Die
            Ehen und Familien sind ja in gewissem Sinne die Lebensquellen eines Staates, sind die
            ersten Pstanzschulen für seine Bürger. Ein Strom wird ruhig und klar durch die Ebene
            da-hinfließen, wenn die Quellen und Nebenflüsse ihm ruhiges und klares Wasser zuführen.
            Sind aber die Quellen schmutzig, führen sie ihm nur trübes und reißend dahinfließendes
            Wasser zu, dann wird der ganze Strom schlammig und trübe sein, wird wild verheerend
            dahin eilen, leicht seine Ufer über-schreiten und weithin Tod und Verderben tragen.</p> 
            
               <pb xml:id="d368e581" facs="B836F1_001_1885_0035.jpg" n="23"/>
               <p>Aehnlich ist es mit dem Staate. Herrscht Tugend und christliches Leben in den Ehen und
            Familien, dann wohl ihm. Dann wird der Fürst, der in einer solchen Familie
            herangewachsen ist und nach christlichen Grundsätzen denken, leben und handeln gelernt
            hat, den Thron durch seine herrlichen Eigen¬schaften zieren und sich als treuen Vater
            seines Volkes bewähren. Dann werden die Beamten den strengen Sinn für Gerechtigkeit und
            Verufstreue, der ihnen schon im Elternhause eingepflanzt wurde, sich auch in den
            schwierigen und versuchungsvollen Stunden ihres späteren Lebens erhalten. Es wer¬den die
            Unterthanen mit einander wetteifern in der Erfüllung der gesellschaftlichen Pflichten;
            sie werden es als eine heilige Gewissenssache ansehen, den König und seine Beamten zu
            ehren, wie sie in der Jugend zu Hause ihre Eltern als Stellvertreter Gottes geehrt
            haben.</p>
               <p>Aber wehe dem Staate, wenn die Ehe ihre Hei-ligkeit und ihre christliche Würde
            verloren hat, wenn Tugend und christlicher Sinn aus dem Fami-lienleben schwindet. Dann
            brauchen keine feindliche Heere zu kommen, um die Fluren zu verwüsten und die Städte
            einzuäschern; es braucht leine ver-heerende Pest von außen eingeschleppt zu werden und
            ihr Unheil anzurichten. Den größten Feind, den giftigsten Keim des Verderbens, die Pest,
            die
            
           <pb xml:id="d368e589" facs="B836F1_001_1885_0036.jpg" n="24"/>
            ihn zu Grunde richten wird, trägt ein solcher Staat in seinem eigenen Schooße, er
            trägt sie in der ent-weihten Ehe und dem gottlosen Familienleben. Die Geschichte der
            Völker und Staaten hat das mehr wie einmal gezeigt.</p>
               <p>Sind die Ehen wahrhaft gut und
            glücklich, dann gereicht das vor Allem auch zum Heile unserer heiligen Kirche. Sie kann
            dann mit großem Segen für die Menschheit ihres erhabenen Amtes walten und ihrer hohen
            Mission nachkommen. Nichts dagegen schadet der Wirksamkeit der Kirche so sehr, als die
            Entweihung und Entchristlichung der Ehe und der Familie. Groß ist die Macht der
            aposto-lischen Predigt, des apostolischen Wortes unserer Kirche, fest und stark ihre
            hierarchische Ordnung, unberechenbar die übernatürliche Wirksamkeit ihrer Gnadenmittel;
            doch sind die Ehen und Familien verdorben, unterstützen sie nicht die Kirche in ihrem
            segensreichen Wirten, ach, dann wird das aposto-lische Wort der Kirche vielfach
            unbeachtet verhallen und ihre Sakramente werden für unzählig Viele verschlossene Brunnen
            sein, aus denen sie kein Leben schöpfen, oder sogar Quellen, aus denen sie sich den Tod
            trinken.</p>
               <p>Sind die Ehen christlich gut und glücklich, so ist das, wie schon vorhin
            angedeutet, ein reicher Segen für das Priesterthum. Denn dann
            
           <pb xml:id="d368e597" facs="B836F1_001_1885_0037.jpg" n="25"/> 
        wird der zukünftige
            Priester schon als Kind auf dem Schooße seiner frommen Mutter für seinen Beruf
            herangebildet, in dem elterlichen Hause wird er seine erste Seminarbildung genießen. Und
            diese ist so wichtig, daß später die beste Heranbildung in einem wirklichen
            Priesterseminare nicht auf die Dauer von Nutzen sein wird ohne diese erste Er¬ziehung im
            elterlichen Hause. Fast alle unsere großen und heiligen Priester, die so Vieles zum
            Heile der Seelen gewirkt und unsere Kirche durch ihre Tugend erfreut und geziert haben,
            entstammen einer wahrhaft frommen und christlichen Ehe und sind von einer heiligmttßigen
            Mutter für ihr segens¬reiches Wirken im Priesterstande erzogen und vor¬bereitet worden.
            Sind die Ehen heilig, sind unsere Mütter heilig, dann werden auch unsere Priester heilig
            sein.</p>
               <p>Das ist in wenigen Worten die hohe Bedeutung der christlichen Ehe. Wir Alle leben
            von ihren Gü¬tern. Es ergibt sich aber nun aus dieser Wahrheit für die Eheleute die
            ernste und heilige Pflicht, ihre Ehe und ihr Familienleben zu einem wahrhaft
            christlichen zu machen und selbst mit Eifer nach der Tugend zu streben. Das sind sie
            Gott, der Kirche, den Kindern und dem Staate schuldig. Möchten darum doch alle
            christlichen Eheleute, möchten doch alle Frauen und Mütter, möchten doch vor Allem
            
            <pb xml:id="d368e602" facs="B836F1_001_1885_0038.jpg" n="26"/>
            auch wieder unsere Männer nnd Väter die wichtige, bedeutungsvolle Stellung der Ehe und
            der Familie in der menschlichen Gesellschaft recht erfassen, möch¬ten sie doch wieder
            klar es erkennen, daß Gott der Herr ihnen ein großes Talent anvertraut hat, mit dem sie
            wuchern und reichen Gewinn erzielen sollen, und von welchem sie dereinst werden
            Rechenschaft ablegen müssen.</p>
            </div>
       
            <div xml:id="d368e606" type="section">
               <head>IV.</head>
               <p>Die Ehe ist endlich ein Stand, der große Sorgen und
            schwere, opfervolle Pflich¬ten mit sich bringt. Daran wird wohl Nie¬mand zweifeln, der
            es überhaupt mit dem Leben ernst nimmt und nur ein wenig Erfahrung sich ge¬sammelt hat.
            Manche träumen vor der Ehe nur von Rosen, nur von lachendem Sonnenschein, nur von
            ungetrübtem Glücke. Aber bald erfahren sie, daß der Ehestand auch seine Dornen hat, daß
            er ernste Sorgen und Pflichten auflegt, die täglich Opfer und entschiedene
            Selbstüberwindung verlangen. Ich will nur Einiges kurz andeuten.</p>
               <p>1. Die Eheleute sollen
            sich gegenseitig zu heili-gen suchen. Doch wie schwer kann die Erfüllung dieser Pflicht
            werden, zumal dann, wenn der eine Ehetheil seinem Gott ganz entfremdet und seiner
            Religion innerlich abgestorben ist? Wie leicht stellt
            
           <pb xml:id="d368e616" facs="B836F1_001_1885_0039.jpg" n="27"/> 
        sich dann auch für den
            anderen Ehetheil die Gefahr ein, in Bezug auf das eigene Seelenheil im Laufe der Zeit
            immer gleichgiltiger zu werden? Ferner können die vielen zeitlichen Gedanken und Sorgen,
            welche die Eheleute in Anspruch nehmen, leicht be¬wirken, daß sie mehr und mehr auf das
            Ewige und Himmlische vergessen und den Sinn für das Gebet und die Freude am Gottesdienst
            mit der Zeit ver¬lieren. Daher kommt es denn zuweilen vor, daß Personen, die im ledigen
            Stande fromm und eifrig im Guten waren, im Ehestande nicht besser und eifriger, sondern
            saumseliger und pflichtvergessener werden. 2. Die Eheleute sollen in Frieden und
            Einig¬keit mit einander leben, nicht bloß in den ersten Monaten ihrer Ehe, sondern alle
            Tage ihres ganzen Lebens. Da heißt es denn, täglich die gegenseitigen Fehler und
            Unvolllommenheiten ertragen und sich in die Eigenheiten des anderen Ehetheiles fügen; da
            heißt es, täglich seine Empfindlichkeit bekämpfen und nie etwas nachtragen; da heißt es,
            willig Ge¬horsam leisten, sich beständig in der Geduld und Sanftmuth üben und manchmal
            schweigend leiden. Kann das aber nicht schwer, oft sehr schwer werden, besonders wenn
            die Charaktere und Temperamente ganz verschieden sind, wenn man selbst recht
            launen¬haft, eigenwillig und selbstsüchtig ist und früher in der Jugend ein verwöhntes
            Kind war? </p> 
            
               <pb xml:id="d368e619" facs="B836F1_001_1885_0040.jpg" n="28"/> 
               <p>3. Die Eheleute haben die strenge, heilige Pflicht, ihre Kinder zu
            guten, braven Christen zu erziehen. Das ist aber eine schwierige Aufgabe, weil im Her¬
            zen des Kindes manche Keime des Bösen sich zeigen, die nur mühsam ausgerottet werden,
            und die, wenn man sie nicht beachtet und bekämpft, immer mehr wachsen und das Kind mit
            der Zeit in große sitt¬ liche Gefahren bringen können. Die gute Erziehung ist an und für
            sich schon eine schwierige Sache, sie ist es aber besonders in unserer Zeit, wo so viele
            Grundsätze, Gewohnheiten und Gefahren derselben hinderlich im Wege stehen.</p>
               <p>4. Endlich
            sollen auch die Eheleute in ange¬ messener Weise Sorge tragen für ihr und ihrer Kinder
            zeitliches Fortkommen, für den Wohlstand ihres Hauses. Diese Pflicht verlangt von
            vielen, ja den allermeisten Eheleuten, daß sie steißig vom frühen Morgen bis zum späten
            Abende arbeiten, daß sie sparsam und häuslich, daß sie nüchtern und mäßig sind, daß sie
            sich in manchen Dingen ein¬ schränken und Opfer bringen. Nach diesen kurzen Andeutungen
            dürfte es wohl klar sein, daß der Ehestand ein ernster und schwieriger Stand ist. Und
            doch haben wir nicht einmal gesprochen von dem vielen Leid und Kreuz, wovon manche
            Eheleute schwer und lange heimgesucht werden, so
            
           <pb xml:id="d368e627" facs="B836F1_001_1885_0041.jpg" n="29"/> 
        daß man ihren Ehestand in
            Wahrheit einen Wehe» stand nennen kann.</p>
               <p>Wenn von den ernsten und schwierigen Pflichten
            der Eheleute die Rede ist, so sollen dieselben da-durch nicht entmuthigt, im Gegentheile
            aufgemuntert und angespornt werden, die großen Gnaden des Sakramentes der Ehe sich durch
            ein eifriges christ-liches Leben recht zu Nutzen zu machen und so sich zu befähigen,
            ihre schwierigen Pflichten freudig und in segensreicher Weise zu erfüllen. Wie der
            Prie¬ster aus dem hehren Sakramente, das ihn zum besonderen Diener Gottes macht, durch
            Gebet und tugendhaften Wandel beständig die Kraft schöpft, Tag für Tag in heldenmüthiger
            Weise seinem hei¬ligen Berufe zu entsprechen und mit Begeisterung Opfer auf Opfer zu
            bringen, so strömt auch fort und fort eine Quelle der Gnaden für brave, christ¬liche
            Eheleute aus jenem Sakramente, das sie einst am Altare in so inniger Weise mit einander
            ver¬bunden hat. Sie brauchen nur aus dieser Quelle zu schöpfen, sie brauchen nur durch
            Meidung der Sünde, durch andächtiges Gebet und durch öfteren Empfang der heiligen
            Communion die Gnadenver-bindung mit dem göttlichen Heilande zu unterhalten, und der Herr
            wird sie stärken, daß sie willig und treu all ihre ernsten Pflichten erfüllen zu ihrem
            eigenen Heile und zum großen Segen ihrer ganzen Familie. </p> 
            
               <pb xml:id="d368e633" facs="B836F1_001_1885_0042.jpg" n="30"/>
               <p>Der berühmte P. Faber
            spricht in seinem Buche von dem kostbaren Blute in folgender Weise über die Gnaden des
            Sakramentes der Ehe: „Wie schön sind die Gnaden des Sakramentes der Ehe! Voll
            menschlicher Zärtlichkeit und doch die allherrschende Liebe Gottes so sanft einflößend;
            voll beständiger Selbstaufopferung und doch das Opfer mit solcher Lieblichkeit
            erfüllend, daß es nicht nur schmerzlos, sondern eine Freude wird; in jungen Herzen einen
            solchen Ernst ob neuen himmlischen Pflichten erzeu¬gend und dennoch über das Leben den
            Glanz eines weitern Lichtes werfend; das veränderliche Herz mit einer übernatürlichen
            Vorbereitung auf Beharrlichkeit stählend und doch jede Härte mildernd und jede
            Empfindsamkeit verschärfend; die Seele mit der Kühnheit kräftigend, das Rechte zu thun,
            gerade in dem Augenblicke, wo es dieselbe mit aller schüch¬ternen Furchtsamkeit der
            Liebe schmückt, die zärtliche Neigung zur Hingebung erhebend und damit eine wunderschöne
            Reinigkeit verleihend, welche mit der lilienweißen Unschuld der Jungfräulichkeit
            verwandt ist, — dies sind die Gnaden des Sakramentes der Ehe, und es sind lauter
            Schöpfungen des kostbaren Blutes. Sie alle sind täglich in Millionen Herzen wirksam, in
            Herzen voll Leid und in Herzen voll Freud und ihr Leben besteht in dem Pochen und in den
            Pulsschlägen des kostbaren Blutes. Dies-
            
            <pb xml:id="d368e637" facs="B836F1_001_1885_0043.jpg" n="31"/>
        mal ist es nicht ein Strom des Blutes,
            was wir sehen, sondern eine weitausgedehnte Ueber-schwemmung."</p>
               <p>Christliche Eheleute, die
            ihr diese Zeilen des großen Convertiten leset, lasset doch die herrlichen Gnaden des
            Sakramentes der Ehe beständig auch in euern Herzen wirksam sein, dann werden die
            Beschwerden eueres Standes für euch zu neuen Gnadenquellen, sie werden für euch zu
            Sprossen auf euerer Himmelsleiter.</p>
            </div>
         </div>
    
    
         <pb xml:id="d368e645" facs="B836F1_001_1885_0044.jpg" n="[32]"/>
         <div xml:id="d368e647" type="chapter">
            <head>II.</head>
            <head>Der Eintritt in die Ehe.</head>
            <p>
               <hi>Z</hi>ieht man gegen einen
            mächtigen Feind in den Kampf, so kann man nur dann auf den Sieg hoffen, wenn man mit
            Soldaten den Feldzug un-ternimmt, die vorher in der Handhabung der Waffen sich geübt
            haben, die vorher an Arbeit und Stra¬pazen gewöhnt worden sind. — Ein Jüngling kann nur
            dann hoffen, daß er dereinst ein tüchtiger Mei¬ster wird, wenn er vorher Jahre lang in
            der Werk-stätte gewissenhaft arbeitet und mit Aufmerksamkeit und Fleiß der Anleitung
            eines erfahrenen Mannes folgt. — Ein Student wird nur dann ein glänzen¬des Examen
            bestehen, wenn er auf dasselbe sich flei¬ßig vorbereitet, wenn er nicht vor der
            nächtlichen Studirlampe zurückschreckt und mit großem Ernste Stunden lang bei seinen
            Büchern sitzt. Studirt er dagegen nicht, vertändelt er, statt sich auf sein Exa-men
            vorzubereiten, die Zeit mit leichtsinnigen Freun-den, so wird er, mögen seine Anlagen
            noch so glän-zend sein, bei der Prüfung doch schlecht bestehen. So muß man überall im
            Leben, will man gute </p>
    
            
            <pb xml:id="d368e661" facs="B836F1_001_1885_0045.jpg" n="33"/>
            <p>Erfolge erzielen, an eine ernste und gründliche
            Vor-bereitung denken. Und je wichtiger die Sache, das Unternehmen ist, desto eifriger
            und gewissenhafter muß diefe Vorbereitung sein.</p>
            <p>Nun ist aber die Ehe ein Stand von der
            höchsten Bedeutung. Das haben wir ja im vorigen Kapitel gesehen. Treten zwei junge Leute
            mit einander in die Ehe, fo entscheidet dieser Schritt gewöhnlich über ihr zeitliches
            Glück oder Unglück, oft genug felbst über ihre Ewigkeit, über ihren Himmel oder ihre
            Hölle. Von dem guten Zustande der Ehe hängt die segensreiche Wirksamkeit der Kirche in
            ganz be-deutender Weise ab; von diesem Stande ist das Wohl und Wehe der Staaten, ist die
            Beschaffenheit der Sitten in der Gesellschaft wesentlich bedingt. Die unchristlichen
            Ehen sind in unfern Tagen haupt¬sächlich die Ursache der herrschenden Gottlosigkeit und
            der zunehmenden Unsittlichkeit. Denn aus unchristlichen Ehen entstammen unchristliche
            Kinder und aus unchristlichen Kindern wachsen gottlose Männer und Frauen heran. — Da nun
            der Ehe¬stand ein so eminent wichtiger Stand ist, so wird wohl nach der allgemeinen
            Regel, die wir eben an¬geführt haben, auch die Vorbereitung auf densel¬ben eine
            besonders ernste und gewissenhafte sein müssen, so wird es von großer Bedeutung sein,
            die Bedingungen, die zu einer guten christlichen Ehe 
            <note>P. Matthias, Die christliche
            Familie. 3</note> 
            
               <pb xml:id="d368e672" facs="B836F1_001_1885_0046.jpg" n="34"/>
       führen, treu zu erfüllen. Welches sind denn nun diese Bedingungen?
            Oder wie sollen junge Leute in den Ehestand eintreten? Sie sollen die Ehe ein¬gehen: 1.
            in der rechten Absicht, 2. nach einer guten Vorbereitung, 3. in der Art und Weise, wie
            es unsere heilige Kirche verlangt.</p>
        
            <div xml:id="d368e675" type="section">
               <head>I.</head>
        
               <p>Man soll in die Ehe eintreten in der rech-ten
            Absicht. 1. Beim Eintritt in die Ehe lasse man sich nicht von der Absicht leiten und
            bestimmen, eine sogenannte reiche und glänzende Partie zu machen. Themistokles, der
            berühmte Feldherr und Staatsmann des alten Athen, besaß eine Toch¬ter, um welche sich
            zwei junge Männer bewarben. Der Eine war nicht reich, hatte aber Vieles gelernt und
            wurde allgemein für rechtschaffen und tugend¬haft angesehen. Der Andere dagegen besaß
            große Reichthümer, ließ aber in Bezug auf die Eigen¬schaften seines Herzens und Geistes
            Manches zu wünschen übrig. Themistokles zog den Ersteren vor und gab ihm seine Tochter,
            indem er sprach:<q>„Ich will lieber einen Schwiegersohn, der Geld braucht, als Geld, das
            einen Mann braucht."</q>Gewiß ein schönes Wort, dessen Wahrheit sich auch Viele in
            
            <pb xml:id="d368e685" facs="B836F1_001_1885_0047.jpg" n="35"/>
        unserer Zeit zu Herzen nehmen sollten. Zwar ist im Allgemeinen ein gewisser Wohlstand
            denen, die in die Ehe eintreten wollen, zu wünschen; er kann ja viel dazu beitragen, daß
            Zufriedenheit im Ehe-stande herrscht, manchem Uebel vorgebeugt wird. Wohl ist es im
            Allgemeinen auch recht und billig, bei der Wahl der Person darauf zu sehen, daß der
            Unterschied im Vermögen nicht gar zu groß sei. Denn ist dies wirtlich der Fall, so kann
            das, wenn die Eheleute nicht sehr tugendhaft und vernünftig sind, leicht zu
            Unannehmlichkeiten führen, die das Glück der Ehe trüben.</p>
               <p>Aber auf den Reichthum soll man
            doch bei sei¬ner Wahl nie das Hauptaugenmerk richten; der Reichthum allein soll nie die
            Ursache sein, daß man eine Person heirathet. Der Reichthum allein ist es ja nicht, was
            die Eheleute glücklich macht. Wie oft kommt es vor, daß reiche Leute, die Alles in Hülle
            und Fülle besitzen, des Lebens überdrüssig sind, daß sie sogar durch Selbstmord ihrem
            unglück-lichen Leben ein Ende machen wollen? Ist nicht oft genug in einem vornehmen
            Hause, wo Alles glänzt von Gold und Silber, Unzufriedenheit und bitterer Kummer zu
            finden, vielleicht viel größere Unzufriedenheit und viel bitterer Kummer als in der
            schlichten Wohnung eines armen Handwerkers oder eines einfachen Landmannes? — Dasselbe
            gilt
            <note>3*</note>
            
                  <pb xml:id="d368e693" facs="B836F1_001_1885_0048.jpg" n="36"/>
        auch von hohen Titeln und Ehren. Wie oft machen sie den Menschen stolz
            und dadurch sich selbst und Andern unerträglich? Wie oft rauben sie ihm durch den Stolz,
            zu dem sie ihn verleiten, alle Ehre und alles Ansehen bei Gott, der ihn richten wird?
            Wie groß mag jetzt im Augenblick die Zahl Jener sein, die in unglücklicher Ehe leben und
            nichts als Kum¬mer und Bitterkeit zu ertragen haben, weil sie beim Eintritt in den
            Ehestand nur auf das Vermögen der zu wählenden Person schauten, nur die Tau-sende oder
            gar die Millionen berechneten, die sie in die Ehe mitbringen würde?</p>
               <p>2. Beim Eintritt in
            den Ehestand lasse man sich nicht von der Sinnlichkeit und Lei-denschaft bestimmen und
            führen. Wohl soll man auch die Neigung seines Herzens zu Rathe ziehen und in keinem
            Falle eine Ehe gegen dieselbe eingehen; wohl dürfen auch junge Leute in etwa auf die
            körperlichen Vorzüge der zu wählenden Per¬son sehen, aber man muß ihnen doch an's Herz
            legen, sich von diesen nicht besonders beeinflussen zu lassen. Denn wie leicht und
            schnell schwindet Schönheit und Anmuth des Körpers dahin? Nur der Hauch einer ernsten
            Krankheit braucht über sie dahin zu fahren und sie ist verschwunden, wie die Schönheit
            einer Blume, die unter der Hand des Schnitters dahinfällt. Und nicht immer wohnt in
            
                <pb xml:id="d368e698" facs="B836F1_001_1885_0049.jpg" n="37"/>
       einem schönen Körper auch eine schöne Seele. Oft birgt eine Blume, die im herrlichsten
            Farbenschmucke prangt, verderbendrohendes Gift in sich, während eine andere, die
            unscheinbar und unbeachtet am Wege steht, eine Heiltraft in sich trägt, die dem armen
            Kranken die verlorene Gesundheit zurückgibt. Aehnlich kann es auch in unserm Falle sein.
            Darum sagt so schön und wahr der heilige Geist:<q>„Trügerisch ist die Anmuth und eitel die
            Schönheit; ein Weib aber, das den Herrn fürchtet, verdient Lob"</q>(Sprüchw. 31, 30). Wie
            oft sind Ehen, die nur aus sinn¬licher Liebe und Leidenschaft geschlossen wurden,
            unglücklich geworden? Man hatte sich ein ungetrüb¬tes Glück geträumt, hatte sich unter
            Schwüren ewige Liebe versprochen. Doch wie bald hatte die Ewigkeit dieser Liebe ein
            Ende? Wie bald vernichtete eine spätere Widerwärtigkeit und die Verschiedenheit der
            Charaktere das erträumte Glück? Es war Alles nur wie ein Strohfeuer, das kurze Zeit hell
            und freund¬lich aufflammt, dann aber zusammensinkt und nichts zurückläßt als ein wenig
            schwarze Asche.</p>
                <p>3. Beim Eintritt in den Ehestand soll man sich von christlichen Gedanken
            und Absichten leiten lassen, von der Absicht, die Last und die Sorgen des Lebens vereint
            mit einander zu tragen, von der Absicht, sich gegenseitig im Streben nach christlicher
            
                    <pb xml:id="d368e706" facs="B836F1_001_1885_0050.jpg" n="38"/> 
        Tugend und Vollkommenheit zu unterstützen, um auch dereinst gemeinschaftlich mit
            einander die ewigen Freu¬den des Himmels zu genießen, in der Absicht endlich, dem Himmel
            neue Bürger zu schenken, die Gott durch alle Ewigkeit loben und preisen. Wenn junge
            Leute von solchen Gedanken und Absichten sich leiten lassen, dann werden sie bei der
            Wahl der Person vor Allem auch auf Gleichheit der Religion sehen; sie werden der Kirche
            Glauben und Gehorsam schenken, die gemischte Ehen sehr ungern sieht, selbst dann, wenn
            die von ihr streng verlangten Garantieen geleistet werden, wenn die katholische
            Erziehung der Kinder gesichert ist; denn sie hat schon so oft die traurige Erfahrung
            gemacht, daß selbst solche gemischte Ehen, abgesehen von eini¬gen ehrenwerthen
            Ausnahmen, gewöhnlich vom Ver¬derben sind. — Jünglinge und Jungfrauen, die sich von
            christlichen Gedanken und Absichten leiten lassen, werden ferner darauf sehen, daß die
            zu wäh¬lende Person auch ihrem heiligen Glauben treu ergeben ist und denselben auch
            praktisch übt. Gerade unsere heilige Religion besitzt ja so viele Mittel, das
            Familienleben zu veredeln und glücklich zu machen und die Glieder der Familie zur
            getreuen Pflicht¬erfüllung und zur geduldigen Ertragung der Be-schwerden und Leiden des
            Lebens anzueifern. Sie werden darauf sehen, daß die zu wählende Person einen guten
            Charakter besitzt und daß sie tugendhaft
            
                    <pb xml:id="d368e708" facs="B836F1_001_1885_0051.jpg" n="39"/> 
        ist. Denn besitzt sie leinen guten
            Charakter, ist sie herzlos und hart, genußsüchtig und unmäßig, träge oder
            verschwenderisch, so ist ein wahrhaft glückliches Zusammenleben auf die Dauer unmöglich.
            Jeder¬mann weiß ja, wie viel Unheil z. B. ein Mann, welcher der Unmäßigkeit und
            Trunksucht ergeben ist, in die Familie bringen kann.</p>
               <p>Sie werden endlich darauf sehen,
            daß der zu wählende Ehetheil einer guten Familie angehört. Auch das ist von Wichtigkeit.
            Denn von der Fa¬milie, der man entsprossen ist, erhält man gewöhnlich eine Art
            sittlichen Typus, eine Richtung und Neigung entweder zum Guten oder zum Bösen. So werden
            Jünglinge und Jungfrauen, die mit christlichen Gedanken und Absichten in die Ehe
            ein¬treten, bei der Wahl der Person mit Sorgfalt zu Werke gehen. Sie werden sich selbst
            auch nicht zu viel zutrauen und darum gute und weise Menschen um Rath fragen, zunächst
            ihre Eltern, ihren Seel¬sorger, ihren Beichtvater oder sonst Jemand, auf dessen Einsicht
            und guten Willen sie Vertrauen setzen können. Unterdessen aber werden sie eifrig beten,
            daß Gott sie erleuchte und die Wahl zu ihrem wahren Glücke lenken möge. Daß man doch
            allgemein bei einer so wichtigen Angelegenheit solchen Ernst anwenden und daß man doch
            wohl beherzigen möchte, wie unendlich viel von dieser Wahl abhängt!</p> 
            
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               <p>Doch wie
            leichtsinnig geht man gewöhnlich in dieser Beziehung zu Werke? Welche Blindheit bei der
            Wahl? welche Uebereilung? wie wenig betet man um Licht und Führung von Oben? wie selten
            hört man auf einen guten Rath? Bei den alltäglichen Geschäften zeigt man oft weit mehr
            Ernst und Sorg¬falt als hier, wo es sich um Glück oder Unglück für Zeit und Ewigkeit
            handelt.</p>
                <p>Einst vor vielen Jahrhunderten griff ein alter schlichter, aber treuer und viel
            erfahrener Mann zum Wanderstabe. Mit zehn Kameelen und vielen Dienern begab er sich auf
            eine weite Reise. Das Ziel derselben ist die Stadt Nachor in Mesopota-mien. Der Reisende
            selbst ist Elieser, der Qber-knecht und Vertrauensmann des großen Patriarchen Abraham.
            Wohl nie in seinem Leben war ihm ein so wichtiger Auftrag geworden wie damals. Unter
            vielen Mühen zieht der gute alte Elieser, gebrannt von der Gluth der Sonne, seines Weges
            dahin. Aber während der Schweiß von seiner gefurchten Stirne in den heißen Sand fällt,
            betet sein Herz zu Gott, daß er ihm doch seinen Willen kundthun möge und während dessen
            bestürmten zu Hause der Patriarch Abraham, sein tugendhaftes Weib Sara und Isaal, der
            geliebte Sohn, mit ihren flehentlichen Bitten den Himmel. Was war denn der Zweck dieser
            mühsamen, weiten Reise? wozu all' diese Sorgen
        
                    <pb xml:id="d368e722" facs="B836F1_001_1885_0053.jpg" n="41"/>
        und Beschwerden? wozu das
            anhaltende und flehende Gebet? Welchen Auftrag hatte der gute Elieser mit seinem weißen
            Haare erhalten? Er soll um eine Braut für den Sohn seines Herrn werben. Aber war denn
            dazu die beschwerliche Reise nach Meso¬potamien notwendig? Gab es denn im ganzen Lande
            Kanaan keine passende Braut für Isaat? Waren die Töchter dieses Landes etwa nicht reich
            genug? oder nicht schön genug? Gewiß war an reichen und schönen Jungfrauen in Kanaan
            lein Mangel. Doch die Kananiter dienten fremden Göttern und nun fürchtete Abraham, ein
            Weib, das dem wahren Gott nicht diente, könnte auch seinen Sohn mit der Zeit zur Untreue
            gegen denselben verleiten. Darum sollte Isaal keine Kananiterin heirathen. Abraham sah
            also bei dieser Angelegen-heit vor Allem auf Gottesfurcht und den wahren Glauben. Und
            wir wissen noch Alle aus der bibli-schen Geschichte, wie sorgfältig und klug Elieser bei
            der Wahl selbst zu Werke ging, wie er Rebekka, die Tochter Vathuels, wählte, weil er an
            ihr Unschuld, Fleiß und ganz besonders eine große Dienstfertigleit und Gefälligkeit
            bewunderte. Das ist ein herrliches Beispiel aus grauer Vor¬zeit, welches uns zeigt, daß
            man mit großem Ernste die Wahl für die Ehe treffen müsse. Gewiß beschämt dasselbe Manche
            in unseren
        
                    <pb xml:id="d368e724" facs="B836F1_001_1885_0054.jpg" n="42"/> 
        Tagen, die sich blindlings selbst das Verderben wählen. </p> 
            </div>
        
            <div xml:id="d368e728" type="section">
               <head>II.</head>
               <p>Die Ehe
            muß ferner eingegangen werden mit einer guten Vorbereitung auf dieselbe. Diese
            Vorbereitung nun kann eine zweifache sein, eine entferntere und mehr allgemeine und dann
            eine nähere. Die entferntere geht die Eltern und die Brautleute an. Die erste
            Vorbereitung auf eine spätere glückliche Ehe eines Christen liegt in der Hand seiner
            Eltern, liegt in einer guten, durch und durch christlichen Erziehung. Denn die Eheleute
            werden später nicht mit einander in Friede und Einigkeit leben, wenn sie als Kinder im
            elterlichen Hause ungestraft mit den Geschwistern streiten und zanken durften und wenn
            sie bei ihren Eltern nichts Besseres sahen. Der Ehrist wird als Gatte und Vater seine
            Groschen nicht zusammenhalten und sich nicht einschränken und sparen, wenn er als
            Jüngling bei allen Vergnügungen sein durfte und der Trunksucht fröhnen konnte, zu
            welcher ihm ein leichtsinniger Vater leider das Beispiel gab. Die Tochter wird als Frau
            und Mutter nicht gut und haushälterisch wirtschaften, wenn sie in der Jugend eitel und
            weit über ihren Stand hinaus erzogen, wenn sie schon als Schulkind von ihren
            vergnügungs-
            
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        süchtigen Eltern zu allen Erholungen mitgenommen wurde. Eheleute
            werden in ihrer Familie kein re-ligiöses Leben führen und bei ihren täglichen Arbei-ten
            und Sorgen sich nicht die nothwendige Zeit zum Gebete nehmen, wenn sie als Kinder im
            Eltern¬hause nicht an Gebet und an ein religiöses Leben gewöhnt worden sind. So liegt
            also ganz sicher die erste Vorbereitung zu einem guten und christ¬lichen Ehestand in der
            Erziehung, welche die Eltern ihren Kindern, den späteren Brautleuten zu geben haben.</p>
                <p>Was
            nun die entferntere Vorbereitung der Brautleute selbst angeht, so sollen sie vor Allem
            die Keuschheit und Reinheit des Herzens sich sorgfältigst zu erhalten suchen. Diese
            gewissenhaft bewahrte Keuschheit macht ihre Jugendzeit zu einer braven und glücklichen;
            sie bringt den Segen Gottes in reicher Fülle auf die reinen Brautleute, so daß man mit
            Grund hoffen darf, daß sie später auch in treuer Pflichterfüllung als Eheleute glücklich
            mit einander leben werden.<q>„Weil du die Keuschheit ge¬liebt hast, darum hat auch die
            Hand des Herrn dich gestärkt, und darum wirst du gesegnet sein in Ewigkeit"</q> (Judith
            15,11).</p>
                <p>Wenn man dagegen vor der Ehe eine zu lange und zu freie Bekanntschaft mit
            einander unterhalten und in Folge dessen Gott oft mit Gedanken, Worten,
            
                    <pb xml:id="d368e746" facs="B836F1_001_1885_0056.jpg" n="44"/>
        ja
            vielleicht selbst durch sündhafte Werke schwer be-beleidigt hat, so ist die Aussicht auf
            eine gnaden-reiche und wahrhaft christliche Ehe zum mindesten, um mich milde
            auszudrücken, eine sehr schwache und geringe. Denn wo soll der Segen Gottes herkom-men
            über Christen, die durch eine Unzahl der schwer¬sten Sünden, für die sie keine Buße
            thun, ihn zur Strafe herausgefordert haben? Wo will man die notwendigen Gnaden zur
            Erfüllung der ernstesten Pflichten im Ehestande hernehmen, wenn man vor der Ehe Jahre
            lang sein Herz der Gnade ver-schlossen, Jahre lang alle Gnadenmittel der Kirche durch
            unwürdigen Empfang mißbraucht und vielleicht noch am Tage der Trauung drei Sakramente
            un-würdig und sacrilegisch empfangen hat, nämlich das Sakrament der Buße, das Sakrament
            des Altares, die heilige Kommunion und das Sakrament der Ehe selbst? Muß das nicht
            Unheil und Fluch über die Familie bringen, zumal wenn man im Ehestande selbst keinen
            gründlichen Ernst macht mit einem christlichen Leben? O ihr christlichen Eheleute,
            welche diese Worte angehen, und die ihr mit Thrä-nen in den Augen gestehen müsset, ja
            unser Leben vor der Ehe war nicht in der Ordnung, suchet doch jetzt wenigstens durch
            großen Eifer im Gebet und in allem Guten, durch wahre und eifrige Frömmig¬keit in etwa
            gut zu machen, was ihr früher gesündigt
            
                    <pb xml:id="d368e748" facs="B836F1_001_1885_0057.jpg" n="45"/> 
        habet. Und habet ihr, was leider leine
            seltene Erscheinung ist, die Verirrungen euerer Jugend noch nicht aufrichtig und
            reumüthig gebeichtet, dann ent-schließet euch doch möglichst bald zu einer guten und
            gründlichen Lebensbeicht; leget aNe falsche Scham ab und offenbaret dem Priester, der
            euch mit Barm¬herzigkeit und Geduld anhören und behandeln wird, demüthig Alles, was euer
            Gewissen noch belastet. Seid dann für alle Zukunft mit euern Angehörigen um so eifriger
            und getreuer im Dienste Gottes, je schwerer ihr ihn vor der Ehe beleidigt habet. Thuet
            ihr das, so wird der Herr euch euere Sünden ver¬zeihen, und auch euerer Ehe und Familie
            seine Huld und Gnade in reichem Maße zuwenden.</p>
                    <p>Jungen Leuten aber, die gesonnen sind, in
            den Ehestand einzutreten, kann man es nicht nachdrück-lich genug an's Herz legen, doch
            keine schlechte, überhaupt keine zu lange Bekanntschaft zu unter-halten und nur unter
            der Aufsicht ihrer Eltern oder anderer braven Angehörigen mit einander zu verkehren,
            damit sie mit unversehrter Reinheit des Herzens zum Vrautaltare hintreten und von dort
            die ganze Fülle des Ehesegens in ihren neuen Stand mitnehmen können. Wollen sie aber
            rein und un¬schuldig ihre Jugendzeit zubringen, so ist es noth-wendig, daß sie fleißig
            und regelmäßig beten, daß sie oft und gut zum Tische des Herrn hinzutreten,
            
                        <pb xml:id="d368e753" facs="B836F1_001_1885_0058.jpg" n="46"/>
        und
            eine große und vertrauensvolle Andacht zu Maria pflegen. Ohne den steißigen Gebrauch
            dieser kräftigen Heilmittel fällt unsere Jugend nur zu leicht allen Thorheiten und
            selbst Ausschweifungen anHeim. Das ist eine Erfahrung, die wir Priester nur zu oft mit
            schmerzerfülltem Herzen machen müssen.</p>
                    <p>Eine gut zugebrachte Jugend also ist die
            entfern-tere Vorbereitung auf die Ehe. Rückt nun die Zeit heran, wo man den wichtigen
            Schritt bald thun will, so müssen die Brautleute daran denken, sich in näherer Weise auf
            den Eintritt in die Ehe vor-zubereiten. Sie werden darum um so eifriger in allem Guten
            sein, um so mehr beten, öfter noch ein Almosen geben und noch fleißiger und besser wie
            sonst die heiligen Sakramente empfangen, Alles in der guten Absicht, um den Segen Gottes
            in reich¬ster Fülle auf die Ehe, die sie bald mit einander schließen wollen,
            herabzuflehen. Fast allen Braut¬leuten ist sehr anzurathen, daß sie kurz vor dem
            Eintritt in die Ehe, etwa acht Tage vorher, eine gute Generalbeicht ablegen. Auch das
            Concil von Trient empfiehlt dies den Brautleuten. Man durch¬gehe noch einmal sein ganzes
            Leben von Kindheit, wenigstens aber von der ersten heiligen Kommunion an, bereue all'
            seine Sünden vor dem gekreuzigten Heilande, klage sich darüber demüthig und aufrichtig
            
                        <pb xml:id="d368e759" facs="B836F1_001_1885_0059.jpg" n="47"/>
        im Bußgerichte an. Diese schmerzliche Reue und dieses demüthige Vekenntniß wird das
            Herz wieder ganz reinigen, diese gute Generalbeicht wird die jungen Brautleute
            empfänglich machen für die Gna¬den und den Segen des Himmels, wird höhere Kraft und
            Zuversicht in ihre Seelen Hineinsenken, so daß sie mit Muth und heiligem Gottvertrauen
            diesen wichtigen Schritt thun.</p>
                <p>Auch ist den Brautleuten sehr anzurathen, daß sie kurz
            vor ihrer Trauung eine neuntägige Andacht zur allerseligsten Jungfrau Maria, zum heil.
            Joseph, zur heiligen Mutter Anna oder zu ihren heiligen Patronen verrichten, um ihre nun
            bald einzugehende Ehe der Fürbitte und dem Schütze dieser großen Heiligen zu empfehlen.
            Sie können dann auch, wenn es ihnen möglich ist, täglich in derselben Meinung dem
            heiligen Meßopfer beiwohnen und fromme Bekannte und Verwandte bitten, mit ihnen und für
            sie eine ähnliche Andacht zu halten.</p>
                <p>In ähnlicher Weise hat sich vor einigen
            Jahr-zehnten ein braves Brautpaar in Paris auf die Ehe vorbereitet. Ein junger
            talentvoller Arzt dieser Weltstadt hatte sich mit einer ebenso frommen und tugendhaften,
            als reichen und schönen Jungfrau verlobt. Zehn Tage vor seiner Hochzeit ging der¬selbe
            zur Mutter seiner zukünftigen Gattin und bat sie, mit seiner Braut allein reden zu
            dürfen. Diese
            
                    <pb xml:id="d368e767" facs="B836F1_001_1885_0060.jpg" n="48"/>
        erwiederte freundlich:<q>„Das ist nicht möglich; meine Tochter ist
            feit zwei Tagen ein wenig unwohl; sie bedarf der Ruhe."</q> 
                  <q>„Es ist mir aber peinlich," </q>war
            die Antwort des Arztes, <q>„nicht einen Augenblick mit Ihrer Tochter allein reden zu
            können; kaum habe ich noch drei- oder viermal das Vergnügen gehabt, mit ihr zu sprechen
            und jetzt wollte ich ihr etwas Wichtiges mittheilen,"</q> 
                  <q>„Ich will,"</q> sprach die Mutter,
            <q>„sie rufen, wenn Sie es verlangen und Sie können dann in meiner Gegenwart mit ihr reden;
            meine Tochter hat noch nie mit einem Manne allein ge¬sprochen." </q>Darauf bemerkte der
            Bräutigam: <q>„Nun ich kann wohl auch Ihnen meine Mittheilung machen und Sie haben dann die
            Güte, dieselbe meiner Braut zu überbringen. Selbst von religiösen Eltern erzogen, blieb
            ich stets unserer heiligen Religion getreu; ich betrachtete es als eine Ehrensache, den
            Vorschriften unseres Glaubens in jedem Punkte zu folgen, und je mehr ich meine Religion
            übte, desto größer und ehrwürdiger erschien sie mir. Wenn ich soeben eine Unterredung
            mit Ihrer Tochter wünschte, so geschah dies nur, um sie zu bitten, durch eine gute
            Lebensbeicht und durch eifriges Ge¬bet in den kommenden Tagen sich in den Stand zu
            setzen, mit dem Hochzeitssegen auch alle damit ver¬bundenen Gnaden empfangen zu können."</q>
            Bei die¬sen Worten tonnte die Mutter die Thronen nicht
            
                    <pb xml:id="d368e788" facs="B836F1_001_1885_0061.jpg" n="49"/>
        mehr zurückhalten; freudig
            bewegt gab sie dem Arzte die Hand und/sprach: <q>„Mit großer Freude nenne ich Sie meinen
            theuern Sohn. Ihre Gesinnung bürgt mir für Ihr und meiner Tochter Glück. Ja, wir Alle
            wollen mit einander beten und die heiligen Sakramente empfangen." </q>Doch dabei ließ es der
            tugendhafte Arzt noch nicht bewenden. Acht Tage lang ließ er täglich das heilige
            Meßopfer für sich und seine Braut darbringen. Am schönsten und rührendsten aber war es,
            am Tage der Trauung selbst hie Braut¬leute mit Andacht an den Tisch des Herrn treten zu
            sehen, den Bräutigam begleitet von seinem ehr¬würdigen Vater und seiner guten Mutter,
            die Thrä-nen der Freude und Rührung weinten, die Braut begleitet von ihrer Mutter und
            Großmutter, die mit all' ihren Kindern aus der Hand des opfernden Priesters die heilige
            Communion empfingen.</p>
                <p>Noch ein anderes Beispiel, das uns zeigt, wie ernst es brave
            christliche Brautleute mit der Vor-bereitung auf die Ehe nehmen. Ein junger, sehr
            reicher Herr, der im Begriffe stand) ein Fräulein zu heirathen, das ihm außer manchen
            Gaben des Geistes und des Körpers vier hundert tausend Mark mitbrachte, schickte seiner
            Braut jeden Mor¬gen ein kostbares, theures Vlumenbouquet. <q>„Wie viel bezahlst Du dafür?"</q>
            fragte die Braut einmal. <q>"Fünfzehn Mark," </q>antwortete der Bräutigam. <q>„Wir
            <note>P. Matthias,
            Die christliche Familie.</note>
                    
