Die Prozesse des Werdens näher kennen zu lernen hat immer
ein großes Interesse, sobald man sich mit der Natur der Dinge und
Verhältnisse, wie sie uns umgeben, beschäftigen oder sie auf ihren Werth
rüfen will. Ein richtiges Erkennen aber wird geradezu eine Nothwendigkeit ¬
für diejenigen, welche an der Weiterentwickelung dieser Dinge
und Verhältnisse arbeiten wollen, denn unsere ganze physische und geistige ¬
Entwickelung, unser ganzes Rechtsleben, unser gesellschaftliches und
staatliches Leben ist abhängig von den Gesetzen des Werdens im Güterleben. ¬
Die Entstehung, die Bewegung sowie die Vertheilung der Güter
üben einen so gewaltigen Einfluß auf die Gesellschaft, daß es nicht in
der Freiheit der Einzelnen, in der Freiheit der Familien oder Klassen
und Ständen liegt, dem Werden der Dinge ruhig zuzusehen. Mit unwiderstehlicher ¬
Gewalt zwingen sie den menschlichen Geist, ihre Konsequenzen ¬
mit der gesellschaftlichen Ordnung in Harmonie zu bringen. Der
sociale Organismus des Staates, dessen Atome nicht „todte physikalische
Einheiten, sondern lebendige Individuen, selbstbewußte Menschenleben
sind" 1), ist daher immer abhängig von der Bewegung im Güterleben.
Entweder also, die Gesammtheit erkennt das Richtige und weiß dem
Güterleben die zuträgliche rechtliche Grundlage zu geben, oder sie irrt,
die Grundlage wird eine falsche, und dann breiten sich jene Konsequenzen ¬