            
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        wollen uns in zehn Tagen heirathen; bis dahin willst
            Du also noch hundert und fünfzig Mark dafür ausgeben; bitte, laß die Bouquets bei Seite
            und gib mir das Geld."</q> — Der junge Herr er¬klärte sich natürlich dazu bereit, aber nicht
            ohne ein unangenehmes Gefühl. Er fürchtete nämlich, seine Vraut sei nicht frei vom
            Geize, einem Laster, das er sehr verabscheute. Aber die Vraut, welcher das Erstaunen des
            Bräutigams nicht entgangen war, zögerte nicht lange, ihn vollkommen zu beruhi-gen. <q>„Du
            erlaubst mir gewiß,"</q> sagte sie lächelnd, <q>„daß ich dieses Geld einer armen, sehr
            unglücklichen Frau schenke; sie wird für uns beten, und das wird uns mehr nützen als der
            beste Blu-menduft."</q> — Am andern Morgen brachte der Bräutigam seiner Vraut dennoch
            abermals einen Blumenstrauß, für den er jedoch nur zehn Pfennig bezahlt hatte, aber der
            Griff des Straußes war umwickelt mit zehn Banknoten von hundert Mark. Rings herum
            standen die Worte: <q>„Für die Armen."</q>
               </p>
                <p>Wahrlich, das sind herrliche Beispiele, die zeigen,
            wie man sich auf einen so ernsten Schritt des Lebens würdig vorbereiten soll. Möchten
            doch recht Viele nach ihren Verhältnissen und in ihrer Weise dieselben nachahmen!</p>
            </div>
   
        
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            <div xml:id="d368e827" type="section">
               <head>III.</head>
               <p>Ist dann der hochwichtige Tag der Eheschließung herangekommen, so werden fromme und
            brave Braut¬leute an demselben noch einmal mit großer Andacht die heilige Kommunion
            empfangen. Wie viel wer¬den sie an diesem Tage ihrem göttlichen Heilande zu sagen haben?
            Welch' gute und kräftige Vorsätze werden sie ihm in sein heiligstes Herz hineinlegen und
            wie innig und vertrauensvoll werden sie ihn bitten, er möge seine Hand über sie
            ausbreiten und segnen den Bund, den sie jetzt mit einander zu schließen im Begriffe
            stehen, segnen die Liebe, die sie zu ein¬ander im Herzen tragen, damit sie mit den
            Jahren nicht abnehme, sondern noch reiner und stärker werde, segnen die Familie, die sie
            gründen wollen, damit allezeit Gottesfurcht und wahres Glück in derselben herrsche,
            segnen endlich alle Arbeiten und Unterneh-mungen, die sie später für sich oder ihre
            Angehöri-gen beginnen werden? Mit welch' kindlichem Glauben werden sie den Heiland zu
            ihrer Hochzeit einladen, damit er wenigstens unsichtbarer Weise mit seiner Gegenwart und
            seinem Segen sie erfreue, wie er einst sichtbar das Brautpaar zu Kana erfreut hat? Sie
            sind überzeugt, daß der göttliche Heiland sich nicht umsonst um seinen heiligen Segen
            bitten läßt.</p>
               <p>Auch sollten die Brautleute nicht unterlassen, am Tage der Trauung, bevor
            sie sich in die Kirche <note>4*</note>
            
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        begeben, die Eltern um ihren Segen zu bitten. Wenn sie
            in dieser ernsten Stunde vor die Eltern sich hinknieen und dann ein christlicher Vater,
            dessen Haare schon zu bleichen anfangen, und eine gute Mutter, die jetzt noch mehr wie
            sonst fühlt, wie theuer ihrem Herzen das Kind ist, ihre Hände zum Segen über sie erheben
            und die Fülle der Gnaden und des Glückes auf sie herabstehen, so wird Gott den
            Elternsegen bestätigen und die Engel werden ihr Amen dazu sprechen. Es ist zu bedauern,
            daß ein so schöner Gebrauch fast gar nicht bei uns ge¬kannt und noch weniger geübt wird.</p>
                <p>
            So von den Eltern gesegnet, gehen christliche Brautleute mit Zuversicht und Vertrauen in
            die Kirche, um dort vor dem Nltare in Gegenwart des katholischen Pfarrers oder seines
            Stellvertreters nach kirchlicher Vorschrift die Ehe zu schließen. Wollte man die Ehe
            nicht nach kirchlicher Vorschrift ab-schließen und sich mit der bürgerlichen Trauung
            begnügen, so würde man als Katholik gar keine Ehe eingehen und einfach in einem
            uner¬laubten, schwer sündhaften Verhältniß dahin¬leben; man würde dadurch seinen innern
            Abfall von der Kirche auch äußerlich an den Tag legen und im Voraus auf Gott und seinen
            Segen ver¬zichten. Daher denn auch die Erscheinung, daß nur solche Menschen, die sich um
            Gott und ihr
            
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            eigenes Seelenheil gar nicht mehr kümmern, so Etwas wagen.</p>
                <p>Hat man
            am Morgen in frommer Weise, nach kirchlicher Vorschrift die Ehe geschlossen, so soll man
            auch den ganzen Tag christlich zubringen. Der Hoch¬zeitstag darf kein Tag der Sünde,
            kein Tag uner-laubter Vergnügen werden. Wohl dürfen und sollen die Brautleute und ihre
            Angehörigen an dem-selben sich freuen und zwar von Herzen freuen, aber es soll eine
            Freude sein, welche die Schutzengel nicht betrübt und den lieben Heiland nicht von der
            Hochzeit entfernt. Diese Freude des jungen Ehe¬paares wird um so reiner und beglückender
            sein, wenn sie an diesem Tage auch eine arme Familie oder einen armen Kranken mit einem
            Almosen er¬freuen. Tritt man in der angegebenen Weise in die Ehe ein, dann wird dieselbe
            wirklich im Him¬mel geschlossen, wie es unsere Vorfahren im Sprich¬wort verlangten, und
            wird auch die Eheleute selbst in den Himmel führen.</p>
            </div>
         </div>
            
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        <div xml:id="d368e856" type="chapter">
            <head>III.</head>
            <head>Die Erziehung der Kinder.</head>
            <p>Einfache, schlichte Menschen, die das Licht des Glaubens erleuchtet, besitzen manchmal
            eine bewun-derungswürdige praktische Lebensweisheit, mit der sie Andere, die sich viel
            auf ihre Kenntnisse einbilden, zuweilen sehr beschämen könnten. Ein einfacher, aber
            braver Handwerker, ein Tischlermeister, arbei¬tete sehr fleißig und verdiente viel Geld.
            Aber er verschwendete sein Geld nicht, vermied vielmehr ge¬wissenhaft alle unnöthigen
            Ausgaben. — <q>„Meister, was macht ihr denn mit euerm Gelde, da ihr ja so einfach lebet?"</q>,
            frug ihn eines Tages sein Nach¬bar. Der brave Mann antwortete: <q>„Ich zahle theils meine
                Schulden ab, theils lege ich das Geld als Kapital verzinslich an."</q>
               <q>„Ei,"</q> sprach der
            Nachbar,<q>„ihr scherzet; ihr habet ja keine Schulden und daß ihr viel Geld auf Zinsen
                ausgeliehen, davon ist mir auch noch nichts zu Ohren gekommen."</q>
               <q>„Und doch ist es so,"</q>
            sprach der Tischlermeister, <q>„lasset euch die Sache nur erklären. Sehet, alles Geld, das
            meine lieben, guten Eltern seit der Stunde, wo ich
            
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                das Tageslicht zum erstenmal
            erblickte, auf mich verwendet haben, sehe ich als eine Schuld an, die ich zurückzahlen
            muß, und darum sorge ich äußerst gewissenhaft für meine Eltern in ihren alten Tagen. Das
            Geld aber, das ich auf meineKinder verwende, um sie etwas Tüchtiges lernen zu lassen,
            sehe ich als ein Kapital an, das sie mir dereinst, wenn ich selbst alt bin, sammt den
            Zinsen zurückzahlen wer¬den. Das ist meine sichere Hoffnung."</q> — Daß doch alle Eheleute
            diese edle Gesinnung des braven Tischlermeisters besüßen! Wie würden sie dann ihre alten
            Eltern und Schwiegereltern in Ehren halten und nach Kräften für sie sorgen! Wie würden
            sie Alles aufbieten, um ihre Kinder zu braven, tugendhaften Christen und zu tüchtigen
            Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft zu erziehen! Durch das Erstere würden sie sich
            den Segen Gottes verdienen, durch das Zweite sich kostbare Schätze und große Reichthümer
            für die Zukunft erwerben. Denn brave Kinder sind für die Eltern ein größeres Gut, ein
            weit kostbarerer Schatz als große Summen, als ganze Berge von Silber und Gold. Um die
            Eltern anzueifern, diesen kostbaren Schatz zu heben, wollen wir jetzt eine Erwägung über
            die Kindererziehung anstellen und erstens die Hauptbeweggründe in's Auge fassen, welche
            sie zu einer guten Erziehung
            
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                   der Kinder bestimmen sollen und dann zweitens einige
            praktische Bemerkungen über die Erziehung selbst machen.</p>
            
    
            <div xml:id="d368e890" type="section">
               <head>I.</head>
               <p>Der grausame ägyptische
            König Pharao haßte die Israeliten und erließ deshalb den unerhörten Befehl, all ihre
            Kinder, welche Knäblein waren, zu tödten. Die Mutter des Moses verbarg ihren Sohn drei
            Monate lang. Als sie ihn aber nicht mehr länger verheimlichen konnte, nahm sie ein
            Körbchen von Binsen, überzog es mit Harz, legte das Kind hinein und setzte es im Geröhr
            des Stromufers aus an einer Stelle, wo sie wußte, daß die Tochter des Pharao
            vorbeizukommen pflegte. In der Nähe aber weilte die Schwester des Moses, um den Ausgang
            der Sache abzuwarten. Siehe, da kam die Tochter des Pharao, und als sie das Kindlein
            fand, er» barmte sie sich desselben. Auf ihren Befehl beeilte sich die Schwester, eine
            Frau von den Hebräern, welche den Knaben nähren sollte, zu holen, und sie rief die
            eigene Mutter des Kindes. Ihr übergab dann die Tochter des Pharao den gefundenen Kna¬ben
            mit den Worten:<q>„Nimm hin diesen Knaben und ernähre ihn für mich, und ich werde dir
                deinen Lohn geben"</q>(II Mos. 2.).</p>
               <p>
                  <q>„Nehmet hin dieses Kind und erziehet
            
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                        es für mich
            und meine Liebe, und ich will euch euern Lohn dafür geben."</q> Diese Weisung ertheilt
            jedesmal der liebe Gott christlichen Eheleuten, so oft er ihnen ein Kindlein schenkt.</p>
               <p>1.
            Ja, christliche Eltern, dem Kinde eine gute Erziehung zu geben, das ist erstens eine
            Pflicht, die ihr Gott gegenüber habet. Euer Kind ist das Eigen-thum Gottes, ein
            Geschenk, das er euch anvertraut hat, und das er einst von euch zurückfordern wird.
            Dieses Geschenk ist ein gar kostbares; euer Kind mit seiner unsterblichen Seele gilt in
            den Augen Gottes mehr als die ganze sichtbare Welt mit all ihren Reichthümern und
            Herrlichkeiten. O christliche Mut¬ter, weißt du es, verstehst du es recht, was du in
            deinem kleinen Kinde, das in der heiligen Taufe für das übernatürliche Gnadenleben
            wiedergeboren wurde, auf deinen Armen trägst? Fasse es und nimm es dir tief zu Herzen:
            du trägst auf deinen Armen ein Kind des ewigen Vaters, einen Liebling des unendlichen
            Gottes; du trägst den dereinstigen Genossen der Engel und Seligen des Himmels; du trägst
            den unendlich kostbaren Preis des Blutes Jesu Christi. — Diesen seinen Liebling hat Gott
            dir, Mutter, euch, Eltern, anvertraut) ihr sollet seine Stellvertreter bei dem Kinde
            sein. Damit ihr das in würdiger und erfolgreicher Weise sein könnet,
            
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                            hat er euch,
            um mich so auszudrücken, einen Theil seiner göttlichen Nuctorität übertragen. Er hat die
            Einrichtung getroffen, daß euer Wort, euere Aus¬sage bei dem Kinde das Ansehen der
            Unfehlbarkeit, das Ansehen des Evangeliums besitzt. Auf euer Wort schwürt das Kind; ihm
            vertraut es gänzlich. Euere Handlungen und Gewohnheiten üben eine Art Zauber auf
            dasselbe aus. Unwillkürlich fühlt es sich angetrieben, euch nachzuahmen.</p>
               <p>Darum hat für
            gewöhnlich Niemand auf der Erde einen so großen Einfluß auf das Kind als die Eltern.
            Groß ist der Einfluß eines tüchtigen Lehrers auf das Kind und deshalb ist ein solcher
            eine große Wohlthat für eine Gemeinde. Er kann viel, sehr viel zum wahren Wohle
            derselben beitragen. Groß ist der Einfluß eines frommen und eifrigen Priesters auf das
            Kind, und noch in spätern Jahren erinnert man sich mit Freuden an die Liebe und
            Sorgfalt, mit welcher er seinen christlichen Unterricht ertheilte. Noch im Alter lebt,
            betet und arbeitet man nach den Grundsätzen und Lehren, die er in der Schule den zarten
            Herzen der Kinder einzu¬prägen suchte. Doch weit größer ist der Einfluß, den die Eltern
            auf das Kind ausüben. Was nützen denn gewöhnlich die Bemühungen eines guten Leh¬rers und
            frommen Priesters, wenn pflichtvergessene Eltern durch Wort und Beispiel niederreißen,
            was
            
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                                jene sorgfältig aufgebaut haben? Fast nichts. So bezeugt es die tägliche
            Erfahrung.</p>
               <p>Warum nun hat Gott die Eltern zu seinen Stellvertretern bei dem Kinde
            erwählt? warum ihnen einen so großen Einfluß auf dasselbe geschenkt? warum gewissermaßen
            einen funkelnden Edelstein aus seiner göttlichen Krone in die Krone der elter¬lichen
            Auctorität hineingesetzt? Doch offenbar nicht bloß darum, daß die Eltern mit ihrem
            Einfluß das Kind zu einem tüchtigen Bürger erziehen, daß sie es heranbilden zu bloß
            weltlichen Zwecken, sondern vor Allem, daß sie es lehren, ihn, seinen Schöpfer und
            höchsten Herrn, über Alles zu lieben und ihm mit Treue zu dienen. Eine andere Absicht
            kann Gott unmöglich haben. Ob die Eltern diese Absicht mit beharrlichem Eifer bei dem
            Kinde zu erreichen suchten, darüber wird er einst strenge Rechenschaft von denselben
            verlangen. Er wird das Kind als sein Kind von ihnen zurückfordern. Wehe ihnen, wenn es
            dann durch ihre Schuld kein Gotteskind mehr ist!</p>
               <p>2. Die Kinder gut und christlich zu
            erziehen, sind zweitens die Eltern den Kindern selbst schul¬dig. Die Eltern sind nach
            Gott die Urheber des Lebens ihr Kinder. Indem sie aber denselben das Leben geschenkt
            haben, haben sie damit auch die ernste Pflicht auf sich genommen, für dieses Leben
            
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                                    Sorge zu tragen. Das menschliche Leben nun kann ein zweifaches sein, ein gutes oder
            schlechtes, ein glückliches oder ein unglückliches, je nach der Rich-tung, die man ihm
            gibt. Das Leben erhält aber gewöhnlich seine bestimmte Richtung in der Jugend. Das sagt
            die Erfahrung, und das ist auch klar in der heiligen Schrift ausgesprochen. <q>„Hat ein
                Jüngling seinen Weg gewohnt, so weicht er nicht davon, auch wenn er alt gewor¬den"</q> (Spr.
            Sal. 22, 6). Die Richtung für das Leben aber kann sich das Kind nicht selbst geben; denn
            es ist schwach, hilflos und unerfahren; es ist auf Andere in jeder Beziehung angewiesen,
            vor Allem aber auf seine Eltern. Und darum hängt von den Eltern, von der Erziehung, die
            sie dem Kinde geben, gewöhnlich dessen ganze spätere Rich¬tung, sein ganzes Leben, seine
            ganze Ewigkeit ab. Das junge Väumchen, das der Gärtner in guten Voden hineinsetzt,
            veredelt und sorgfältig pflegt, wird später ein großer und herrlicher Baum, der Jahre
            lang die edelsten Früchte hervorbringt. So wird auch gewöhnlich das Kind, dem die Eltern
            eine gediegene christliche Erziehung geben, später gut und tugendhaft werden und Gott
            und die Menschen durch seine herrlichen Eigenschaften erfreuen. Ver-nachlässigen sie
            aber die Erziehung des Kindes, oder prägen sie ihm sogar unchristliche Grundsätze und
            
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                                        Lebensanschauungen ein, lann man sich dann noch wundern, wenn dasselbe später wie
            ein moderner Heide lebt, um Christus und seine heilige Kirche sich wenig oder gar nicht
            kümmert und über die Sitten-gesetze seine eigenen Ansichten hegt? Doch wahr-haftig
            nicht. So wundert sich ja auch kein Mensch darüber, daß ein junges Väumchen, wel¬ches
            vernachlässigt wird und darum wild aufwächst, später als ein unedler Baum im Walde steht
            und eine Frucht hervorbringt, die nicht einmal der arme Bettler genießen mag.</p>
               <p>Ja von den
            Eltern hängt in den meisten Fällen die spätere Lebensrichtung und darum auch die ganze
            Ewigkeit ihres Kindes ab. Welch ein ernster Ge¬danke für christliche Eltern! Wie mächtig
            sollte der¬selbe euch, ihr Väter und Mütter, erfassen? Ob das Kind, das euch so theuer
            ist, das euch täglich mit dem süßen Namen Vater und Mutter begrüßt und seine zärtlichen
            Liebkosungen an euch verschwen¬det, ob dieses liebe Kind später gut und tugendhaft oder
            schlecht und lasterhaft, ob es einst ewig bei Gott im Himmel selig oder in der Hölle
            ewig namenlos unglücklich sein wird, das hängt zum größten Theile von euch ab! Der
            Himmel oder die Hölle eueres Kindes liegt in euerer Hand, ihr Väter und ihr Mütter!
            Gebet ihm doch den Himmel! Euer Herz liebt ja das Kind mit einer wunderbar innigen und
            
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                                            starken Liebe. Wollet ihr ihm aber den Himmel schenken, dann müßt ihr ihm vor Allem
            eine gute christliche Erziehung geben. Denn nur dann dürft ihr hoffen, daß es später als
            tugendhafter Christ lebt, stirbt und der ewigen Glückseligkeit im Himmel theilhaftig
            wird.</p>
               <p>3. Die Kinder gut und christlich zu erziehen, sind die Litern drittens sich selbst
            schuldig. <q>„Ein ungezogener Sohn wird frech und zügel¬los" </q>(Sir. 30, 8). Er wird zügellos
            und frech werden gegen die eigenen Eltern und ihnen nur Kummer und Schande bereiten.
            Darum heißt es an einer anderen Stelle der heiligen Schrift: <q>„Ein ungezogener Sohn ist
                dem Vater zur Schande"</q> (Sir. 22, 3). Die Eltern selbst also haben ihre Strafe schon
            hienieden zu erleiden für die schlechte Erziehung der Kinder.</p>
               <p>Dagegen ist es auch ihr
            eigener Vortheil, wenn sie die Kinder gut und brav erziehen. <q>„Ein Kind, das Gott
            fürchtet, ist besser als tausend gottlose, und besser ist kinderlos sterben, als
            gottlose Kinder hinterlassen" </q>(Sir. 16,3—4). <q>„Wer seinen Sohn unterrichtet, wird
                seinetwegen gelobt werden"</q> (Sir. 30,2). <q>„Unterweise deinen Sohn, so wird er dich
                    ergötzen und Wonne gewähren dei¬ner Seele" </q>(Spr. Sal. 29,17). So weist also
            
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                                                der
            heilige Geist die Eltern wiederholt auf den Nutzen hin, den sie selbst davon haben, wenn
            sie die Erziehung ihrer Kinder sich sehr am Herzen gelegen sein lassen. Es wird ihnen
            dies zunächst große Freude bereiten. Ein Gärtner hat Freude, wenn er am herrlichen
            Sommermorgen in den Garten ein¬tritt und dort seine Blumen in ihrer Farbenpracht blühen
            sieht. Ein Gelehrter hat Freude, wenn das Buch, das Werk, an dem er manchmal bis spät in
            die Nacht hinein gearbeitet hat, allgemeinen Anklang findet. So ist es überhaupt dem
            Menschen eigen, sich zu freuen, wenn feine Bemühungen Erfolg haben. Diese Freude ist um
            so größer, je näher die Sache oder Person, für welche er sich abmüht, seinem Her-zen
            steht. Was steht nun aber dem Herzen der Eltern näher als das Kind, für welches sie ja
            ganz leben? Daher ist es denn eine beglückende Freude für sie, wenn sie sehen, daß ihre
            Bemühungen bei dem Kinde nicht umsonst waren, daß es in Unschuld und Tugend heranwächst
            und bei Gott und den Menschen beliebt ist. Solche Kinder bereiten den Eltern hienieden
            die größte Wonne; sie sind ihr höchstes Glück; sie erleichtern ihnen die Beschwerden des
            Lebens, sie versüßen ihnen das Kreuz und die Leiden. Wenn manchmal die Arbeiten und
            Sorgen den Vater und die Mutter schwer drücken und sich wie eine dunkele Wolke über
            ihrem Angesichte lagern,
            
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                                                    dann genügt oft schon ein liebevoller Blick aus dem Auge
            des unschuldigen Kindes oder ein zärtliches Wort von seinen Lippen, um diese finstere
            Wolke zu verscheuchen und die Eltern wieder freudig und muthig zu stimmen. Solche Kinder
            sind der helle Sonnenschein des Hauses, der selbst die arme Hütte zum reichen Palast
            macht, in dem glückliche Menschen wohnen.</p>
               <p>Erziehen die Eltern ihre Kinder mit großem
            Eifer fromm und christlich, dann werden sie dadurch sich selbst gegenseitig theuerer;
            sie ge-winnen dadurch an Liebe zu einander. Ihre Gedanken und Wünsche begegnen sich ja
            in der ge-meinschaftlichen Sorge für die geliebten Kinder. Diese gemeinschaftliche Sorge
            aber schlingt das Vand der Liebe und Eintracht um die Herzen der Eltern selbst fester
            und enger. Dasselbe geschieht auch durch die gemeinschaftliche Freude, welche solche
            Eltern an ihren Kindern haben. Daher denn die allgemeine Erfahrung, daß in Familien,
            welche brave Kinder besitzen, die Eheleute mit den Jahren nicht gleich-giltiger und
            kälter gegen einander werden, sondern daß sie sich immer mehr hochachten und darum auch
            mehr lieben.</p>
               <p>Erziehen die Eltern ihre Kinder gut und christ¬lich, so werden sie dadurch
            auch selbst in der Tugend mehr und mehr befestigt. Nirgends 
            
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                                                       ist die Tugend so
            schlicht und einfach, so natürlich treuherzig, so demüthig und einnehmend wie bei einem
            wahrhaft guten und unschuldigen Kinde. Da¬rum mahnt uns auch alle der göttliche Heiland
            zu den Kindern in die Schule zu gehen und von ihnen zu lernen. <q>„Wenn ihr nicht werdet
                wie die Kinder, so könnet ihr nicht in das Himmelreich eingehen."</q> Ja vor Allem die
            Tugend eines braven, unschuldigen Kindes ist schön und anmuthig; eine Art himmlischen
            Glanzes und Zaubers ist über sie ausgegossen. Darum wird manchmal selbst der Bösewicht,
            der doch schon Jahre lang auf dem Wege der Sünde gewandelt ist und innerlich für alles
            Gute längst erstorben scheint, von ihrer Schönheit mächtig ergriffen, und ein
            schmerz¬liches Sehnen nach verschwundenen besseren Tagen durch sie in seinem Herzen
            wachgerufen. Diese über¬natürliche Schönheit der Tugend ihrer Kinder kann nicht ohne
            Einfluß auf das Elternherz bleiben. Der tägliche Umgang und innige Verkehr mit den
            christ¬lich erzogenen und darum reinen und braven Kin¬dern muß anziehend, erhebend und
            veredelnd auf die Eltern selbst wirken. Sie selbst können dadurch wieder kindlicher im
            guten Sinne des Wortes, kön¬nen einfacher, harmloser, offenherziger und natür¬licher
            werden. Es schwindet leichter die Selbstsucht, die so oft unsere Tugend entstellt. <note>P.
            Matthias, Die christliche Familie. 5</note> 
               </p>
            
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                                                            <p>Der Einfluß guter Kinder auf die Eltern kann
            noch größer, er kann die Macht werden, welche sie vor dem ewigen Verderben bewahrt. Mehr
            wie ein¬mal ist es vorgekommen, daß ein Mann, ein Vater Jahre lang in der
            Gottentfremdung dahinlebte, lange Zeit allen Regungen der Gnade trotzigen Widerstand
            leistete, schließlich aber dennoch zur Ein¬sicht kam, sich mit dem Gott seiner Jugend
            wieder aussöhnte und eines frommen, christlichen Todes starb. Wer hat ihn denn wieder in
            die Vaterarme seines Gottes zurückgeführt? Vielleicht die Bered¬samkeit eines gefeierten
            Predigers oder der gediegene Inhalt eines vortrefflichen Buches? Durchaus nicht. Was ihn
            zu einem eifrigen und glücklichen Christen in seinem Greisenalter gemacht hat, das war
            die liebenswürdige, opferwillige Tugend seiner Tochter, die ihn mit einer Aufmerksamkeit
            und Liebe in den letzten Jahren Pflegte, welche er, wie er selbst sagen mußte, nicht
            verdiente. Dieser Macht konnte der in der Irreligiosität und Gottlosigkeit ergraute
            Vater auf die Dauer nicht widerstehen.</p>
               <p>Erziehen Eltern ihre Kinder gut und christlich,
            so werden dieselben ihr Alter mit treuer Liebe und Sorgfalt umgeben. Denn gut erzogene
            Kinder be¬trachten es als eine ernste und heilige Pflicht, den betagten Eltern nach
            Kräften die Schuld ihres Dankes abzuzahlen; sie schätzen sich glücklich, den-
            
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                                                                selben ihre Dienste leisten, ihre Stütze, ihr Stab und ihr Trost sein zu können. So wird
            denn das Alter solcher Eltern reich angefüllt sein von Zufriedenheit und Freude; es wird
            einem schönen Tage gleichen, den ein goldenes Abendroth zum Abschlüsse bringt. Und kommt
            es dann mit ihnen zum Lebensende, so können sie ruhig ihr Haupt zum Sterben hin¬legen.
            Sie können dann in gewissem Sinne auch mit vollem Rechte sprechen: <q>„Es ist vollbracht;"</q>
            vollbracht ist das wichtige Werk, o Gott, das Du uns aufgetragen; wir haben unsere
            Kinder, die ja auch Deine Kinder sind, in Deiner Furcht und Liebe erzogen. Sie dürfen
            darum auf ihrem Sterbebette die zuversichtliche Hoffnung hegen, daß der Herr alle Mühen,
            alle Sorgen, alle Opfer, die sie für die Kinder um seinetwillen gebracht, ihnen in der
            Ewig¬keit überreichlich belohnen wird. Ja, Eltern, die gute Kinder erzogen haben,
            sterben eines seligen Todes; mit Freude und Dankbarkeit werden die Schutzengel ihrer
            Kinder sie vor den Richterstuhl Gottes begleiten und dort ihre Fürsprecher sein. Und
            sterben dann nach Jahren auch die Kinder, so werden sie im Himmel für alle Ewigkeit mit
            den Eltern wieder vereinigt, werden ihnen ewig danken für die Freuden des Himmels, die
            sie ja durch die Bemühungen ihrer Eltern erlangt haben, und sie werden so für diese eine
            neue Quelle der Freude <note>5*</note>
            
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                                                                    und des Jubels, werden gleichsam die herrlichsten
            Perlen in ihrer himmlischen Krone bilden. O christliche Eltern, wisset darum doch euer
            eigenes zeitliches und ewiges Glück recht zu schätzen und bietet Alles auf, um euere
            geliebten Kinder für Gott und die Tugend zu erziehen!</p>
               <p>4. Ihren Kindern eine gute
            christliche Erziehung zu geben, das sind die Eltern endlich der ganzen menschlichen
            Gesellschaft schuldig. Die Zukunft eines Waldes hängt von dem jungen Nach-wuchs ab. Mag
            derselbe früher auch weit und breit bekannt gewesen sein wegen der großen und mächti-gen
            Eichen, die ihn zierten, seine Zukunft wird den-noch keine glänzende sein, wenn der
            Nachwuchs nur elendes Dorngestrüpp bildet. So ist es auch mit der menschlichen
            Gesellschaft. Auch ihre Zukunft hängt von dem Nachwuchs, hängt von der Jugend ab. Taher
            das Sprichwort: Wer die Jugend hat, der hat die Zukunft. Für die Gesellschaft und ihr
            Wohl hat der glückliche Stand des Handels, die Fruchtbarkeit der Natur, die Vlüthe der
            Wissenschaft ihre hohe Bedeutung. Niemand wird das leugnen. Aber noch weit wichtiger als
            all Dieses sind die guten Sitten der Menschen. Die Geschichte hat oft genug gezeigt, daß
            Handel, Industrie, Kunst und Wissenschaft Völker nicht vor dem Untergange be-wahrt
            haben, daß sie trotz all dieser Güter elend zu 
            
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                                                                        Grunde gegangen sind und zwar
            deshalb, weil ihre Sitten verdorben waren. Die Sitten aber werden durch die Erziehung
            gebildet. Wie können darum die Sitten der Zukunft gute sein, wenn in der Gegenwart die
            Jugend ohne Gott und ohne Zucht aufwächst, wenn die Er¬ziehung der Kinder in der Familie
            vernachlässigt wird? Sehr wahr und zutreffend sind in dieser Beziehung die ernsten und
            kräftigen Worte, welche der <q>„Kompaß für den verheirateten Arbeiter 1)" </q>an die Väter aus
            dem Arbeiterstande richtet. Sie heißen:<q>„Die Familie bildet den Grundstock der
            menschlichen Gesellschaft. Von der guten oder schlech¬ten Erziehung hängt ab ihr Bestand
            oder Untergang. Wo die Erziehung gut geleitet ist, da gibt sie dem Staate gute Bürger,
            dem Heere gute Soldaten, der Kirche gute Söhne, kurz, es wächst eine religiös ge¬sittete
            Nation heran. Anderseits, wo es mit der Erziehung schlecht bestellt ist, da werden sich
            die Häuser der Schande füllen, die Gefängnisse und Irrenhäuser reichen nicht mehr aus,
            da schwindet Redlichkeit und Treue, da ist Lug und Trug, da haben Sittenlosigkeit und
            Schwelgerei ihr offenes Lager aufgeschlagen, kurz, es ist der Greuel der Ver-
            <note>1) Bei
            Bachen in Cöln erschienen, ein Werkchen, dem allgemeine Verbreitung sehr zu wünschen
            ist.</note>
            
                     <pb xml:id="d368e1008" facs="B836F1_001_1885_0082.jpg" n="70"/>
                -üstung."</q> Möchten das doch alle Eltern wohl be-denken und darum ihre
            Pflichten bezüglich der Er-ziehung ihrer Kinder treu erfüllen. Nur dadurch kann eine
            bessere Zukunft herbeigeführt werden. </p>
            </div>
            
                                                                                <div xml:id="d368e1013" type="section"> 
                                                                                    <head>II.</head>
                                                                                    <p>1. Wollen christliche Eltern brave Kinder
            er-ziehen, dann müssen sie zuerst selbst ein gutes christliches Leben führen. Das ist
            das Erste und Notwendigste bei der Erziehung. Aus einem dreifachen Grunde ist die
            sittliche Beschaffenheit der Eltern für die Kinder von so außerordentlich hoher
            Bedeutung.</p>
                                                                                    <p>Erstens ist es eine ziemlich allgemeine Erschei-nung, daß die Eltern Manches
            von ihren sittlichen Eigenschaften auf die Kinder vererben. Die Kinder besitzen oft
            große Aehnlichkeit mit den Eltern in den Gesichtszügen, im Gange und der äußeren
            Haltung, in Witz und Geistesschärfe, in der Neigung zum Frohsinn oder zur Traurigkeit.
            Aber ebenso oft sind sie ihnen auch ähnlich in Bezug auf sittliche Anlagen, auf Neigung
            zum Bösen oder zum Guten. Zwar wird die Seele des Kindes unmittelbar von Gott selbst
            in's Dasein gerufen, aber sein ganzes Leben steht doch in so naher und zarter Verbindung
            mit den Eltern, daß die sittliche Beschaffenheit der-selben nicht ohne großen Einfluß
            auf das Kind
            
                                                                                        <pb xml:id="d368e1023" facs="B836F1_001_1885_0083.jpg" n="71"/> 
                                                                                bleiben kann. Ohne Zweifel bleibt das Kind frei, es hat feinen
            freien Willen, es muß nicht werden wie die Eltern. Es kann gut werden, wenn auch die
            Eltern fchlecht find. Aber es bekommt doch von den Eltern eine gewisse sittliche Neigung
            als Erbe, als Wiegengefchenk mit in's Leben. Darum wird es gewöhnlich nur mit größerer
            Mühe und unter längeren und härteren Kämpfen gut, wenn es das Unglück hat, von
            fchlechten Eltern abzustammen. Das ist ja auch allgemeiner Volksglaube, der sich auf
            eine vielhundertjährige Erfahrung stützt. Darum fagt man im Sprichwort:<q>„Der Apfel fällt
                nicht weit vom Stamme." </q>Darum kann man unter dem Volke so oft Ausdrücke wie folgende
            hören:<q>„Das ist ein Familienfehler; diesen Fehler hat das arme Kind von seinem Vater
                oder feiner Mutter geerbt; das liegt in feiner Familie."</q>
               </p>
                                                                                    <p>Steht es nun fest, daß die
            Eltern gar leicht etwas von ihren sittlichen Eigenschaften auf das Kind vererben, haben
            sie dann nicht die ernste Pflicht, mit Entschiedenheit gegen ihre Leidenschaften und
            bösen Gewohnheiten anzukämpfen? nicht die ernste Pflicht, mit großem Eifer nach
            christlicher Tugend zu streben, um den Kindern nicht den sittlichen Todeskeim auf den
            Lebensweg mitzugeben? Die zweite Ursache, warum die sittliche Be-schaffenheit der Eltern
            so wichtig ist, besteht darin.
            
                                                                                        <pb xml:id="d368e1034" facs="B836F1_001_1885_0084.jpg" n="72"/> 
       daß von derselben das Beispiel abhängt, welches
            die Eltern den Kindern geben. Alle Be-mühungen der Eltern, die Kinder gut zu erziehen,
            sind gewöhnlich ohne nachhaltigen Erfolg, wenn sie denselben kein gutes Beispiel geben.
            Mögen sie ihre Kinder fleißig in der Religion unterrichten, sie be-lehren über ihre
            Pflichten und sie zum Guten an-halten, es wird dies Alles die erwünschte Frucht nicht
            bringen, wenn das Beispiel der Eltern mit ihren Lehren nicht harmonirt, wenn die Kinder
            fast täglich bemerken, daß die Eltern Gott äußerst untreu dienen und ihre wichtigsten
            Pflichten vernachlässigen, wenn sie wahrnehmen, daß sie keinen Gebetsgeist be¬sitzen,
            daß sie in schuldbarer Weise am Sonntage die heilige Messe versäumen oder am Freitage
            sich über das Abstinenzgebot leichtsinnig hinwegsetzen und Fleisch essen. Dann wird das
            Beispiel der Eltern niederreißen, was ihre eigenen Lehren und die Bemühungen Anderer bei
            dem Kinde aufgebaut hatten. Ein Feldherr hält ein paar Stunden vor dem Kampfe eine
            herrliche Rede über die Tapferkeit an seine Soldaten; er zeigt ihnen, wie ehrend und
            ruhmvoll es sei, für das Vaterland zu streiten und sein Blut für dasselbe zu vergießen;
            er legt ihnen mit beredten Worten dar, welche reichen Güter jetzt auf dem Spiele stehen
            und was Alles von ihrem Muthe abhängt. Aufmerksam lauschen die Soldaten
          
                                                                                        <pb xml:id="d368e1036" facs="B836F1_001_1885_0085.jpg" n="73"/>
            ans die Worte
            ihres Anführers; ihre Brust füllt sich mit Begeisterung; aus ihrem Auge leuchtet Muth
            und Entschlossenheit; man sieht es ihnen an, daß sie zu jedem Opfer bereit sind. Da
            rückt der Feind näher, der Kampf beginnt. Doch wie der beredte Feldherr den ersten
            Kanonendonner vernimmt, da zittert sein Herz vor Furcht, er verläßt seinen Posten und
            ergreift die Flucht. Was wird nun seine herr-liche Rede nützen? wird das Beispiel seiner
            Feigheit nicht zehnmal mehr schaden als seine Rede gewirkt hat? So ist es auch mit dem
            Beispiele der Eltern. Es bleibt ewig wahr: <q>„Worte bewegen, Beispiele reißen hin."</q>
               </p>
                                                                                    <p>Im
            vierten Jahrhundert lebte zu Cäsarea in Cappadocien eine bewunderungswürdige Familie; es
            war die Familie des Vasilius und seiner Gattin Emmelia. Sie waren reich und besaßen bei
            Allen, die sie kannten, ein hohes Ansehen wegen ihrer vor¬nehmen Abkunft und ihrer
            einflußreichen Stellung, doch noch mehr wegen ihrer herrlichen Tugenden und der
            christlichen Vollkommenheit, die sie sich erworben. Es waren heilige Eheleute. Um ihren
            Familientisch zog sich ein schöner Kranz von zehn blühenden Kin¬dern, mit denen Gott
            ihre glückliche Ehe gesegnet hatte. Wie leicht kann eines von zehn Kindern ver¬derben?
            Doch alle zehn gaben später das glän¬zendste Beispiel christlicher Tugend, mochten sie
            nun
            
                                                                                        <pb xml:id="d368e1044" facs="B836F1_001_1885_0086.jpg" n="74"/> 
       in der Welt oder im Kloster leben, mochten sie dem Staate oder der Kirche
            dienen. Die meisten von ihnen hat die Kirche in die Zahl der Heiligen auf-genommen. Drei
            von ihnen haben als große Bi¬schöfe die Kirche Gottes geziert; zwei glänzen noch heute
            als hellleuchtende Sterne am Himmel der christlichen Theologie, als berühmte
            Kirchenlehrer, nämlich der heil. Vasilius der Große und der heil. Gregor von Nyssa.
            Vielleicht wären diese Kinder auch auf die Irrwege der Sünde gerathen, wie tausend
            andere, wenn sie nicht an der Seite heiliger Eltern herangewachsen, deren herrliches
            Tugendbei¬spiel so mächtig auf sie einwirken mußte.</p>
                                                                                    <p>Das Herz des Menschen neigt mehr zum
            Vösen als zum Guten hin und darum wirkt das böse Bei¬spiel der Eltern noch weit
            mächtiger auf die Kinder als das gute. So kommt es denn, daß die Kin¬der schlechter
            Eltern durch das Beispiel derselben ge-wöhnlich schon früh verdorben werden und daß
            Sünde und Laster in den Familien ihrer Nachkommen sich immer mehr ausbreiten und eine
            immer schrecklichere Gestalt annehmen.</p>
                                                                                    <p>Vor einigen Jahren hat der Unterrichtsrath in
            Nordamerika über eine einzige verkommene Familie aus dem Anfange dieses Jahrhunderts und
            über das Schicksal ihrer Nachkommen die sorgfältigsten Untersuchungen angestellt und
            gefunden, daß von 
            
                                                                                        <pb xml:id="d368e1053" facs="B836F1_001_1885_0087.jpg" n="75"/>
            derselben 142 Bettler, 64 Bewohner von Armen-häusern, 76 Verbrecher
            und eine große Anzahl sitten-loser Personen abstammen, und daß diese Familie allein der
            öffentlichen Wohlthätigteit zwei Millionen Mark gekostet hat. Mag nun das schlechte
            Beispiel der Eltern auch nicht immer so furchtbar verderblich wirken wie in diesem
            Falle, so bleibt es dennoch immer wahr, daß demselben eine verderbliche Macht innewohnt,
            die gewöhnlich alle guten Einflüsse ver-eitelt.</p>
                                                                                    <p>Darum sollen christliche Eltern vor
            Allem auf sich Acht geben, damit die Kinder an ihnen nichts sehen und hören, was
            irgendwie einen bösen Ein¬druck auf sie machen könnte. Sie sollen vor ihren Augen einen
            wahrhaft erbaulichen Lebenswandel führen, damit ihr Beispiel für die Kinder ein
            Weg-weiser werde, der sie auf die Bahn der Tugend hin-leitet, ein Stern, der sie zu
            Jesus hinführt, eine Macht, die ihnen mit sanfter Gewalt eine entschie¬dene Richtung zum
            Guten gibt.</p>
                                                                                    <p>Die dritte Ursache endlich, warum die sittliche Beschaffenheit der Eltern
            für die Erziehung der Kin¬der so wichtig ist, besteht darin, daß von dieser
            Be-schaffenheit der Geist der Familie, in der die Kinder heranwachsen, abhängt. Es ist
            durchaus nicht einer-lei, in welchem Hause, in welcher Familie ein Kind heranwächst.
            Bringt man eine edle, zarte Pflanze
            
                                                                                        <pb xml:id="d368e1061" facs="B836F1_001_1885_0088.jpg" n="76"/> 
        in ein kaltes und rauhes Klima, so wird sie
            nicht gedeihen. Mag man sie auch in einen fetten Boden setzen und ihr viele Sorgfalt
            schenken, sie wird doch nicht vorwärts kommen, sich nicht gut entwickeln, so lange sie
            in dem rauhen Klima bleibt und dem scharfen Nordwinde ausgesetzt ist. So ist es ähn¬lich
            auch mit dem Kinde, dieser zarten und edlen Himmelspflanze. Ein Kind mit den schönsten
            An¬lagen und besten Neigungen kann sich unmöglich gut entwickeln, es muß verkümmern in
            einer Familie, in der kein guter Geist herrscht. Der Geist einer Familie hängt aber
            offenbar von der sittlichen und religiösen Beschaffenheit der Eltern ab. Nur
            tugend¬hafte Eltern werden in ihrem Hause einen guten Familiengeist besitzen. Nur in
            ihrem Hause herrscht ein religiöser Geist, der dem ganzen Familienleben eine höhere
            Weihe gibt, ein reiner Geist, der auf gute Sitten und eine unbefleckte Familienehre viel
            hält. Nur in ihrem Hause herrscht ein friedfertiger Geist, der lieber zehnmal eine
            Beleidigung geduldig erträgt, als selbst einmal beleidigt, der sich stets freundlich,
            zuvorkommend und opferwillig zeigt, herrscht ein stiller Geist, der die Familie und die
            Erholung in derselben liebt und darum nicht mit heißer Gier nach Vergnügen draußen jagt.
            Schlechte Eltern dagegen besitzen in ihrem Hause auch einen schlechten Familiengeist,
            den Weltgeist, der nur nach
            
                                                                                        <pb xml:id="d368e1063" facs="B836F1_001_1885_0089.jpg" n="77"/>
        Außen strebt, einen unreinen Geist, der keinen Sinn
            hat für christliche Zucht und Ehrbarkeit, einen wider« christlichen Geist, der die
            Verbindung mit dem gött-lichen Heiland und seiner Kirche nicht unterhält. Wehe dem armen
            Kinde, das so unglücklich ist, in einem solchen Hause heranzuwachsen. Es ergeht ihm, wie
            der zarten Pflanze, die man in ein rauhes Klima versetzt hat.</p>
                                                                                    <p>2. Wollen christliche
            Eltern brave Kinder er¬ziehen, so müssen sie dieselben in der heiligen Reli¬gion
            unterrichten und sie fleißig zum Guten an-halten. Es ist ein höchst verderblicher
            Irrthum, wenn man die religiöse Belehrung auf spätere Jahre hinausschiebt, in der
            Meinung, die vollständig er¬wachsenen Kinder könnten dann besser unterscheiden und sich
            selbst das Richtige wählen. Wir haben nicht mehr zu wählen; Gott hat für uns gewählt und
            in seiner ewigen Weisheit und Güte uns jene Wahrheiten geoffenbart, die uns zu unserm
            ewigen Heile nothwendig und nützlich sind. Spricht Gott, dann soll der Mensch willig
            annehmen, was er ihm offenbart, aber ihm kein Mißtrauen entgegenbringen und mit dem
            schwachen Lichte seines kurzsichtigen Verstandes die ewige Weisheit Gottes nicht
            meistern wollen.</p>
                                                                                    <p>Zudem hört gerade das Kind mit seinem reinen Herzen und mit seinem
            offenen, ungetrübten Sinne
            
                                                                                        <pb xml:id="d368e1071" facs="B836F1_001_1885_0090.jpg" n="78"/> 
        für die Wahrheit gern und aufmerksam auf die Lehren
            unserer heiligen Religion. Wie gern hört es zu, wenn die Mutter ihm in der rechten Weise
            spricht von Gott, unserm Vater dort oben im Him¬mel, von der Herrlichkeit, die er in
            demselben den guten Menschen bereitet hat? Wie willig nimmt sein Herz es auf, wenn die
            Eltern ihm sagen, daß der liebe Gott durch den Ungehorsam, durch das Böse, die Sünde
            beleidigt wird, daß er sich dagegen sehr freut, wenn ein Kind brav und gut ist, und daß
            er solche brave Kinder einst zu schönen und glückseligen Engeln im Himmel macht? Wie
            auf-merksam lauscht es zu, wenn sie ihm erzählen vom göttlichen Heilande, von dem
            Iesukinde in der Krippe zu Bethlehem, von seinem Gehorsam und Fleiße im Hause zu
            Nazareth, von seiner übergroßen Liebe zu den Kindern, von seinem bittern Tode am Kreuze,
            den er für uns gelitten, um die Kinder und uns Alle ewig selig zu machen? Wie gerne
            nimmt es von ihnen eine gute Mahnung an, betet mit ihnen, faltet andächtig seine kleinen
            Händchen und macht das heilige Kreuzzeichen? Und doch gibt es in un-sern Tagen viele
            Eltern, die ihren Kindern keinen solchen Unterricht und keine solche Anleitung geben.
            Kommen ja doch manchmal Kinder in die Schule, welche nicht wissen, wie man sich mit dem
            Kreuz-zeichen bezeichnet, die das Vaterunser, Ave Maria
            
                                                                                        <pb xml:id="d368e1073" facs="B836F1_001_1885_0091.jpg" n="79"/> 
        und andere Gebete nicht
            verrichten können. Gibt es nicht unzählig viele Eltern, die ihren Kindern nie etwas
            erzählen vom göttlichen Heilande und seiner lieben Mutter Maria oder die, wenn sie
            einmal von Gott, dem Himmel und der Hölle reden, dies in einer so widerlichen Weise
            thun, daß es keinen ver-edelnden Eindruck auf die Kindesseele macht? Gibt es nicht
            viele, viele Eltern, die sich nicht darum kümmern, ob die Kinder auch ihren Katechismus
            und ihre biblische Geschichte lernen, die sie nie ab¬fragen, nie sich versichern, ob die
            Kinder auch auf die Predigt und die Christenlehre Acht geben und Nutzen daraus ziehen?
            Und doch ist gerade dies von großer Wichtigkeit und sollten Vater und Mutter dies als
            eine Lieblingsbeschäftigung ansehen. Der Sonntag mit seinem freien Nachmittage und Abend
            wäre gewiß eine passende Zeit für diesen Unterricht und dieses Examen. Wie viel Segen
            und Freude würde eine solche Uebung den Eltern und den Kin¬dern bringen!</p>
                                                                                    <p>Die Eltern
            dürfen nicht denken: Es ist Sache des Priesters und des Lehrers, unsere Kinder in dem
            religiösen und sittlichen Leben zu unterrichten und die notwendige Anleitung zu geben;
            wir brauchen uns darum nicht zu kümmern. Gewiß ist dies eine ernste und folgenschwere
            Pflicht der Priester und Lehrer. Aber es ist auch eine Pflicht der Eltern
            
                                                                                        <pb xml:id="d368e1079" facs="B836F1_001_1885_0092.jpg" n="80"/> 
        und
            zwar haben an erster Stelle die Eltern diese Pflicht. Denn den Eltern gehören die
            Kinder; sie sind die ersten Stellvertreter Gottes bei den Kin-dern; darum haben auch an
            erster Stelle sie die Pflicht, die Kinder zu Gott zu führen. Gott wird sie auch vor
            Allem von den Eltern zurückfordern beim Gerichte.</p>
                                                                                    <p>Ein berühmter Mann unserer Zeit, der
            bekannte Centrumsführer Windthorst, hat einmal die Mütter die unabsetzbaren
            Schulinspectoren genannt. Dies Wort hat seine Berechtigung und ist damals mit großer
            Begeisterung aufgenommen worden. Aber mit demselben, ja noch mit größerem Rechte kann
            man die Mütter die ersten Lehrer und Katecheten nennen. Gott hat ihnen dazu besondere
            Gaben ge¬geben und sie durch das Sakrament der Ehe zu diesem Amte mit besonderen Gnaden
            ausgerüstet. Aber auch der Vater soll sich die religiöse Be-lehrung seiner Kinder am
            Herzen gelegen sein lassen. Ein tüchtiger und gewissenhafter Vater besitzt in den Augen
            seiner Kinder eine große Autorität. Sein Wort und seine Mahnung wird darum mit
            beson-derm Nachdruck dem Kinde sich einprägen, und un¬terstützt er die Mutter in ihrem
            Unterrichte und ihrer Erziehung, dann wird auch ihre Bemühung für die Kinder dadurch an
            Kraft und Ansehen be¬deutend gewinnen. Ja, Gott selbst ist es, der in
            
                                                                                        <pb xml:id="d368e1084" facs="B836F1_001_1885_0093.jpg" n="81"/>
       der
            heiligen Schrift vor Allem die Väter mahnt, ihre Kinder zu unterrichten und zu belehren.
            Dem Vater wird die Mahnung gegeben: <q>„Hast du Söhne, so unterweise sie und beuge sie von
                Jugend an"</q> (Ies. Sir. 7, 25). Dem Vater gilt die Verheißung: <q>„Unterweise dei¬nen Sohn,
                    so wird er dich ergötzen und Wonne gewähren deiner Seele"</q> (Spr. Sal. 29, 17). Daß der
            Vater die Kinder in religiösen Dingen unterrichtet, ist dem Propheten Isaias eine Sache,
            die sich ganz von selbst versteht; darum spricht er einfach:<q>„Der Vater thut den Kindern
                deine Wahrheit kund, o Gott" </q>(Is. 38, 19). Dasselbe wird auch in den Sprüchen Salomons
            vorausgesetzt, wenn jedem Sohne die Er¬mahnung ertheilt wird:<q> „Höre, mein Sohn/ auf die
                Lehre deines Vaters" </q>(Spr. Sal. 1, 8). Wie überaus traurig und nachtheilig ist es, wenn
            jetzt so viele Väter gar keine Ahnung mehr von dieser Pflicht haben, welche doch die
            heilige Schrift gerade ihnen so sehr einschärft; wie überaus traurig, daß jetzt so viele
            Väter wegen ihrer Un¬wissenheit in religiösen Dingen zu einer segensvollen Erfüllung
            dieser Pflicht gar nicht mehr fähig sind! Denn Väter, die das Wort Gottes nicht gerne
            hören, die der Predigt nur selten und dann noch unauf¬merksam beiwohnen und nie ein
            gutes Buch lesen, <note>P. Matthias, Die christliche Familie. 6</note>
            
                                                                                        <pb xml:id="d368e1102" facs="B836F1_001_1885_0094.jpg" n="82"/> 
        sind wohl nicht im
            Stande, ihren Kindern einen gediegenen Unterricht in den religiösen und sittlichen
            Wahrheiten zu ertheilen.</p>
                                                                                    <p>3. Wollen christliche Eltern brave, gute Kinder erziehen, so
            müssen sie ein wachsames Auge über dieselben haben. In jedem Kindesherzen fin¬det sich
            die böse Väterlichkeit, die manchmal früh erwacht und bald hier, bald dort in kleinen
            Flam¬men, in Regungen des Zornes, des Neides, des Stolzes und der Sinnlichkeit sich
            offenbart. Zudem drohen dem Kinde auch zuweilen Gefahren von An¬deren, von älteren
            Geschwistern, die vielleicht schon nicht mehr so ganz unschuldig sind; vielleicht
            Ge¬fahren von Dienstboten; denn mehr wie einmal hat ein schlechter Diener oder ein
            schlechtes Dienstmädchen durch seinen Leichtsinn, durch sein Fluchen, durch seine
            unlauteren Reden oder durch noch schlimmere Dinge ein unschuldiges Kind zur Sünde
            angeleitet und für sein ganzes Leben verdorben; vielleicht auch Gefahren von
            Spielgenossen und Schulkameraden. Ach, zuweilen glauben die Eltern, ihr Kind sei noch
            rein und unschuldig wie ein heil. Nloysius oder eine heil. Agnes, und doch ist es schon
            gründlich verdor-ben und zwar verdorben von anderen Kindern, mit denen es täglich umgeht
            nnd sich erholt. Weil also den Kindern so viele Gefahren von Innen und von Außen drohen,
            darum müssen die Eltern über ihre
            
                                                                                        <pb xml:id="d368e1107" facs="B836F1_001_1885_0095.jpg" n="83"/>
        Kinder wachen. Die Eltern wachen über ihr Haus,
            daß es von leiner Feuersbrunst erfaßt und in Asche gelegt werde; sie wachen über ihre
            Hausthiere, daß keines von ihnen verloren gehe oder einen Schaden erleide. Doch es ist
            besser, daß ihr Wohnhaus und all' ihre anderen Gebäude ein Raub der Flammen werden,
            besser, daß sie all' ihreThiere und all' ihr Hab und Gut verlieren, als daß ein einziges
            Kind an seiner Unschuld oder an seinem Glauben gefähr¬det werde. Denn der göttliche
            Heiland spricht: <q>„Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an
                seiner Seele Schaden leidet." </q>Darum müssen die Eltern mehr wachen über ihre Kinder als
            über all' ihre anderen Güter.</p>
                                                                                    <p>Ein erfahrener Geistesmann unserer Zeit fordert mit
            folgenden Worten die christlichen Mütter zur Wachsamkeit über ihre Kinder auf: <q>„Wachet
            über euere Kinder. Ihr müßt allezeit wissen, was sie reden, was sie thun, wenn's möglich
            ist, selbst was sie denken.</q>
               </p>
                                                                                    <p>
                  <q>„Wachet über ihr Lernen und ihre Arbeiten; habet Acht auf
            die Bücher, deren sie sich zum Ler¬nen und zur Unterhaltung bedienen. Haltet fern von
            ihnen all' jene frivolen Erzeugnisse der Tagesliteratur, die ihrer Unschuld so
            verderblich wären. Wachet über ihre Spiele, damit sie <note>6*</note>
            
                                                                                        <pb xml:id="d368e1126" facs="B836F1_001_1885_0096.jpg" n="84"/> 
        nicht beim Spiele in
            Unordnungen und Sünden gerathen.</q>
               </p>
                                                                                      <p>
                  <q>„Wachet über die Orte, wohin sie gehen, über die
            Gesellschaften, die sie haben, über die Dienst-boten, mit denen sie zusammenkommen, über
            die Personen, die im Hause ein- und ausgehen.</q>
               </p>
                                                                                    <p>
                  <q>„Wachet über euer Haus, und verbannt aus
            demselben jedes Bild, jede Statue, jeden Gegen-stand, der in eueren Kindern schlimme
            Leidenschaf¬ten erwecken könnte. Laßt euere Kinder nie Schau¬spielen beiwohnen, welche
            durch Darstellung sünd¬hafter Leidenschaften ihre Seelen anstecken und ver¬weichlichen,
            ihre Sinnlichkeit reizen und aufregen können. Hütet euch, sie in's Theater zu führen.</q>
               </p>
               <p>
                  <q>„Wachet über euch selbst, über euere Reden, damit euere Kinder nicht von euch etwas
            erfahren, was sie nicht wissen dürfen, wenn ihr und euer Gewissen Ruhe haben sollen 1)."</q>
               </p>
               <p>Diese Worte, welche zunächst an die Mütter gerichtet sind, gelten auch den Vätern. Allen
            christ-lichen Eltern, den Vätern und den Müttern, muß man mit allem Ernste an's Herz
            legen: Wachet, wachet über euere Kinder.</p> 
                                                                                    <p>4. Wollen christliche Eltern gute und tugend-
           <note>1) Die Pflichten des christl. Weibes von P.Boone, S. J., Mainz, bei F. Kirchheim. </note>
            
                                                                                        <pb xml:id="d368e1157" facs="B836F1_001_1885_0097.jpg" n="85"/> 
        hafte Kinder erziehen, so dürfen sie bei der Er-ziehung sich nicht zu schwach und
            weichlich zeigen, sondern sie müssen auch den notwendigen Ernst und die notwendige
            Entschiedenheit an den Tag legen. Man klagt in unserer Zeit über den Abgang der
            Charaktere; man klagt, daß die Menschen mit edlem, festem Charakter immer seltener
            werden. Zum Theile kommt das von der zu großen Weich¬lichkeit in der häuslichen
            Erziehung. Wenn man den Kindern all' ihre Wünsche erfüllt, wenn sie Alles, was sie
            wollen, genießen dürfen, wenn sie keinen Gehorsam und keine Selbstüberwindung lernen,
            kann man sich dann wundern, daß sie sich später nicht fest und unerschütterlich zeigen,
            daß sie feige, schwache Sklaven ihrer Launen werden? Darum müssen die Eltern ihre Kinder
            anleiten, sich in kleinen Dingen zu überwinden; sie müssen insbesondere von ihnen ganz
            entschieden einen pünktlichen Gehorsam ver¬langen.</p>
                                                                                    
                                                                                   <p>Was wird aus einem Menschen, der
            keine Selbst-überwindung und keinen Gehorsam gelernt hat? Ein Spielball seiner
            Leidenschaften. Das Kind, das jetzt so sanft und ruhig in seiner Wiege schlummert, wird
            heranwachsen, und dann wird es in seinem Herzen nicht immer so ruhig bleiben, wie es
            jetzt in demselben ist. Versuchungen und Stürme wer¬den sich in demselben erheben. Das
            Kind muß
            
                                                                                       <pb xml:id="d368e1162" facs="B836F1_001_1885_0098.jpg" n="86"/>
        hinaustreten in's Leben und dort warten zahl-lose Kämpfe auf dasselbe.
            Dann wird es überaus traurig bestellt sein um das Kind, wenn es nie zur
            Selbstüberwindung angehalten worden ist; es muß in den Versuchungen und Stürmen elend zu
            Grunde gehen. Ein Schiff ohne Steuermann wird auf dem Meere reget- und ziellos
            einherfahren, wird von den Stürmen hin und her getrieben werden, bis es endlich an einer
            Felsklippe zerschellt. Das ist ein Bild, wie es dem Menschen ergeht, der in der Jugend
            nicht gelernt hat, sich selbst zu über¬winden, an seine Launen und Wünsche die kräftige
            Hand des Steuermannes zu legen, um sie entschie¬den zu überwinden.</p>
                                                                                    <p>Darum dürfen, wie
            schon gesagt, Eltern ihren Kindern, nicht all' ihre Launen und Wünsche er¬füllen; sie
            müssen darauf bestehen, daß die Kinder ihren Befehlen — sie dürfen natürlich nichts
            Uner¬laubtes befehlen — willigen und pünktlichen Gehor¬sam leisten. Wollen die Kinder
            nicht gehorchen, dann müssen die Eltern strafen; sie dürfen nicht vor dem Gebrauche der
            Zuchtruthe zurückschrecken. Sie sollen gewiß keine Tyrannen ihrer Kinder sein. Gott
            bewahre! Sie sollen vielmehr ihre Kinder von Herzen lieben, und die Kinder sollen auch
            wissen, daß die Eltern sie lieben. Aber diese Liebe darf keine blinde und lahme sein,
            darf die Eltern nicht
            
                                                                                        <pb xml:id="d368e1167" facs="B836F1_001_1885_0099.jpg" n="87"/> 
        zu sträflicher Nachsicht verleiten. Denn, <q>„wer die Ruthe
            spart (d. h. wo sie nothwendig ist), der hasset seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, hält
            ihn beständig in Zucht" </q>(Spr. 13, 24). Eltern, die bei der Erziehung nicht die
            nothwendige Entschiedenheit besitzen und nicht stra¬fen, wo es Pflicht ist, erleben
            gewöhnlich nur Kum¬mer und Verdruß an ihren Kindern. Man denke doch nur an Heli im alten
            Testamente. Hell kannte wohl auch die Unarten und großen Fehler seiner Söhne; er
            mißbilligte sie auch und machte ihnen Vorwürfe darüber; tadelnd sprach er zu ihnen:
           <q>„Warum thut ihr solche Dinge? Das Gerücht ist nicht gut, das ich höre, daß ihr das Volk
               des Herrn zur Sünde verleitet." </q>Aber bei diesem Tadel blieb es auch; er war zu schwach
            und nachgiebig seinen bösen Söhnen gegenüber. Darum traf ihn und seine Söhne die
            bekannte Strafe.</p>
                                                                                    <p>Dem Heli ähnlich sind jene schwachen Eltern, die wohl schelten und
            drohen, wenn die Kinder einen Fehler begehen, aber nie strafen, mag der Sohn oder die
            Tochter auch hundertmal eine exem¬plarische Strafe verdient haben. All' diese Drohungen
            und Scheltworte nützen nichts; es sind nur blinde Schüsse, die vom Kinde bald gar nicht
            mehr beach¬tet werden. Manche Eltern sollten zehnmal weniger drohen und poltern, dagegen
            einfach pünktlichen
            
                                                                                        <pb xml:id="d368e1179" facs="B836F1_001_1885_0100.jpg" n="88"/>
            Gehorsam verlangen und zwar Gehorsam auf das erste Wort. Wird dieser
            Gehorsam in schuldbarer Weise nicht geleistet, dann soll Strafe eintreten. <q>„Wer nicht
            hören will, der soll fühlen."</q>
               </p>
               <p>Es gibt aber auch Eltern, die zu viel strafen, die aus
            Rachsucht strafen, unter einer wahren Fluth von Schimpfworten und Flüchen, die über ihre
            er¬hitzten und glühenden Lippen strömen. Solche Strafen bessern das Kind nicht,
            erbittern es im Gegentheil und ersticken in seinem Innern alles Ehrgefühl. Und das ist
            ein großer Nachtheil für das arme Kind. Die Eltern sollen nie im gro¬ßen Zorn, nie aus
            Rachsucht strafen. Das Kind muß es fühlen, daß die Eltern nur aus Liebe strafen, nur in
            der Absicht, um zu bessern.</p>
                                                                                    <p>Andere Eltern fehlen, indem sie das Kind stra¬fen, wo es
            keine Strafe verdient, z. B. wenn es aus Unvorsichtigkeit ein Glas zerbrochen, dagegen
            es ungestraft lassen, wenn es gelogen, mit den Ge-schwistern Streit angefangen oder gar
            gestohlen hat. Daß bei einem solchen Verfahren das sittliche Be-wußtsein des Kindes
            unentwickelt bleiben muß, liegt auf der Hand.</p>
                                                                                    <p>Es fehlen auch jene Eltern, die bald nach
            der Strafe dem Kinde gegenüber Reue an den Tag legen und durch allerlei Schmeicheleien
            gleichsam um seine Gunst betteln. Sie sollen dem Kinde
            
                                                                                        <pb xml:id="d368e1193" facs="B836F1_001_1885_0101.jpg" n="89"/> 
        gewiß nichts nachtragen
            und sich nicht längere Zeit hart und abstoßend gegen dasselbe zeigen; aber sie sollen
            sich auch nicht als Schwächlinge benehmen und sich nicht durch Liebkosungen und allerlei
            Schmeicheleien um das Wohlwollen des bestraften Kindes bewerben. Es würde dann glauben,
            es sei ihm Unrecht geschehen, und so wäre der Zweck der Strafe vereitelt.</p>
                                                                                    <p>Ebenso ist es
            ein Fehler, wenn Vater und Mut¬ter nicht zusammenhalten, wenn der eine Theil das Kind in
            Schutz nimmt, wenn es von dem andern eine gerechte Strafe erhalten hat. Hier gilt auch:
            Einheit macht stark. Nur Eltern, die bei der Er¬ziehung einheitlich zu Werke gehen,
            werden ihre Bemühungen mit Erfolg gekrönt sehen. Es kann ja hier und da einmal
            vorkommen, daß Vater und Mutter bezüglich der Schuld des Kindes und der zu ertheilenden
            Strafe verschiedene Meinung haben. Aber das sollen sie allein mit einander besprechen.
            Die Kinder dürfen davon nichts merken. Es ist immer das Beste, wenn dieselben eine
            Disharmonie, eine Uneinigkeit zwischen Vater und Mutter für unmöglich halten.</p>
                                                                                    <p>Endlich
            ist es ein großer Fehler und ein unbe-greiflicher Unverstand, wenn die Eltern ein
            unarti¬ges Kind gegen den Lehrer oder Katecheten in Schutz nehmen, sobald es von diesem
            eine Strafe erhalten,
            
                                                                                        <pb xml:id="d368e1201" facs="B836F1_001_1885_0102.jpg" n="90"/>
                                                                                        wenn sie dann in Schimpfworte gegen diese aus-brechen oder
            selbst zum Arzt und Bürgermeister gehen, um den Lehrer zu verklagen. Die thörichten
            Eltern merken gar nicht, daß sie auf dem besten Wege sind, aus ihrem Kinde einen
            eigensinnigen Trotzkopf zu erziehen, von dem sie selbst später nur eine rohe,
            unmenschliche Behandlung zu erwarten haben. Sollte das Kind wirklich einmal in
            unge¬rechter Weise in der Schule gestraft worden sein, so wird es wohl immer das Klügste
            von den Eltern sein, zu sagen: Hast du es jetzt auch nicht verdient, so hast du es sonst
            schon zehnmal verdient und hast keine Strafe bekommen. Nimm es also für diese Fälle an
            und sei von dieser Stunde an wieder ganz aufmerksam und willig gegen deinen Lehrer.</p>
                                                                                    <p>5.
            Wollen die Eltern ihre Kinder gut und christlich erziehen, so müssen sie endlich viel
            für die-szfben beten. Unternimmt der Christ ein wichtiges Geschäft, so betet er und
            empfiehlt den glücklichen Ausgang desselben der Güte Gottes. Steht die Saat des
            Landmannes im Frühjahr hoffnungsvoll da, so betet er zu Gott, er möge sie schützen vor
            Hagcl und anderem schädlichen Unwetter. So lehrt uns überhaupt der Glaube, in allen
            Anliegen zum Ge¬bete unsere Zuflucht zu nehmen. Sollten darum nicht auch die Eltern
            fleißig beten, daß die Sorg¬falt, die sie auf eine gute Erziehung ihrer Kinder 
            
                                                                                        <pb xml:id="d368e1207" facs="B836F1_001_1885_0103.jpg" n="91"/>
            verwenden, reichlich von Gott gesegnet werde? Auch hier gelten die Worte der heiligen
            Schrift:<q>„Wenn der Herr das Haus nicht baut, arbeiten die Bauleute umsonst, und wenn
                der' Herr die Stadt nicht behütet, wachen die Hüter umsonst" </q>(Ps. 126, 1). Und die Worte
            des Weltapostels: <q>„Weder der ist etwas, wel¬cher pflanzt, noch der, welcher begießt,
                sondern Gott, welcher dasGedeihen gibt"</q> (I Cor. 3, ?). Mögen die Eltern auch belehren,
            mahnen, strafen und wachen, fehlt ihren Bemühungen der Segen Gottes, so werden sie doch
            nicht den ge¬wünschten Erfolg haben. Den Segen Gottes aber muß man sich durch Gebet
            erflehen. Das Gebet ist das wirksamste Mittel der Erziehung, jenes Mittel, das allen
            übrigen ihre Kraft und Wirksamkeit schenkt. Darum sollen Eltern täglich für die Kinder
            beten; sie sollen sie oft dem göttlichen Kinderfreunde, dem heiligen Herzen Jesu
            empfehlen, zumal bei dem hoch¬heiligen Meßopfer. Der große Dulder Job, dieser heilige
            Mann, brachte jeden Tag für seine Kinder Opfer dar, um ihre Sünden, die sie vielleicht
            be¬gangen, zu sühnen und Gnade für sie zu erflehen. Das hochheilige Meßopfer ist
            unendlich kostbarer als alle Opfer Jobs und alle Opfer des alten Bun¬des. Darum sollen
            christliche Eltern oft dieses Opfer für ihre Kinder dem lieben Gott aufopfern, oft
            
                                                                                        <pb xml:id="d368e1215" facs="B836F1_001_1885_0104.jpg" n="92"/>
            auch in der heiligen Messe die Communion em-pfangen und nach derselben dann mit der
            ganzen Liebe ihres Herzens ihre Kinder dem göttlichen Hei-lande empfehlen. Auch sollen
            sie nicht unterlassen, dieselben häufig unter den Schutz der allerseligsten Jungfrau
            Maria und des heiligen Joseph zu stellen und eine große Andacht zu den Schutzengeln und
            Namenspatronen ihrer Kinder zu unterhalten. Wenn brave Eltern in dieser Weise mit
            Ausdauer für ihre Kinder beten, so muß das reiche Früchte des Heiles für dieselben
            bringen. Sollte sogar ein Kind auf Abwege sich verirrt haben, das gute und beharrliche
            Gebet braver Eltern wird eine Macht sein, welche es mit der Zeit wieder zu Gott
            zurückführt. So hat die heil. Monika durch ihre Gebete und Thränen ihrem sündigen
            Augustinus die Gnade einer gründlichen Bekehrung ersteht. Ihr Sohn ist einer der größten
            Heiligen und Lehrer der Kirche ge¬worden.</p>
            </div>
         </div>
            
         <pb xml:id="d368e1220" facs="B836F1_001_1885_0105.jpg" n="[93]"/>
            <div xml:id="d368e1222" type="chapter">
                <head>IV.</head>
                <head>Die Pflichten der Kinder gegen die Eltern.</head>
            <p>
               <hi>A</hi>ls Solon, der berühmte Gesetzgeber Griechen-lands, seine Gesetzgebung vollendet hatte,
            machte man ihm einen Vorworf darüber, daß er gar nichts über das Verhalten der Kinder
            gegen die Eltern verordnet habe, und besonders darüber, daß seine Gesetzgebung gar leine
            Strafen für die Unehrer-bietigkeit und den Ungehorsam der Kinder gegen die Eltern
            enthalte. Da gab Solon zur Antwort: „Ich habe absichtlich darüber nichts bestimmt, weil
            ich es für unmöglich halte, daß ein Kind gegen seinen Vater oder gegen seine Mutter
            unehrerbietig sich betrage." Das ist eine Antwort, welche wohl manche Kinder unter uns
            tief beschämt.</p>
                <p>Eigentlich sollte es für die Kinder keiner Er-mahnung und keines Gebotes
            bedürfen, um sie an-zuspornen, die Eltern zu ehren und zu lieben, und all' ihre
            Psiichten gegen dieselben treu und gewissen-haft zu erfüllen; so eng und innig ist ja
            das Band, das die Kinder mit den Eltern vereinigt. Doch leider zeigt die tägliche
            Erfahrung, daß so
           
                    <pb xml:id="d368e1238" facs="B836F1_001_1885_0106.jpg" n="94"/>
    viele Fehler gegen die Liebe und Ehrfurcht, welche die Kinder
            ihren Eltern schulden, vorkommen, daß es verhältnißmäßig so wenig Kinder gibt, die sich
            ernstlich bemühen, das vierte Gebot Gottes mit großer Treue zu erfüllen. Die Kinder zu
            dieser Treue zu bewegen, das ist der Zweck unserer fol-genden Erwägung. Wir wollen 1.
            einige Beweg¬gründe betrachten, welche die Kinder aneifern sollen, ihre Pflichten gegen
            die Eltern gewissenhaft zu er¬füllen, und dann 2. sehen, worin diese Pflichten bestehen.</p>
                    
            <div xml:id="d368e1241" type="section">
                <head>I.</head>
                <p>1. Alle Kinder, auch die erwachsenen und älteren, sollen ihre Pflichten gegen die
            Eltern treu erfüllen. Denn das verlangt Gott von ihnen. Es ist dies ein ernstes Gebot
            seines un¬endlich heiligen und gerechten Willens. Er hat dieses Gebot in das Herz des
            Kindes hinein¬geschrieben. Denn dasselbe fühlt sich, so lange es natürlich und
            unverdorben ist, angetrieben, die Eltern zu lieben und gut gegen sie zu sein. Aber Gott
            hat dieses Gebot auch mit ausdrücklichen Worten den Kindern eingeschärft; denn in der
            feierlichsten Weise, unter Blitz und Donner hat er vom Berge Sinai herab zu einem jeden
            Kinde ge¬sprochen:<q>„Du sollst Vater und Mutter
            
                <pb xml:id="d368e1250" facs="B836F1_001_1885_0107.jpg" n="95"/>
    ehren, auf daß es dir wohl ergehe
            und du lange lebest auf Erden."</q>
               </p>
                <p>Dieses Gebot hat Gott an vierter Stelle gege¬ben. Das
            allein ist schon von großer Bedeutung. Kaum hat er auf die Pflichten hingewiesen, die
            man gegen ihn selbst, den Schöpfer und höchsten Herrn Himmels und der Erde hat, kaum hat
            er verlangt, daß man ihm dienen, ihn allein anbeten solle, daß man seinen heiligen Namen
            nicht durch Fluchen und Lästern verunehre, daß man seinem Dienste einen Tag in jeder
            Woche ausschließlich weihe, so wendet er sich sofort an die Kinder und fordert sie auf,
            ihre Pflichten gegen die Eltern treu zu erfüllen. Sollte man nicht glauben, Gott hätte
            vorher den Menschenmord, der ja ein wahrhaft schreckliches Verbrechen ist, oder die
            Unkeuschheit, die ja so verderbliche Folgen für die Menschheit mit sich bringt,
            verbieten sollen? Wenn er aber nun zuerst die Pflichten gegen die Eltern einschärft, so
            geht daraus klar hervor, welch' hohen Werth er auf dieselben legt, und wie ernst er
            verlange, daß die Kinder ihnen gewissenhaft nachkommen.</p>
                <p>Dieses Gebot ist weiter ein ganz
            allgemei-nes. Es gilt für alle Kinder, für das Fürsten-kind, das dereinst eine Krone
            tragen soll, wie für das Kind des Taglöhners, das später mit schwie-riger Hand sich sein
            Vrod verdienen muß, für die 
            
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                    Tochter und den Sohn, der schon achtzehn oder zwanzig
            Jahre alt ist, wie für das acht- oder zehn-jährige Kind, das noch die Elementarschule
            besucht, für den Sohn, der sich herrliche Kenntnisse gesam-melt hat und in Würde und
            Ansehen steht, wie für das Kind, das in Bezug auf geistige Tüchtig¬keit den Eltern bei
            weitem nicht gleichkommt. Es gilt dies Gebot, so lange die Eltern leben; ja auch dann
            noch, wenn der Tod sie schon längst von den Kindern getrennt hat und ihre Gebeine im
            Grabe ruhen. Es gilt so lange, als unsere Herzen zu lieben, als sie dankbar zu sein
            vermögen, so lange, bis sie im Tode brechen.</p>
                <p>2. Alle Kinder, auch die erwachsenen und
            älteren, sollen die Eltern ehren und ihre Pflichten gegen sie treu erfüllen; denn sie
            sind die Stellver-treter des unendlichen Gottes. Gott wirkt vielfach nicht direct und
            unmittelbar nach Außen, sondern durch Mittelursachen. Er könnte im Früh-jahre unsere
            Felder in einem Augenblicke mit den üppigsten Saaten, unsere Gärten mit den schönsten
            Blumen schmücken, aber er thut es nicht. Der Landmann muß zum Pfluge greifen und mit
            Mühe und großer Anstrengung das Erdreich bebauen. An diese Arbeit knüpft dann Gott den
            Segen seiner schöpferischen Thätigkeit. Ebenso könnte er durch ein Wort seiner Allmacht
            in einem Augenblicke den
            
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                    Menschen als kräftigen Jüngling, als starke Jung¬frau
            in's Dasein rufen, könnte sie ausstatten mit herrlicher Bildung, mit vollkommen
            entwickelten vor¬züglichen Gaben des Herzens und Geistes; aber in seiner Weisheit und
            Güte thut er dies nicht; er bedient sich zu diesem Zwecke der Eltern. Durch die Eltern
            schenkt er dem Menschen das Leben; durch die Eltern nährt und kleidet er das Kind; durch
            die Eltern schützt und erhält er dasselbe; durch die Eltern erzieht er es für das
            spätere Leben, leitet es zum Guten an. Die Eltern sind die Diener Gottes, sie vertreten
            bei dem Kinde seine Stelle. Sie sind für dasselbe hier auf Erden die ersten Majestäten
            von Gottes Gna¬den. Das fühlt das Kind auch aus sich selbst heraus. Darum steht in
            seinen Augen Niemand höher als der Vater und die Mutter. Was diese sagen, das gilt ihm
            als unumstößliche Wahrheit; was sie thun, das gilt ihm als Gesetz und Norm für das
            eigene Handeln.</p>
                <p>Gegen den Stellvertreter eines irdischen Königs haben die Unterthanen
            besondere Pflichten; sie dürfen denselben nicht ignoriren und gleichgiltig gegen ihn
            sein, dürfen ihn nicht behandeln wie einen gewöhnlichen Unterthan. Das würde der König
            als eine Verachtung und Beleidigung seiner eigenen Majestät ansehen und bestrafen.
            Müssen
            <note>P. Matthias, Die christliche Familie. 7</note>
                    
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                    nun nicht die Kinder ihre Eltern,
            diefe Stellver¬treter des Königs Himmels und der Erde, noch mehr vor den übrigen
            Menschen auszeichnen? Wer¬den sie nicht besondere Pflichten gegen dieselben zu erfüllen
            haben? Und wird Gott nicht darauf achten, daß sie dieselben mit großer Treue erfüllen?
            Oder kann man annehmen, daß er, vor welchem der mächtigste Fürst dieser Erde schwach ist
            wie der Wurm im Staube, es gleichgiltig ansehe, daß man die Eltern, seine ersten
            Stellvertreter beim Men¬schen, verachte, daß man frech und leichtsinnig die Pflichten
            gegen sie mit Füßen trete? Unmöglich. Mit Recht sagt darum der heilige Gregor von
            Nazianz: <q>„Der Vater ist seinen Kindern an Gottes Statt gesetzt. Es gebührt ihm darum
            Ehrfurcht als Stellvertreter des Herrn, und kein Kind kann seine Eltern verunehren, ohne
            daß Gott selbst verun-ehrt wird."</q> Und der heil. Thomas von Aquin, dieser erleuchtete
            Lehrer unserer Kirche, sagt gerade¬zu: <q>„Die Kinder sind ihren Eltern eine größere
            Hochachtung schuldig als selbst den Fürsten und Königen; denn die El¬tern haben ihnen
            das Leben gegeben."</q> 
               </p>
                <p>3. Alle Kinder, auch die erwachsenen und älteren, sollen ihre
            Pflichten gegen die Eltern treu erfüllen; das verlangt von ihnen die Dank-
            
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            barkeit. Reicht man einem Armen ein Almosen, ein Stücklein Brod, so spricht er dafür
            seinen Dank aus. Besucht man einen Kranken, der elend auf seinem Schmerzensbette liegt,
            und bringt ihm eine kleine Labung, so wird er davon ganz gerührt und mit Thränen in den
            Augen dankt er für unsere Liebe und Theilnahme. Hätte der Kranke für den liebe¬vollen
            Besucher kein Dankeswort, äußerte er sich roh und herzlos gegen denselben, so würde man
            mit vollem Rechte ein solches Benehmen mißbilligen und strenge tadeln. Denn Undank ist
            häßlich, über¬aus häßlich am Menschen. Darum sagen wir auch: schwarzer Undank.</p>
                <p>Wie
            unbedeutend nun erscheint eine solche kleine Wohlthat gegen all' das Gute, was die
            Eltern den Kindern erweisen. Ja, ihr Kinder, die ihr diese Zeilen leset, denket doch
            einmal nur einige Augen¬blicke darüber nach, was die Eltern Alles für euch gethan haben.
            Euere Mutter hat euertwegen manche Beschwerden und Schmerzen ertragen; sie hat euch mit
            einer unaussprechlichen Zärtlichkeit und Sorg¬falt gepflegt, da ihr in jeder Beziehung
            schwach, hilflos, armselig wäret; ohne ihre Sorgfalt wäret ihr in wenigen Tagen eines
            elenden Todes gestor¬ben. Sie hat euch auf ihren Armen getragen und mit ihren
            Liebkosungen überhäuft, noch ehe ihr sie verstehen konntet; sie hat euertwegen auf
            manche
            <note>7*</note>
                    
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                    Freuden und Annehmlichkeiten verzichtet und viele Stunden der Nacht
            euch geopfert. Sie hat mit Angst und bangem Herzen an euerem lleinen Bett¬lein gesessen,
            als eine ernste Krankheit euch in Todesgefahr brachte. Sie hat euch zuerst auf eueren
            lieben Gott aufmerksam gemacht, der über den Sternen wohnt, hat euch zuerst euere
            kleinen Händ-chen gefaltet und euch zu euerem Vater im Himmel beten gelehrt. Sie war
            euere erste Führerin, euere erste Lehrerin und Erzieherin, die erste und liebe-vollste
            Beschützerin in euerer Jugend; sie war für euch ein sichtbarer Engel, den Gott euch zur
            Seite gegeben, der nur an euch dachte, nur für euch lebte. Ja das theuere Wort „Mutter"
            erinnert uns an Wohlthaten, die wir nicht zählen, an eine Liebe, die wir nie ganz
            verstehen und vergelten können.</p>
                <p>Denket ferner, ihr Kinder, an das, was euer Vater für
            euch gethan hat. Jahre lang hat er für euch die Kräfte seines Geistes und die Stärke
            seines Körpers geopfert; Jahre lang ist von feiner Stirne der Schweiß in schweren
            Tropfen für euch herab¬geflossen. Um euch Nahrung und Kleidung bieten zu können, um für
            euere Zukunft zu sorgen, hat er am Morgen sich früh von seinem Lager erhoben, um sich an
            seine anstrengende Arbeit zu begeben. Wenn dann während des Tages manchmal vor Müdigkeit
            sein Arm sinken wollte, so war es
            
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                    der Gedanke an euch, der ihn wieder von Neuem
            anspornte, mit großem Fleiße weiter zu arbeiten. Kam er dann am Abend matt und
            abgearbeitet nach Hause, so schwand der kalte Ernst von seinem Angesichte, und er vergaß
            alle Last und Anstrengung des Tages, wenn ihr bei seiner Ankunft ihm ent-gegeneiltet und
            ihn mit kindlicher Freude begrüßtet. So haben euch euere Eltern geliebt und euer Leben
            mit Wohlthaten aller Art überhäuft; so find sie nach Gott euere größten Wohlthäter
            geworden. Ist es nun da nicht überaus billig und recht, daß ihr sie von Herzen liebet,
            daß ihr euer ganzes Leben lang euere Pflichten gegen sie mit heiliger Freude und
            opferwilliger Treue erfüllet und so euere große Dankesschuld gegen sie abzahlet? Solltet
            ihr da nicht ernstlich euch bestreben, stets mit Gewissen¬haftigkeit der Mahnung des
            heiligen Geistes nach¬zukommen: <q>„Ehre deinen Vater von deinem ganzen Herzen und vergiß
            nicht die Schmerzen deiner Mutter. Gedenke, daß du ohne sie nicht geboren wärest, und
            thue ihnen Gutes, so wie auch sie dir erwiesen haben"</q> (Sir. 7, 29 f.). </p>
                <p>4. Alle Kinder,
            auch die erwachsenen und älteren, sollen treu und gewissenhaft ihre Pflichten gegen die
            Eltern erfüllen; thun sie es nicht, so wer¬den sie überhaupt keine sittlich guten
            
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            Menschen werden, und es wird die Ordnung und das Wohl der ganzen Gesellschaft dadurch
            in bedenklicher Weise gestört. Die wahre, ächte Tugend ist wie eine edle, zarte Blume,
            die nur in einem guten Boden gedeihen will. Das Herz ist der Boden für die Tugend. Je
            mehr man das Herz gut bearbeitet, je sorgfäl¬tiger man es veredelt, desto empfänglicher
            wird es für die Tugend, desto leichter werden die christlichen Tugenden in ihm zur
            schönen Vlüthe sich entwickeln. Ist aber das Herz unedel, roh und verwildert, so
            verliert es mehr und mehr die Empfänglichkeit für ein tugendhaftes Leben; es ist in ihm
            kein Platz mehr für dasselbe. Sind es nun nicht aber die Sünden gegen das vierte Gebot,
            die fortgesetzten, nicht bereuten Sünden gegen die Eltern, welche das Herz des Kindes in
            hohem Grade unedel und roh machen? Muß nicht das Herz eines Kindes, das seine Eltern,
            welche ihm das Leben geschenkt haben und seine größten Wohlthäter hienieden sind, nicht
            liebt, sondern sie schwer kränkt und hart behandelt, muß nicht das Herz eines solchen
            Kindes immer mehr verwildern und so unfähig werden für ein gutes, christliches Leben?
            Zeigt das nicht auch die tägliche Erfahrung? Betrachtet man sich jene Kin¬der, jene
            Söhne und Töchter, die rauh und grob mit ihren Eltern umgehen, ihnen bei jeder Gelegen-
            
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            heit böse und trotzige Antworten geben, keinen Ge-horsam gegen sie kennen und sie fast
            täglich schwer beleidigen, welche Tugenden kann man an ihnen bewundern? Lieben sie Gott
            und beten sie deshalb gern? Sind sie eingezogen, gefällig und liebevoll gegen ihre
            Mitmenschen? Keineswegs. Wie kann auch ein Kind, das kein gutes Wort mit seinen
            sichtbaren Eltern redet, gut beten, d. h. gut reden mit seinem unsichtbaren Vater im
            Himmel? Wie kann ein Kind, das gegen die Eltern, die seinem Herzen doch so nahe stehen,
            und die es mit Wohl-thaten aller Art förmlich überhäuft haben, sich kalt, hart,
            unfreundlich und lieblos zeigt, wie kann es freundlich, gefällig, zuvorkommend und
            liebevoll sein gegen seine übrigen Mitmenschen, die ihm viel fremder gegenüber stehen,
            und gegen die es gar leine oder doch wenigstens keine so große Pflicht der Dankbar¬keit
            zu erfüllen hat wie gegen die Eltern? Darum klagt man gewöhnlich auch allgemein über das
            Be¬tragen eines solchen Kindes. Es hat aufgehört, ein gutes Kind zu sein, und damit hat
            es aufgehört, ein guter Mensch und ein tugendhafter Christ zu sein. Ja die Erfahrung
            bestätigt nur zu sehr die schönen Worte des heil. Petrus Chrysologus: <q>„Nimm den Strahl
            von der Sonne und er wird nicht mehr leuchten! trenne den Bach von der Quelle und er
            wird versiegen; schneide den Ast vom Baume und
            
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                    er wird nicht mehr grünen; reiße
            das Glied vom Leibe und es wird nicht mehr leben; nimm dem Kinde die Ehrfurcht gegen die
            Eltern und es hört auf, ein Kind, ein Sohn, eine Tochter zu sein."</q> Man kann hinzufügen:
            es hört auf, ein wahrer Mensch und ein ächter Christ zu sein. Vernachlässigen darum die
            Kinder immer mehr und schwerer ihre Pflichten gegen die Eltern, werden die Sünden gegen
            das vierte Gebot immer allgemeiner, so muß das ein großes Verder¬ben für die ganze
            Gesellschaft sein. Härte, Rohheit und Grausamkeit müssen dann immer mehr um sich
            greifen; die Auctorität und jede von Gott gesetzte Obrigkeit muß dann immer mehr
            verachtet werden. Denn der, welcher seine Eltern nicht ehrt und ihnen keinen Gehorsam
            leistet, wird auch der Erste sein, der sich über die Befehle und Anordnungen seiner
            anderen Vorgesetzten frech hinwegsetzt. So hat also die treue Erfüllung des vierten
            Gebotes ihre hohe Bedeutung für das sittliche Leben des einzelnen Menschen und für das
            Wohl der ganzen Gesellschaft.</p>
                <p>5. Alle Kinder, auch die erwachsenen und älteren, sollen
            treu und gewissenhaft ihre Pflichten gegen die Eltern erfüllen; denn dadurch verdie¬nen
            sie sich in besonderer Weise den Se¬gen Gottes. Er selbst hat ihnen denselben
            ver¬sprochen. Zahlreich und gar schön sind diese Ver-
            
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                    heißungen des Segens, die
            er den braven, guten Kindern gegeben hat. <q>„Wie Einer, der fich Schätze sammelt, so ist
            der, welcher seine Mutter ehrt" </q>(Sir. 3,2). Ein Solcher sammelt sich Schätze für Zeit
            und Ewigkeit, Schätze von übernatürlichen Gnaden und auch reichen Segen für seine
            zeitlichen Angelegenheiten.</p>
                <p>Denken wir noch einmal hier an das vierte Gebot Gottes.
            Gewiß sind alle Gebote, wenn sie treu beobachtet werden, ein großer Segen für die
            Menschen; aber nur an ein einziges Gebot, nämlich an das vierte, hat Gott ausdrücklich
            mit bestimmten, klaren Worten die Verheißung seines Segens ge-knüpft. Er sagt: <q>„Du
            sollst Vater und Mut¬ter ehren, auf daß es dir wohl ergehe und du lange lebest auf
            Erden."</q> 
               </p>
                <p>An einer anderen Stelle verspricht der Herr Hilfe in der Vedrängniß und
            Vergebung der Sün¬den den Kindern, welche die Eltern bis in ihr Alter gut behandeln. Die
            herrliche Stelle lautet: <q>„Mein Kind! nimm dich des Vaters an im Alter und betrübe ihn
            nicht, so lange er lebt. Wenn seine Sinne abnehmen, so halte es ihm zu Gute und verachte
            ihn nicht in deiner Kraft; denn die Wohlthat, welche du deinem Vater er¬weisest, wird
            nimmer vergessen. Das
            
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                Böse, das du von deiner Mutter erdul-dest, wird dir mit
            Gutem vergolten wer¬den. Am Tage der Trübsal wird deiner gedacht werden, und wie Eis bei
            schönem Wetter schmelzen deine Sünden" </q>(Sir.3, 14—18).</p>
                <p>Nur an eine Verheißung will ich
            noch erinnern und möchte ich besonders die jungen Eheleute bitten, dieselbe sich recht
            zu Herzen zu nehmen.<q>„Wer seinen Vater ehrt, wird Freude an sei¬nen Kindern erleben und
            an dem Tage, da er betet, erhört werden" </q>(Sir. 3, 6). Ihr, christlichen Eheleute, wollet
            gewiß später an eueren Kindern Freude erleben; ihr heget den Wunsch, daß sie später
            euere Ehre, euer Trost, euere Stütze seien; ihr habet das Verlangen, daß Gott bei
            wichtigen Angelegenheiten euere Gebete erhöre. Nun so haltet eueren Vater, euere Mutter,
            euere Schwiegereltern in hohen Ehren, behandelt sie mit großer Geduld, Sanftmuth und
            zarter Rücksicht, und das, was ihr so sehr verlangt, wird euch ge¬währt. Gott selbst hat
            es euch versprochen, und er hält sein Versprechen.</p>
                <p>Isaak war ein guter, liebevoller Sohn
            gegen seine Eltern, und reichlich hat ihn Gott dafür ge¬segnet. Die heilige Schrift
            sagt: <q>„Isaak säete in demLande und erntete hundertfältig;
            
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                    denn der Herr segnete
            ihn" </q>(I Mos. 26,12).</p>
                <p>Joseph war ein guter, liebevoller Sohn gegen seine Eltern, und Gott
            hat ihm dies reichlich gelohnt. Eine Zeit lang zwar prüfte er ihn, dann aber er¬höhte er
            ihn um so mehr, bekleidete ihn mit dem Schmucke der höchsten Ehren und überhäufte ihn
            mit großen Reichthümern. Tobias war ein guter, liebevoller Sohn gegen seine Eltern, und
            der Herr hat ihm in reichem Maße Alles vergolten, was er seinen Eltern Gutes gethan. Es
            heißt von ihm: <q>„Er bekam die ganze Erbschaft des Hau¬ses Raguel und sah seine
            Kindeskinder bis in das fünfte Geschlecht, und nach¬dem er neunundneunzig Jahre in der
            Furcht des Herrn vollbracht hatte, be¬gruben sie ihn. Aber seine ganze Ver¬wandtschaft
            und sein ganzes Geschlecht verharrte im guten Leben und heiligen Wandel, so daß sie
            sowohl Gott als den Menschen und allen Bewohnern des Lan¬des angenehm waren"</q> (Tob. 14,
            15—17).</p>
                <p>Wenn nun Gott diejenigen Kinder, welche treu ihre Pflichten gegen die Eltern
            erfüllen, in diesem und im anderen Leben reichlich dafür belohnt, so hat er aber auch
            anderseits jenen Kindern, die ihre Eltern viel und schwer beleidigen, mit seinem Zorne
            und Fluche gedroht. <q>„Verflucht sei, wer
            
                <pb xml:id="d368e1362" facs="B836F1_001_1885_0120.jpg" n="108"/>
                    seinen Vater und Mutter nicht ehrt, und
            alles Volk soll sagen: Amen"</q> (V Mos. 27, 16). — Darum ergeht in der heiligen Schrift an
            jedes Kind die Mahnung: <q>„Gedenke deines Vaters und deiner Mutter, auf daß nicht Gott
            etwa deiner vergesse, du lie¬ber nicht geboren zu sein wünschest und den Tag deiner
            Geburt verfluchest"</q> (Sir. 23, 18 f.). Ja, wer seine Eltern entehrt und ihnen vielfachen
            Kummer bereitet, der fügt sich selbst den größten Schaden zu, der legt selbst in
            verwegener und leichtsinniger Weise den sicheren Grund zu einer schlechten und
            unglücklichen Zukunft. Wer seine Augen öffnen und sehen will, der kann Beispiele dafür
            finden in jeder Stadt, in jedem Flecken, in jedem Dorfe. Der Fluch, den Gott über die
            Ueber-tretung des vierten Gebotes ausgesprochen, folgt den mißrathenen, bösen Kindern
            gewöhnlich auf Schritt und Tritt bis vor den Richterstuhl Gottes und wird dort nur zu
            oft zum Fluche der ewigen Verwerfung. O ihr christlichen Kinder, sorget doch dafür, daß
            ihr von diesem Fluche nicht getroffen werdet, daß sich vielmehr an euch die herrlichen
            Worte der heiligen Schrift erfüllen, die da lauten:<q> „Mit Wort und That und in aller
            Geduld ehre deinen Vater, damit sein Segen über dich komme und sein Segen bis an's Ende
            
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                    dauere"</q> (Sir. 3, 9 f.). Erfüllet darum ja stets treu und gewissenhaft euere
            Pflichten gegen die El¬tern. Je treuer ihr dies thut, desto grüßer ist der Segen, den
            ihr dafür zu erwarten habet. Worin bestehen denn nun diese Pflichten?</p>
            </div>
              
                <div xml:id="d368e1376" type="section">
                    <head>II.</head>
                    
                    <p>1. Die Kinder
            find erstens den Eltern Ehr-furcht schuldig; die Eltern sind ja die Stellver-treter
            Gottes, des Königs Himmels und der Erde. „Ehre deinen Vater und deine Mutter; denn die
            Eltern tragen gewissermaßen das Bild Gottes an sich." So ruft der heil. Cyrillus von
            Alexandrien einem jeden Kinde zu. Wenn aber die Kinder ihre Eltern wirklich innerlich
            als Stellvertreter Gottes ehren, dann werden sie auch äußerlich diese Ehrfurcht gegen
            sie an den Tag legen; sie werden sich dann ihrer nicht schämen, mögen sie auch arm oder
            alt und gebrechlich sein; sie werden in sanfter, ehrerbietiger Weise mit ihnen reden;
            sie werden ihre Ermahnungen und Rathschläge willig und mit Achtung anhören.</p>
                    <p>Thomas Morus
            war Erzkanzler von England, also einer der allervornehmsten Würdenträger dieses Landes.
            Und dennoch verließ er niemals sein Wohnhaus, ohne sich bei seinem alten Vater
            ver-abschiedet und denselben kniefällig um seinen Segen gebeten zu haben. Trat er in
            eine Versammlung
            
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                        der Großen von England, in welcher sein Vater zugegen war, so
            ging er zuerst zu seinem Vater hin, begrüßte ihn ehrfurchtsvoll, bot ihm den ersten
            Platz an, und erst, nachdem dieser denselben abgelehnt hatte, nahm er die Ehrenstelle
            ein, welche seinem Range als Erzkanzler gebührte. So ehrte dieser große, berühmte Mann
            seinen alten Vater.</p>
                    <p>Wie tief beschämt dieses Beispiel so viele Kin¬der unserer Tage! Wie
            unehrerbietig gehen dieselben oft mit ihren Eltern um! welch' rohe, empörende Antworten
            geben sie ihnen! welch' entehrende Namen legen sie ihnen bei! Ja es kommt sogar vor, daß
            sie Verwünschungen und Flüche über sie aussprechen. Manche gehen noch weiter und
            erdreisten sich, die Hand gegen die Eltern zu erheben und sie zu schla¬gen. Kann man
            solche rohe, fluchwürdige Kinder noch als Menschen und Christen ansehen? Sind es nicht
            vielmehr wilde Thiere in Menschengestalt? O christliche Kinder, ehret doch allezeit
            euere Eltern, und je älter und gebrechlicher sie werden, desto mehr müsset ihr sie in
            Ehren halten. Alte Eltern muß man ehren wie ein altes, hehres Heiligthum, gegen das man
            eine große Verehrung trägt.</p>
                    <p>2. Die Kinder sind ferner den Eltern Ge-horsam schuldig. Die
            Eltern sollen sie ja zu guten Menschen und treuen Christen erziehen. Das ist aber
            durchaus unmöglich ohne die Pflicht des
            
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                        Gehorsams auf Seite der Kinder. Darum
            ermahnt der Weltapostel: <q>„Ihr Kinder, gehorchet den El-tern im Herrn; denn das ist
                recht"</q> (Eph. 6,1). Der Apostel sagt: <q>„Gehorchet im Herrn."</q> Er will sagen: Ihr sollet den
            Eltern Gehorsam leisten in allen erlaubten Dingen, aber nicht in einer Sache, die dem
            Herrn mißfällt. Wollen euch die Eltern zum Lügen, Stehlen oder zu sonst einer Sünde
            anhal¬ten, dann dürft ihr nicht folgen; da heißt es: <q>„Man muß Gott mehr gehorchen, als
                den Menschen!" </q>Die Eltern haben kein Recht, den Kindern etwas Böses zu befehlen. Ebenso
            haben sie kein Recht, die Kin¬der zu einem Stande zu zwingen, z. B. einen Sohn zu
            zwingen, diese oder jene Person zu heirathen, oder ihn zum Priesterstande zu nöthigen.
            Damit soll aber keineswegs behauptet werden, daß ein Sohn oder eine Tochter gegen den
            Willen der Eltern eine zu frühe und unpassende Bekanntschaft unterhalten und unbedacht
            und leichtsinnig in den Ehestand ein-treten dürfe. Gott bewahre. Die Eltern haben die
            strenge Pflicht, in solchen Fällen ernstlich einzu-schreiten. Auch sollen die Kinder, wo
            es sich um ihren Beruf handelt, mit ihren Eltern sich berathen und ihre vernünftigen
            Rathschläge und Wünsche berücksichtigen.</p>
                    <p>
                  <q>„Gehorchet euern Eltern im Herrn."</q> Das soll
            weiter heißen: Gehorchet ihnen aus Liebe zu Gott,
            
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                        aus übernatürlichem
            Beweggrund. Dadurch wird euer Gehorsam eine christliche Tugend, die vor Gott großen
            Werth hat und euch viele Verdienste für die Ewigkeit erwirbt.</p>
                    <p>
                  <q>„Gehorchet eueren Eltern
                im Herrn." </q>Das heißt endlich: Gehorchet ihnen nach dem Beispiele des Herrn, nach dem
            Beispiele Jesu Christi, von dem so schön der Evangelist Lukas sagt:<q>„Und er ging mit
                ihnen nach Nazareth und war ihnen unterthan" </q>(Luk. 2,51). Welch' ein erhabenes Beispiel
            für alle Kinder! Wer war unter¬than? Jesus, der Schöpfer Himmels und der Erde, er, auf
            dessen Wink die zahllosen Weltkörper in's Dasein getreten sind, er, dem die Legionen und
            Le¬gionen der himmlischen Geister freudigen und schnellen Gehorsam entgegenbringen. Wem
            war er unter¬than? Vielleicht einem mächtigen Könige, der durch Tapferkeit und seine
            Macht sich die halbe Welt sieg-reich unterworfen hat? Nein; er war unterthan den ärmsten
            Menschen, die durch ihrer Hände Arbeit sich ihr tägliches Vrod verdienen mußten; er
            ge¬horchte Maria, seiner Mutter, und Joseph, seinem Nährvater, zwar vollkommenen und
            heiligen Men¬schen, aber doch immerhin Menschen, die Alles, was sie waren und was sie
            besaßen, seiner Güte und Allmacht zu verdanken hatten. Worin war er unterthan? Hat er
            auf ihren Befehl großartige
            
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                        Wunder gewirkt, Blinde sehend gemacht und Todte zu
            neuem Leben erweckt? Durchaus nicht; er hat viel-mehr ganz gewöhnliche und geringe
            Handlungen ver¬richtet. Der heil. Joseph spricht einen leisen Wunsch aus, und der
            göttliche Jüngling geht hin und nimmt das Beil, um an einem schweren Balken zu arbei¬ten
            oder er nimmt einen Korb, um die Spähne zu sammeln, die in der Werkstätte herumliegen.
            Maria wünscht eine kleine Dienstleistung, und Jesus ist sogleich zur Hand, um sie in den
            alltäglichen Arbeiten des Hauses zu unterstützen, er, der ewige, wesensgleiche Sohn des
            himmlischen Vaters. Welch' ein Schauspiel! Mit welchem Erstaunen mögen die Engel vom
            Himmel dasselbe betrachtet haben! Und wie war der Gehorsam des göttlichen Heilandes
            be¬schaffen ? Es war ein schneller, pünktlicher, freudiger Gehorsam; es war ein Gehorsam
            ohne alles Zögern, ohne alle Widerrede; es war der vollkommenste Gehorsam, der je auf
            Erden geleistet worden ist. — Wie lange endlich hat Jesus diesen treuesten Gehorsam
            geübt? Vielleicht bloß bis zum zwölften, oder fünfzehnten oder zwanzigsten Jahre? Viel
            länger, nämlich bis zum dreißigsten Jahre; so lange also, bis er von Nazareth wegging,
            um nach dem Willen des ewigen Vaters seine öffentliche Wirksam-keit zu beginnen. Er war
            noch demüthig gehorsam zu einer Zeit, wo die meisten Menschen längst ein
                        <note>P. Matthias, Die christliche Familie. 8 </note>
            
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                        volles Anrecht auf ihre Freiheit zu besitzen glauben
            und darum nicht mehr gerne sich etwas sagen lassen.</p>
                    <p>Welch' ein herrliches Beispiel hat
            dadurch der göttliche Heiland euch, ihr erwachsenen Söhne und Töchter gegeben! So lange
            ihr unter der Botmäßig¬keit euerer Eltern stehet, sollet ihr ihnen willigen, treuen
            Gehorsam leisten, möget ihr auch an Körper¬größe sie überragen und euch auch einen
            größeren Schatz von Kenntnissen gesammelt haben. Seid ihr dann später selbstständig
            geworden, und habet ihr euch eine eigene Familie gegründet, dann sollet ihr noch gerne
            in den Angelegenheiten und Sorgen des Lebens die Eltern um Rath fragen; ihr Wille soll
            euch noch heilig sein, so daß ihr ihn gerne berück¬sichtiget, wenn nicht vernünftige und
            wichtige Gründe es anders verlangen,</p>
                    <p>3. Ihr Kinder, groß und klein, alt und jung, seid
            endlich eueren Eltern Liebe schuldig. Die große, opferwillige Liebe der Eltern zu euch
            verlangt Gegenliebe. Die unzähligen Wohlthaten, die sie euch erwiesen haben, legen euch
            die süße Pflicht der dankbaren Liebe zu den Eltern auf. Euere Liebe zu ihnen soll eine
            wahre, leine erheuchelte sein; sie soll so recht von Herzen kommen, soll den Eltern
            gelten und nicht dem eigenen Nutzen und Vortheil. Euere Liebe soll eine beständige sein;
            nicht bloß in den zarten Jugendjahren müsset ihr
            
                        <pb xml:id="d368e1436" facs="B836F1_001_1885_0127.jpg" n="115"/> 
                        sie lieben, sondern allezeit
            müsset ihr ihnen mit inniger und herzlicher Liebe ergeben sein, selbst über ihren Tod
            hinaus. Euere Liebe zu den Eltern soll dann endlich eine geduldige, werkthätige und
            opferwillige sein. Ihr müsset die Unvoll¬kommenheiten und Armseligkeiten euerer Eltern
            geduldig zu ertragen suchen; ihr müsset mit zarter Rücksicht, Aufmerksamkeit und Liebe
            für sie sorgen im Alter und in Krankheit; ihr sollet es als eine Gunst und Gnade des
            Himmels ansehen, wenn Gott euch Gelegenheit gibt, alte und gebrechliche Eltern zu
            Pflegen; ihr müsset euch lieber den Bissen am eigenen Munde absparen, als die Eltern
            irgendwie darben lassen.</p>
                    <p>Ein schönes Beispiel kindlicher Liebe hat vor mehreren Jahren
            ein schlichter, junger Landmann gegeben. Im Spätherbste des Jahres 1880 wurde in der
            Gemeinde Rauris in der Diözese Salzburg eine Mission gehalten, bei welcher sich Alles,
            alt und jung, betheiligte. In einem von der Pfarr¬kirche eine Stunde entfernten kleinen
            Dorfe befand sich ein alter Landmann, der auch gar gerne der schönen Feierlichkeit
            beigewohnt hätte. Zur Kirche aber gehen konnte er nicht, weil ihm in Folge eines Leidens
            beide Füße lahm geworden waren. Auch war der Fahrweg, der in das Pfarrdorf führte,
            gerade damals so schlecht, daß er mit einem Wagen
            <note>8*</note>
                        
                        <pb xml:id="d368e1444" facs="B836F1_001_1885_0128.jpg" n="116"/>
                        oder Schlitten kaum
            befahren werden konnte. Darum war der alte gute Mann sehr betrübt und weinte, als eines
            Abends sein junger kräftiger Sohn in's Wohnzimmer eintrat. Bestürzt fragte der Sohn, was
            es denn gebe, warum er denn weine. Als er nun hörte, um was es sich handle, sprach er:
            „Wenn es bloß das ist, guter Vater, dann ist leicht zu helfen. Du hast mich als Knabe
            oft zur Kirche getragen; jetzt da ich erwachsen und stark bin, und du zum Kinde geworden
            bist, trage ich dich, liebster Vater, dahin." Und so trug er denn wirklich wäh¬rend der
            ganzen Mission den alten Vater täglich zur Kirche hin. Wie wird dieser so innig und warm
            für den braven Sohn im Hause Gottes gebetet und welch' reichen Himmelssegen wird sein
            Gebet dem¬selben ersteht haben!</p>
                    <p>Daß doch alle Kinder eine ähnliche Liebe zu ihren Eltern
            besäßen! Doch leider ist dies bei vielen, sehr vielen nicht der Fall. Statt Dankbar¬keit
            und zarter Aufmerksamkeit legen sie nur Lieb¬losigkeit gegen dieselben an den Tag. Ja
            zuweilen kann man es erleben, daß Kinder ihre alten, ge¬brechlichen Eltern mit einer
            Gleichgiltigkeit und Kälte behandeln, die wahrhaft empörend ist, daß es ihnen zu lange
            dauert, bis sie sterben, ja daß sie ihnen fast täglich den Tod wünschen. Man kann es
            erleben, daß manchmal vier oder fünf
            
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            Kinder nicht im Stande sind, einen alten
            Vater, eine alte Mutter hinreichend zu ernähren und or¬dentlich zu Pflegen. Sie haben
            Geld für Alles, Geld für das Wirthshaus, Geld für Vergnügen, Geld für schöne Kleider,
            aber jedes Opfer, das sie für die Eltern bringen sollen, ist ihnen zu viel. Diese
            pflichtvergessenen Kinder werden sicher der gerechten Strafe Gottes nicht entrinnen.</p>
                    <p>
            Doch Niemand von denen, welche diese Zeilen lesen, wird wohl so undankbar und
            unmenschlich sein wollen. Liebet darum doch ja recht herzlich und innig euere Eltern;
            machet ihnen viele und große Freude durch ein gutes und braves Betragen und schließet
            sie täglich in euere Gebete ein. Sind sie alt und gebrechlich geworden, dann wetteifert
            mit einander, euch in geduldiger und opferwilliger Liebe gegen sie zu übertreffen und
            sie, die für euch gelebt haben, bis zum letzten Augenblicke mit kind¬licher
            Bereitwilligkeit zu Pflegen. Gott wird es euch tausendmal vergelten, hier und in der
            Ewigkeit. Und habet ihr dann ihnen im Tode mit Schmerz die Augen zugedrückt, so erfüllet
            treu ihren letzten Willen, sorget als eifrige Katholiken nach Kräften für die Ruhe ihrer
            Seelen und haltet ihr Grab in Ehren als eine Stätte, die euch werth und theuer ist. <q>„So
                lange wir auf Erden sind, bleiben wir die Schuldner unserer Eltern."</q> H. Laurentius
            Iustiniani.</p>
                </div>
            </div>
    
         <pb xml:id="d368e1461" facs="B836F1_001_1885_0130.jpg" n="[118]"/>
                <div xml:id="d368e1463" type="chapter">
                    <head>V.</head>
                    <head>Das religiöse Leben in der Familie der Gegenwart.</head>
                    <p>
               <hi>D</hi>ie Wurzel ist für einen
            Baum zu jeder Zeit von der größten Bedeutung. Durch sie erhält er seinen Lebenssaft,
            ohne welchen er bald absterben müßte. Wenn er mit seinen grünen Blättern und seinem
            Blüthenschmuck herrlich dasteht, wenn er im Herbste den Eigentümer mit kostbaren
            Früchten erfreut, so hat er das zum großen Theile der Wur¬zel zu verdanken. So ist es
            ähnlich auch mit der Religion in der Familie. Sie ist in gewissem Sinne die Wurzel, aus
            der alles Gute und Schöne für die Familie herauswächst, eine Quelle, aus der ein reicher
            Segen für dieselbe hervorströmt. In einer Familie, wo wahre Frömmigkeit herrscht, findet
            man treue Erfüllung der Berufsftflichten, Liebe und Einig¬keit unter den einzelnen
            Mitgliedern, Zufriedenheit bei den Arbeiten und Beschwerden des Lebens; da wohnt der
            liebe Gott, um seine himmlischen Güter und Gnaden mitzutheilen.</p>
                    <p>Wenn nun auch die Wurzel
            immer für den 
            
                        <pb xml:id="d368e1479" facs="B836F1_001_1885_0131.jpg" n="119"/>
                        Baum von großer Bedeutung ist, so doch ganz be-sonders zu einer
            Zeit, wo große Stürme sich erheben, den Baum mit Gewalt erfassen, um ihn zu Boden zu
            werfen. Ist dann die Wurzel nicht stark und fest, so stürzt der Baum krachend zusam¬men;
            es ist um ihn geschehen. Ist auch die Reli¬gion immer höchst wichtig und bedeutungsvoll
            für die Familie, so doch besonders zu einer Zeit, wo das sittliche, sociale und
            religiöse Leben größeren Gefahren und Stürmen ausgesetzt ist, wo in der Gesellschaft so
            manche Giftstoffe sich finden, die der christlichen Familie gar leicht großen Nachtheil
            bringen können. Und das ist in der Gegenwart der Fall. Darum sollen gerade die Familien
            in unseren Tagen das religiöse Leben fleißig Pflegen. Wie soll das geschehen, damit
            dasselbe seinen ganzen Segen für die Familie und die Gesellschaft entfalte? Das sind die
            zwei Gedanken, die wir jetzt mit einander etwas näher betrachten wollen.</p>
                    
                    <div xml:id="d368e1482" type="section">
                        <head>I.</head>
                        <p>1. Die
            christliche Familie soll in unseren Tagen das religiöse Leben eifrig Pflegen erstens der
            Kirche und des gefährdeten Glaubens wegen. Unsere heilige Religion erweist der
            mensch-lichen Gesellschaft die größten Wohlthaten und zwar nicht bloß für die Ewigkeit,
            sondern auch für dieses
            
                            <pb xml:id="d368e1489" facs="B836F1_001_1885_0132.jpg" n="120"/> 
                            irdische Leben. Sie ist es ja, welche den Christen
            auffordert, unablässig zu kämpfen gegen seine Lei-denschaften und bösen Neigungen, und
            die ihn in diesem Kampfe mit ihren übernatürlichen Gnaden-mitteln mächtig unterstützt;
            sie ist es, die ihn be-ständig aufmuntert, mit Eifer nach Tugend zu streben und immer
            mehr im Guten sich zu vervollkommnen; sie lehrt uns, den Nebenmenschen als unseren
            Bruder zu lieben und die Noth und das Elend der Armen in barmherziger Weise zu lindern;
            sie befiehlt uns, die von Gott gesetzte Obrigkeit anzuerkennen und ihr willigen Gehorsam
            zu leisten. Jedermann muß einsehen, daß dadurch die ganze Gesellschaft für Zucht und
            Ordnung, für Tugend und Sittlichkeit, für irdisches Heil und zeitliche Wohlfahrt nur
            überaus viel ge-winnt. Ueberall wo die Kirche frei wirken kann, und wo man ihr
            Wohlwollen und ein gutes, williges Herz entgegenbringt, wirkt sie erneuernd und belebend
            auf die Gesellschaft ein, rettet sie die Christen für Zeit und Ewigkeit.</p>
                        <p>Aber unsere
            heilige Kirche wird diesen vollen ganzen Segen für Zeit und Ewigkeit nicht entfalten
            können, wenn sie mit ihrer Wirksamkeit bloß auf den Sonntag, bloß auf die Sakristei und
            das Gotteshaus beschränkt ist, wenn man bloß am Sonntage in demselben kurze Zeit etwas
            betet und,
            
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                            wenn es gut geht, zuweilen eine Predigt anhört, wenn man dagegen die
            Religion und Frömmigkeit aus dem übrigen Leben verbannt und sie insbeson¬dere in der
            Familie nicht mehr hegt und pflegt. Um zu leben, ist es nicht genug, bloß einmal in der
            Woche Athem zu holen; wir thun es jeden Tag, und zwar sehr oft. Um frische Kraft zur
            Arbeit zu haben, ist es nicht genug, bloß am Sonn¬tag Nahrung zu sich zu nehmen; wir
            essen jeden Tag und zwar mehrmals. Um einen Kranken zu heilen, begnügt sich ein Arzt
            nicht damit, ihm bloß einmal in der Woche eine kleine Dosis Medizin zu geben; er läßt
            ihm gewöhnlich an jedem Tage wie¬derholt eine solche reichen und gewöhnlich um so öfter,
            je größer die Gefahr, je ernster die Krankheit ist. Aehnlich ist es auch mit dem
            Menschen in reli¬giöser und sittlicher Beziehung. Die Kirche kann unmöglich dem ganzen
            Leben des Menschen eine höhere edle Richtung geben, wenn derselbe bloß am Sonntage für
            einige Augenblicke sich unter den Ein¬fluß ihrer Wirksamkeit stellt. Allerdings ist
            damit schon Etwas gewonnen, aber die Religion wird nie in herrlicher Vlüthe stehen, nie
            den ganzen Menschen erfassen, nie alle Verhältnisse der Gesellschaft mit ihrem Segen
            durchdringen, wenn man die übrige ganze Woche nur der Erde, nur den zeitlichen Sor¬gen,
            nur dem Staube widmet und keinen Gedanken
            
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                            an Gott und kein Gebet zu ihm bei sich
            aufkommen, wenn man insbesondere das religiöse Leben in den Familien außer Acht läßt.
            Ja, dann wird auch bald der Sonntag mit seinem Gebet, mit seinem Gottesdienst und seiner
            Predigt den Christen nicht mehr theuer und heilig sein und der Glaube selbst in ihren
            staubbedeckten Herzen ersterben. Darum ist für Erhaltung des Glaubens und für die
            Wirk¬samkeit der Kirche die Pflege des religiösen Lebens in der Familie von der größten
            Bedeutung. Das gilt für alle Zeiten; es gilt aber besonders für unsere Zeit, wo der
            Glaube des Volkes so großen Gefahren ausgesetzt ist, wo eine gottlose Presse durch ihre
            Schriften und Zeitungen das Gift des Unglaubens immer weiter auszubreiten sich bemüht,
            für unsere Zeit, wo die heilige Kirche vielfach ge¬hemmt ist und nicht ihre ganze und
            volle Wirksam¬keit entfalten kann, wo dagegen die Feinde Jesu Christi überall, in
            geheimen Cirkeln und öffentlichen Versammlungen, ihre widerchristlichen Grundsätze
            ausposaunen. In einer solchen Zeit muß die Fa¬milie es als ihre heilige Aufgabe
            betrachten, durch eifrige Pflege des religiösen Lebens eine Stütze des Glaubens, eine
            stille, sichere Zufluchtsstätte für die geschmähte und verfolgte Braut des Herrn', für
            die heilige Kirche zu sein. Jetzt müssen die Eltern, die Träger des Familienlebens, es
            als eine ernste Pflicht
            
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                            betrachten, durch Wort und That, durch Belehrung und
            Beispiel in den Herzen ihrer Angehörigen die Religion zu erhalten und sorgfältig zu
            Pflegen. Je mehr man jetzt draußen in der Welt gegen das Christentum sich gleichgiltig,
            kalt, ja feindselig zeigt, je mehr man es angreift und verhöhnt in Ver-sammlungen und in
            der Presse, desto eifriger muß man es in dem stillen Heiligthume der Familie üben und es
            als einen kostbaren Schatz bewahren. Kommen die Familien in unseren Tagen dieser Pflicht
            gewissenhaft nach, dann brauchen wir keine Furcht zu haben für die Sache Jesu Christi.
            Mag man auch hier und da eine Kirche schließen, mag sich auch für den einen oder anderen
            Priester die Gefängnißthüre öffnen, und mag selbst die Schule ihren christlichen
            Charakter verlieren, das Christen-thum bleibt uns doch erhalten, und früher oder später
            wird die Kirche doch den Sieg über alle christusfeindlichen Bestrebungen davontragen,
            auch in unserem lieben Deutschland, das jetzt durch häß¬liche Parteikämpfe innerlich
            zerrüttet und verwüstet wird.</p>
                        <p>Jetzt steht die katholische Kirche in England
            verhältnißmäßig in schöner, herrlicher Vlüthe. Ein reges, segensreiches Wirken hat sie
            dort in den letzten Jahrzehnten entfaltet. Manche der edelsten Geister haben sich ihr
            wieder zugewendet. Große Opfer
            
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                            haben die Katholiken dort für die gute Sache
            ge-bracht. Daß nun die katholische Kirche in England überhaupt noch existirt und dort
            sich jetzt so hoff-nungsvoll entwickelt, das hat sie zum großen Theile der Familie zu
            verdanken. Denn als man dort im sechzehnten Jahrhunderte gegen die katholische Kirche in
            neronischer Weise wüthete und sie blutig verfolgte, als dort die Anhörung einer heiligen
            Messe und die Theilnahme an jedem katholischen Gottesdienste unter schweren Geldstrafen
            verboten war, als ein katholischer Priester sich nicht mehr öffentlich zeigen durfte,
            ohne sich der größten Lebens¬gefahr auszusetzen, da waren es die Familien ein¬zelner
            Vornehmen des Landes, welche die katholische Kirche vor dem gänzlichen Untergange in
            England bewahrt haben. In diesen Familien hat man die katholischen Ueberzeugungen und
            Gewohnheiten noch heimlich erhalten; in diesen Familien hat man von Zeit zu Zeit
            heimlich einen katholischen Priester beherbergt, der dann die heiligen Sakramente
            spen¬dete und die hochheilige Messe feierte, oft genug in einem kleinen Zimmer
            unmittelbar unter dem Dache. Die Familie war damals für die Kirche in England gleichsam
            der kleine Vinsenkorb, der ihr in den Ver¬folgungen das Leben noch gerettet hat, wie ein
            solches Körblein der Kirche des alten Bundes durch die Ret¬tung des Moses einst einen so
            wichtigen Dienst leistete.</p>
            
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                            <p>Der große Heidenapostel, der heil. Franziskus
            Xaverius hat, wie wir Alle wissen, in Japan mit großartigem Erfolge das Christentum
            gepredigt. Dasselbe hat eine Zeit lang dort geblüht und schöne Früchte der Tugend zur
            Reife gebracht. Doch dann erhob sich ein wüthender Sturm der Verfolgung gegen die Kirche
            in Japan. Die katholischen Gottes¬häuser wurden niedergerissen und dem Erdboden
            gleichgemacht; die Priester und Gläubigen wurden unter furchtbaren Schmerzen
            hingerichtet. Einen übermenschlichen Muth legten sie dabei vielfach an den Tag. Doch
            endlich legte sich der Sturm; das Schwert hörte auf gegen die Christen zu wüthen; denn
            es hatte seine Arbeit gethan. Das Christen-thum schien gänzlich ausgerottet zu sein.
            Viele Jahrzehnte hindurch betrat lein Priester mehr das unglückliche Land. So mußte
            denn, sollte man denken, auch der letzte Rest von christlicher Gesin¬nung und
            christlichem Leben geschwunden sein. Und doch war dies nicht der Fall. Denn als nach
            langer Zeit unter Pius IX. die ersten Missionäre wieder dahin kamen, fanden sie noch
            manche Christen, welche mit lebendigem Glauben an Christus hingen und seine heilige
            Mutter eifrig verehrten. In den stillen Familien hatte man, unbemerkt vom Häscherauge,
            den katholischen Glauben sich bewahrt. Würdige Laien hatten die kleinen Kinder getauft;
            die Eltern
            
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                                selbst hatten diese dann heimlich in den Haupt-wahrheiten der
            christlichen Religion unterrichtet; man hatte in der Familie mit inniger Liebe zum
            gött-lichen Heilande gebetet und sich oft unter den Schutz der allerseligsten Jungfrau
            Maria gestellt. So fanden die Missionäre Christen vor, die sie freudig und begeistert
            aufnahmen und unter Anderem sich auch erkundigten nach dem Oberhaupte der Kirche, das
            Papa heiße und in einer fernen Stadt, in Roma nämlich, wohne. Die Familie war es, die in
            Japan das Christentum vor dem gänzlichen Untergange bewahrt hatte.</p>
                        <p>Möge die Familie auch
            in unseren Tagen, wo dem Glauben so viele und so große Gefahren drohen, ihre wichtige
            Aufgabe recht erfassen und durch treue, eifrige Pflege des religiösen Lebens der Kirche
            große Dienste leisten. Auf diese Weise trägt sie auch die große Schuld der Dankbarkeit
            ab, die sie der Kirche zu zahlen hat. Denn die Kirche hat ja die Familie aus dem tiefen
            Verfalle, in dem sie im Heidenthume schmachtete, errettet und ihr wieder ihre wahre
            Würde und Heiligkeit zurückgegeben.</p>
                        <p>2. Die christliche Familie soll in unseren Tagen das
            religiöse Leben eifrig Pflegen zweitens ihrer selbst wegen. Auch der Familie drohen
            jetzt Gefahren, welche die Zufriedenheit und das Glück, die Liebe und Einheit, die
            segensreiche Wirksamkeit
            
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                            derselben für das sittliche und sociale Wohl der Menschheit zu Grunde richten werden, wenn man ihnen nicht bei Zeiten ernstlich zu wehren
            sucht. Gefahr droht der Familie vom Unglauben und der religiösen Gleichgiltigkeit; denn
            wo diese in eine Familie einziehen, da ist es um den sittlichen Halt derselben
            geschehen; der Weltgeist mit seiner Gott-losigkeit wird dort bald seinen Einzug halten.
            Ge¬fahr von der heutigen Vergnügungssucht; denn wo die Glieder einer Familie von dieser
            erfaßt sind, da verlieren sie immer mehr den notwendigen Lebensernst und die Treue in
            den harten und schwe-ren Berufsarbeiten, da wird so leicht das Band der Einheit
            zerrissen und der materielle Wohlstand zerrüttet; denn die Vergnügungssucht verschlingt
            Geld und zwar viel Geld. Gefahr von der un-christlichen Ansicht über die Sünden gegen
            das sechste Gebot; denn wo diese sich geltend macht, da schwin¬det in der Familie der
            Sinn und die Begeisterung für das Gute und Edle, eine moralische Fäulniß, die Alles
            verpestet, stellt sich ein. Gefahr droht jetzt der Familie von der Mißachtung der Ehe;
            denn wo man die Würde und Heiligkeit der christlichen Ehe mit Füßen tritt, da gründet
            man diese auf Morast und Sumpf, und so muß sie immer tiefer versinken in Sünde und
            Laster. Gefahr vom Geiste des Stolzes, der sich heute überall breit macht;
            
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                            denn
            wo der Stolz herrscht, da verachtet man den Gehorsam und lehnt sich gegen die von Gott
            gesetzte Autorität auf. Wo man aber in der Familie die Autorität nicht mehr in Ehren
            hält, da muß noth-wendig große Unordnung und Verwirrung sich ein¬stellen.</p>
                        <p>Gegen all'
            diese Gefahren der Familie bietet die Pflege des religiösen Lebens die besten
            Gegenmittel. In eine Familie, wo noch ein guter christlicher Geist das ganze Leben
            durchdringt, wo man noch regelmäßig betet und an einer gewissenhaften Feier des
            Sonntages festhält, kann der kalte Unglaube mit seinem Verderben nicht eindringen; denn
            da betrachtet man den Glauben noch als das kostbarste Kleinod und hält Alles fern, was
            denselben irgendwie gefährden könnte. In einer solchen Familie wird man sich keiner
            unordentlichen Vergnügungssucht ergeben; denn man weiß, daß wir Christen vor Allem
            Selbstverleugnung üben müssen, wenn wir wahre Anhänger des göttlichen Heilandes sein
            wollen. <q>„Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme täglich sein Kreuz
            auf sich und folge mir nach"</q> (Matth. 16, 24). Darum will man nicht Alles mitmachen, und
            wenn man auch hier und da ein erlaubtes Vergnügen sich gestattet, so geschieht dies doch
            nur in billiger Rücksicht auf die Mittel
            
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                            und auf die übrigen Pflichten. In einer
            solchen Familie, wo ein reges religiöses Leben herrscht, sind die Eltern als
            Stellvertreter Gottes geehrt und bemühen sich die Kinder, den Segen, welcher auf der
            treuen Erfüllung des vierten Gebotes ruht, sich zu verdienen. Dort theilt man nicht die
            leichtsin¬nige Ansicht der Welt über die Sünden gegen die heilige Reinigkeit; man kennt
            ja die ernste Mahnung des Weltapostels: <q>„Täuschet euch nicht, weder Unkeusche, noch
            Ehebrecher, noch Weich-linge werden das Reich Gottes besitzen"</q> (I Cor. 6, 9). Da hält
            man auch die Ehe hoch als ein heiliges Sakrament, das denen, die es wür¬dig empfangen,
            reiche Gnaden mittheilt. Deshalb bereitet man sich in frommer Weise auf den Em¬pfang
            dieses wichtigen Sakramentes vor und sucht im Ehestande selbst die ernsten Pflichten,
            die er auflegt, mit christlicher Gewissenhaftigkeit zu erfüllen. Soll also in unseren
            Tagen die Familie vor den großen Gefahren, die sie bedrohen, geschützt werden, so muß
            man in derselben wieder christlich denken und christlich leben, muß wieder zu Jesus
            Christus und seinem heiligen Glauben ganz zurückkehren.</p>
                        <p>3. Endlich soll man der Kinder
            wegen in der Familie jetzt eifrig das religiöse Leben Pflegen. In unserer Zeit kommen
            die Kinder, wenn sie aus der Schule entlassen sind, eher und überhaupt
            <note>P. Matthia 3. Die
            christliche Familie. 9</note>
                            
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                            mehr in die große Welt hinaus wie früher, als die
            gesellschaftlichen Verhältnisse noch einfacher waren, das Reisen viel mehr Zeit, Geld
            und Mühe kostete, als die Industrie, das Fabrik- und Militärwesen noch nicht so viele
            Personen in Anspruch nahmen als heute. Und wenn früher ein junger Mensch von Haus weg
            und in die Fremde ging, dann kam er gewöhnlich in Kreise, in denen man mit Achtung von
            der Religion sprach; er trat in eine Familie ein, wo man die Religion übte, und er als
            ein Glied der Familie betrachtet wurde. Das Leben war noch mehr von christlichen
            Anschauungen getragen. Das ist jetzt vielfach anders geworden. Wenn jetzt ein junger
            Mensch hinauskommt, so trifft er leider zu oft mit Personen zusammen, die aus ihrem
            Unglau¬ben gar kein Hehl machen; er hört, wie man über die Religion spottet und die
            Kirche verhöhnt und lästert; er sieht, wie man sich leichtsinnig über die wichtig¬sten
            Gebote der Kirche hinwegsetzt. Dazu kommen dann noch die fast unzähligen Gefahren für
            seine Unschuld, die bösen Gelegenheiten, die sich ihm dar¬bieten, die Fallstricke, die
            man ihm legt. Endlich denke man noch an den corrumpirenden Einfluß der schlech¬ten
            Presse. Jetzt will Jedermann lesen, nicht bloß der Student, auch der junge Arbeiter,
            nicht bloß die Gouvernante und das vornehme Fräulein, das Jahre lang ein höheres
            Institut besucht hat, sondern
            
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                            auch die Köchin und das Dienstmädchen, das den
            Besen zu handhaben hat. Und wie oft spielt man solchen jungen unerfahrenen Personen die
            schlechtesten Sachen in die Hände, Romane, die zweideutige und schlüpfrige Dinge
            enthalten oder spöttische Bemer¬kungen über Uebungen der Frömmigkeit machen. Wie leicht
            kann da ein Kind, ein Sohn oder eine Tochter draußen verderben? wie leicht großen
            sitt¬lichen Verirrungen anheimfallen? wie leicht Grund¬sätze annehmen, die entschieden
            unchristlich sind, oder wie leicht selbst ungläubig werden?</p>
                        <p>Christliche Eltern! Bei
            dieser Lage der Dinge ist es euere ernste, heilige Pflicht, den Gefahren, welche eueren
            Kindern später draußen bevorstehen, nach Kräften vorzubeugen und sie im Voraus gegen
            dieselben zu kräftigen und zu stählen. Und was habet ihr darum zu thun? Ist es
            vielleicht genug, daß ihr euere Kinder in zierlichen Versen einige Sittensprüche lehrt
            und ihnen einige Lebensregeln beibringt? Daß ihr das Nnstandsgefühl bei ihnen ausbildet?
            Daß ihr sie anleitet, stets viel auf die Familienehre zu halten? Das Alles ist nicht zu
            tadeln, im Gegentheile sehr anzurathen; aber es reicht bei weitem nicht hin.</p>
                        <p>Ihr habet
            vielleicht schon gesehen, wie euere Knaben im Winter Schnee zusammengetragen, ihn
            aufeinandergelegt und eine große Menschengestalt
                            <note>9*</note>
            
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                            daraus gebildet haben.
            Später kam der Frühling; die Sonnenstrahlen wurden heißer, und es schmolz in wenigen
            Tagen die große Figur zu Wasser. Schließlich sah man auf der betreffenden Stelle nur
            noch etwas Schmutz. Aehnlich geht es oft mit den feinen Sittensprüchen, mit den schönen
            Anstands-regeln, mit der Rücksicht auf Familienehre. Treten große Gefahren an die
            erwachsenen Kinder heran, brennt im Innern die Gluth der Leidenschaft und zeigt sich
            äußerlich der Reiz der bösen Gelegenheit, dann zerrinnen nur zu häufig all' diese
            Rücksichten wie der Schnee bei der Märzsonne. Darum müßt ihr, christliche Eltern, noch
            etwas Anderes, müßt noch viel mehr thun. Ihr müßt den Kindern von früh an eine echt
            christliche Erziehung geben; ihr müßt darauf sehen, daß sie im Glaubensleben gründlich
            befestigt werden, daß sie aus diesem Glaubensleben einen gründlichen Haß. gegen die
            Sünde schöpfen; ihr müßt besorgt sein, daß sie zum Schutz ihrer eigenen Schwäche die
            Gnadenmittel der Kirche oft und mit großem Nutzen gebrauchen lernen. Wollt ihr das aber,
            dann muß euer ganzes Familienleben vom Geiste der heiligen Religion getragen und
            durch¬drungen sein. Nur auf diese Weise dürft ihr die Hoffnung hegen, daß später euere
            Kinder in den Stürmen des Lebens unerschütterlich feststehen im Glauben und in der
            Tugend, daß sie nicht ange-
            
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                            steckt werden von den vielen bösen Beispielen, die
            sie allenthalben wahrnehmen werden. Und sollten sie auch das Unglück haben, sich zu
            verirren und ihrem Gott untreu zu werden, so darf man doch hoffen, daß sie später im
            Alter zu dem Glauben ihrer Jugend wieder zurückkehren und vielleicht um so eifriger
            werden, je größer ihre Verirrungen waren. Das Gebet der verstorbenen Eltern, die
            Erinnerung an einen tüchtigen, glaubensfesten Vater und an eine theuere, liebevolle
            Mutter, die im Glauben ihr höch-stes Glück fand, der Gedanke an die Gebete, an die
            frommen Gewohnheiten, an die religiösen Feste und an die reinen, beglückenden Freuden
            der Jugend, das Alles wird eine große Macht bilden, die mit einer Art sanfter Gewalt das
            verirrte Kind wieder in die Vaterarme Gottes zurückführt. Sind aber euere Kinder nicht
            wahrhaft christlich erzogen, sind sie nicht aufgewachsen in einer Familie, wo man das
            religiöse Leben eifrig Pflegte, sind sie nicht in einer solchen Familie tief befestigt
            worden in ihren christlichen Anschauungen und Gewohnheiten, dann ist es später fast
            sicher um ihre Sitten und ihren Glauben geschehen; es sind Gnadenwunder auf Gnadenwunder
            nothwendig, wenn sie je gute prak-tische Christen, die Hoffnung auf die ewige Seligkeit
            haben, werden sollen.</p>
                    </div>
              
                    <pb xml:id="d368e1561" facs="B836F1_001_1885_0146.jpg" n="134"/>
                    
            <div xml:id="d368e1563" type="section">
               <head>II.</head>
                    <p>1. Soll die Familie wirklich religiös sein, dann muß
            man in derselben zunächst nach Außen hin sehr gewissenhaft seine kirchlichen Pflichten
            erfüllen und mit Achtung von religiösen Dingen reden. Wie ist es denn denkbar, daß in
            einem Hause ein wahr¬ haft religiöses Leben herrscht, wenn man in der¬ selben nur nach
            Laune und Willkür um seine reli¬ giösen Pflichten sich kümmert, wenn man am Sonn¬ tage
            leichtsinnig die heilige Messe versäumt oder denselben entheiligt durch verbotene
            Arbeiten oder am Freitage gleichgiltig sich über das Abstinenzgebot hinwegsetzt? Wie ist
            es denkbar, daß in einer Familie wirklich ein religiöses Leben herrscht, wenn man dort
            verächtlich über Ceremonien und Anord¬ nungen der Kirche redet oder in böswilliger Weise
            und mit sichtlicher Freude über die etwaigen Mängel und Unvollkommenheiten der Priester
            spricht? In einem solchen Hause kann unmöglich wahre Reli¬ giosität und Gottesfurcht
            vorhanden sein, können unmöglich die Kinder Hochschätzung der Religion gewinnen. Denn
            wer die Diener der Religion haßt und verachtet, der verachtet die Religion und Gott
            selbst. Der Heiland spricht zu seinen Aposteln: „Wer euch verachtet, der verachtet mich"
            (Luk. 10,16).</p>
                    <p>2. Doch mit dem Besuche des Gottesdienstes und der äußeren Achtung der
            Religion ist es noch
            
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                        nicht genug; man muß die Familie selbst zu einem
            Gotteshause machen. Der heilige Apostel Paulus spricht in seinem Briefe an die Römer
            (16, 5) von einer ecclesia äomegtica, einer häuslichen Kirche. Eine jede christliche
            Familie soll in einem gewissen Sinne eine solche häusliche Kirche, ein Gotteshaus sein.
            Unsere Gotteshäuser sind zunächst Stätten des Gebetes. Wir kommen in ihnen zusammen, um
            Gott zu loben, anzubeten und ihm unsere Anliegen vorzutragen. So soll man auch in der
            Familie das Gebet regelmäßig üben. Ohne das Gebet ist ein religiöses Leben in der
            Familie nicht denkbar; ohne das Gebet schwindet in dersel¬ben die Liebe zu Gott und
            vertrocknet bald die Quelle der Gnaden. Darum muß man in ihr den Gebetseifer lebendig zu
            erhalten suchen; insbesondere ist es auch dringend zu empfehlen, gemeinschaftlich in der
            Familie zu beten, wie ja auch in der Kirche vielfach gemeinschaftlich gebetet wird.</p>
               <p>In
            unseren Gotteshäusern wird das Wort Gottes steißig verkündigt und so die Christen in den
            Glaubenswahrheiten und den Sittenlehren unter-richtet. Soll die christliche Familie nach
            dem Wunsche des Weltapostels eine häusliche Kirche sein, dann muß man sich in derselben
            auch den christ¬lichen Unterricht angelegen sein lassen. Man soll mit einander gern die
            gehörte Predigt zur gegen-
            
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                        seitigen Erbauung durchsprechen; die Eltern sollen '
            dafür sorgen, daß ihre Kinder gründlich den Kate-chismus und die biblische Geschichte
            erlernen, sollen ihnen darin nachhelfen und überhaupt durch Beleh¬rung und Beispiel eine
            praktische Anleitung zum christlichen Leben geben. Auch sollten in jeder Fa¬milie sich
            einige gute Bücher vorfinden, durch deren steißigen Gebrauch die Angehörigen des Hauses
            heil¬sam unterrichtet und erbaut würden. Bei weiser Einschränkung von unnöthigen
            Geldausgaben könnte man auch in manchen Arbeiterfamilien das eine oder andere
            vortreffliche Buch, z. V. das Unterrichts¬buch von ?. Goffine, oder das Leben und Leiden
            unseres göttlichen Heilandes von ?. Martin von Cochem oder das Vaterunser von Alban
            Stolz sich anschaffen. Ein solches Buch wäre dann eine bleibende Wohlthat für die
            Familie. Jeder Seelsor¬ger ist gewiß den Familienvätern gern behilflich zur Anschaffung
            derartiger Bücher.</p>
               <p>In jedem katholischen Gotteshause, jeder Pfarr-kirche sehen wir einen
            Altar, auf welchem das hoch-heilige Meßopfer Gott dargebracht wird. Dieses erhabene
            Opfer kann nun nicht in der häuslichen Kirche, in der Familie dargebracht werden, aber
            man kann und soll doch nach Kräften auch an Werktagen gerne demselben beiwohnen. Aber
            auch die Familie soll nicht ohne Opfer sein. Täglich
            
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            soll man durch die gute
            Meinung seine Arbeiten und Mühen, seine Beschwerden und Leiden Gott aufopfern und zwar
            in Vereinigung mit dem blu¬tigen Opfer Jesu am Kreuze. Täglich sollen sich die Glieder
            der Familie gegenseitig für einander opfern in christlicher Geduld und in treuer
            Erfüllung der Berufspflichten. Das ganze Familienleben soll getragen sein von freudigem
            Opfergeiste. Dann ist es wahrhaft Gott wohlgefällig, ein beständiger Gottesdienst.</p>
               <p>3.
            Soll religiöses Leben dauernd in der Fa-milie herrschen und dort reichen Segen bringen,
            dann muß auch der Mann, der Vater an demselben Antheil nehmen. Simon von Cyrene half dem
            göttlichen Heiland sein hartes, schweres Kreuz tragen und leistete ihm dadurch in seinen
            Leiden einen großen Dienst. Simon war ein Fa¬milienvater; seine zwei Söhne werden ja mit
            Aus-zeichnung im Evangelium genannt. So soll jetzt ein jeder christlicher Vater auch der
            kreuztragenden Kirche seine Dienste leisten durch Treue im heiligen Glauben,
            insbesondere auch durch eifrige Pflege des religiösen Lebens in seiner Familie.</p>
               <p>Der Mann
            steht an der Spitze der Familie; er ist ihr Anführer. Was wird aus einem Heere, dessen
            Anführer sich um seine Soldaten nicht viel kümmert, sondern sich träger Ruhe hingibt
            oder den
            
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            Vergnügen nachgeht? Wird in einem solchen Heere Zucht und Ordnung
            herrschen? wird es herrliche Thaten der Tapferkeit verrichten und glänzende Siege
            davontragen? Sicherlich nicht. Aehnlich wird auch in einer Familie das religiöse Leben
            sich nicht segens-reich entfalten und nicht auf die Dauer die Glieder derselben heilsam
            beeinflussen, wenn das Haupt, der Vater sich gleichgiltig, indifferent gegen die
            Religion zeigt oder gar durch Wort und That der¬selben feindselig gegenüber tritt. Er
            wird durch sein ganzes Verhalten bei den Kindern niederreißen und verderben, was die
            Mutter und Andere müh¬sam gepflanzt haben. Nur gar zu leicht und schnell werden
            besonders die Söhne in die Fußstapfen des Vaters eintreten, es sei denn, daß die Mutter
            eine große Heilige und eine Frau von ganz außer» gewöhnlichen Eigenschaften sei. Aber
            solche Frauen sind selten.</p>
               <p>Der Vater vorzüglich ist von Gott zu seinem Stellvertreter in
            der Familie auserkoren. Zu wel¬chem Zwecke denn? Doch offenbar nur darum, daß er dort
            auch wirklich die Sache Gottes vertrete. Es ist also seine Aufgabe, dafür zu sorgen, daß
            all' seine Angehörigen sich treu im Dienste Gottes er¬weisen. Er soll deshalb auch für
            seine Person Religion besitzen und üben; er soll seiner Familie auch in der Treue gegen
            Gott mit gutem Beispiele
            
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            vorangehen und großes Interesse für die Pflege des
            christlichen Lebens in seinem Hause an den Tag legen. <q>„Ich und mein Haus wollen dem
            Herrn dienen,"</q> das muß der Wahlspruch seines Lebens sein. Nur dann wird er sich
            bewäh¬ren als Stellvertreter Gottes. Wehe aber dem Manne selbst und seinen Angehörigen,
            wenn er nicht als Stellvertreter Gottes in der Familie lebt und wirkt, sondern als
            Stellvertreter der gottent-fremdeten Welt und des Satans. Tann glaubt er vielleicht,
            seine Kinder zu lieben und doch gelten ihm die furchtbar ernsten Worte unseres
            göttlichen Heilandes: <q>„Wer eines von diesen Kleinen, die an mich glauben, ärgert (zum
            Bösen Anlaß gibt), dem wäre es besser, daß ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt, und er
            in die Tiefe des Meeres versenkt würde" </q>(Matth. 18, 6).</p>
               <p>4. Endlich muß man, soll das
            religiöse Leben in der Familie auf die Dauer wohlthätig auf die Kinder einwirken, dafür
            Sorge tragen, daß sie auch die Früchte des Glaubens vor sich schauen. Der göttliche
            Heiland sagt: <q>„Nicht ein Jeder, der zu mir spricht: Herr, Herr, wird in's Himmelreich
            eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters thut, der im Himmel ist, der wird in das
            Himmel¬reich eingehen"</q> (Matth. 7, 21). Soll der Glaube 
            
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            uns in den Himmel führen,
            so genügen nicht schöne Worte, die man im Gebete spricht; es müssen gute Handlungen
            hinzukommen; man muß den Willen, die Gebote Gottes erfüllen. So darf das religiöse Leben
            auch in der Familie sich nicht auf Gebete, fromme Worte und Gewohnheiten beschränken;
            das wäre viel zu wenig. Dann würde es keinen nachhaltigen Einfluß auf die Kin¬der
            ausüben und ihnen keine feste Stütze 'für spä¬tere sittliche Gefahren werden. Mit dem
            Gebete müssen die Werke sich verbinden, Werke des Fleißes im irdischen Berufe, Werke der
            Barmherzigkeit gegen Arme und Nothleidende, Werke der Zuvor-kommenheit und Gefälligkeit
            im täglichen Verkehre mit einander. Insbesondere muß man Alles zu vermeiden suchen, was
            im schroffen Gegensatz zur wahren Frömmigkeit steht und den Kindern Aer-gerniß gibt. Das
            ist beispielsweise Fluchen, Feind¬schaft mit den Nachbaren oder Verwandten, lieblose
            Reden über die Fehler Anderer, Kälte und Hart¬herzigkeit gegen Arme. Wo solche Fehler in
            einer Familie nicht nach Kräften vermieden werden, da ist das religiöse Leben nur eine
            leere Schale ohne Kern, nur Aeußerlichkeit, die Gott nicht wohlgefällt und die Kinder
            nicht mächtig beeinflußt für das spätere Leben. Das ganze, volle und lebendige
            Christenthum thut der Familie noth.
                    </p>
            </div>
                    
                </div>
    
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         <div xml:id="d368e1619" type="chapter">
            <head>VI.</head>
            <head>Der Friede in der Familie.</head>
            <p>
               <hi>S</hi>chön ist der Anblick
            des ruhigen, friedlichen Sternenhimmels in der Nacht. Ein Jeder von uns hat gewiß schon
            diese ruhige Herrlichkeit am nächt^ lichen Firmamente bewundert. Schön ist der
            fried¬liche Regenbogen mit seiner lieblichen Farbenpracht. Wenn nach schwerem Gewitter,
            nach Blitz, Donner und verheerendem Platzregen unser Auge sein freund¬liches Erscheinen
            wahrnimmt, dann schwindet die Furcht aus dem Herzen, Ruhe und Zuversicht zieht wieder in
            dasselbe ein. Doch wie schön auch der nächtliche Sternenhimmel, wie herrlich auch der
            Regenbogen sein mag, viel schöner ist eine Menschen¬seele, in der stille, ungestörte
            Harmonie, in der ein ruhiger, süßer Friede wohnt, Friede mit Gott dem Schöpfer, Friede
            und Einigkeit mit den Neben¬menschen, Friede auch mit sich selbst. Dieser Friede ist das
            kostbarste Gut, das wir hienieden besitzen können. Was nützen alle anderen Güter, wenn
            das Herz seinen Frieden verloren hat? Diesen Frieden wollte uns der göttliche Heiland
            bringen; darum
            
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            erscholl bei seiner Geburt aus Engels Mund auf den Fluren
            Bethlehems die Botschaft:<q> „Friede auf Erden den Menschen, die eines guten Willens sind."</q>
            Und darum war es nach der Auferstehung sein Lieblingsgruß: <q>„Der Friede sei mit euch."</q>
            Diesen Frieden wünscht uns Allen auch die heilige Kirche, darum spricht sie nach der
            Taufe:<q>„Gehe in Frie¬den; der Herr sei immer bei dir."</q> Und der letzte Segenswunsch der
            Kirche nach unserem Tode lautet: <q>„Er ruhe in Frieden,"</q> 
               <q>»Requiescat in pace«</q>
            </p>
            <p>Diesen
            Frieden aber wird der Einzelne selten besitzen, wenn er nicht in einer Familie aufwächst
            und erzogen wird, die eine Stätte des Friedens ist. Darum besitzt der Familienfriede
            eine hohe Bedeu¬tung für einen jeden Menschen. Um dieselbe noch besser zu erkennen,
            wollen wir jetzt die zweifache Frage beantworten: 1. Welche Nachtheile bringt das
            Schwinden des Friedens aus der Familie? 2. Wie kommt es, daß in vielen Familien kein
            Friede herrscht?</p>
        
            <div xml:id="d368e1654" type="section">
               <head>I.</head>
               <p>Eine jede Familie soll eine Stätte des Friedens sein. Es gibt ja auf
            Erden keine Gesellschaft, wo die Herzen durch so starke, feste und doch zarte Bande mit
            einander vereinigt sind als in der Familie. Schwindet der Friede aus einem Hause, so ist
            das
            
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                ein großes Unglück für die ganze Familie und jedes einzelne Glied derselben.</p>
               <p>1. Ohne Frieden in der Familie sind die ein¬zelnen Glieder derselben in großer Gefahr,
            die ewige Seligkeit zu verlieren. Bei weitem die Mehrzahl der Menschen soll in der
            Familie ihr ewiges Heil wirken. Darum muß diese so beschaffen sein, daß sie der
            Erreichung dieses Zieles kein Hinderniß in den Weg legt, im Gegentheile dieselbe
            befördert. Das ist aber nicht der Fall in einer Familie, in der Unfriede, Zank und
            Streit herrscht. Will man die ewige Seligkeit erreichen, so muß man vor Allem die Sünde
            zu meiden suchen. Wie viele Sünden aber werden in einer Familie begangen, in der
            Uneinigkeit an der Tagesordnung ist? Ist nicht der Unfriede selbst schon eine Sünde? Die
            Eheleute haben einst, als sie sich vor dem Altare die Hand zum Lebensbündniß reichten,
            vor Gott gelobt, den Frieden mit einander zu bewahren. Nun heißt es aber in der heiligen
            Schrift: <q>„Wenn du dem Herrn ein Gelübde gemacht hast, so säume nicht, es zu erfüllen" </q>(V
            Mos. 23, 21).</p>
               <p>Zu wie vielen anderen Sünden aber führt die¬ser Unfriede in der Familie?
            Man denke nur an all' die vielen lieblosen Gedanken, Gedanken des Hasses und der
            Rachsucht, an die vielen lieblosen Reden, zu denen er Veranlassung gibt. Ja man
            
                <pb xml:id="d368e1672" facs="B836F1_001_1885_0156.jpg" n="144"/>
            denke an die Flüche, Verwünschungen und Gottes-lästerungen, die man oft genug in einem
            solchen Hause hören kann. Und kommen nicht zuweilen noch schlimmere Dinge vor, die man
            bloß anzudeu¬ten braucht? Weil man zu Hause keine wahre Freude und Zufriedenheit findet,
            so sucht man seine Erho¬lung draußen. Der Mann wird ein eifriger Be¬sucher des
            Wirthshauses und leichtsinniger Gesell¬schaften; die Frau verliert ihre Liebe zur
            Familie und sucht sich in anderer Weise zu entschädigen für das, was sie zu Hause
            entbehrt. Gott allein weiß es, zu welchen bösen, schwarzen Thaten der Unfriede in den
            Familien schon Veranlassung gegeben hat. Er erzeugt Sünde auf Sünde und bringt so die
            größte Gefahr der ewigen Verdammniß mit sich.</p>
               <p>Will der Christ ewig selig werden, so muß
            er die Gnadenmittel, welche Gott in der Kirche ihm bie¬tet, fleißig und gut gebrauchen.
            Denn aus eigener Kraft können wir den Himmel unmöglich erringen. Dazu bedürfen wir
            höherer Kräfte, die Gott uns in den Gnadenmitteln schenken will. In einer Familie aber,
            wo kein Friede herrscht, ist man gewöhnlich nicht im Stande, die Gnadenmittel mit Frucht
            zu benützen. Denn dazu ist nothwendig, alle Auf¬regung und Heftigkeit aus dem Innern zu
            entfer¬nen und sein Herz in Ruhe und Liebe zu Gott zu erheben. Nur dann senkt sich
            gewisser Maßen der
            
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                Himmel mit seiner Gnade in unser Herz hinein. Betrachtet
            einen See, der vom Sturme gepeitscht wird und wild aufgeregt ist. In ihm spiegelt sich
            nicht die Sonne, nicht das helle Blau des Himmels ab. Soll das geschehen, so muß der See
            ruhig, die Wasserfläche glatt und klar sein. Aehnlich ist es auch mit dem menschlichen
            Herzen. Soll der Himmel sich in demselben abspiegeln, soll die Gnade Gottes beim Gebete
            und beim Empfange der heili¬gen Sakramente in dasselbe einziehen, so darf es keinem
            gepeitschten See, nicht heftig siedendem Wasser ähnlich sein. Wenn aber kein Friede in
            der Familie ist, dann hat auch das Herz gewöhnlich keinen Frie-den ; es ist unruhig und
            aufgeregt, auch dann, wenn man äußerlich betet oder zum Tische des Herrn hinzutritt. Mag
            man sich auch hinknieen und sich körperlich ganz ruhig verhalten, mag man auch die Hände
            zum Gebete falten und der Mund schöne, friedliche Worte sprechen, das Herz ist
            unterdessen doch gewöhnlich unruhig; man überlegt die erlittene Beleidigung und sinnt
            auf Rache. Im Innern ist es finster und schwarz, voll von Bitterkeit und Ab-neigung. Ja
            vielleicht in dem heiligen Augenblicke, wo man an der Communionbank kniet, um den Gott
            des Friedens in sein Herz aufzunehmen, ist dieses Herz aufgeregt von den Gefühlen der
            Ab-neigung und des Hasses. Darum haben solche
            <note>P. Matthias, Die christliche Familie. 10</note>
            
            
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                Gebete und solche Communionen gewöhnlich keinen Erfolg und Segen; sie bringen
            keine Gnaden. So werden diese unfriedlichen Menschen immer gnaden-ärmer bei all' ihrem
            Gebete, ja manchmal um so verstockter und verhärteter, je öfter sie die heiligen
            Sakramente empfangen.</p>
               <p>In einer solchen Familie, wo kein Friede herrscht und man sich
            gegenseitig nicht verzeihen will, muß man überhaupt nach und nach gleichgültiger werden
            in unserer heiligen Religion, die uns mahnt, zu vergessen und zu verzeihen, die uns
            anhält, lieber zehnmal eher Unrecht zu erleiden, als auch nur ein¬mal Jemanden Unrecht
            zu thun; muß man immer gleichgiltiger werden gegen unseren göttlichen Hei-land, der uns
            beten gelehrt hat: <q>„Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern
                Schuldigern,"</q> von dem es heißt: <q>„Gott ist kein Gott der Uneinigkeit"</q> (I Cor. 14, 33) und
                wieder¬um: <q>„Der Herr haßt den, welcher Zwietracht aus¬streut"</q> (Spr. 6, 19). Dieser
            beständige Gegensatz muß die Unfriedfertigen dem göttlichen Heilande und seiner heiligen
            Religion mit der Zeit immer mehr entfremden. Das ist aber offenbar die größte Gefahr der
            ewigen Verwerfung. Darum freut sich Niemand mehr über den Unfrieden in der Familie als
            der Teufel; denn er macht die reichste Ernte dabei.</p>
            
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                <p>2. Ohne Frieden und
            Einigkeit ist in der Familie kein wahres Glück und keine rechte Zufriedenheit. Der heil.
            Petrus hat ein schö¬nes Wort über den Frieden geschrieben, das ganz besonders auch den
            Familien gilt: <q>„Wer das Leben liebhaben und glückliche Tage sehen will, der suche den
                Frieden und jage ihm nach"</q> (I Petr. 3. 10). Wo in einer Familie Friede herrscht und die
            Herzen in wahrer Liebe geeinigt sind, da ist man glücklich; Einer ver-süßt dem Andern
            das Leben; man stützt und hält sich gegenseitig; die Freude wird durch Theilnahme
            verdoppelt und erhöht; das Kreuz wird leichter getragen und die Bitterkeiten des Lebens
            verlieren ihre Härte und ihren Stachel.</p>
               <p>Wenn aber der Unfriede in ein Haus eingekehrt
            ist und die Herzen sich durch Abneigung entfremdet sind, da ist es geschehen um
            Zufriedenheit und Glück. Mag der Reichthum noch so groß, mag das Haus, das man bewohnt,
            auch ein goldener Palast, mag die Stellung, die man in der Gesellschaft ein-nimmt, auch
            noch so angesehen und einflußreich sein, wahres Glück, wahre Zufriedenheit ist da doch
            nicht zu finden. Beim größten Wohlstand und wenn Alles äußerlich glänzt und lacht, sind
            die Herzen voll Mißmuth und Traurigkeit; das Leben wird in den glänzendsten
            Verhältnissen doch zur drückenden
            <note>10*</note>
                
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                Last, von der man befreit werden möchte.
            Man kann dann oft die Aeußerung hören: <q>„Der Ver¬druß macht mich noch krank und bringt
                mich vor der Zeit in's Grab."</q> Zeigt nicht die Erfahrung, daß arme Leute, die eine
            geringe Strohhütte bewoh¬nen und die sich nur durch angestrengte' Arbeit ernähren
            können, dabei aber christlich fromm sind und in Friede und Einigkeit zusammenleben,
            glück¬licher, viel glücklicher sind als reiche Leute, aus deren Hause der goldene Friede
            geschwunden ist? Nicht das blinkende Gold, nicht der Glanz des Hauses, nicht der
            perlende Wein, nicht rauschende Feste machen den Menschen glücklich; das thut nur der
            Friede, der Friede mit sich selbst und der Friede mit Anderen.</p>
               <p>3. Ohne Frieden in der
            Familie ist, um nur dies Eine noch anzuführen, eine gute Erziehung der Kinder unmöglich.
            Zarte Pflanzen ge-deihen nicht, wenn beständig Ungewitter oder kalte Stürme über sie
            dahinfahren. So ist es auch mit den Kindern. Ihre Herzen erschließen sich nicht ganz für
            das Gute, die edlen Keime, die der Schöpfer in sie hineingelegt hat, entfalten sich
            nicht zu gedie¬genen Tugenden, wenn sie in einer Familie heran¬wachsen, in der Kälte und
            Lieblosigkeit herrscht, in der Zank und Streit fast täglich vorkommen. Wie können auch
            in einer solchen Familie die Kinder
            
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                gut werden, da sie ja keine Achtung vor
            ihren eigenen Eltern haben. Wenn die Kinder so oft hören, wie Vater und Mutter einander
            beschim¬pfen, sich gegenseitig ihre Fehler vorwerfen und ohne alle Achtung mit einander
            reden, so können sie doch unmöglich solche Eltern hochschätzen und Ehrfurcht vor ihnen
            besitzen. Genießen die Eltern aber nicht die Achtung und Liebe ihrer Kinder, so können
            sie dieselben auch unmöglich gut erziehen.</p>
               <p>Wie können ferner die Kinder in einer solchen
            Familie gut erzogen werden, da ja keine Einheit bei der Erziehung herrscht. Einheit
            macht stark; Einheit kann Großes und Herrliches erreichen. Das gilt auch bei der
            Erziehung. Sollen die Kinder gut werden, dann muffen Vater und Mutter in Bezug auf die
            Erziehung mit einander Hand in Hand gehen und einmüthig zusammenwirken. Der eine Theil
            darf nicht niederreißen, was der andere auf¬baut. Dieses Zusammenhalten in der Erziehung
            fehlt natürlich bei Eltern, die in Zwietracht leben. Bei ihnen kommt es ja oft genug
            vor, daß sie aus Trotz auch bei der Erziehung einander sich ge¬radezu widersprechen, daß
            z. B. der Vater zum Kinde sagt: Thue das nicht, was die Mutter dir befohlen hat. Bei
            einem solchen Verhalten aber müssen die armen Kinder den größten Schaden erleiden. Was
            muß wohl aus einem Garten werden,
            
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                in welchem zwei Gärtner arbeiten, die sich in
            Allem widersprechen und von denen der eine immer das Gegentheil von dem thut, was der
            andere will? Er muß einen höchst traurigen Anblick gewähren und unmöglich kann er
            herrliche Früchte und Blu¬men in großer Anzahl hervorbringen. Die tägliche Erfahrung
            zeigt uns, daß es ebenso bei Kindern geht, deren Eltern bezüglich der Erziehung sich in
            Allem widersprechen; sie sagt uns, daß solche Kin¬der gewöhnlich nie im Leben eine feste
            Tugend erlangen und eine segensreiche Wirksamkeit ent¬falten.</p>
               <p>Wie können die Kinder
            einer Familie, in der Unfriede wohnt, gut und fromm werden, da ja keine guten Gedanken
            und sanfte Gefühle in ihre Herzen einziehen? Aus guten Gedanken und Ein-drücken baut
            sich zum großen Theile die Erziehung auf. Nun aber geben uneinige Eltern den Kindern nur
            das Beispiel des Zankes und der Streitsucht, das Beispiel der Rohheit und das Beispiel
            des Ungehorsams und des Trotzes. Muß dadurch nicht aller edle, himmlische Sinn in dem
            Kinderherzen erstickt werden? Mögen auch die Eltern zuweilen noch ermahnen und warnen,
            was wird es nützen? Gar nichts; denn hier bestätigt sich der Ausspruch des heil.
            Ambrosius: <q>„Es mag Jemand noch so zierlich reden, so lerne ich das, was
            
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                nützt,
            doch besser durch gute Beispiele als durch eine herrliche Rede; denn schneller
            überzeugen mich die Augen von dem, was sie sehen, als das Ohr mir das beibringen kann,
            was vorübergeht. Was man hört, vergißt man schnell; was aber vor Augen liegt, sieht man
            immer."</q> 
               </p>
               <p>Wie können endlich in einer durch Uneinigkeit zerrissenen Familie die Kinder gut
            gedeihen und recht christlich werden, da auf eine solche Familie nicht der Segen,
            sondern der Fluch Gottes sich senken muß. Gott ist ein Gott des Friedens und der Liebe;
            er segnet darum nicht Eltern, die in Uneinigkeit mit einander leben; er breitet nicht
            seg¬nend seine Hand aus über ein Haus der Zwietracht, über ein Haus, das ein Abbild der
            Hölle ist. Eine Erziehung ohne den Segen Gottes, eine Erziehung in einem Hause, auf dem
            der Fluch des Himmels ruht, kann keine glückliche und erfolgreiche sein. Möchten das
            alle Eltern doch wohl bedenken und es sich recht zu Herzen nehmen. Möchten sie doch vor
            dem furchtbaren Gerichte zurückschrecken, welchem Uneinigkeit und Zwietracht sie
            entgegenführt. Am besten ist es für die Erziehung, wenn die Eltern der Art in Liebe und
            Frieden mit einander leben, daß die Kinder eine Uneinigkeit, selbst nur einen kleinen
            Wortwechsel zwischen ihnen für unmöglich
            
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                halten. Dann kann die Erziehung gut
            gedeihen. Doch einen derartigen Frieden findet man nicht in vielen Familien. Wie kommt
            das?</p>
            </div>
        
            <div xml:id="d368e1743" type="section">
                <head>II.</head>
                <p>1. Der Friede ist aus manchen Familien ge-schwunden, weil die Religion in
            denselben abhanden gekommen ist oder man sie wenig-stens nicht fleißig übt. Besitzen die
            Glieder einer Familie Religion und leben sie nach derselben, so haben sie Achtung vor
            einander; diese Achtung aber bewirkt die Liebe und den Frieden ganz von selbst. Sind die
            Glieder einer Familie durch und durch christlich, so gelangen sie dadurch zum inneren
            Frie¬den mit sich selbst und mit Gott. Der Friede mit den Menschen ist aber auf die
            Dauer um so mehr gesichert, je mehr die Menschen den Frieden mit sich selbst gefunden
            haben. Sind die Angehörigen eines Hauses ganz vom christlichen Glauben durch¬drungen, so
            werden sie von demselben angeleitet, auf sich selbst Acht zu geben, sich selbst zu
            überwin¬den; sie werden gelehrt, zu verzeihen und zu ver¬gessen, wenn sie beleidigt
            worden sind. Wer aber sieht nicht ein, daß dadurch der Friede erhalten oder doch, wenn
            er für einige Augenblicke gestört war, wieder bald hergestellt wird? Besitzen die
            Glieder einer Familie wirklich Religion und leben
            
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                    sie nach derselben, so beten
            sie gern, sie empfangen gern die heilige Communion und wohnen fleißig dem heiligen
            Meßopfer bei. Wenn aber der Christ im Gebete mit dem Gott des Friedens verkehrt; wenn
            der liebe Heiland, dieser göttliche Friedens-bringer, in der heiligen Communion an
            seinem Herzen ruht, dann ziehen ruhige Gedanken des Friedens und der Sanftmuth in dieses
            Herz ein; der Mensch wird veredelt und himmlisch gesinnt. Sind dagegen die Glieder einer
            christlichen Fa-milie ihrer heiligen Religion entfremdet und darum äußerst gleichgiltig
            in Ausübung derselben, so wird kalter Egoismus nnd Selbstsucht, welche die Herzen
            trennt, sich ihrer bemächtigen; sie werden mehr und mehr von ihren Leidenschaften und
            bösen Neigungen beherrscht werden. Der innere Friede, die innere Harmonie wird aus den
            Herzen schwinden. Muß dadurch nicht aber nothwendig auch der Friede in der Familie
            zerrüttet und dem Hader und der Zwietracht Thür und Thor geöffnet werden? Wollt ihr,
            christliche Väter und Mütter, darum die Einig¬keit eueren Familien auf die Dauer
            erhalten, so zeiget euch in euerem Denken, Wollen und Leben als eifrige Christen und
            sorget dafür, daß euer ganzes Familienleben vom christlichen Glauben durch¬drungen und
            getragen wird.</p>
                <p>2. Der Friede schwindet darum aus manchen
            
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                    Familien, weil man in
            denselben gegen einander nicht die nothwendige Geduld übt und zu empfind-lich und
            launenhaft ist. Wer von uns kann von sich sagen:<q>„Mein Herz ist rein; ich bin frei von
                Sünden" </q>(Sftr. 20, 9). Das kann Niemand. Wo Menschen sind, da sind auch Fehler; selbst
            die besten und tugendhaftesten Menschen haben noch ihre Mängel und Unvollkommenheiten.
            Auf unserer Erde zeigt sich, wo das Licht freundlich leuchtet, auch der Schatten; auch
            das reinste Stromwafser enthält noch hier und da kleine unreine Substanzen; auch das
            edelste Obst hat immer noch Etwas von dem Beigeschmäcke des Vodens, auf welchem es
            gewach¬sen und gereift ist. Auch in der besten Familie sind die Menschen keine
            fehlerlosen Engel, mag man sich auch vor der Ehe als solche betrachtet haben. Auch der
            beste Mann, auch die vorzüglichste Frau hat noch ihre Schattenseiten, ihre Mängel und
            Fehler. Darum muß man seine Schwächen gegenseitig in Nachsicht ertragen; man muß Geduld
            mit einander üben und das Wort des Weltapostels erfüllen:<q>„Einer trage des Anderen Last;
                so erfül¬let ihr das Gesetz Ehristi" </q>(Gal. 6, 2). Nur auf diese Weise kann der Friede
            bewahrt werden. Weil aber Viele von Anderen nichts ertragen kön¬nen, Alles empsindlich
            auffassen und keine Geduld haben, darum herrscht bei ihnen keine Liebe und
            
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                    kein
            Friede. Und ist es nicht überaus traurig, zu sehen, daß eines der kostbarsten Güter der
            christ-lichen Familie, nämlich der goldene Friede, verloren geht wegen einer
            Kleinigkeit? Eine kleine Unauf-merksamkeit, ein kleiner Fehler der Uebereilung, ein
            Wort, das gar nicht bös gemeint war, ein ganz kleiner Tadel, den man unbedacht
            ausgesprochen, ein kleiner Widerspruch, den man erfahren, das sind oft die einfältigen
            und lächerlichen Ursachen, welche den Frieden zu Grabe tragen und den Un¬frieden für
            längere Zeit herbeiführen. Welche Thor-heit, wegen eines Sandtörnleins das Gold
            wegzu¬werfen, wegen der geringsten Kleinigkeit den Frieden preiszugeben. Darum muß man
            lernen Nachsicht üben, muß alle kleinliche Empfindlichkeit ablegen und sich gewöhnen,
            wenn Etwas gerügt und getadelt werden muß, dies mit Selbstbeherrschung und Ruhe zu thun.
            Und ist einmal der Friede ein wenig gestört, so muß man sich bemühen, bald, recht bald
            Alles wieder in gute Ordnung zu bringen. Oft genügen dazu schon ein paar Worte einer
            liebevollen, offenherzigen Aufklärung, da ja meistens jede Miß¬Helligkeit auch auf einem
            Mißverständniß beruht. Alles Schmollen dagegen und alles Trotzen verschlimmert die Sache
            und ist dazu angethan, mit der Zeit den Frieden in einer Familie gründlich zu zerstören.</p>
                
               <p>3. Der Friede schwindet ferner aus vielen
                
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                Familien durch die Schuld der Männer.
            Manche Männer leben viel zu wenig für die Familie. Während des Tages arbeiten sie in
            ihrem Geschäfte oder Handwerke; haben sie dann am Abende einige Stunden frei, so werden
            diese regelmäßig außer¬halb der Familie zugebracht. Ebenso geht es fast mit dem ganzen
            Sonntage. Frau und Kinder kennen einen solchen Gatten und Vater kaum an¬ders als den
            Mann mit der ernsten, sauren Werk¬tagsmiene. Tazu kommt noch, daß ein solcher Mann
            häufig am Abend nicht zur rechten Zeit nach Haus geht, vielleicht nur zu oft auch in
            einem Zustande, der einem vernünftigen Menschen wahrhaftig keine Ehre macht. Kann man es
            da der Frau verargen, wenn sie sich vernachlässigt und zurückgesetzt glaubt, wenn sie
            nach und nach an Liebe und Freundlichkeit gegen den Mann bedeutend verliert? Muß das
            aber nicht mit der Zeit zum Unfrieden führen? Darum sagt mit Recht die heilige Schrift:
                <q>„Wer hat Zank? Nicht die, welche beim Weine verweilen?"</q> (Spr. 23). Soll darum Friede in
            manche Fami¬lien einkehren, so dürfen die Männer keinem zu star¬ken Wirthshausbesuche
            sich hingeben, sie müssen wieder lernen in der Familie ihre Erholung zu genießen.</p>
                <p>Noch
            ein Fehler auf Seite der Männer möge hier erwähnt werden. Einzelne Männer sind zu
            
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           heftig und aufbrausend gegen ihre Angehörigen, ja einige können zuweilen roh und grob
            ihre Frau behandeln. Das Weib besitzt ein zarteres Gemüth als der Mann, ein Herz, das
            lebhafter empfindet. Das ist eine weise Einrichtung des Schöpfers, für welche wir ihm
            zum Danke verpflichtet sind. Denn an dem Herzen des Weibes, der Mutter soll das Kind
            heranwachsen und erzogen werden. Wäre dieses Herz nun hart und gefühllos, so würde aus
            dem heranwachsenden Menschen ein Unmensch wer¬den. Auf diese Anlage des Weibes soll der
            Mann nach dem Willen des Schöpfers Rücksicht nehmen und darum dasselbe mit Schonung
            behandeln, um es nicht zu kränken und zu beleidigen; er soll be¬denken, daß es leine
            Ehre für den Mann ist, ein Tyrann zu sein, der bei jeder Gelegenheit Feuer und Flamme
            wird, sondern daß es sich besonders für den Mann geziemt, sich selbst zu beherrschen und
            seine natürliche Heftigkeit in den notwendigen Schranken zu halten. Wo das der Mann
            vergißt und sich immer von seinem Temperamente beherr¬schen läßt, da wird er oft sein
            Weib kränken, und da ist der Friede gar leicht gefährdet.</p>
                <p>4. Endlich schwindet darum der
            Friede aus vielen Familien, weil auch manche Frauen Fehler besitzen, die ein friedliches
            Zusammenwohnen fast unmöglich machen. Einst kam zu dem ehrwürdigen
            
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                    Philipp
            Henry, den man wegen seiner Sanftmuth den Himmlischen nannte, eine Frau und beschwerte
            sich bei ihm über ihren bösen Mann, der sich äußerst unfreundlich gegen sie benehme. Als
            sie endlich mit ihren Klagen fertig war, frug sie: <q>„Was mei¬nen Sie nun, Herr, daß ich
                thun soll?" </q>Der Die¬ner Gottes hatte die Klagende und Fragende sogleich durchschaut und
            gab ihr darum die ernste Antwort: <q>„Ich meine, Sie sollten nach Hause gehen und ein
                besseres Weib gegen ihren Mann sein; dann wird auch er besser gegen Sie sein."</q>
               </p>
                <p>
                  <q>„Sie
                    sollen ein besseres Weib sein," </q>das könnte man mit vollem Rechte mancher Frau sagen, die
            in ihrer Eitelkeit zu viele Ansprüche macht in Be-zug auf ihre Kleidung und immer wieder
            mit ihren Forderungen den armen Mann quält, sobald eine Freundin oder Nachbarin ein
            neues Kleid trägt, oder sobald eine neue Mode aufgekommen ist. Wie oft ist dadurch schon
            der Friede in Familien unter¬graben worden!</p>
                <p>
                  <q>„Sie sollen ein besseres Weib werden,"</q> so
            könnte man vielen Frauen sagen, die es vergessen zu haben scheinen, daß es die Pflicht
            des Weibes ist, Gehor¬sam zu leisten, die eigensinnig werden und vielleicht Tage lang
            schmollen, wenn der Mann ganz mit Recht in einer Sache nicht nach ihrem Wunsche
            
                    <pb xml:id="d368e1802" facs="B836F1_001_1885_0171.jpg" n="159"/>
            gehandelt hat. Bei einem solchen Verhalten tann natürlich der Friede auf die Dauer nicht
            be-stehen.</p>
                <p>
                  <q>„Sie sollen ein besseres Weib werden," </q>so könnte man mancher Frau sagen, die
            nicht mit Lust und Liebe ihre häuslichen Pflichten erfüllt, die nicht auf Ordnung und
            Reinlichkeit im Hause sieht, die dem Manne das Leben in der Familie nicht lieb und werth
            zu machen sucht und sich nicht bemüht, ihm stets mit Sanftmuth und herzlicher Liebe
            entgegen zu kommen. Ist das nicht der Fall, dann braucht man sich nicht zu wundern, daß
            der Mann seine Erholung immer draußen sucht und daß kein dauer-hafter Friede sich
            einstellen will. Die Frau sollte es nicht vergessen, daß der Mann, welcher während des
            Tages mit Fleiß seinen anstrengenden Berufs¬arbeiten obliegt, ein Recht hat zu
            verlangen, daß man ihm einige Aufmerksamkeit schenke und ihm Liebe und Sanftmuth
            entgegenbringe. Sie sollte ihr Glück und ihre Freude darin finden, sich für das Wohl des
            Mannes und der Kinder ganz auf¬zuopfern, und es nicht vergessen, daß eine Frau nur durch
            ein freudiges Opferleben einen großen, segens¬reichen Einfluß auf den Mann und die
            anderen Familienglieder ausübt. Doch wir wollen nicht weiter die Fehler aufzählen, die
            auf beiden Seiten, bei den Männern und den Frauen, vorkommen
            
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                    und dem
            beglückenden Frieden hinderlich im Wege stehen. Das Gesagte möge genügen.</p>
                <p>Christliche
            Eheleute! Suchet also nach der Mah-nung des Apostelfürsten vor Allem den Frieden in
            eueren Familien zu erhalten. Darum pfleget mit großem Eifer das religiöse Leben in
            denselben; machet sie zu häuslichen Kirchen. Suchet einander zu übertreffen in treuer
            Erfüllung euerer Verufs-pflichten; denn ohne diese Treue ist ein wahrer, gesunder Friede
            unmöglich. Habet Geduld und Nachsicht mit einander, seid stets freundlich, liebe¬voll,
            aufmerksam und zuvorkommend gegen einander. Benutzet gern eine passende Gelegenheit,
            euch gegen¬seitig eine erlaubte Freude zu machen. Beispiels¬weise sei an die Feier des
            Namenstages erinnert. Schon dadurch allein, daß man daran denkt, ein¬ander zu erfreuen
            und für einander ein Angebinde zu bereiten, wird das Bewußtsein der Zusammen-gehörigkeit
            geweckt und die Anhänglichkeit befördert. Zwischen Mann und Weib wird dadurch die innige
            Neigung der Brautzeit in etwa wieder erneuert. Ein Mann kann sicher seiner Frau nicht
            fluchen und böse sein, wenn er merkt, wie sie in der Stille ihre Vorbereitungen für
            seinen Namenstag trifft. Auch ist christlichen Eheleuten sehr zu empfehlen, alljährlich
            die Feier ihres Hochzeitstages zu begehen. Wird derselbe durch Gebet, durch
            gemeinschaftliche 
            
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                    Anhörung der heiligen Messe und frommen Em¬pfang der heiligen
            Communion und durch eine kleine Festlichkeit in der Familie ausgezeichnet, so werden
            durch denselben die Herzen von Neuem mit einander in Gott vereinigt und das goldene Band
            des Friedens um alle Glieder des Hauses fester geschlungen.</p>
                <p>
                  <q>„Wer das Leben lieben und
                gute Tage sehen will, der suche den Frieden und jage ihm nach." </q>
                    <note>P. Matthias, Die
            christliche Familie. 11</note>
               </p>
            </div>    
         </div>
    
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            <div xml:id="d368e1831" type="chapter">
                <head>VII.</head>
                <head>Die stille Häuslichkeit der Familie.</head>
                <p>
               <hi>D</hi>as Samenkorn wird von
            dem Gärtner in die kühle Erde hineingelegt, und hier keimt es dann ganz unbeachtet in
            aller Stille und Ruhe. In Stille und Ruhe geht es auf, wird größer, entfaltet seine
            schöne Vlüthe und zeitigt seine Frucht. Alles Gute und Große braucht zu seiner
            EntWickelung eine gewisse Ruhe und Stille. Nur in der Stille, in geräuschloser
            Einsamkeit wird der Grund zu großer Tugend gelegt. Wir wissen, daß manche Heilige sich
            ganz aus dem Geräusche der Welt zu¬rückzogen und eine vollständige Einsamkeit
            wenig¬stens für einige Zeit sich auswählten. In dieser Einsamkeit stellten sie dann ihre
            tiefen Betrachtungen an über Gott und seine Vollkommenheiten, über die ernsten ewigen
            Wahrheiten, aus denen ihre Seele reiche Nahrung schöpfte; hier in der Einsamkeit
            er¬glühte ihr Herz in Liebe zu Gott, ihrem Schöpfer und Erlöser, und arbeiteten sie sich
            mehr und mehr 
            
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                    empor- zu jener hohen Tugend und Vollkommenheit, die wir heute
            noch an ihnen bewundern. Wenn wir auch eine solche Einsamkeit uns nicht wählen können,
            ja nicht dürfen, so sollen wir doch Alle eine wichtige Lehre daraus ziehen, die Lehre
            nämlich, daß es für unser Seelenheil von hoher Bedeutung ist, uns nicht zu sehr den
            Zerstreuungen der Welt hin¬zugeben, sondern von Zeit zu Zeit in ruhigen Augen¬blicken
            und Stunden mit unserer Seele und unserm Gott uns zu beschäftigen.</p>
                <p>Wie die Tugend so
            will auch die Wissenschaft nur in der Einsamkeit gedeihen. Nicht auf dem unruhigen
            Markte, nicht auf den vielbesuchten öffent¬lichen Straßen, nicht im wirren Gerassel und
            Lärm der Fabriken, sondern in der tiefen Einsamkeit, im stillen Zimmer, in der ruhigen
            Nacht bei seiner Studirlampe erwirbt sich der Gelehrte seine ausge¬dehnten Kenntnisse.
            In der Einsamkeit entwirft der Mann seine großen Pläne. Solche Männer sind sogar
            zuweilen mitten im Getümmel, mitten in be¬lebter Gesellschaft außerordentlich ruhig und
            schweig¬sam. Während Andere beständig reden und Alles aussagen, was ihnen durch den
            leeren Kopf geht, sitzen sie da, ohne nur ein Wort zu reden und ohne fast zu bemerken,
            was Andere sprechen und thun. Sie werden darum manchmal von oberflächlichen Geistern
            verkannt und für unfähige Menschen ange- 
            <note>11*</note>
            
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                    sehen. So erging es einem der
            größten Denker, die je unsere Erde getragen hat, nämlich dem scharf¬sinnigen Thomas von
            Aquin, der einst wegen seiner Schweigsamkeit als stummer Ochs bezeichnet wurde. Ja die
            Stille und Einsamkeit ist der Wissenschaft, dem Denken und den großen Plänen überaus
            günstig. Je mehr eine Zeit die Stille flieht, die Zerstreuung sucht und den
            geräuschvollen Vergnügen nachjagt, desto ärmer wird sie an großen Denkern, desto mehr
            wird sich überall seichte Oberflächlichkeit, Mangel an Tiefe und Gründlichkeit geltend
            machen, und, was damit eng zusammenhängt, desto mehr wird überall der Schein, der Trug
            und die Lüge zur Herrschaft kommen.</p>
                <p>Doch ich rede ja hier nicht zur studirenden Jugend,
            um sie anzuspornen, in der Einsamkeit steißig ihren Studien obzuliegen. Mein Wort gilt
            nicht der Stille des nächtlichen Studirzimmers, sondern der stillen Häuslichkeit der
            christlichen Familie. Dem Einen oder Andern mag vielleicht dieser Gegenstand für den
            ersten Augenblick als zu unbedeutend er¬scheinen, um ihm eine ganze Abhandlung zu
            schenken. Doch gerade für unsere Zeit möchte dieser Gegen¬stand von großer Tragweite
            sein, wie denn ja über¬haupt oft eine scheinbar unbedeutende Sache eine große Fülle des
            Segens oder des Fluches in sich birgt.</p>
            
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                    <div xml:id="d368e1861" type="section">
                        <head>I.</head>
                        <p>1. Die stille Häuslichkeit der Familie
            ist erstens ein festes Bollwerk gegen das Böse, gegen die Sünde. Sünde und Leidenschaft
            sind eine Quelle, aus der tödtliches Gift für die Familie hervorströmt. Sie bringen ihr
            Unheil und Verwirrung; sie können so¬gar die Familie zu einer Art Hölle machen. Man
            denke doch nur an die Trunksucht, die schon so viele Familien in's tiefste Elend
            gestürzt hat; an die un¬geordnete Vergnügungssucht, die Jubel will und mit der Zeit
            Schmerz und Weh in die häuslichen Ver¬hältnisse bringen muß; man denke an den Zorn, der
            wie ein Unthier in dem Hause wüthet und rast; an die Unzucht, die schon so viele Herzen
            in den Familien mit Kummer und Bitterkeit erfüllt hat. Ach wie viele Familien könnten
            liebe, traute Stätten des schönsten Glückes sein, hätte man aus ihnen die Sünde fern
            gehalten. Doch seitdem die Sünde ein-gelehrt ist, sind es Wohnungen, in denen
            schmerzlicher Kummer an den Herzen zehrt, und bittere Thräneu reichlich fließen.</p>
                        <p>Durch
            die zu große Ausgegossenheit in die Zer-streuungen des Lebens, durch den unordentlichen
            Hang nach den Vergnügen der Welt wird die Sünde, das Laster in die Familie eingeführt.
            Starke Essenzen verlieren bald ihre Kraft, wenn die Gefäße, in
            
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                            welchen man sie
            aufbewahrt, zu oft und zu lange geöffnet werden. Aehnlich ergeht es den Gliedern einer
            Familie, wenn sie zu sehr den Zerstreuungen und Vergnügungen sich hingeben. Dann wird
            der Sinn auf tausend Dinge hingerichtet und darum besitzt man keine entschiedene
            Aufmerksamkeit und Kraft für das Einzelne. Man gewöhnt sich nur an Solches, was leicht
            und angenehm ist; man verweichlicht und schreckt zurück vor Allem, was Anstrengung und
            Kampf verlangt. Will man aber vor der Sünde sich bewahren und Herr über seine
            Leidenschaften bleiben, dann muß man auch zum ernsten und be¬harrlichen Kampfe und zu
            Opfern bereit sein. Ohne diese Stimmung wird Niemand Sieger über die bösen Neigungen in
            seinem eigenen Innern und die Anfechtungen, die von Außen ihm drohen.</p>
                        <p>Suchen die
            Angehörigen einer Familie ihre Er-holung nur draußen und stürzen sie sich leicht¬sinnig
            in den Strudel des Lebens, so werden ge¬wöhnlich Lebensanschauungen, Grundsätze und
            Ge¬wohnheiten in die Familie eingeführt, welche dem Laster die Einkehr in dieselbe
            vorbereiten und er-leichtern. Man besucht das Theater, die Bälle, die Tanzplätze, die
            Wirthslocale und andere gefährliche Gelegenheiten. Was man dort sieht und hört, ist oft
            nur zu sehr dazu angethan, die Sinnlichkeit zu erregen; man hört Grundsätze aussprechen,
            die im
            
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                            Herzen den religiösen und sittlichen Halt erschüttern, Grundsätze, die
            dem christlichen Glauben und Leben schnurstracks entgegen oder doch wenigstens mit
            dem¬selben nicht in Einklang zu bringen sind. Man kommt vielleicht zusammen mit
            glaubenslosen Menschen, die nur Hohn und Spott haben für unsere heilige Religion, die in
            ihrer teuflischen Bosheit nicht da¬mit zufrieden sind, für ihre eigene Person Gott den
            Dienst zu versagen, sondern auch Andere Gott und der Kirche untreu zu machen suchen. Man
            schließt draußen leicht Freundschaften, die mit der Zeit als äußerst verderblich sich
            erweisen. Was Wunder, daß dann die einzelnen Glieder der Familie verdorben werden und
            daß die Sünde ihren Einzug in die¬selbe hält?</p>
                        <p>Sind nicht auf diese Weise viele Männer,
            Väter, die sonst vortreffliche Eigenschaften und ein gutes Herz besaßen, leichtsinnig
            geworden und ihren ernsten Pflichten zum großen Nachtheile der Familie nicht mehr getreu
            nachgekommen? Wo der Mann leichtsinnig und pflichtvergessen sich zeigt, da ist das ja
            ein Unglück für die Familie, das man nicht genug bedauern kann. Sind nicht selbst manche
            Frauen, die sonst ihren Mann und ihre ganze Familie hätten beglücken können, durch die
            zu große Zerstreuungs¬sucht flatterhaft und unfähig geworden, ihrem er¬habenen,
            wichtigen Berufe gewissenhaft zu entsprechen?</p>
            
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                            <p>Ja haben sie nicht selbst allen
            Sinn und alles Ver-ständniß für denselben verloren? Wo aber in einer Familie die Frau,
            die Mutter kaum mehr eine rechte Ahnung hat von ihren wichtigen Pflichten, da ist es
            unmöglich, der Sünde mit Erfolg zu wehren.</p>
                        <p>Sind nicht zu oft die Kinder einer Familie,
            in der man keine stille Häuslichkeit kennt, früh mit der Sünde, ja mit großen Lastern
            bekannt geworden und haben schon, da sie kaum den Schuljahren ent¬wachsen waren, ein
            Leben begonnen, das nur eine fortgesetzte Kette von Sünden und Thorheiten aller Art ist?
            Sind nicht endlich durch Mangel an christ¬licher Häuslichkeit in den Familien vielfach
            unsere Dienstboten gänzlich ausgeartet? Man hat sie nicht mehr als Angehörige des Hauses
            betrachtet; man hat sie vielfach von dem pflichtmäßigen Besuch des Gottesdienstes
            abgehalten; man hat ihnen, wenn sie ihre Arbeiten gethan, volle Freiheit gelassen. Sie
            tonnten lesen, was sie wollten; sie konnten hingehen, wohin sie wollten; man kümmerte
            sich nicht darum, wenn sie nur am Morgen wieder zur bestimmten Zeit an ihrer Arbeit
            waren und wenn sie nur diese verrichteten. So waren diese armen jungen Geschöpfe großen
            Gefahren ausgesetzt und haben im Laufe der Jahre ihren christlichen Sinn, die Reinheit
            der Sitten und damit aber auch meistens die Willigkeit und Treue in ihrem mühevollen
            Berufe eingebüßt. Sind
            
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                            nun auch die Dienstboten nicht die Hauptpersonen in einem
            Hause, so kann dasselbe doch sehr leicht durch solche ausgeartete Dienstboten zu einer
            Stätte der Sünde und des Lasters werden. Wir mögen also alle Familienglieder der Reihe
            nach betrachten, die Erfahrung sagt uns, daß sie alle mehr oder weniger der Sünde
            anheimfallen, wenn sie dem stillen Leben einer guten Familie entzogen und den
            Zerstreuungen der Welt preisgegeben werden. Die ruhige, stille Häuslichkeit ist ein sehr
            gutes Mittel, die Glieder einer Familie vor sittlichen Ausschrei¬tungen zu bewahren.
            Wenn die Eltern ganz für die Familie leben, wenn überhaupt die Familie ein festes,
            geschlossenes Ganze ist, dann treten viel weniger Versuchungen an eine solche Familie
            heran; die Glieder derselben hören weniger irreligiöse Grund-sätze, die wie tödtliches
            Gift auf Geist und Herz einwirken; sie sehen weniger die bösen Beispiele der Welt, die
            eine wahrhaft erschreckende Macht auf den Menschen ausüben. Die Angehörigen einer
            solchen Familie werden wohl nie eine große Frechheit in der Sünde erlangen. Oft ist noch
            im spätem Leben, wenn die Kinder schon lange draußen in der Fremde weilen, die
            Erinnerung an das glückliche Leben in dem stillen Elternhause für sie ein mächtiger
            Schutz gegen das Böse und bewahrt sie vor großen Ver-irrungen.</p>
                        
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                        <p>2. Die stille
            Häuslichkeit ist ferner eine reiche Segens quelle für die christliche Familie. Aus
            dieser Quelle fließt zunächst Freude und Zu-friedenheit hervor. Alle Menschen streben
            nach Glück und Freuden, zumal in unserer vergnügungs¬süchtigen Zeit. Und doch gibt es so
            viele Herzen, die ohne Freude, die öde, finster und traurig sind. Wenn auch einmal für
            einen Augenblick in ihnen die Freude aufflackert, so ist bald die innere Oede und
            Unzufriedenheit nur um so größer. Woher diese un¬angenehme Erscheinung? Man hat
            vergessen das Wort des Weltapostels: <q>„Gaudete in Domino, freuet euch im Herrn." </q>Man hat
            insbesondere auch fast ganz vergessen, daß reine Freude meistens nur aus der Stille
            hervorquillt. Man sucht die Freude nur im Strudel des Lebens, im bunten Durcheinander
            der äußern Welt, in dem geräuschvollen Marktleben des großen Verkehrs. Da ist sie nicht
            zu finden. Der heil. Basilius sagt: <q>„Die Einsamkeit ist das Para¬dies der Freude." </q>Man
            findet die glücklichsten Menschen in der Stille und Verborgenheit, nämlich in wohl
            disciplinirten Klöstern und in stillen Fa-milien, wo eine beglückende Häuslichkeit
            herrscht. In einer solchen Familie sind die Glieder durch das Band gegenseitiger Liebe
            mit einander vereinigt; man hat gegenseitig herzliche Theilnahme für einan¬der in den
            Beschwerden und Leiden des Lebens;
            
                            <pb xml:id="d368e1903" facs="B836F1_001_1885_0183.jpg" n="171"/>
                            Einer trägt des Andern Last und man sucht
            sich gegenseitig Freude und Glück zu bereiten. Man vergißt dort wieder alle
            Unannehmlichkeiten, die man draußen in der Welt erfahren, und entfernt alle Bitterkeit
            wieder aus dem Herzen, die so oft im Verkehr mit selbstsüchtigen Menschen in dasselbe
            einkehren will. Der Mann athmet wieder auf von der Last des Berufes, die mit schwerem
            Gewichte auf seine Schultern drückt. Sein Herz schlägt höher und freudiger und ein
            Lächeln der Zufrieden¬heit verklärt sein ernstes Angesicht, wenn er nach der harten
            Arbeit des Tages am Abende einige Stunden in der häuslichen Stille einer braven Fa¬milie
            sich ausruhen kann. Dort winkt ihm eine reinere und beglückendere Freude als draußen bei
            Spiel und Trank in Gesellschaft leichtsinniger Kameraden.</p>
                        <p>In der stillen Häuslichkeit
            gedeiht weiter am besten das christliche Tugendleben der Familie. Warum wohl pflanzt man
            schöne Blumen nicht an die Landstraßen, wo sie doch mehr bewundert werden könnten? Dort
            würde der Staub ihre Farbenpracht verdunkeln oder der Fuß des Wanderers sie zer¬treten;
            oder ein unvernünftiges Thier oder die muth-willige Jugend könnte sie zu Grunde richten.
            Im geschlossenen Garten ist die Blume mehr gesichert; dort kann sie ungefährdet ihre
            Pracht entfalten. So ist es ähnlich auch mit der Tugend. Wo die
            
                            <pb xml:id="d368e1908" facs="B836F1_001_1885_0184.jpg" n="172"/>
                            Familie ihre
            stille Häuslichkeit verloren hat und kein geschlossenes Ganze mehr ist, wo der Vater
            hierhin geht und die Mutter dorthin, die Söhne an diese, die Töchter an jene Stelle
            hineilen, um ihre Erho¬lung und Freude zu genießen, da wird man ver¬geblich eine
            gediegene Tugend suchen, ja da wird ein eigentliches Tugendleben ganz unmöglich. Denn da
            schwindet im Taumel der Genüsse und im Leicht¬sinn des Lebens jeder ernste Sinn,
            schwindet jedes höhere, ideale Streben, schwindet schließlich selbst die Ahnung, was
            wahre, echte Tugend ist; da kennt und übt man kein rechtes Gebet mehr, und wo man nicht
            betet, kann man auch nicht recht leben, kann es keine gründliche Tugend geben. Firniß,
            Schein, Lüge gilt in einer solchen Familie als Tugend. Man ist zufrieden mit einem
            feinen, glatten Wesen, unter welchem alle Gemeinheit der Sünde verborgen sein kann. Die
            wahre Tugend will nur in der Stille gedeihen. Das haben, wie schon eingangs bemerkt
            wurde, die Heiligen wohl gewußt, und darum liebten sie die Einsamkeit und mieden selbst
            im Verkehr mit der Welt so viel als möglich alle unnöthige Zerstreuung. Das hat uns aber
            vor Allem der göttliche Heiland selbst durch sein eigenes Beispiel dringend an's Herz
            legen wollen. Darum lebte er bis zum dreißigsten Jahre in der stillen, heiligen Familie
            zu Nazareth und widmete nur drei
            
                            <pb xml:id="d368e1910" facs="B836F1_001_1885_0185.jpg" n="173"/>
                            Jahre seiner öffentlichen Wirksamkeit. Er hatte
            nicht nothwendig, durch langes Ringen und Streben nach Tugend und Wissenschaft auf sein
            Amt sich vorzu-bereiten. Wenn er dennoch so lange verborgen in der Familie lebte, so
            scheint er uns dadurch beson-ders auf die Liebe zur Einsamkeit und auf die über¬aus hohe
            Bedeutung einer stillen und frommen Fa¬milie aufmerksam machen zu wollen. Nur in einer
            solchen Familie zeigt sich ein christliches Tugendleben. Blicket nur hinaus in's Leben.
            In welchem Hause findet ihr Keuschheit und Reinheit der Sitten? wo Liebe, Sanftmuth und
            Geduld? wo Bescheidenheit und Sittfamkeit der Kinder? wo Gehorsam und Treue der
            Dienstboten? Nur in jener Familie, in welcher sich die Angehörigen daheim am
            glücklichsten fühlen, nur in jener Familie, in der man ein stilles und häusliches Leben
            führt. Soll darum die christliche Tugend in der Familie und Gesellschaft sich wieder zu
            schöner Blüthe entwickeln, so muß man nothwendig die stille Häuslichkeit wieder lieben
            und Pflegen.</p>
                        <p>Aus dieser stillen Häuslichkeit fließt ferner ein reicher Segen für die
            Erziehung der Kin¬der. Sollen die Kinder in einer Familie gut werden, so ist auf Seiten
            der Eltern nothwendig zu¬erst ein wachendes Auge; sie müssen Acht haben auf die
            Neigungen, die Fehler, den Umgang, die Ge-
            
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                            fahren des Kindes. Es ist ferner
            nothwendig ein lehrender und mahnender Mund; die Eltern müssen die Kinder in den
            religiösen Wahrheiten unter¬richten, sie über ihre Pflichten belehren und sie zum Guten
            aufmuntern und vom Vösen abhalten. Es ist nothwendig eine strafende Hand; die Eltern
            dürfen, wenn es nothwendig ist, auch nicht zurück¬schrecken vor der Zuchtruthe und
            andern Strafen gemäß den Worten der heiligen Schrift: <q>„Ent¬ziehe dem Knaben die
            Züchtigung nicht; denn wenn du ihn mit der Ruthe schlägst, wird er nicht sterben, und du
            wirst seine Seele von der Hölle erlösen" </q>(Spr. 23,13). Es ist nothwendig ein
            hellleuchtendes Tugendbeispiel; dieses Beispiel soll für die Kinder ein Wegweiser und
            Führer zum Himmel werden. Fehlt das gute Beispiel, so wird alles Andere fast umsonst
            sein. Endlich ist nothwendig ein betendes Herz; die Eltern müssen sich bemühen, durch
            gutes und fleißiges Ge-bet den Segen des Himmels auf die Kinder herab-zuziehen. </p>
                        <p>Man
            braucht diese Erfordernisse einer guten Er-ziehung nur zu nennen, um sofort einzusehen,
            daß dieselben sich gewöhnlich nur in einer Familie vor-finden, in der Vater und Mutter
            viel auf ein schönes häusliches Leben halten und so in Einheit glücklich zusammenleben.
            Wie können Eltern, die
            
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                            ihre Familie nicht lieben und ihre Erholung und
            Unterhaltung immer draußen suchen, den Anforde-rungen einer echt christlichen Erziehung
            genügen? Wie sind sie im Stande, stets ein wachsames Auge auf die Kinder zu richten, da
            sie ja selbst nur zu sehr von den Gedanken an die Zerstreuungen und Vergnügen der Welt
            in Anspruch genommen sind? Werden sie es verstehen, denselben gute Lehren und
            Anweisungen zu geben, da ein ganz irdischer Geist in ihnen wohnt? Werden sie fleißig
            jeden Tag für die Kinder beten, sie, die kaum mehr wissen, wie man es anzufangen hat, um
            ein gutes Gebet zu verrichten? Und muß nicht das Beispiel der Welt¬liebe und
            Zerstreuungssucht, das solche Eltern noth-wendig geben, verderbenbringend auf die Kinder
            einwirken? Wie können solche Kinder Selbstüber¬windung lernen? wie einen ernsten Sinn
            für Ve-rufstreue und entschiedenes Ringen nach Tugend sich aneignen? </p>
                        <p>Endlich fließt auch
            aus der stillen Häuslichkeit ein reicher Segen für den irdischen Wohl-stand der Familie
            hervor. Wir wollen das bloß mit ganz wenigen Worten andeuten. Das zerstreute Leben in
            der Welt und mit der Welt kostet viel Geld, um Alles mitmachen zu können; kostet viel
            Zeit, die der treuen, segensreichen Berufsarbeit ent¬zogen wird; kostet oft genug auch
            einen Theil der
            
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                            Gesundheit, indem den Kräften des Körpers zu viel zugemuthet
            wird. Das Alles trägt dazu bei, den Wohlstand in der Familie zu untergraben. Wie Viele
            könnten wohlhabend sein und in glücklichen Verhältnissen leben, befinden sich aber jetzt
            in Noth und Sorgen, weil sie zu viel außerhalb der eigenen Familie ihre Erholung und
            Freude gesucht haben. Geld, Zeit, Nerufsfreudigkeit und Gesundheit werden durch die
            Liebe zur stillen Häuslichkeit erhalten und das sind vier Dinge, welche viel, sehr viel
            zu einem gediegenen Wohlstande beitragen. Was in der hei-ligen Schrift von einer frommen
            und häuslichen Frau gesagt wird, das gilt auch von einem braven Manne, der die
            Häuslichkeit liebt: <q>„Viele haben sich Reichthümer gesammelt, du aber hast sie alle
                übertroffen"</q> (Spr. 31, 29). Das also ist die hohe Bedeutung der stillen Häuslichkeit für
            die Familie; sie ist für dieselbe ein Bollwerk gegen die Sünde und eine reiche Quelle
            des Segens. Es fragt sich nun, was zu thun ist, um dieselbe für die Familie zu erhalten.</p>
                    </div>
                        
                <div xml:id="d368e1936" type="section">
               <head>II.</head>
                            <p>1. Man muß erstens die Vergnügen und Freund-schaften der Welt meiden. Damit soll
            nicht gesagt sein, daß man eine Art chinesischer Mauer um das Haus aufführen und so die
            Familie möglichst von allem
            
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                                Verkehr mit der Außenwelt abschneiden müsse. Das
            könnte nur sehr nachtheilig sein. Auch soll damit nicht gesagt sein, daß man nie
            außerhalb der Familie eine Freude und Erholung suchen dürfe; aber das will ich damit
            sagen: Man darf keine sündhaften und gefährlichen Freuden draußen genießen und man soll
            selbst bei den erlaubten Freuden ein billiges und kluges Maß einhalten. Es ist aber
            sicher kein Maßhalten mehr in der Erholung, wenn so viele unserer Männer täglich oder
            doch mehrmals in der Woche das Wirthshaus besuchen. Diese traurige Unsitte ist ein
            großes Unglück für die Männerwelt, die dadurch dem Leichtsinne und zu oft noch
            schlimmeren Dingen verfällt, für die Fa¬milie, die dadurch an Einheit, Friede und
            innerem Glücke viel verliert, und welcher der Mann mehr und mehr entfremdet wird; sie
            ist ein bedenklicher Krebsschaden an dem gesellschaftlichen Körper unserer Zeit, gegen
            welchen die Regierungen ernstlich ein¬schreiten sollten. Es ist ein gar böses Zeichen
            für einen Mann, einen Vater, wenn er nur draußen in heiterer Gesellschaft sich in
            gehobener Stimmung fühlt, dagegen zu Hause nur eine finstere Werktags¬miene zur Schau
            trägt.</p>
                    <p>Auch das soll betont werden: Man schließe keine Bekanntschaft und Freundschaft
            7mit Menschen, die Grundsätze hegen, welche dem Glauben und dem
            <note>P. Matthias, Die
            christliche Familie. 12</note>
            
                        <pb xml:id="d368e1951" facs="B836F1_001_1885_0190.jpg" n="178"/>
                                christlichen Leben widersprechen, mit Menschen, durch
            deren Umgang mit der Zeit leichtsinnige Ansichten über religiöse und sittliche Dinge in
            der Familie eingebürgert werden können. Sie sind ein wahres Verderben für die Familie.
            Mögen sie in der Unter¬haltung auch noch so angenehm und geistreich sein, mögen sie noch
            so feine Manieren, ja selbst manche natürliche Tugenden besitzen, sie bleiben für die
            Fa¬milie <q>„falsche Propheten, die in Schafs-kleidern einhergehen, inwendig aber reißende
            Wölfe sind"</q> (Matth. 7, 15).</p>
                    <p>Das soll endlich noch hervorgehoben und zwar mit großem
            Nachdruck hervorgehoben werden: Man muß wieder anfangen, seine Erholung mehr in der
            Familie als draußen zu suchen. Man unterhalte sich in vertrauter Weise mit einander; man
            mache ein unschuldiges Spiel; man unterrichte mit Lust und Geduld die Kinder und schenke
            ihnen einige liebevolle Aufmerksamkeit; man lasse ein anziehendes und nützliches Buch
            vorlesen; von Zeit zu Zeit kann man auch ein kleines Familienfest veranstalten, zu dem
            man einige Verwandte und Freunde einladen mag. Das Alles sind Erholungen, die mehr
            Freude und mehr Nutzen für Geist und Körper bringen als alle geräuschvollen Vergnügen
            draußen.</p>
                    <p>Die häusliche Erholung gehört wesentlich zu einem geordneten Leben in der
            christlichen Familie. Fehlt
            
                        <pb xml:id="d368e1962" facs="B836F1_001_1885_0191.jpg" n="179"/>
                        sie, so ist das ein großer Nachtheil für alle
            Ange-hörigen des Hauses, besonders aber für die Kinder. Manche Kinder erleben zu Hause
            nur wenig heitere Stunden; um so mehr Bitterkeiten haben sie von einem
            leidenschaftlichen Vater und einer zänkischen, unzufriedenen Mutter zu erdulden. Sie
            empfangen auf diese Weise den Eindruck, als ob das elterliche Haus nur eine Art
            Zuchthaus für sie wäre. Daher suchen sie ihre Freude draußen und es bildet sich bei
            ihnen die Meinung, sich Vergnügen machen heiße so viel als aus dem Hause, gehen,
            schwärmen und umher toben. Die armen Kinder empfinden kaum je eine edle Freude, und das
            ist für sie ein großes Hinderniß einer guten Bildung des Herzens.</p>
                    <p>2. Um der Familie die
            Häuslichkeit zu be¬wahren, erhalte und pflege man treu die gegen¬seitige christliche
            Liebe. Wo wahre Liebe herrscht, da wird die Familie gewissermaßen zu einem Heilig-thume,
            das den Angehörigen derselben überaus theuer ist, und deshalb fühlt man kein großes
            Ve-dürfniß nach äußerer Zerstreuung und Lustbarkeit. Man fühlt sich dann nirgends
            glücklicher als zu Hause bei den Semigen. Fehlt dagegen einer Fa-milie diese
            gegenseitige Liebe, so wird dem Menschen das eigene Haus verleidet; er ist froh, wenn er
            nur möglichst wenig in demselben zu verkehrem braucht und wirft sich darum der
            Zerstreuungssucht in die 
            <note>12*</note>
            
                        <pb xml:id="d368e1971" facs="B836F1_001_1885_0192.jpg" n="180"/>
                        Arme. Das sollten sich manche Frauen merken, die
            ihren Männern nicht mit Liebe und Aufmerksamkeit entgegen kommen, die kaum einmal daran
            denken, dem Manne und den übrigen Gliedern der Familie eine Freude zu bereiten, sondern
            sich immer un-freundlich und ungeduldig zeigen. Aus dem Hause, in welchem eine solche
            Frau gemein und lieblos waltet, flüchten Mann und Kinder und suchen ihre Erholung in
            Genüssen, die Leib und Seele verderben. Manche Xantippe ist die Ursache, daß ihr Mann
            ein fleißiger Wirthshausbesucher und vollendeter Trunkenbold geworden ist.</p>
                    <p>3. Um die
            stille, segensreiche Häuslichkeit der Familie zu erhalten, muß man in derselben auf
            Ordnung sehen. Gott liebt die Ordnung; darum beobachtet er auch selbst überall in der
            Natur eine wahrhaft wundervolle Ordnung. Auch der Mensch wird von der Schönheit der
            Ordnung mäch-tig angezogen. Dagegen fühlt er sich von der Un-ordnung abgestoßen. In
            einem Garten, wo leine Ordnung herrscht, wo Alles planlos bunt durch einander steht,
            gefällt es ihm nicht, mögen auch hier und da die schönsten und seltensten Blumen seinem
            Auge sich zeigen. In einer Versammlung, in der kein Präsident an der Spitze steht und
            für Ruhe und Ordnung sorgt, und darum Alles in wilder Unordnung durch einander geht,
            fühlt sich ein an-
            
                        <pb xml:id="d368e1976" facs="B836F1_001_1885_0193.jpg" n="181"/>
                        ständiger Mensch nicht behaglich; er eilt so schnell als
            möglich aus derselben. So ist es ähnlich auch mit der Familie. Die Ordnung bewirkt, daß
            man sich in derselben heimisch und zufrieden fühlt. Ist das Haus auch klein und ärmlich,
            sind die Be¬wohner auch ganz gewöhnliche und einfache Leute, beobachten sie aber Ordnung
            in ihrem Familienleben, ist Alles bei ihnen geregelt, steht Alles an seinem rechten
            Orte, und hat Alles seine bestimmte Zeit, so wird man doch innerlich angenehm berührt
            und angezogen von der Schönheit dieses Lebens. Tritt uns jedoch in einem Hause überall
            Unordnung entgegen, so sind wir herzlich froh, wenn wir wieder unfern Fuß über die
            Schwelle setzen können, um eine Familie zu verlassen, in der uns Alles anekelt. Darum
            muß man für Ordnung sorgen, zwar nicht in pedan¬tischer, kleinlicher, aber in
            vernünftiger Weise und vor Allem dadurch, daß ein Jeder in der Familie seine Pflichten
            und Arbeiten pünktlich und gewissen¬haft thut. Ein Sprichwort sagt: „Bewahret die
            Ordnung und die Ordnung wird euch bewahren." Dasselbe gilt auch hier. Haltet Ordnung im
            Hause, und die Ordnung wird euch und die Familie er¬halten.</p>
                    <p>4. Endlich muß man das
            christliche Glau-bensleben in der Familie eifrig pflegen. Wenn die Glieder einer Familie
            sich ganz von
            
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                        unserer heiligen Religion durchdringen lassen und ein Leben
            führen, das derselben entspricht, dann wird dadurch die Häuslichkeit mit ihrem großen
            Segen am sichersten in einem Hause erhalten. Denn unser heiliger Glaube leitet uns an,
            den unordent¬lichen Hang nach Vergnügen und Zerstreuungen zu bekämpfen, und das ist ja
            durchaus nothwendig, um ein stilles häusliches Leben zu führen. Er will uns mehr und
            mehr von dem eitlen irdischen Tand und Flitter abwenden und unser Streben auf höhere
            Güter hinrichten. Unsere Religion ermuntert zum gemeinschaftlichen Gebete und zur öftern
            heiligen Kommunion; sie erzieht uns zur Geduld und Sanft-muth. Durch alles Dies wird in
            der Familie der Friede befestigt; die Herzen werden immer inniger mit einander verbunden
            und die Familien zu Stät¬ten der Zufriedenheit und des Glückes gemacht, die man liebt
            und in denen man gerne weilt. Möchten das doch alle Eheleute in unserer Zeit wieder
            recht erkennen und ihr Familienleben zu einem wahrhaft christlichen gestalten; möchten
            sie, besonders auch die Männer, den hohen Werth der Häuslichkeit wieder ganz erfassen
            und darum Alles aufbieten, daß ihre Familien Wohnungen nach dem Herzen Gottes werden,
            Wohnungen, in denen man gemeinschaftlich arbeitet, gemeinschaftlich be¬tet,
            gemeinschaftlich mit einander sich freut und
            
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                        dann auch gemeinschaftlich aus
            Liebe zu Gott ge-duldig das Kreuz und die Beschwerden des Lebens trägt. - <q>„Ein
            Wünschenswerther Schatz und Oel ist in der Wohnung der Gerechten; der thörichte Mensch
            aber verschwendet es" </q>(Spr. 21, 20).
                </p> 
            </div>
                
            </div>
    
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         <div xml:id="d368e1993" type="chapter">
        
            <head>VIII.</head>
            <head>Das gemeinschaftliche Gebet in der Familie.</head>
        
            <p>
               <hi>W</hi>ill ein Arzt in seiner Praxis gründlich ver¬fahren, so beobachtet er nicht bloß die
            Symptome, die äußeren Erscheinungen der Krankheit, sondern er sucht auch die Ursache
            derselben zu erforschen und dann das Uebel an der Wurzel zu ergreifen. Läßt er dies
            außer Acht, so wird in vielen Fällen seine Mühe ganz vergeblich sein. Aehnlich macht man
            es auch mit einem Baume, der kränkelt, dessen Blätter kein frisches Grün zeigen, und der
            nur mehr eine kümmerliche Frucht hervorbringt. Man curirt dann nicht an den einzelnen
            Blättern des Baumes, son¬dern an dem Stamme und vor Allem an der Wur¬zel. So muß man
            auch verfahren, will man der kranken menschlichen Gesellschaft helfen. Es kommt da nicht
            so sehr darauf an, einzelne Mißstände, ein¬zelne Uebel heilen zu wollen; man muß
            vielmehr die Quelle dieser Uebel zu verstopfen suchen.</p>
            <p>Die Ursache vieler traurigen
            Erscheinungen der Gegenwart nun ist in der Familie zu suchen, die fast überall mehr und
            mehr ihren christlichen Charakter ver- 
            
            <pb xml:id="d368e2009" facs="B836F1_001_1885_0197.jpg" n="185"/>
            loren hat. Darum ist es in unserer Zeit
            so wichtig, die Familie wieder in christlicher Weise zu heben, sie wieder zu einer
            Stätte der Gottesfurcht und damit zu einer Quelle des Segens für die ganze Gesellschaft
            zu machen. Ein sehr wirksames und doch leichtes Mittel dazu ist die Gewohnheit des
            gemeinschaftlichen Gebe¬tes in der Familie. Diese schöne Gewohnheit herrschte früher
            fast allgemein in den Familien, auch in den vornehmen, ist aber leider in der neueren
            Zeit mei¬stens aus denselben geschwunden.. Wir wollen jetzt über diese Uebung eine
            Untersuchung anstellen und zeigen, wie sie dazu angethan ist, die kostbaren Güter einer
            Familie zu bewahren und zu vermehren.</p>
            <p>1. Wird in der christlichen Familie das
            gemein-schaftliche Gebet fleißig geübt, so wird dadurch in derselben die Religion
            erhalten und belebt. Das erste hohe Gut der Familie ist die heilige Reli-gion, der
            lebendige Glaube. In dem Hause, wo keine Religion herrscht, muß es mit dem
            Familien-leben traurig bestellt sein. Der göttliche Heiland spricht von einem Manne, der
            sein Haus auf Sand gebaut hatte, und fährt dann fort mit den Worten:<q> „Da fiel ein
            Platzregen, es lamen Wasser¬güsse, es wehten die Winde und stießen an jenes Haus und es
            stürzte ein und sein Fall war groß" </q>(Matth. 7). Ein solches auf Sand gebautes Haus ist
            die Familie, in der
            
            <pb xml:id="d368e2017" facs="B836F1_001_1885_0198.jpg" n="186"/>
            sich keine Religion findet. Es kommen die Stürme der
            Versuchungen, die Stürme der menschlichen Lei-denschaften; die Sorgen des täglichen
            Lebens stellen sich ein und machen ihre Anforderungen; Kreuz und Leiden legen sich mit
            schwerer Wucht auf die Schul-tern und noch mehr auf das Herz der Familienan-gehörigen ;
            alles dies prallt gegen die gott- und reli-gionslose Familie an, sie wird erschüttert
            und ver-wirrt, verliert ihren Halt und ihre Festigkeit und es weicht die Zufriedenheit
            und alles wahre Glück aus derselben. Wie oft wird dies in unserer Zeit durch die
            tägliche Erfahrung bestätigt! Wie viele Familien, die reichlich ausgestattet sind mit
            allen irdischen Gütern, gibt es, in denen nichts wie Unzufrieden¬heit, Kummer und
            Verdruß herrscht, weil man sich in derselben nicht mehr um Gott und seine heilige Kirche
            kümmert, Familien, die bei allem äußern Glanz und Reichthum viel unglücklicher sind, als
            die Familie eines armen Handwerkers, der durch harte Arbeit sich und die Seinigen
            ernähren muß, der aber Gott mit seiner Liebe nicht aus seinem Herzen und seiner Familie
            verdrängt hat! </p>
            <p>Unsere heilige Religion gibt dem ganzen Fami-lienleben eine höhere Weihe;
            sie adelt und verschönert dasselbe; sie gibt ihm Stärke und Festigkeit in den
            Beschwerden und Leiden, daß man sie mit Geduld und Kraft erträgt aus Liebe zum
            gekreuzigten Heilande;
            
            <pb xml:id="d368e2023" facs="B836F1_001_1885_0199.jpg" n="187"/>
            sie hält alle Glieder der Familie mit Ernst an, daß sie
            ihre Pflichten treu und gewissenhaft erfüllen, die Eltern, daß sie ihre Kinder für Gott
            und die Tugend mit aller Sorgfalt erziehen, die Kinder, daß sie ihren Eltern als
            Stellvertretern Gottes Ehre, Liebe und Gehorsam erzeigen, die Dienstboten, daß sie mit
            Pünktlichkeit und Willigkeit ihren Obliegenheiten nach¬kommen. Dadurch muß unsere
            Religion die Ordnung und das glückliche Zusammenleben in der Familie auf die sicherste
            Weise bewirken und erhalten.</p>
            <p>Nun wird aber die Religion selbst in der Fa¬milie am besten
            bethätigt und bewahrt durch das Gebet. Religion ist ja die Vereinigung, die Ver¬bindung
            des Menschen mit Gott. Wenn wir aber beten, dann treten wir in lebendigen Verkehr mit
            Gott. Ganz mit Recht sagt Clemens von Alexan-drien:<q> „Das Gebet ist ein vertrauter
                Um¬gang mit Gott, eine Art Vereinigung mit ihm." </q>Schön spricht darüber P. Deharbe, S. J.
            in seiner bekannten Erklärung des Katechismus: <q>„Der Betende erschwingt sich in
            Wahrheit von der Erde zum Himmel, vom Schatten zum Lichte empor; er dringt ein in das
            Heiligthum der göttlichen Maje¬stät, gesellt sich den Chören der seligen Geister bei und
            verkehrt mit dem Allerhöchsten wie ein Unter-than mit seinem Könige, wie ein Freund mit
            seinem Freunde, wie ein liebendes Kind mit seinem liebreichsten
            
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                Vater. Alle
            Seelenkräfte des Netenden: Gedächtniß, Verstand, Herz und Wille vereinigen sich bei
            diesem Verkehre mit dem Allerhöchsten durch Lob, Preis, Anbetung, Sehnsucht, Verlangen
            und ganz besonders durch Acte des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Denn im Gebete
            üben wir den Glauben an die göttliche Weisheit und Allmacht, an die lieb¬reiche
            Vorsehung unseres Vaters im Himmel; wir üben ferner unsere Hoffnung auf die göttliche
            Güte, Barmherzigkeit und Treue in seinen Verheißungen; üben endlich auch die Liebe,
            diese schönste aller Tugenden, die da macht, daß wir Eines Geistes und Willens werden
            mit Gott, dem Geliebten unseres Herzens. Oder wer könnte diesem Flammenmeer der Liebe
            sich nahen, ohne selbst von heiligem Feuer zu erglühen? Das Herz der Jünger, die nach
            Emaus gingen, brannte vor Liebe und Eifer, während sie sich mit Jesus unterhielten; so
            wird auch unser Herz entbrennen, wenn wir im Gebete mit Gott verkehren."</q> So wird durch
            das Gebet die Ver-einigung und Verbindung mit Gott, also die Re¬ligion in der schönsten
            und besten Weise bethätigt, unterhalten und gestärkt. Wo darum in der christ¬lichen
            Familie fleißig und gut gebetet, besonders auch gemeinschaftlich gebetet wird, wo
            alltäglich die Eltern im Verein mit ihren Kindern solchen liebe¬vollen Verkehr mit Gott
            unterhalten, wo in der
            
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                Familie ein tüchtiger Vater, zu dem die Kinder mit
            Ehrfurcht und Liebe aufblicken, seine Lust und Freude daran hat, an diesem
            gemeinschaftlichen Ge-bete Theil zu nehmen, muß dort nicht unsere hei¬lige Religion mit
            ihrer himmlischen Kraft immer fester und lebendiger die Herzen erfassen? muß sie dort
            nicht alle Verhältnisse immer mehr mit ihrem übernatürlichen Lichte und ihrem göttlichen
            Feuer durchdringen und erwärmen? Würde diese heil-bringende Uebung des
            gemeinschaftlichen Gebetes in vielen, sehr vielen Familien eingeführt, das allein schon
            wäre ein mächtiger Damm gegen die Aus-breitung des Unglaubens mit seinem schauerlichen
            Verderben.</p>
            <p>2. Wird in der Familie das gemeinschaftliche Gebet treu gepflegt, so wird
            sich in derselben das christliche Tugendleben reichlich entfal¬ten. Christliche Tugend
            ist ein weiteres hohes Gut der Familie, weit schätzenswerther als Geld und Gold, als
            Felder und Weinberge. Sie verleiht der Familie eine überirdische Schönheit und Anmuth.
            Gott und die Schaar der Engel schauen mit Freuden auf eine Familie, die mit dem Schmucke
            und Glänze der christlichen Tugend geziert ist. Christliche Tugend macht das Leben in
            der Familie zu einem glücklichen. Bleibt auch das Kreuz und Leiden einem solchen Hause
            nicht aus, so wird dem Schmerz und Leiden
            
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            doch durch die christliche Gesinnung
            der Stachel und die Schärfe genommen und das Kreuz gereicht nur zum Heile für Zeit und
            Ewigkeit. Glücklich darum die Familie, in der man ernstlich nach Tugend strebt, in der
            standesmäßige Keuschheit, Demuth, Geduld, Sanftmuth, Opfergeist und christliche
            Barmherzigkeit herrschen, in der man aus Liebe zu Gott treu und freudig seinen
            Berufspflichten entspricht. Eine solche Familie ist eine Schule, eine Pforte des
            Himmels. Nicht leicht wird ein Glied einer solchen Familie ewig verloren gehen.</p>
            <p>Dieses
            christliche Tugendleben nun wird in be-sonderer Weise gefördert durch das
            gemeinschaftliche Gebet in der Familie. Soll ein schönes christliches Tugendleben in der
            Familie herrschen, so muß man dieselbe vor der Verweltlichung bewahren. Läßt man die
            Welt in sie einziehen, so ist eine gründliche Tugend in ihr unmöglich. Der Stolz und die
            Eitel¬keit der Welt, der Leichtsinn der Welt, die Vergnü¬gungssucht, Unruhe und die
            Zerstreuungen der Welt, die Grundsätze der Welt, die vielfach Gott ganz ignoriren, nur
            dem stolzen Ich und der Sinnlichkeit schmeicheln, lassen dort keine wahre Tugend
            auf-kommen. In Häusern, durch deren Thüre und Fenster die Weltluft, der Weltgeist, die
            Weltfreude in vollen Strömen einkehren, findet man eher alles Andere als ein gediegenes
            Tugendleben.</p>
        
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            <p>Das Gebet nun bringt Ruhe und Stille in die Familie. Wenn wir
            beten, schweigt in uns das sinnliche Ich mit seinen unruhigen Forderungen, schweigt in
            uns die Welt mit ihren Zerstreuungen; wir sammeln unsere Kräfte, lenken sie ab von dem
            irdischen Tand und geben ihnen eine stille, ruhige Richtung nach Oben, zu Gott hin. Wo
            man da¬rum in einer Familie regelmäßig und gut betet, gemeinschaftlich betet, kann die
            Welt mit ihrem Ver-derben nicht ihren Einzug halten, da ist die entsitt-lichende
            Vergnügungssucht unmöglich. Wo in einer Familie noch der Mann regelmäßig am Morgen und
            Abend am gemeinschaftlichen Gebete Theil nimmt, wird das Sinnen und Streben dieses
            Mannes nicht nach den faden und verderblichen Erholungen eines ungeregelten und häufigen
            Wirthshausbesuches ge¬richtet sein, und unter seiner Leitung und Führung muß das
            Familienleben wohl gedeihen und schöne christliche Tugenden hervorbringen.</p>
            <p>Soll in der
            Familie ein christliches Tugendleben herrschen, so müssen die Glieder derselben von
            edlen Gesinnungen und Bestrebungen beseelt sein. Die Tugend veredelt den Menschen und
            gibt seinem Leben eine edle, höhere Richtung. Das ist unleug¬bar. Aber die Tugend setzt
            auch schon einen ge¬wissen Adel der Seele voraus; sie ist unmög¬lich, wenn nicht schon
            eine gewisse edle Gesinnung
            
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            und Neigung im Innern zur Geltung gekom¬men ist.</p>
            <p>Das
            gute Gebet nun ist ein vortreffliches Mittel, das menschliche Herz zu veredeln. Im
            Gebete kommen ja die Leidenschaften, welche das Herz unedel und roh machen, zum
            Schweigen; im Gebete windet sich der Mensch los von der Erde und ihren nichtigen Gütern,
            die unser Denken und Wollen so leicht in die niedrige und unreine Tiefe hinabziehen; er
            tritt in geistigen Verkehr mit Gott und dieser Ver¬kehr kann nur veredelnd auf ihn
            einwirken. Er redet mit Gott und Gott redet mit ihm. Was aber Gott redet, kann nur gut
            und rein sein, kann den Menschen nur veredeln. So muß in jeder Be¬ziehung das gute Gebet
            einen heilsamen Einfluß auf sein Herz ausüben. Wo man dagegen nicht betet, da schwindet
            gar zu leicht der edle Sinn und die gute Neigung des Herzens. Kann man es nicht oft
            genug sehen, daß eine Jugend, die nicht mehr betet, allen Rohheiten und Ausschweifungen
            anheim fällt? Zeigt nicht die Geschichte, daß ein Volk, bei dem das Gebet außer Uebung
            gekommen ist, immer gefühlloser, grausamer und barbarischer wird, und daß der äußere
            Anstrich von Bildung, den es noch be¬sitzen mag, kaum mehr den innern Sumpf von
            Ge-meinheit und Rohheit zu verbergen im Stande ist? Wo man nicht mehr betet, da
            ersterben nach und nach
            
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            alle edlen Keime im Herzen; man trennt sich ja von Gott,
            der Quelle alles Guten und Edlen; wo man dagegen betet, gut betet, da regen sich edle
            Ge-danken im Innern; der ganze Mensch gewinnt eine starke Neigung zum Guten. Wenn man
            darum in einer Familie noch gemeinschaftlich betet, so werden dadurch die Herzen in eine
            gute Stimmung versetzt und wird ein günstiger, fruchtbarer Boden für die christliche
            Tugend bereitet.</p>
            <p>Zur Pflege der christlichen Tugend bedarf die Familie endlich der
            göttlichen Gnaden. Mag der Voden gut, mag das Klima mild sein, die Pflanze bedarf doch,
            um zu gedeihen, des belebenden Sonnen¬scheines, des erfrischenden Regens und des
            erquicken¬den Thaues von Oben. Aehnlich ist es auch mit der Tugend. Soll sie gedeihen im
            Herzen, so ist der Gnadenthau, der Gnadenftrahl von Oben noth-wendig. Wir Alle, auch die
            von Natur Besten, sind so schwach, so leicht dem Bösen zugänglich, daß wir nicht auf die
            Dauer, nicht unter allen Umständen gut und tugendhaft sein können ohne die Gnade von
            Oben. Diese Gnade nun wird uns reichlich zu Theil durch das gute Gebet. Der göttliche
            Heiland ver¬sichert ja: <q>„Bittet und ihr werdet empfangen; suchet und ihr werdet finden;
            klopfet an und es wird euch aufgethan werden; denn ein Jeder, der bittet, empfängt; wer
            sucht
            <note>P. Matthias, Die christliche Familie. 13</note>
        
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        der findet; wer anklopfet, dem
        wird auf-gethan"</q> (Luk. 11). Darum nennt der heil. Augustin das Gebet einen
            Himmelsschlüssel, mit welchem wir die Schatzkammer der Gnaden Gottes für uns
            aufschließen. Und der heil. Johannes Chrysostomus sagt: <q>„Derjenige irrt nicht, der da
                fagt: Das Gebet sei die Ursache aller Tugend und Gerechtigkeit."</q> Durch das Ge¬bet
            empfängt die Familie höheres Licht und über-natürliche Erleuchtung; sie erhält Liebe und
            Be-geisterung für das Gute; sie wird durch die Gnade gestärkt und gekräftigt im Streben
            nach christlicher Vollkommenheit. Wohl kommen in einer solchen Familie auch noch Fehler
            und Unvollkommenheiten vor; sie besteht ja aus Menschen; aber man erkennt doch seine
            Fehler, sucht sie ernstlich zu bessern und dann herrscht überhaupt dort ein eifriges
            Streben, fleißig gute Werke zu verrichten, und die Pflichten gegen Gott und die
            Mitmenschen gewissenhaft zu erfüllen.</p>
            <p>3. Pflegt man in der Familie treu das
            ge-meinschaftliche Gebet, dann wird dadurch die Einig-keit' lend. der Friede erhalten
            und ge-kräftigt. Daß der Friede ein hohes Gut für die Familie sei, ist in einer früheren
            Erwägung hin¬reichend gezeigt worden. Ein jedes Haus, auch das reichste, angesehenste
            und glänzendste, ist unglücklich,
            
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            wenn demselben der Friede fehlt. Nun ist aber
            ge¬rade das gemeinschaftliche Gebet sehr geeignet, dieses kostbare Gut zu bewahren.</p> 
            <p>In
            einer Familie, in der man nach altem christ-lichen Gebrauche noch gemeinschaftlich
            betet, wohnt der göttliche Heiland mit seiner Liebe und seinem Gnadenbeistand. Er hat
            dies selbst verheißen mit den Worten: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt
            sind, da bin ich mitten unter ihnen" (Matth. 18, 20). Der göttliche Heiland aber ist ein
            Gott des Friedens. Schon bei seiner Geburt hat er sich als Friedensfürst der Welt
            verkündigen lassen. Seinen Jüngern und uns Allen hat er kaum etwas Anderes so sehr an's
            Herz gelegt als die Bewahrung der Liebe und des Friedens. „Da-ran soll man erkennen, daß
            ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebet" (Ioh. 13, 35). Wenn der Heiland, der
            göttliche Friedensfürst, in einer Familie wohnt, wird er die Herzen einigen, wird das
            natürliche Band der Liebe, das die Glieder derselben umschlingt, bewahren, es heiligen
            und fester schlingen; er wird Gedanken des Friedens in die einzelnen Seelen hineinlegen
            und jene Tugenden lehren, die zur Erhaltung des Friedens so nothwendig sind, nämlich
            Sanftmuth, Geduld, Nachgiebigkeit und Zuvorkommenheit.</p>
            <p>Aber auch abgesehen von dieser
            Wirkung der
            
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            göttlichen Gnade wird das gemeinschaftliche Gebet schon in
            natürlicher Weise den Frieden befördern. Wenn der Vater und die Mutter mit ihren theuern
            Kindern vor einem Crucifixe zum Gebete sich hin-knieen, wenn dieselben Gefühle der
            Andacht ihre Herzen erfüllen, wenn ihre Lippen dieselben Worte sprechen und ihre Seelen
            dieselbe Richtung nach Oben zum Gott des ewigen Friedens nehmen, wenn so Alle mit
            einander und für einander beten und gemeinschaftlich die großen und kleinen An¬liegen
            der Familie Gott vortragen, ich frage: muß dadurch nicht in einem solchen Hause die
            Harmonie der Herzen immer schöner und inniger werden? muß dadurch nicht das Band des
            Friedens und der Liebe immer mehr an Kraft und Stärke gewinnen? Davon kann man sich auch
            überzeugen, wenn man sich die jetzt leider so selten gewordenen Familien betrachtet, wo
            diese echt christliche Uebung noch im Gebrauche ist, und wo ein angesehener Vater es
            nicht unter seiner Würde hält, sich in den Staub hinzuknieen, um mit den Seinigen den
            unendlichen Gott im Himmel anzubeten und ihn um Gnaden zu bitten. In solchen glücklichen
            Familien hört man nichts von rohen Ausbrüchen des Zornes, keine Ver-wünschungen und
            Flüche, nichts von jenen wider-wärtigen Auftritten des Zankes und Streites, die nur zu
            oft in Familien vorkommen, wo die Herzen
            
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            nicht in Gott geeinigt sind. Wenn auch
            später die Glieder, besonders die Kinder einer solchen glück-lichen Familie von einander
            getrennt werden, so be-wahrt man sich doch gegenseitig eine treue Liebe und eine innige
            Anhänglichkeit. Schon die Erinnerung an das ehemalige schöne Zusammenleben im theuern
            Elternhause wird eine Kraft sein, welche die Liebe bei den getrennten Geschwistern
            bewahrt. Man würde jetzt sicher nicht so oft erleben, daß Kälte, Gleichgiltigteit, ja
            Haß und Abneigung zwischen den nächsten Angehörigen herrscht, daß sogar die Kinder bald
            nach dem Tode der Eltern wegen eini¬ger Groschen in Streit und Prozeß mit einander
            gerathen, sicher würde viel mehr Geschwisterliebe vielerorts sich vorfinden, wenn in
            unseren Familien nicht die alte schöne Sitte des gemeinschaftlichen Ge¬betes meistens
            ganz unbekannt geworden wäre, wenn man nicht das Band, das die Familien mit Gott und dem
            Himmel verknüpfen soll, im Leichtsinn ge¬löst hätte. Möchten die Familie doch wieder ihr
            eigenes Heil erkennen.</p>
            <p>4. Findet sich in der Familie die Gewohnheit des
            gemeinschaftlichen Gebetes, so ist dadurch auch viel gewonnen für eine gute Erziehung
            der Kinder. In einer solchen Familie müssen die Kinder Ehrfurcht gegen die Eltern
            besitzen. Sie bemerken ja an ihnen nur Gottesfurcht und Fröm-
            
            <pb xml:id="d368e2095" facs="B836F1_001_1885_0210.jpg" n="198"/>
            migkeit, und das
            muß ihnen eine hohe Achtung vor denselben beibringen; das umgibt das Haupt der Eltern in
            ihren Augen mit einem gewissen überna-türlichen Glorien- und Heiligenschein. Sehen die
            Kin-der, wie Vater und Mutter mit ihnen in Demuth zu Gott beten, erkennen und fühlen
            sie, wie die Eltern Gott innig lieben und gewiß auch von ihm geliebt werden, so blicken
            sie mit Liebe und Ehr-furcht zu ihnen auf als würdigen Stellvertretern Gottes, sie
            preisen sich glücklich, unter den Augen solcher Eltern heranwachsen und ihre Jugendzeit
            zu¬bringen zu können. Wird nicht in einer solchen Familie das Verhältniß der Kinder zu
            den Eltern ein ganz anderes sein, als in jenen, aus denen die Gottesfurcht längst
            geschwunden ist, und in denen man statt Worte des Gebetes Reden gegen den Glauben und
            die Priester oder andere schlechte Ge¬spräche von den Eltern hören kann? Besitzen aber
            die Kinder Achtung und Liebe zu den Eltern, dann ist dadurch für die gute Erziehung
            schon sehr viel gewonnen; an dem guten Beispiele der Eltern werden die Kinder sich
            selbst zur Tugend empor arbeiten, wie der Epheu sich an der festen Mauer empor¬rankt.</p> 
            <p>In
            einer gut und gemeinschaftlich betenden Fa-milie besitzen die Kinder auch große Achtung
            vor der Religion. Tie Eltern sind für die Kinder eine
            
            <pb xml:id="d368e2100" facs="B836F1_001_1885_0211.jpg" n="199"/>
            große Autorität; sie sind
            die Personen, auf welche sie am meisten halten, deren Worte sie am ehesten glauben und
            deren Beispiel sie am liebsten nach¬ahmen. Bemerken nun die Kinder, daß die Eltern ihren
            Glauben lieben, daß es für sie ein wahres Ve-dürfniß ist, in Gemeinschaft mit einander
            zu beten und daß sie in diesem Gebete ihren Trost und ihre Kraft finden, dann muß auch
            den Kindern die Religion und das Gebet als etwas Heiliges und Ehrwürdiges erscheinen;
            sie werden es nicht leicht als eine unbedeutende Nebensache, die man nicht zu achten
            braucht, ansehen, und sie werden darum stets auch selbst gern beten, auch später, wenn
            sie das Elternhaus verlassen haben. Und das allein ist ein sehr großer Nutzen für
            dieselben. Denn ein gut betendes Kind ist ein braves Kind und bleibt ein braver Jüngling
            oder eine brave Jungfrau, so lange es gut und regelmäßig seine Gebete verrichtet. Noch
            einen andern großen Vortheil bringt das gemeinschaftliche Gebet in der Familie den
            Kindern. Vom göttlichen Heilande wird erzählt, wie er eines Tages kleine Kinder
            liebevoll gesegnet habe. Die Jünger halten es für eine unbescheidene Zudring-lichkeit,
            daß die Mütter mit ihren kleinen Kindern zum Herrn kommen und seine Zeit und seine
            Auf¬merksamkeit in Anspruch nehmen; sie meinen, man solle ihren Meister, der Wichtigeres
            zu thun habe.
            
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            doch mit derartigen Dingen verschonen. Darum wollen sie den
            Müttern den Zutritt zu Jesus verwehren. Doch als der göttliche Heiland die kleine
            Kinderschaar sah, vergaß er alle Müdigkeit; ein Ausdruck inniger Freude zeigte sich auf
            seinem heiligen Angesichte; er sprach zu den Jüngern: <q>„Lasset die Kleinen zu mir kommen
                und wehret es ihnen nicht; denn für Solche ist das Himmelreich" </q>(Matth. 19). Tann ließ
            er die Mütter mit ihren Kindern herantreten, liebkoste die Kleinen, sprach freundliche
            Worte zu ihnen und schließlich breitete er seine Hände über sie aus und segnete sie aus
            der Fülle seines liebevollen Herzens. Dieser Segen war sicher nicht ohne heilsame
            Wirkung für diese glück¬lichen Kinder. Der heil. Märtyrer Ignatius, der als Bischof so
            segensreich wirkte und sein Leben so freudig für den Glauben an Jesus dahin gab, soll
            nach der Legende eines derselben gewesen sein.</p>
            <p>Christliche Eltern! Der göttliche Heiland
            möchte auch gerne euere Kinder an sein heiligstes Herz her-anziehen, möchte ihnen gerne
            seinen Segen spenden. Aber ihr müßt ihm dann auch wie jene braven Mütter euere Kinder
            zuführen und sie ihm vorstellen. Das thut ihr nun, wenn ihr regelmäßig mit euern Kindern
            gemeinschaftlich betet. Ihr tretet dann in gewissem Sinne mit ihnen vor den Herrn hin,
            der ja
            
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            unsichtbar mit seiner Gnade in euern Familien weilt, und bittet ihn, er
            möchte die Kinder, die euch so theuer sind, segnen. Und davon könnt ihr über-zeugt sein,
            daß er dies wirklich und zwar mit der größten Freude thut. Wird auch dieser Segen sich
            nicht so wirksam bei denselben erzeigen, wie das bei dem glorreichen Märtyrer und
            Bischof Ignatius der Fall war, so wird er doch für ihr ganzes Leben von hoher Bedeutung
            sein. Lasset ihnen darum diesen Segen doch oft zu Theil werden und führet sie deshalb
            täglich in der gemeinschaftlichen Haus¬andacht zum göttlichen Kinderfreund.</p>
            <p>5. Endlich
            ist die gemeinschaftliche Hausandacht auch von großem Nutzen für den zeitlichen
            Wohlstand der Familie. Zwar bringt sie nicht unmittelbar Geld ein wie ein einträgliches
            Geschäft, und dennoch trägt sie viel zum zeitlichen Wohlstande eines Hauses bei. Dieser
            hängt ja nicht allein vom Gelde ab, sondern gewöhnlich ebenso sehr, ja noch mehr von
            moralischen Bedingungen. Wo man in einer Familie gut betet, da besitzt man Religion und
            sucht deshalb seine Leidenschaften zu beherrschen. Unbeherrschte Leidenschaften aber
            ver¬schlingen bekanntlich oft viel Geld. Eine Familie, welche das gemeinschaftliche
            Gebet regelmäßig ver¬richtet, befleißt sich guter, reiner Sitten. Diese aber fördern das
            zeitliche Fortkommen, während Unkeusch-
            
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            heit und Ausschweifungen demselben
            hinderlich im Wege stehen und unzählig viele Menschen in Noth und Elend bringen. Bei
            Christen, die gern gemein-schaftlich in ihren Familien mit einander beten, findet man im
            Allgemeinen Zufriedenheit und Be¬rufsfreudigkeit; sie verrichten willig und
            gewissen-haft ihre täglichen Arbeiten, und das ist offenbar von großer Wichtigkeit für
            die Erwerbung eines ge¬wissen Wohlstandes. Das gemeinschaftliche Gebet und die
            Gottesfurcht verdienen einer Familie den Segen des Himmels. <q>„An Gottes Segen aber ist
                Alles gelegen." </q>So haben unsere Voreltern schon im Sprichwort gesagt. Und das stimmt mit
            dem Ausspruche des heiligen Geistes selbst überein: <q>„Wenn der Herr das Haus nicht baut,
                so bauen die Bauleute umsonst" </q>(Ps. 126, 1). In manchem Hause, das jetzt über so viele
            Mißerfolge im Handel und Geschäft seufzt und in dem man kaum mehr des Lebens froh wird,
            würde der Segen Gottes herrschen, würde Alles besser gehen und ein bescheidener
            Wohlstand sich vorfinden, wenn man in diesem Hause Gott noch kannte und liebte und
            da¬rum gern zu ihm betete. </p>
            <p>Das also ist in kurzen Worten die hohe Bedeu-tung des
            gemeinschaftlichen Gebetes für die christ-liche Familie. Gebe Gott, daß man seinen Werth
            in unfern Tagen wieder immer mehr erkennt, daß
            
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            insbesondere auch unsere Männer
            demselben nicht mehr so gleichgiltig gegenüber stehen. Der Mann ist gewissermaßen der
            Hohepriester der Familie; er soll darum auch ein großes Interesse haben für den Dienst
            Gottes in seinem Hause, soll durch persön¬liche Theilnahme dem gemeinschaftlichen Gebete
            eine höhere Weihe, Autorität und Kraft geben. Ein Mann, der von dieser seiner Stellung
            in der Fa¬milie tief überzeugt ist, wird darauf sehen, daß in seinem Hause der Tag durch
            gemeinschaftliches Ge¬bet mit Gott angefangen und mit Gott beendigt, daß an seinem
            Tische vor und nach dem Essen nach altem christlichen Gebrauche gemeinschaftlich gebetet
            wird. Er wird von einer so heilsamen Gewohnheit sich nicht abhalten lassen durch feige
            Rücksicht auf irreligiöse Nachbarn oder Verwandte, auch nicht durch ungeordnete
            Vergnügungssucht; denn er weiß, daß das Leben des Menschen, vor Allem aber das eines
            Vaters, kein leichtsinniges Spiel, sondern daß dem¬selben eine tief ernste Aufgabe
            gestellt ist. Er wird auch nicht von dem gemeinschaftlichen Gebete sich fern halten in
            Folge eines zu irdischen Sinnes und einer zu großen Vielgeschäftigkeit. Als guter Christ
            ist er sicher eifrigst bemüht, mit dem Schweiße seines Angesichtes und der ganzen Kraft
            seines Körpers und Geistes auch für das zeitliche Fortkommen der Seinigen zu sorgen;
            aber er hat nicht vergessen, daß
            
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            die Seele mehr ist als der Leib, und daß all
            sein Geld und Gold ihm vor dem Richterstuhle Gottes nichts nützen wird. Darum lebt er
            mit seiner Familie nach dem alten Wahlspruch: <q>„Bete und arbeite."</q>
            </p>
         </div>
    
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         <div xml:id="d368e2138" type="chapter">
        
            <head>IX.</head>
            <head>Die heilige
            Communion und die Familie.</head>
            <p>
               <hi>I</hi>m sechsten Kapitel des zweiten Buches der Könige wird
            erzählt, daß einst die Bundeslade drei Monate im Hause des Obededom gestanden habe.
            Obededom betrachtete dies als ein hohes Glück, hielt das Heiligthum in hohen Ehren und
            duldete auch nicht, daß Jemand von seinen Angehörigen sich irgend eine Unehrerbietigleit
            gegen dasselbe zu Schul¬den kommen ließ. Und welches war sein Lohn da¬für? Die heilige
            Schrift sagt: <q>„Der Herr seg-nete denObededom und sein ganzes Haus." </q>
            </p>
            <p>Wenn die Glieder
            einer christlichen Familie die heilige Communion empfangen, so empfangen sie weit mehr,
            als das Haus des Obededom aufnahm, etwas viel Kostbareres als die Bundeslade, als alle
            Heiligthümer des alten Testamentes. Es wohnt dann derjenige in ihrem Herzen, auf welchen
            der ganze alte Bund hinweist, Jesus Christus, der König aller Könige, der Urheber und
            Spender aller Gnaden und himmlischen Gaben. Ist nun das Haus des Obe¬dedom gesegnet
            worden wegen der Aufnahme der 
            
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            Bundeslade, so wird noch weit mehr gesegnet und
            mit übernatürlichen Gaben bereichert werden jene christliche Familie, deren Glieder die
            heilige Ge-wohnheit besitzen, recht oft und gut zum Tische des Herrn hinzuzutreten und
            den Herrn des alten und neuen Bundes mit inniger Andacht zu empfangen. Das kann nicht
            ohne die wohlthätigsten Folgen und ohne den reichsten Segen für sie bleiben.</p>
            <p>1. Der gute
            Empfang der heiligen Communion wird zunächst den heilsamsten Einfluß auf die Eheleute,
            die Eltern in der Familie aus¬üben. Diese gewinnen zuerst in ihrem Verhältniß zu Gott.
            Ihr Glaube wird vermehrt und belebt. Gehen sie fromm und andächtig zum Tische des Herrn,
            dann bethätigen sie ja ihren katholischen Glauben in der schönsten Weise; sie glauben
            uner¬schütterlich fest an die Wahrheit eines Geheimnisses, welches die Krone unserer
            ganzen Religion ist. Der göttliche Heiland ruht in eigener Person in ihrem Herzen, er,
            der Urheber und Vollender des Glaubens. Unter allen Gnaden wird er ihnen vorzüglich die
            Stärke und Lebendigkeit des Glaubens verleihen; denn der Glaube ist ja der Anfang, das
            Fundament und die Wurzel aller Heiligung, wie das Concil von Trient sich so schön
            ausdrückt. Werden aber die Eltern im Glauben gestärkt, so ist das ein hohes Glück für
            die ganze Familie; denn derselben wird da-
            
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            durch ein religöser, wahrhaft
            christlicher Charakter auf¬gedrückt. Der heil. Paulus spricht in der Apostel-geschichte
            nach seiner wunderbaren Rettung zu dem erstaunten Kerkermeister: <q>„Glaube an den Herrn
                Jesus, und du mit deinem ganzen Hause wirst gerettet" </q>(K. 16, 31). Dein Glaube wird dir
            und deinem ganzen Hause Heil und Ret¬tung bringen. Dasselbe gilt von dem Glauben aller
            Väter, aller Eltern.</p>
            <p>Solche Eltern, die oft gut kommuniziren, werden dadurch in ihrem
            Gottvertrauen, in der christlichen Hoffnung bestärkt. Nur an Eines sei hier erinnert.
            Die Hoffnung hält uns aufrecht in Kreuz und Lei-den. Mit Zuversicht blicken wir auf zu
            Gott, der aus liebevollen und weisen Absichten uns mit Lei¬den heimsucht; wir hoffen von
            ihm Gnade und Stärke, das Kreuz geduldig zu tragen, und ver¬trauen, daß er dafür einst
            die Siegeskrone und die ewige Herrlichkeit des Himmels uns schenken wird. Treten
            christliche Eltern oft würdig zum Tische des Herrn, so vereinigen sie sich in der
            innigsten Weise mit Jesus Christus, der für uns das harte, schwere Kreuz auf den
            Calvarienberg getragen und an dem-selben des schmerzlichsten Todes gestorben ist. Dieser
            erhabene, göttliche Kreuzträger wird sie den hohen Werth des Kreuzes schätzen lehren,
            wird sie auf¬muntern, dasselbe nach seinem heiligen Beispiele
            
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            geduldig und
            gottergeben zu tragen, wird ihnen Gnade gehen, muthig auszuharren und nicht unter ihrer
            schweren Last zu erliegen. Spricht er doch: <q>„Kommet Alle zu mir, die ihr mühselig und
                beladen seid, ich will euch erquicken"</q> (Matth. 11. 28).</p>
            <p>In dem Herzen jener Eltern, die
            oft die heilige Communion empfangen, wird endlich die Liebe zu Gott mächtig entzündet.
            Gerade in der heiligen Communion gibt uns der göttliche Heiland den deutlichsten Beweis
            seiner übergroßen Liebe. Es genügte ihm nicht, sein kostbares Vlut bis auf den letzten
            Tropfen zu unserer Erlösung zu vergießen; es war seiner Liebe selbst nicht genug, für
            die Men¬schen ein immerwährendes Opfer auf Tausenden von Altären zu sein. So theuer sind
            ihm unsere Seelen, daß er sie sogar mit feinem eigenen heiligen Fleische und Blut
            ernähren will. „Nehmet hin und esset; dieses ist mein Leib." Das ist seine Einladung.
            Welch' unbegreifliche, unendliche Liebe zu den Men-schenkindern wohnt doch in dem Herzen
            unseres gött¬lichen Heilandes! Empfangen christliche Eltern recht oft die heilige
            Communion und ruht dann der Herr mit seinem Herzen an ihrem gut vorbereiteten Herzen,
            dann müssen dieselben mächtig erfaßt und entstammt werden von diesem Uebermaß der
            göttlichen Liebe. Man kann ja nicht lange in der Nähe eines Glüh-
            
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            ofens weilen,
            ohne von seinem Feuer erwärmt zu werden. Eltern aber, die Gott wahrhaft lieben, werden
            ihm in jeder Beziehung treu zu dienen suchen, werden nicht ruhen und rasten, bis sie ihr
            ganzes Haus und all' ihre theuren Angehöri¬gen für Gott gewonnen haben. O glühte das
            himmlische Feuer dieser Liebe in den Herzen aller Eltern, dann wären sicher ihre
            Familien glückliche und heilige Wohnungen der Gottesfurcht und der Tugend!</p>
            <p>Der öftere
            gute Empfang der heiligen Communion ist ferner auch von heilsamer Wirkung für das
            gegenseitige Verhältniß der Eheleute zu einander. Zu einer Frau kam einst eine
            un-glückliche Freundin, die mit ihrem Manne in be-ständigem Unfrieden lebte, und klagte
            derselben ihren Kummer. Als sie sich ausgeklagt hatte, stellte sie die Frage, wie sie
            wohl am besten den Frieden in ihrer Familie wiederherstellen könne. Die fromme und weise
            Frau antwortete: <q>„Wende dich recht oft an Denjenigen, welcher der Friede selbst ist."</q>
            Das ist ein ganz vortrefflicher Rath, den man allen Ehe¬leuten geben kann.</p>
            <p>Gute Menschen
            suchen gern Frieden zu stiften. Es thut ihnen leid, wenn sie Personen finden, die in Haß
            und Feindschaft mit einander leben. Sie wissen, daß daraus nur Bitterkeiten und Sünden
            <note>P. Matthias, Die christliche Familie. 14</note>
            
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            hervorgehen; darum sind sie bemüht,
            durch freund-liches Zureden alle Abneigung aus dem Herzen zu entfernen und so den
            verlorenen Frieden wiederher-zustellen. Doch der beste Friedensstifter ist der
            gött-liche Heiland. Niemand liebt so sehr den Frieden wie er. All' seine Arbeiten und
            Leiden bezweckten nur den Frieden. Er ist selbst nicht vor dem bitter¬sten Kreuzestod
            zurückgeschreckt, um der Welt den wahren Frieden zurückzugeben. Sein göttliches Herz ist
            die Quelle des Friedens für eine jede Menschen¬seele und für die ganze Gesellschaft.
            Wenn nun Eheleute oft und gut diesen göttlichen Friedensstifter in der heiligen
            Communion empfangen, dann sind sie ja gewissermaßen lebendige Tabernakel, in denen der
            Gott des Friedens mit seiner Gnade wohnt. Der Friede des göttlichen Herzens, seine
            Sanftmuth und Liebe, seine Geduld und Menschenfreundlichkeit werden sich dann auch ihnen
            mittheilen, und sie werden nach Kräften Alles verhüten, was irgend wie den Frieden bei
            ihnen stören könnte. Ist auch einmal in Folge menschlicher Armseligkeit ein kleines
            Mißverständniß und eine kleine Unfreundlichkeit vor-gekommen, dann stellt sich bald
            Bedauern und Reue ein. Es vergeht kaum eine Viertelstunde und Alles ist wieder
            vergessen, und man sucht durch um so größere Aufmerksamkeit einander wieder zu erfreuen.
            Von einer ernsten und längere Zeit andauernden
            
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            Uneinigkeit aber wissen solche
            Eheleute und Eltern gar nichts. Der göttliche Friedensstifter, den sie so sehr lieben
            und mit dem sie so viel verkehren, hält diese von ihnen fern.</p>
            <p>Die öftere gute Communion
            der Eltern wirkt endlich auch sehr heilsam in Bezug auf ihr Verhalten gegen die Kinder.
            Auch Eltern, die Gott nicht treu dienen und nicht entschieden christlich sind, können
            ihre Kinder lieben, mit Zärtlichkeit und Innigkeit lieben und darum manches Opfer für
            sie bringen. Doch eine wirklich geordnete und übernatürliche Liebe, die vor allem für
            die unsterbliche Seele des geliebten Kindes Sorge trägt, besitzen sie nicht. Diese ist
            nur möglich, wenn man die richtige Erkenntniß von dem Werthe und der Bedeutung eines
            Kindes hat. Eltern, die in ihrem Kinde bloß ein junges Geschöpf aus Fleisch und Blut
            sehen, bloß den leiblichen Spröß¬ling, der später ihren Namen und ihr Vermögen erhalten,
            vierzig oder fünfzig Jahre lang leben und diese oder jene Stellung in der Gesellschaft
            ein¬nehmen wird, solche Eltern können unmöglich ihre Kinder in wahrhaft christlicher und
            übernatürlicher Weise lieben und werden sicher nicht die nothwendige Sorgfalt auf deren
            Seelenheil verwenden. Das thun nur jene brave Eltern, die in ihrem Kinde auch ein Kind
            Gottes und einen zukünftigen Him¬melsbürger erkennen, die mit den Augen des Glaubens
            <note>14*</note>
            
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            an seiner Seele gewissermaßen die Blutstropfen unseres göttlichen Heilandes
            wahrnehmen.</p>
            <p>Durch den öfteren Empfang der heiligen Com-munion nun wird diese Erkenntnis
            und übernatürliche Liebe zu den Kindern bei den Eltern geweckt und dann immer erhalten
            und vermehrt. Steht man in freundschaftlichem Verkehr mit einem tüchtigen Er¬zieher, der
            die ihm anvertraute Jugend wirtlich liebt und Alles aufbietet, nicht bloß ihren Geist
            mit nütz¬lichen Kenntnissen zu bereichern, sondern auch ihre Herzen zu bilden und zu
            veredeln, also sie wahrhaft zu erziehen, so wird ein solcher Verkehr für den
            Be¬treffenden vielfach belehrend und anregend sein. Die Begeisterung des Erziehers für
            die Jugend wird auch ihm sich mittheilen, und er wird die Nildung derselben für etwas
            sehr Wichtiges ansehen. Die Einsicht und die Erfahrungen des vorzüglichen Man¬nes werden
            auch ihm manchen guten Wink geben, den er mit Nutzen verwerthet, wenn er selbst Kinder
            zu erziehen hat.</p>
            <p>Nun gibt es auf der ganzen Welt keinen einzigen Erzieher, der den Werth
            eines Kindes so hoch an-schlägt, wie der göttliche Heiland, der ja für dasselbe sein
            Leben hat hingeben wollen, keinen Erzieher, der die Jugend so unendlich liebt und sie
            darum für alles Gute gewinnen möchte, wie Jesus, der göttliche Kinderfreund, keinen
            Erzieher, der so viel Einsicht
            
            <pb xml:id="d368e2212" facs="B836F1_001_1885_0225.jpg" n="213"/>
            und Weisheit bezüglich der Erziehung besitzt, wie
            er, <q>„der jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt."</q> Wenn christliche Eltern
            oft und gut in der heiligen Communion diesen göttlichen Kinderfreund empfangen, kann das
            nur von den heilsamsten Fol¬gen für die Erziehung sein. Ruht er dann an ihrem Herzen, so
            wird er ihnen zuweilen sagen, wie sehr er ihre Kinder liebe und ihr ewiges Heil
            ver¬lange ; er wird aus seinem heiligsten Herzen Funken jener wahren übernatürlichen
            Liebe, die allein für eine wirklich christliche Erziehung Sorge trägt, in ihre Herzen
            hinüberströmen lassen; er wird sie auf Dieses und Jenes bei der Sorge für die Kinder
            aufmerksam machen und auch gerne jene Bitten er-hören, welche solche Eltern nach der
            heiligen Com-munion für die Kinder an ihn richten. Glücklich die Kinder, deren Eltern
            Jesus, den göttlichen Jugendfreund, oft empfangen, ihn von Herzen lieben und von ihm
            sich unterweisen lassen.</p>
            <p>2. Der öftere gute Empfang der heiligen Com-munion wird ferner
            auch unmittelbar auf die Kinder in ihrer Jugendzeit den besten Ein-fluß ausüben. Eine
            vornehme Frau aus Capua besuchte einst Cornelia, eine der angesehensten und zugleich
            edelsten römischen Frauen. Die capuanische Dame hatte ganz weltliche Anschauungen und
            schien auch der thörichten Meinung zu sein, der Werth einer
            
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            Frau bestehe in
            schönen Kleidern, kostbaren Kleinodien, überhaupt in äußerem Schmucke. Von dem innern
            Schmucke, welcher den Menschen wahrhaft ziert und adelt, hatte die kokette Thörin gar
            leine Ahnung. Alles an ihr zeigte Eitelkeit, sie sprach nur von Kleidern, Goldschmuck
            und dergleichen Dingen und darum drang sie auch in Cornelia, sie möchte sie doch ihre
            Kostbarkeiten und Schmucksachen sehen lassen. Doch diese hatte gar keine Eile damit,
            lenkte das Gespräch auf andere Dinge und unterhielt sie auf diese Weise eine Zeit lang.
            Da auf einmal öffnete sich die Thüre und herein traten zwei liebe, unschul¬dige Kinder,
            die sehr gut erzogen waren. Freudig stand Cornelia auf, nahm ihre Kinder bei der Hand
            und stellte sie der eitlen Frau vor mit den Worten: <q>„Sieh', meine Freundin, das sind
            meine Kleinodien, das ist mein schönster Schmuck, den ich besitze." </q>
            </p>
            <p>Christliche Eltern!
            möchtet ihr nicht gerne auch von euern Kindern sagen können, daß sie euere theuersten
            und schönsten Kleinodien seien? Das könnt ihr aber nur dann, wenn sie rein und
            unschuldig ihre Jugendzeit zubringen. Eine Blume, die im frischen, unentweihten
            Vlüthenschmucke prangt, ist eine Zierde für den Garten, aber eine im Staube zertretene
            Blume oder eine solche, deren Vlüthen und Blätter welk, sind und abfallen, bildet keine
            Zierde mehr und macht dem Gärtner leine Freude.</p>
        
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            <p>Schlechte, sittlich verdorbene
            Kinder bereiten den Eltern nur Unehre, Schande und bittern Kummer. Sollen nun euere
            Kinder rein und unschuldig bleiben, dann haltet sie an, daß sie möglichst oft zur
            heiligen Kommunion gehen. Wenn sie oft communiciren wollen, so müssen sie auch oft
            beichten. Die gute Beicht aber ist schon an sich ein kräftiges Mittel, die Jugend
            vorsichtig und wachsam zu machen und sie vor sittlichen Verirrungen zu schützen. Und in
            der öfteren Communion wird der göttliche Heiland selbst, der Liebhaber der unschuldigen
            Seelen, der jungfräuliche Sohn einer jungfräulichen Mutter, Liebe zur Reinheit in den
            Herzen euerer Kinder er¬wecken, wird sie mit himmlischer Kraft ausrüsten gegen die
            Gefahren und Versuchungen, die in dieser Beziehung an sie herantreten werden. Eine
            heilige Züchtigkeit, Bescheidenheit und Sittsamkeit wird euch an euern Kindern erfreuen.</p>
        
            <p> Der heil. Philipp Neri war bis in sein hohes Alter ein eifriger, weiser und viel
            gesuchter Beicht¬vater der Jugend Roms. Er hatte sich als solcher reiche Erfahrungen
            gesammelt. Als Greis nun hat er einen Ausspruch gethan, den alle Jünglinge und
            Jungfrauen, alle Eltern und Erzieher sich wohl zu Herzen nehmen sollten; er. spricht:
            <q>„Die häusige Communion, verbunden mit der Liebe zur aller-seligsten Jungfrau Maria, ist
            nicht etwa nur
            
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                das beste, sondern geradezu das einzige Mittel, in einem jungen
            Menschen die Reinheit der Sitten und das Leben des Glaubens zu erhalten, ihn, wenn er
            fallen sollte, wieder aufzurichten und seine Schwach¬heit zu heilen."</q>
            </p>
                <p>Lassen wir hier
            noch das Wort einem angesehenen und heiligmäßigen Priester Frankreichs, der vor wenigen
            Jahren in Paris gestorben ist. Es ist der bekannte M. de Segur, welcher fast den größten
            Theil seiner priesterlichen Thätigkeit der Jugend von Paris ge¬widmet hat. Er sagt in
            einer seiner kleineren Schriften: „Ich habe Seelen in den verschiedensten Lagen des
            Lebens und besonders in großen Gefahren bezuglich ihrer Unschuld kennen gelernt, die,
            umgeben von dem Schmutze der Unlauterkeit, sich rein wie Engel bewahrten. Wie war dies
            möglich? Sie beichteten und empfingen alle acht Tage die heilige Nommunion. Ich kann es
            bestätigen, daß in Paris, mitten in den verderblichsten Werkstätten, Lehrlinge und junge
            Arbeiter, welche den Muth hatten, als Christen sich zu zeigen, und welche regelmäßig
            alle Sonn- und Feiertage die heiligen Sakramente em-pfingen, sich zum Erstaunen rein und
            keusch bewahrten, gleich den kleinen, silberglänzenden Fischlein, welche selbst in
            trüben, schmutzigen Teichen nichts von ihrem Glänze verloren haben, sobald sie in reines
            Wasser gesetzt werden.</p>
        
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            <p> 
               <q>„Dergleichen gibt es, Gott Dank, auch viele unter den
            Studirenden, sei es der Rechtswissenschaften oder der Arzneikunde, welche das Heil ihrer
            Seele den Vergnügungen vorziehen, welche mitten in einer ganz sittenlosen Welt den
            lebendigen Glauben be¬wahren und bei ihrem göttlichen Erlöser im aller-heiligsten
            Altarssakramente Kraft und Stärke finden, die Leidenschaften zu beherrschen, den Schatz
            der Un-schuld zu bewahren und würdig ihres Gottes und ihrer frommen Mütter mit muthiger
            Stirne und reinen! Auge durch das Leben gehen.</q>
            </p>
            <p>
               <q>„Ein junger braver Offizier wurde eines
            Tages gefragt: <q>„Wie bringst du es nur zu Stande, deinen Weg zurückzulegen, ohne zu
                straucheln?"</q> — <q>„Ich bin nicht anders beschaffen, als alle Anderen,"</q> ant¬wortete er
            ruhig. <q>„Mein ganzes Geheimniß besteht darin, daß ich seit dem Tage meiner ersten
            heiligen Communion jeden Sonntag die heiligen Sakramente der Buße und des Altars
            empfange. Aus eigener Schuld habe ich es niemals unterlassen. Thue wie ich, und auch an
            dir wird sich die Kraft dieses Mittels zeigen."</q>
               </q>
            </p>
            <p>
               <q>„Ein junger Mann, welcher wöchentlich
            zur hei-ligen Kommunion geht, ist mehr oder minder ein vollkommener, ein keuscher Mann O
            wenn es so viele arme Mütter wüßten, wie wir Priester es aus der Erfahrung kennen, wie
            so leicht die erste Unschuld
            
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                in dem Herzen des Kindes bewahrt wird, wenn nach
            dem Empfange der ersten heiligen Communion die innige Verbindung mit Jesus durch häufige
            heilige Kommunionen in ihnen erhalten wird, wie innig wäre ihre Dankbarkeit gegen jene
            frommen, erleuchteten Beichtväter, welche ihre Kinder ermahnen und drängen, recht oft
            den göttlichen Heiland zu empfangen. Ja, ich wage zu sagen: die erste und dringendste
            Sorge solcher Mütter wäre die Wahl eines Beichtvaters für ihre Kinder, welcher von
            diesem tief katholischen und frommen Eifer beseelt ist.</q>
            </p>
            <p>
               <q>„Wie Salz das Fleisch vor
            Fäulniß bewahrt, so schützt die öftere heilige Communion die Seele bor aller
            Unreinigkeit und Verderbnis)."</q> Soweit Segur.</p>
            <p>Ueberaus groß ist die Freude katholischer
            Eltern, wenn eines ihrer Kinder zur ersten heiligen Com¬munion hinzutritt. Jubel erfüllt
            ihr Herz und leuchtet in ihrem Angesicht. Ja ein Mann, ein Vater, der vielleicht seit
            zehn Jahren von keiner tiefen Rührung mehr erfaßt worden ist, weint an diesem Tage seit
            langer Zeit wieder seine ersten süßen Thronen. Was ist es nun, was die Eltern bei dieser
            Gelegenheit so freudig bewegt? Vielleicht die äußere Feier des Gottesdienstes oder der
            schöne
            <note>1) Die wöchentliche Communion. Von M. de Segur. Mainz, Kirchheim.</note>
            
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            Schmuck
            der Kirche oder der feierliche Gesang oder gar der Gedanke, daß jetzt ihr Kind der
            Schule ent-lassen wird und dann bald in's Leben hinaustritt? O nein; es ist etwas ganz
            Anderes, was die gläubigen Eltern in jenem Augenblick so sehr beglückt; es ist das
            Bewußtsein, daß an diesem Tage ein unaus¬sprechlich großes Glück dem geliebten Kinde zu
            Theil wird, daß jetzt nämlich der göttliche Heiland in sein jugendliches Herz kommt und
            daß demselben aus dieser innigen Vereinigung mit Jesus reiche Gnaden zufließen. Ja das
            Herz der Eltern fühlt bei dieser Gelegenheit die Wahrheit: Die innige Vereinigung des
            göttlichen Heilandes mit dem jugendlichen Herzen kann nur segensvoll für ihr theueres
            Kind sein. Möchten sie das aber auch später nie vergessen und darum immer darauf bedacht
            bleiben, ihren Kindern diesen Segen, diese Gnaden der Vereinigung mit Jesus in der
            heiligen Kommunion recht oft zu Theil werden zu lassen. Dann könnten auch sie von ihren
            Kindern sagen: <q>„Das sind unsere kostbarsten Kleinodien."</q>
            </p>
            <p>3. Endlich bringt der öftere
            gute Empfang der heiligen Communion auch den Dienstboten des Hauses reichen Gewinn zum
            Nutzen der ganzen Familie. Der heil. Johannes Chrysostomus sagt: <q>„Der Dienst der Knechte
            trägt viel dazu bei, ein Haus in Ordnung zu halten und gut zu verwalten."</q>
            </p>
            
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            <p>Es
            läßt sich nicht leugnen, daß gute Dienstboten für die Ordnung, für den Wohlstand und für
            eine christliche Erziehung der Kinder in einer Fa¬milie von großer Bedeutung sind. Wie
            viel dagegen können schlechte Dienstboten durch Untreue, Unge¬horsam, Trägheit, böses
            Beispiel und unsittliche, gott¬lose Reden in einem Hause schaden! Ein braver Diener, ein
            frommes und tüchtiges Dienstmädchen ist in der That ein hohes Gut für eine Familie.
            Darum soll man sie aber auch in Ehren halten und lieben nach der Mahnung des heiligen
            Geistes: <q>„Hast du einen treuen Diener, so sei er dir wer th, wie du dir selbst bist.
                Halte ihn wie deinen Bruder" </q>(Jes. Sir. 33, 31). Das hat einst der weltberühmte Künstler
            Michael Angelo gethan. Darum trauerte er über den Tod eines Dieners, der ihm 26 Jahre
            mit Liebe und Treue gedient hatte, wie ein Vater über den Tod seines Kindes trauert, und
            schrieb bei dieser Ge¬legenheit einen herrlichen Brief, der ein rührendes Zeugniß ist
            für die Anhänglichkeit und Liebe, welche dieser große Mann zu seinem treuen Diener trug.</p>
        
            <p>    Die heilige Kommunion ist es nun wieder, die, wenn sie oft und gut von den Dienstboten
            em-pfangen wird, denselben jene Eigenschaften mittheilt, die man mit Recht von ihnen
            erwartet. Man ver¬langt von ihnen Gehorsam und Ehrerbietung gegen
            
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            die
            Herrschaft, Treue, Fleiß und Freudigkeit in ihrem Berufe, Bescheidenheit und Sittsamkeit
            in ihrem ganzen Wandel. Wenn nun Dienstboten oft zum Tische des Herrn hinzutreten und
            die heilige Communion mit lebendigem Glauben und frommer Andacht empfangen, dann
            vereinigen sie sich ja in der innigsten und gnadenreichsten Weise mit dem göttlichen
            Heilande, mit Jesus, der auch bis zum dreißigsten Jahre im stillen Hause zu Nazareth nur
            geringe, anstrengende Arbeit verrichtet und ein Leben des pünktlichsten und
            vollkommensten Gehorsams ge¬führt, mit Jesus, der freiwillig und aus Liebe zu uns
            Menschen die Armuth und Niedrigkeit und Ent¬behrung für sich gewählt hat. Wird diese
            Ver¬einigung mit Jesus die Dienstboten nicht zufriedener mit ihrem harten und schweren
            Berufe machen? Werden sie nicht den Gehorsam und die Arbeit vom göttlichen Heilande mehr
            lieben lernen? Werden sie nicht oft zu ihm beten: <q>„O mein theuerster Jesus, stärke mich
            mit deiner Gnade, daß ich immer treuer meine Pflichten erfülle; gib, daß ich dir stets
            ähn¬licher werde, daß ich von dir erlerne jenen freudigen, vollkommenen Gehorsam, der
            dir so wohlgefällig ist, jene willige Arbeitsamkeit, durch die ich mir so viele
            Verdienste für die Ewigkeit erwerben kann?"</q> Ein solches Gebet kann nicht ohne Wirkung
            bleiben; der göttliche Heiland wird es erhören und segnen.</p>
        
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            <p>Man klagt in unserer Zeit vielfach über die Dienstboten, und es ist wahr, nur zu oft sind die Klagen nicht
            unbegründet. Aber mußte es nicht so kommen? Kann denn der, welcher Wind säet, etwas
            Anderes ernten als Sturm? Man hat die Dienstboten vielfach abgehalten von dem Besuche
            des Gottesdienstes am Sonntage; man hat ihnen den öfteren Empfang der heiligen Communion
            verwehrt und unmöglich gemacht. Baten sie zuweilen um die Erlaubniß dazu, so hat man nur
            zu deutlich sie merken lassen, wie ungern man ihrer Bitte will¬fahre, hat vielleicht
            ihnen noch hart in's Angesicht hineingesagt, man habe sie zur Arbeit und nicht zum
            Kirchenbesuch in Dienst genommen oder hat ihre christliche Gesinnung mit einem derben,
            gottlosen Witze verhöhnt. Ist es denn nun zu verwundern, daß diese jungen Leute, die man
            dem göttlichen Hei¬lande, seinem Herzen und seiner Religion entfremdete, ausgeartet, daß
            sie mit ihrem Stande unzufrieden, daß sie anmaßend, ungehorsam, untreu und vielfach
            diebisch, daß sie vergnügungssüchtig und ausschweifend geworden sind? Muß denn nicht das
            junge Väumchen eine verkehrte Richtung annehmen, wenn man ihm unbarmherzig seine Stütze
            nimmt? Muß man nicht das Feuer auslöschen, wenn man Eis in dasselbe hineinwirft? Man
            sorge dafür, daß die Dienstboten wieder recht christlich gesinnt sind und ihren kirch-
            
            <pb xml:id="d368e2322" facs="B836F1_001_1885_0235.jpg" n="223"/>
            lichen Pflichten sehr eifrig entsprechen und man wird auch in diesem Stande wieder viel Tugend und Treue finden, man wird in demselben wieder manche Dienstboten sehen, die
            einer heiligen Nothburga oder einer heiligen Zitta ähnlich sind. Die Klagen über
            schlechte Dienstboten werden verstummen.</p>
            <p>So können also nach dem Gesagten alle Glieder
            der christlichen Familie großen Gewinn ziehen aus dem öfteren guten Empfang der heiligen
            Kommunion. Möchten darum die Eltern, die Träger des Familien-lebens, doch recht den
            wahren Nutzen ihres Hauses verstehen und darauf" hinarbeiten, daß ihre Unge-hörigen oft
            in der heiligen Communion mit dem göttlichen Heilande sich vereinigen und bei ihm sich
            Gnade und Kraft holen für ein christliches Tugend-leben und für gewissenhafte Erfüllung
            ihrer Verufs-pflichten. Wollen aber die Eltern Erfolge von einem derartigen Bemühen
            sehen, dann müssen sie selbst mit gutem Beispiele vorangehen, auch die Väter. Gerade für
            unsere Männerwelt ist es ein großer Nachtheil, daß sie den göttlichen Heiland zu viel
            fliehen und ihn zu selten in der heiligen Com-munion empfangen. Wüßten doch nur unsere
            Männer, was ihnen wahrhaft zum Heile diente! Unserer Zeit wäre dann geholfen. 
        </p>
         </div>
    
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         <div xml:id="d368e2331" type="chapter">
            <head>X.</head>
            <head>Die
            allerseligste Jungfrau Maria.</head>
            <p>
               <hi>I</hi>n noch gut katholischen Gegenden sieht man zuweilen an
            einzelnen Häusern eine kleine Statue der lieben Gottesmutter Maria. Sie ist gewöhnlich
            an einer Stelle angebracht, wo die Vorübergehenden sie leicht sehen können. Man schmückt
            sie manchmal mit schönen natürlichen oder künstlichen Blumen; vielleicht zündet man auch
            nach altem Gebrauche an den Samstagen und Feiertagen der allerseligsten Jungfrau eine
            kleine Lampe vor derselben an. Das Alles deutet darauf hin, daß dieses Haus unter dem
            besondern Schütze der lieben Mutter Maria steht und seine Einwohner sie mit lindlich
            frommer An¬dacht verehren und lieben.</p>
            <p>Glücklich die Familie, deren Patronin Maria ist
            und die sie als solche in hohen Ehren hält. Trägt der Mann in der Familie eine große
            Ver¬ehrung zu Maria, so wird er immer mehr dem er¬habenen Vorbilde aller Familienväter,
            dem glorreichen heil. Joseph ähnlich werden und sein Haus in christ¬lichem Geiste
            regieren. Ist die Mutter eine treue, 
            
            <pb xml:id="d368e2347" facs="B836F1_001_1885_0237.jpg" n="225"/>
            eifrige Verehrerin der allerseligsten
            Jungfrau, fo wird sie auch deren herrliches Tugendbeispiel nachzu-ahmen suchen und mit
            dem größten Segen, fast wie ein himmlisches Wesen, in der Familie schalten und walten.
            Die Erfahrung hat das oft genug bestätigt. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede
            sein; wir wollen nur hervorheben und zeigen, welchen heil-samen Einfluß die
            Marienverehrung auf die Kinder, die heranwachsende Jugend ausüben muß. Wir werden uns
            dabei besonders an die Eltern wenden, um sie zu bestimmen, ihren Kindern von frühester
            Jugend an eine zarte Andacht zu Maria einzuflößen.</p>
        
            <div xml:id="d368e2350" type="section">
               <head>I.</head>
               <p>Wenn christliche Eltern es dahin
            bringen, daß ihre Kinder mit großem Eifer Maria verehren, dann dürfen sie die Hoffnung
            hegen, daß dieselben in der Jugend stets Gott treu dienen und die wichtigste und
            zugleich schönste Zeit des Lebens sehr gut zubringen.</p>
               <p>1. Es ist für die ganze spätere
            Lebenszeit, ja für die ganze Ewigkeit des Menschen von großer Bedeutung, wie man die
            Jugendjahre zubringt. Da standen vor Jahren in einem Walde nicht gar weit von einander
            zwei kleine junge Väumchen; sie waren gleich alt, gleich groß und von ein und der¬selben
            Art. Der Boden, auf dem sie standen, besaß
            <note>P. Matthias, Die christliche Familie. 15 </note>
                
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                dieselbe Güte. So zeigte sich also damals bei ihnen kein bemerkenswerther
            Unterschied; aber jetzt ist der-selbe ein sehr großer. Denn der eine steht da als ein
            herrlicher Vaum mit einer prächtigen Krone; er trägt im Frühjahre schöne weiße Vlüthen
            und im Herbste kostbares Obst, das mit Vorliebe an der Tafel der Vornehmen gegessen
            wird. Der andere Vaum dagegen steht in ganz verwildertem Zustande da; er trägt fast gar
            keine Frucht, und wenn er auch einmal eine solche zeitigt, so ist es keine schöne,
            lachende und wohlschmeckende Frucht, sondern eine kleine, unansehnliche und sauere,
            welche selbst der arme, hungerige Bettler, der vorübergeht, nicht essen will, sondern
            unwillig wegwirft, nachdem er sie verkostet hat. Woher nun dieser große Unterschied bei
            zwei Bäumen, die früher sich so ähnlich waren? Das kommt daher, daß der eine, um mich so
            auszudrücken, eine gute, glückliche Jugend zugebracht hat, der an¬dere dagegen eine
            schlechte. Denn an den ersteren trat ein Gärtner heran, schnitt die üppigen Schosse ab,
            versetzte ihn in seinen Garten, wo er ihn ver¬edelte und noch Jahre lang ihm seine
            Aufmerksamkeit schenkte. Das andere Väumchen aber blieb unbe¬achtet im Dorngestrüpp
            stehen; Niemand erbarmte sich seiner; darum verwilderte es und erfreut jetzt keinen
            Menschen mit seiner Frucht.</p>
               <p>Aehnlich geht es auch unzähligemal mit den
            
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                Menschen.
            Zwei Knaben sind in ein und demselben Jahre und an demselben Orte geboren. Ihre
            Ver-mögensverhältnisse sind ungefähr auch dieselben. Sie besuchen dieselbe Schule,
            sitzen vielleicht längere Zeit neben einander auf derselben Bank; denn sie haben so
            ziemlich dieselben Talente und machen gleiche Fortschritte beim Lernen. Doch wie ähnlich
            jetzt beide in mancher Beziehung sind, ebenso unähnlich sind sie nach Jahren in ihrem
            ganzen Leben und Wirken. Der Eine lebt als ein treuer, braver Familien¬vater, als ein
            guter Christ und eifriger Sohn seiner heiligen Kirche; er wirkt überaus segensreich in
            der Stellung, die er in der Gesellschaft einnimmt, fördert das Gute überall, wo er
            auftritt; er ist ein Beschützer des Rechtes und Vertheidiger der Wahrheit; er wirkt auf
            Alle, mit denen er in Berührung kommt, heil¬sam ein. Der Andere aber ist das gerade
            Gegen-theil von ihm. Um die Pflichten gegen Gott und seine Kirche kümmert er sich nicht;
            er lacht über Ge¬bet und Frömmigkeit. Er ist ein schlechter Familien¬vater, der sich das
            Wohl der Seinigen wenig am Herzen gelegen sein läßt. Statt dessen hat er sich gewissen
            Leidenschaften ergeben; man weiß manche Dinge von ihm zu erzählen und könnte noch viel
            mehr erzählen, wenn man Alles wüßte.</p>
               <p>Wie ist es nun gekommen, daß diese beiden Männer,
            die vor einigen Jahrzehnten sich so ähnlich
            <note>15*</note>
            
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                in mancher Beziehung waren, jetzt so
            ganz verschieden leben und wirken? Es ist daher gekommen, daß. beide in ihrer Jugendzeit
            eine verschiedene Rich¬tung eingeschlagen und darum eine ganz verschiedene Grundlage für
            ihre Zukunft gelegt haben. Der Eine kämpfte gegen seine bösen Neigungen, der Andere
            be¬friedigte sie; der Eine mied die Gefahren und bösen Gelegenheiten, der Andere suchte
            sie geradezu auf; der Eine empfing oft die heiligen Sakramente und war gewissenhaft in
            Erfüllung der Kirchengebote, der Andere machte sich darüber lustig; der Eine arbeitete
            fleißig und lernte etwas Tüchtiges, der Andere lebte nur den Vergnügen. Auf diese Weise
            haben sich Beide selbst eine ganz verschiedene Zukunft vorbereitet. Wie man in der
            Jugend beschaffen ist, so ist man es auch gewöhnlich im späteren Leben. Gediegene
            Tugend, Liebe zur ernsten Thätigkeit, überhaupt eine gute Lebensrichtung kann sich der
            Mensch nicht über Nacht ohne Mühe und Anstrengung aneignen; das ist eine Sache langer
            Uebung und eifrigen Ringens.</p>
               <p>Wenn der junge Mensch sich kampflos seinen bösen Neigungen
            überlassen, die Jugendjahre, wie man unwahr sagt, recht genießen und die Rosen, wo sie
            ihm nur winken, pflücken will, dann werden seine Begierden mit der Zeit immer mächtiger,
            werden ihn zu ihrem. Sclaven machen und ihn auf Bahnen führen, wo er fast mit jedem
            Schritt und Tritt
            
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                auf Unheil und Verderben stößt. Während ich das jetzt
            niederschreibe, gehen Tausende und Tausende über unsere Erde, die ein lebendiger Beweis
            für diese ernste Behauptung sind. Ach, sie haben ernste und gar wichtige Pflichten zu
            erfüllen, aber sie vernach-lässigen dieselben. Vielleicht sind sie schon greis, schon
            gebeugt von der Last der Jahre, aber sie schänden noch ihr Alter durch Ausschweifungen;
            sie sind zerfallen mit Gott, mit der Welt und sich selbst, und das Alles, weil sie ihre
            Jugend entweiht und so im Voraus ihr ganzes späteres Leben vergiftet und verdorben
            haben. Denn wie die Jugend, so das spätere Alter. Das ist die Regel; es gibt wohl
            ein¬zelne Ausnahmen nach beiden Seiten hin, aber Regel bleibt es. Und weil das die Regel
            ist, so kommt fast Alles darauf an, daß man in der Jugend Gott treu dient, und darum
            müssen vor Allem die Eltern ernste Sorge tragen, daß ihre Kinder von früh an eine gute,
            christliche Richtung einschlagen und sie in ihrer ganzen Jugendzeit einhalten.</p>
               <p>2. Wenn
            ihr, christliche Eltern, nun darauf hinwirket, daß euere Kinder die allerseligste
            Jung¬frau fleißig und beharrlich verehren, dann dürft ihr hoffen, daß euere Kinder Gott
            und euch in der Jugend durch ein gutes Betragen erfreuen und für ihre eigene Zukunft das
            beste Fundament legen. Denn verehren euere Kinder Maria fleißig, so lieben
            
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                sie
            Maria innig; lieben sie dieselbe aber, dann suchen sie ihr auch Freude zu machen. Das
            liegt ja im Wesen der Liebe. Für ein Kind, das seine Mutter von Herzen liebt, ist es die
            größte Freude, der geliebten Mutter eine Freude zu bereiten. Wo¬durch aber macht die
            Jugend der allerseligsten Jung¬frau die größte Freude? Dadurch, daß sie sich be¬müht,
            tugendhaft zu sein, und daß sie ihren gött-lichen Sohn aufrichtig liebt. Maria's Herz
            stoß über von Freude und Wonne, als die guten Hirten von Bethlehem und später die drei
            Könige yus dem Morgenlande vor der Krippe Jesu knieeten und dem göttlichen Kinde ihre
            Liebe, Ehrfurcht und Anbetung darbrachten. Dieser Anblick erfüllte ihr mütterliches Herz
            mit himmlischem Jubel. So wird Maria auch jetzt beständig erfreut durch die Liebe,
            welche die Christen zu ihrem göttlichen Sohne tragen, und durch die Tugend, die sie als
            seine Anhänger und Jünger üben; besonders aber wird sie erfreut, wenn sie diese Liebe
            und Tugend bei der Jugend, die ja von so großen Gefahren bedroht ist, wahrnimmt. Das
            weiß auch eine Jugend, die Maria fleißig ver¬ehrt; daher ihr eifriges Bemühen, Jesus
            immer inniger zu lieben und stets in der Tugend voran-zuschreiten.</p>
               <p>Liebt und verehrt die
            Jugend fleißig Maria, so wird sie trachten, Maria auch immer ähnlicher zu
            
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                werden
            und ihr schönes Beispiel immer treuer nach-zuahmen. Das liegt ebenfalls im Wesen der
            Liebe. Denn Liebe besteht nur zwischen Aehnlichen oder macht doch aus den Liebenden
            Aehnliche. Hat nun aber nicht gerade Maria der Jugend das herrlichste Beispiel gegeben,
            daß man allezeit, daß man schon vom frühesten Leben an Gott treu dienen soll? Ein Engel
            offenbarte einst der heil. Virgitta: <q>„Maria, unsere Königin, beschloß sofort, als sie
            Gott erkannte, ihr Herz mit all' seinen Neigungen für die ganze Zeit ihres Lebens ihm zu
            opfern, und Niemand kann begreifen, mit welcher Großmuth sie sich Allem unterzog, was
            dem Herrn angenehm sein konnte."</q> Als der Wille Gottes schon in ihrer frühen Kindheit sie
            aufforderte, ihm im Tempel sich ganz zu weihen, da zögerte sie keinen Augenblick, diesem
            Rufe zu folgen; sie machte keinen Einwand und sprach nicht:<q> „Aber ich bin ja noch so
            jung; ich kann wohl noch zwei oder drei Jahre im trauten Elternhause bleiben; nach
            dieser Zeit will ich willig Folge leisten."</q> So dachte sie nicht; sofort folgte sie dem
            Rufe Gottes und diente ihm dann unter den Tempeljungfrauen mit solchem Eifer und solcher
            Freudigkeit, daß Alle von Staunen und Bewunderung für sie erfüllt wurden. Wenn euere
            Kinder, christliche Eltern, dieser Gott innigst liebenden Jungfrau ihre Ver¬ehrung und
            Liebe zuwenden, muß dann nicht auch
            
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                in ihnen früh der Sinn und Eifer für den Dienst Gottes geweckt werden? Werden sie es dann nicht als eine heilige Pflicht
            erkennen, auch die Jugend-jahre, die schönsten des ganzen Lebens, Gott zu fchenken und
            sie nach feinem Willen gut zu durch-leben?</p>
               <p>Verehrt die Jugend steißig die allerseligste
            Jung-frau, so wird Maria sie auch schützen in den vielen Gefahren, die ihr drohen. Maria
            liebt in ganz be-sonderer Weise die Jugend, weil ihr göttlicher Sohn sie vorzüglich
            liebt und seine Hoffnung auf sie setzt. Das göttliche Kind Jesus, der Knabe Jesus, der
            Jüngling Jesus war so viele Jahre hindurch der einzige Gegenstand der Sorge und Pflege
            Maria. Diese Sorge und Liebe jetzt auf die Altersgenossen ihres göttlichen Sohnes zu
            übertragen, das macht die Wonne ihres Mutterherzens aus. Da liebt und sorgt sie wieder
            in ähnlicher Weise wie einst in Bethlehem und Nazareth. Sie weiß, daß sie ihrem Sohne
            eine große Freude bereitet, wenn sie der Jugend, die ihm, dem großen Kinderfreund, so
            theuer ist, ihre Sorgfalt und Liebe zuwendet. Sie weiß auch andererseits, daß die Jugend
            so vielen Gefahren ausgesetzt, daß sie arglos, unüberlegt, zum Leichtsinn geneigt ist;
            sie weiß, daß die Feinde ihrer Tugend sich so viele Mühe geben, sie zu täuschen und
            durch allerlei Lockungen und Schmeicheleien für sich zu ge-
            
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                winnen. Weil sie das
            Alles weiß, sucht sie vorzüg¬lich der Jugend ihren mächtigen Veistand angedeihen zu
            lassen, sucht sie vor Allem jene Jünglinge und Jungfrauen, welche ihr in treuer
            Verehrung ergeben sind, zu beschützen und bei ihrem göttlichen Sohne ihnen Gnaden zu
            erflehen. </p>
               <p>Das haben schon Unzählige an sich erfahren. Daß sie trotz aller Anfechtungen
            von Innen, trotz aller Gefahren von Außen dennoch tugendhaft durch ihre Jugend
            dahingingen, das haben sie der Mutter Maria zu verdanken, der sie sich täglich in
            andäch¬tigem Gebete empfahlen. Ihre gut zugebrachte Jugend bestätigt die schönen Worte
            des heil. Vernardus: <q>„ Wenn Maria dich hält, dann fällst du nicht; wenn sie dich
            beschützt, dann brauchst du nicht zu fürchten; wenn sie dich führt, dann ermüdest du
            nicht."</q> Beweis dafür ist, um nur ein Beispiel anzuführen, der heil. Franz von Sales, der
            von Kindheit an Maria stets eifrig ver¬ehrte. Er war siebenzehn Jahre alt und befand
            sich zu Paris, wo er fleißig den Studien oblag. Er hatte bis dahin freudig Gott in Allem
            gedient; aber seit einiger Zeit war der brave Jüngling von ganz schrecklichen
            Versuchungen geplagt; beständig tobte der Sturm in seiner Seele; Tag und Nacht bekam er
            keine Ruhe; schon war er der Meinung, auf die Dauer könnte er im Kampfe nicht Stand
            halten und müsse
            
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                zu Grunde gehen. Doch in dieser seiner Angst und Noth nahm er
            mit Vertrauen und Inbrunst zu Maria seine Zuflucht. Als er nun eines Tages wieder vor
            ihrem Bilde kniete und heiß und innig zu ihr flehte, da legte sich der Sturm; die Ruhe
            kehrte wieder ein in seine Seele und der Jüngling war gerettet.</p>
               <p>Wenn euere Kinder,
            christliche Eltern, mit ähn-lichem Eifer und Vertrauen stets die allerseligste Jung¬frau
            verehren, so wird Maria auch diese unter ihren mächtigen Schutz nehmen, wird sie
            anleiten, Gott treu zu bleiben und wird ihnen insbesondere auch zu euerer Freude jene
            zwei Tugenden erlangen hel¬fen, welche die vorzügliche Zierde der Jugend sind, nämlich
            eine zarte Reinheit des Herzens und eine anmuthige Bescheidenheit. Das letztere wollen
            wir noch im Folgenden eigens betrachten.</p>
            </div>
        
            <div xml:id="d368e2421" type="section">
                <head>II.</head>
                <p>1. Unschuld, Reinheit des Herzens gibt der
            jugendlichen Seele eine überirdische, himmlische Schön¬heit. Schön und herrlich ist der
            klare, freundliche Frühlingsmorgen, an dem die Sonne ihre goldenen Strahlen ausgießt
            über Berg und Thal, und Felder, Wiesen und Wälder in frischem Leben und blühen¬der
            Pracht dastehen. Schön und herrlich ist der klare nächtliche Himmel, an dem unzählige
            Sterne
            
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                    leuchten, und der Mond in majestätischer Ruhe ein-hergeht und der Erde
            freigebig sein Licht zusendet. Doch viel schöner, himmlich schön ist eine jugendliche
            Seele, die in Unschuld vor dem allsehenden Auge Gottes dasteht, unentweiht vom Hauche
            der Sünde, strahlend im Glänze der heiligmachenden Gnade. Eine solche Seele ist so
            schön, daß selbst der heilige Geist voll Verwunderung ausruft:<q> „O wie schön ist ein
            keusches Geschlecht im Tugend-glanze; denn unsterblich ist sein Anden¬ken und bei Gott
            und den Menschen ist es anerkannt"</q> (Buch der Weisheit 4, 1). Un-teuschheit dagegen
            entstellt die jugendliche Seele, raubt ihr alle übernatürliche Schönheit und macht sie
            häß¬lich in den Augen Gottes. Darum sagt mit Recht der seraphische heil. Bonaventura:
            <q>„Gleichwie die Fäulniß einem Apfel Schönheit, Farbe, Geruch und Werth nimmt, so raubt
            diese Sünde einer Seele die Schönheit, den Werth der Gnade und ihre ganze Herrlichkeit."</q>
            Eine reine, unschuldige Jugend besitzt ein großes inneres Glück, einen großen inneren
            Frieden. Sie lebt ja im schönsten Frieden mit Gott, ihrem Vater im Himmel. Das senkt
            Ruhe und Glück in ihre Seele. Unlauterteit dagegen, bringt Unruhe, Un¬frieden,
            Verwirrung und Empörung in das Innere. Ach, wie viele Herzen werden von dieser
            Leidenschaft peinlich aufgeregt, werden von ihr hin und her gehetzt!</p>
            
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                    <p>Eine reine,
            unschuldige Jugend besitzt eine glück¬liche Neigung zu allem Guten; sie liebt ja über
            Alles Gott, den Urquell alles Guten. Sie kann sich begeistern für Erhabenes und sittlich
            Schönes. Sie besitzt auch Muth und Kraft, das Gute auszu¬führen und Opfer dafür zu
            bringen. Denn die Keuschheit selbst ist ja eine hohe, himmlische Kraft, welche das Herz
            über die eigene Schwäche erhebt und mit Gott, dem unendlich Reinen verbindet. Aus dieser
            Verbindung strömt dann immer neue Kraft in das Herz über. Wie oft dagegen kann man die
            Erfahrung machen, daß die Unlauterkeit der jugendlichen Seele alle Schwungkraft raubt,
            daß aus einem von dieser Sünde vergifteten Herzen alle Begeisterung für das. Gute und
            alles Höhere schwindet? Wie oft kann man bemerken, daß solche junge Leute nur Sinn haben
            für das Gemeine und Thierische, daß darauf ihr ganzes Streben und Trachten gerichtet
            ist? </p>
                <p>Eine reine, unschuldige Jugend besitzt eine zarte Liebe zu den Eltern, zu den
            Geschwistern und zu einem stillen glücklichen Familienleben. Glücklich die Eltern, deren
            Kinder sich vor aller Unreinheit hüten; sie können versichert sein, daß sie sich in dem
            Herzen derselben ihre Stelle, ihre Liebe bewahren. Wie leicht dagegen werden die
            heiligsten Bande zerrissen, wenn die entgegengesetzte Sünde mit ihrem bösen
            
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            Gefolge in das Herz des Menschen eingezogen ist? Dann achtet man oft genug nicht mehr
            auf die Thränen, die man den Äugen seiner theuersten An-gehörigen entlockt, nicht mehr
            auf die tiefen Wunden, die man ihrem Herzen schlägt, nicht auf den tödt-lichen Kummer,
            den man einer Mutter bereitet, die man früher zärtlich geliebt und auf den Händen
            getragen hat.</p>
                <p>Eine reine, unschuldige Jugend hat endlich jene Eigenschaften, welche ihr
            am sichersten eine gute Zu¬kunft vorbereiten. Sie liebt Gott und dient ihm treu. Sie
            erfüllt gewissenhaft das vierte Gebot und verdient sich dadurch den Segen des Himmels
            für ihr späteres Leben. Sie kommt mit Freuden ihren Berufsarbeiten nach und gewöhnt sich
            an geregelte Thätigkeit; sie geht ernst zu Werke bei ihrer Be-rufswahl und läßt bei
            derselben sich nicht von blin-der Leidenschaft bestimmen. Ein großer Segen für die ganze
            Gesellschaft ist darum eine tugendhafte, sittenreine Jugend. Welch' ein Verderben
            dagegen, welch' eine reiche Quelle des Fluches ist eine unkeusche, eine verkommene
            Jugend! Ist die Jugend von diesem unheilvollen Laster erfaßt, dann muß die Gesellschaft
            nothwendig einer immer wachsenden sittlichen Iäul-niß anheimfallen, muß aus dem Leben
            eines Volles immer mehr alle sittliche Größe, alles wahrhaft Gute schwinden, um den
            Leidenschaften und bodenloser Ver-
            
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                    kommenheit Platz zu machen. Die Geschichte
            mehr wie eines Volkes liefert den deutlichsten Beweis für diese Behauptung. Darum ist
            Alles daran gelegen, die christliche Jugend sittenrein und keusch zu erhalten, und darum
            sollten vor Allem die Eltern dafür sorgen, daß ihre Kinder den kostbaren Schmuck dieser
            Tugend sich unversehrt bewahren.</p>
                <p>Die Kirche bietet euch, christliche Eltern, hierzu ein
            recht kräftiges Mittel in der Verehrung der aller-seligsten Jungfrau Maria. Sind euere
            Kinder eifrige Verehrer Maria, dann lieben sie die Tugend der Herzensreinheit, schätzen
            sie hoch und werden sie darum sich zu erhalten suchen. Denn sie lieben dann, was Maria
            liebt. Maria, aber liebt besonders diese er¬habene Tugend; sie wollte ja lieber
            verzichten auf die hohe Würde der Mutter des Sohnes Gottes als auf ihre jungfräuliche
            Keuschheit. Nur unter der Versicherung, daß sie Jungfrau bleiben werde, willigte sie ein
            in die Annahme dieser großen Auszeichnung und Würde.</p>
                <p>Verehren euere Kinder, euere Söhne
            und Töchter, eifrig und fromm die allerseligste Jungfrau Maria, dann werden sie um so
            mehr und um so inniger Jesus Christus, ihren göttlichen Sohn lieben. Wir verehren ja
            Maria hauptsächlich nur aus Rücksicht und Liebe zu ihrem Sohne. Darum können wir sie
            nicht in rechter Weise verehren, ohne zuzunehmen
            
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                    und uns zu befestigen in der
            Liebe zu Jesus. Die Liebe zu Jesus aber ist rein und lauter; wo sie in einem Herzen sich
            entzündet, muß mehr und mehr alles Unreine und Gemeine aus demselben schwinden. Sie
            verträgt sich nicht mit dem Feuer der unreinen und ungeordneten Liebe, die unzählig
            Viele in's Verderben führt. </p>
                <p>Sind euere Söhne und Töchter, christliche Eltern, treue
            Kinder Maria, so werden sie in heiliger Vor¬sicht und Behutsamkeit wandeln. Sie sind
            dann sittsam und eingezogen, nicht ausgelassen. Sie tragen ja den Frieden in ihrem
            eigenen Innern und haben deshalb kein Verlangen, draußen in bösen und ge¬fährlichen
            Gesellschaften Kurzweil und sündhafte Freu¬den zu suchen. So wird manche Versuchung, die
            schon Viele zum Falle brachte, gar nicht an sie heran-treten; sie werden vor manchen
            Gelegenheiten, die für Andere der Anfang und die Ursache des Ver-derbens waren, bewahrt
            bleiben. </p>
                <p>Sind euere Kinder eifrig und beharrlich in der Verehrung der allerseligsten
            Jungfrau, so beten sie gern und regelmäßig, so beten sie auch oft und an-dächtig zu
            Maria und das vor Allem zur Zeit der Versuchung. Sie nehmen dann zu ihr demüthig und
            vertrauensvoll ihre Zuflucht und flehen sie um ihre mächtige Hilfe an, wie ein Kind
            schnell zur Mutter hineilt, wenn ihm irgend eine Gefahr droht.</p>
                
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                <p>Und Maria wird
            dieses kindliche Vertrauen mit Freude und Liebe wahrnehmen, wird sie unter ihren
            mächtigen Schutz nehmen und ihnen von ihrem göttlichen Sohne reiche Gnaden erwirken. So
            werden sie mitten in einer Welt voll Gefahren, unter allen Versuchungen, die auf sie
            einstürmen, stark genug sein, um keusch und rein ihre Jugend zuzubringen.</p>
                <p>In einer
            Kirche im Elsaß soll sich ein altes sinniges Bild befinden. Vor Maria kniet in An¬dacht
            eine blühende Jungfrau; in der rechten Hand hält sie ein Herz und reicht es bittend der
            aller-seligsten Jungfrau hin. Diese blickt freundlich und huldvoll auf sie herab, neigt
            sich zu ihr, um mit der einen Hand das dargebotene Herz in Empfang 'zu nehmen und ihr
            mit der andern eine schöne, weiße Lilie zu schenken. Ueber der ganzen Tarstellung stehen
            dann die wenigen, aber inhaltsvollen Worte: <q>„Gabe um Gabe."</q> Die Bedeutung des Bildes ist
            einleuchtend: Eine Jugend, die der allerseligsten Jungfrau ihre treue Liebe und
            Verehrung schenkt, erhält von ihr dafür die weiße Lilie der Unschuld. Haben nicht schon
            unzählige jugendliche Verehrer Maria dieses kostbare Geschenk von ihr erhalten? Es sei
            hier nur erinnert an einen heil. Antonius von Padua, einen heil. Bernardin von Siena,
            einen heil. Casimir, einen heil. Franz von Sales, einen heil. Nloysius, einen heil.
            Stanislaus und einen
            
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                    heil. Alfonsus, lauter reine Lilien der Unschuld in ihren
            Jugendjahren. Und doch wurden auch sie ver-sucht, und doch hatten auch sie ihre
            Gefahren; sie waren aus Fleisch und Blut gebildet wie andere Jünglinge auch. Aber weil
            sie sich in treuer Liebe an Maria hielten und sie wie eine theuere Mutter verehrten,
            hatten sie einen reinen, keuschen Sinn, hatten sie Entschieden¬heit und Kraft zum Kampfe
            gegen alle Versuchungen. </p>
                <p>Dieser wohlthätige Einfluß der Marienverehrung auf die Jugend
            ist unserer heiligen Kirche auch wohl bekannt. Darum hegt sie keinen sehnlicheren
            Wunsch, als die Jugend zu Maria hinzuführen; sie sieht es gar gerne, daß möglichst viele
            Jünglinge und Jung¬frauen marianischen Vereinen beitreten und so unter dem besonderen
            Schütze der Himmelskönigin während dieser so wichtigen Lebenszeit sich befinden. Möchten
            doch die Eltern und die Jugend selbst diesem Wunsche der Kirche nicht kalt und
            gleichgiltig gegenüberstehen! Denn sucht nicht gerade in unseren Tagen der alte
            heidnische Geist der Unzucht wieder in das ganze öffentliche Leben einzudringen? Wagt
            sich dieser Geist nicht wieder auf allen Gebieten hervor, in der Kleidung, in den
            Vergnügen und Erholungen, in den Romanen, in den Zeitungen, in den Schau¬spielen, in den
            Vilderläden und schmutzigen Leistungen mancher Künstler, in den Werkstätten und
            Wirths-häusern, auf den Straßen und Promenaden? Welche
            <note>P. Matthias, Die christliche
            Familie. 16</note>
            
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                    Gefahren überall für unsere theuere, theuere Jugend! Wahrhaftig, wir
            haben alle Ursache, dieselbe zu Maria hinzuführen und sie ihrem mächtigen Schütze zu
            empfehlen.</p>
                <p>2. Endlich kann die Jugend noch in Bezug auf eine andere Tugend, die Temuth
            nämlich, durch eine große Andacht zu Maria viel gewinnen. Demuth und Bescheidenheit
            schmücken und ehren einen jeden Menschen. Temuth ziert selbst den größten Gelehrten, der
            die Welt durch sein Wissen und Genie in Staunen setzt; vereinigt sich bei ihm mit einer
            großartigen Wissenschaft eine tiefe Demuth, so wird ihm nicht bloß Ehre, sondern auch
            überall, wo er erscheint, Liebe und Begeisterung zu Theil. Demuth ziert selbst den
            Hochgestellten, der schon viel, sehr viel in seiner Stellung geleistet hat, selbst den
            König, der eine Krone auf dem Haupte trägt. Sind diese de- müthig und in angemessener
            Weise herablassend, so erobern sie sich die Herzen ihrer Untergebenen; sie werden im
            besten Sinne des Wortes populär, volks- thümlich. Sollen demnach solche Männer noch de-
            müthig sein, um wie viel mehr geziemt dann Temuth und Bescheidenheit der Jugend. Kaiser
            Karl V. war sich in seiner Jugend seiner Mängel und Un¬ vollkommenheiten wohl bewußt;
            darum wählte er sich zum Wahlspruch seines Wappenschildes das Wort: <q>"Nondum"</q>, <q>„Noch nicht."</q> Erst
            später in seinem
            
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                    männlichen Alter, als sich sein Wirkungskreis so weit
            ausgedehnt hatte, vertauschte er den bescheidenen Wahlspruch seiner Jugend mit den zwei
            kühnen Worten: <q>»Plus ultra.!«</q>, <q>„Immer weiter!"</q> Ja <q>»nondum«</q>, <q>„noch nicht"</q>, das ist der
            rechte Wahl¬spruch für die Jugend. Sie hat ja noch keine große Leistungen aufzuzählen,
            hat sich noch nicht genug Kenntnisse angeeignet, hat sich noch keinen reichen Schatz von
            heilsamen Erfahrungen gesammelt, hat sich noch nicht bewährt in der Tugend und
            Tüchtig¬keit. Darum geziemt gerade der Jugend Demuth und Bescheidenheit und steht ihr
            Hochmuth und Stolz, Dünkel und hochfahrendes Wesen gar häßlich an. Merkt man solche
            Eigenschaften an ihr, so wendet man sich mit Verachtung von ihr weg. Aber das nicht
            allein; Stolz und Hochmuth lassen auch keine rechte Tugend bei Jünglingen und Jungfrauen
            aufkommen. Der Fels, der stolz sein Haupt in ganz ungewöhnliche Höhen erhebt, steht ja
            auch öde und kahl da und trägt keine reiche Frucht; diese findet sich in der Ebene und
            den Niederungen. Eine Jugend, die stolz ist, entbehrt der Gnaden Gottes und kann darum
            unmöglich tugendhaft sein. Er¬geben sich die Kinder maßlosem Stolz, so werdet ihr Eltern
            nur Bitterkeit, aber keine Freude an ihnen erleben. Darum müßt ihr bei euerer Er¬ziehung
            darauf Hinwirten, daß sie demüthig und
            <note>16*</note>
                    
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                    bescheiden werden. Dabei kann die
            Verehrung der allerseligsten Jungfrau euch einen großen Dienst leisten. Ein altes
            deutsches Sprichwort sagt: <q>„Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du
            bist." </q>Wenn euere Kinder steißig Maria ver-ehren, dann verkehren sie täglich mit Maria,
            die uns Allen das hellleuchtendste Beispiel der Demuth gegeben hat, die selbst in jenem
            Augenblicke, als sie zur höchsten Würde erhoben wurde, sich nur als eine geringe Magd
            bezeichnete:<q> „Siehe ich bin eine Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Worte" </q>(Luk.
            1, 38). Und als der göttliche Hei-land in seinem öffentlichen Leben die großartigsten
            Wunder wirkte, erschien sie bei derartigen Gelegen-heiten selten an seiner Seite; sie
            wollte sich nicht umstrahlen lassen von dem Glänze seines Ruhmes. Dagegen wollte die
            demüthige Mutter nicht fehlen, als ihr Sohn die größte Schmach erduldete, als er das
            Kreuz unter Hohn und Spott den Calvarien-berg hinauftrug und dort an demselben in der
            äußersten Verachtung starb. Von dieser tiefsten Schmach und Erniedrigung Jesu wollte sie
            ihren ganzen und vollen Antheil haben. Der geistige Verkehr mit dieser Liebhaberin der
            Demuth wird auch euere Kinder demüthig und bescheiden machen.</p> 
                <p>Abgesehen davon liegt
            schon in jedem andächtigen Gebete, das euere Kinder an Maria richten, ein
            
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            schöner Act der Demuth enthalten. Wenn sie um eine Gnade zu ihr beten, dann liegt in
            ihrem Ge¬bete das Bewußtsein und Geständniß eingeschlossen: <q>„O Maria, unsere liebe
            Mutter, siehe, wir sind so sehr zum Bösen geneigt; wir haben noch so viele Fehler, und
            es drohen uns so manche Gefahren. Aus uns selbst aber sind wir so schwach; darum kommen
            wir zu dir, stehe uns bei und beschütze uns, daß wir nicht fallen, daß wir gut und
            tugendhaft werden und bleiben."</q> So wird denn nach und nach auch demüthige Gesinnung in
            die Herzen euerer Kinder einziehen, und sie werden euch erfreuen durch ihr bescheidenes
            Wesen, durch ihre Unschuld und durch solide Tugend überhaupt. Je mehr sie treue Kinder
            Maria sind, desto mehr werden sie sich als euere guten Kinder bewähren, als Kinder, die
            euere Freude, euern Trost und euere Krone bilden. Suchet darum vor Allem euern Kindern
            eine zarte Andacht zur allerseligsten Jungfrau einzuflößen; lehret sie von frühester
            Jugend an, täglich mit Andacht sich Maria zu empfehlen; haltet sie an, jeden Samstag
            noch etwas mehr zu ihr zu beten. Haben sie schon die erste heilige Communion empfangen,
            dann ermuntert sie, gerade die Festtage der lieben Gottesmutter durch frommen Empfang
            der heiligen Sakramente auszu¬zeichnen. Ihr selbst müßt aber auch hier wieder mit einem
            guten Beispiel vorangehen; die Kinder
            
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            müssen es wissen, und aus euerm ganzen
            Verhalten merken, daß ihr eine große und innige Andacht zu Maria traget. Ihr müsset
            selbst recht oft euere Kinder mit lebendigem Vertrauen unter ihren Schutz stellen und
            sie zur Patronin euerer Familie erwählen. Betet auch, wo möglich täglich,
            gemeinschaftlich mit euern Angehörigen den heiligen Rosenkranz oder doch einen Theil
            desselben, weil Maria gerade dieses Gebet besonders liebt und ihr derselben dadurch
            ge¬wiß große Freude bereitet. Seid ihr so gegen Maria gesinnt, dann wird sie auch euch
            und euern Kindern eine große Liebe und Huld schenken; denn auch von ihr gelten die Worte
            der heiligen Schrift: <q>„Ich liebe Die, welche mich lieben, und die früh zu mir wachen,
            werden mich finden"</q> (Spr. 8, 17).</p>
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            <p>In gleichem Verlage sind erschienen: <lb/>
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            katholischer Kindererziehung.</hi>
               <lb/> Ein Volksbüchlein für katholische Eltern.<lb/> Von <lb/>
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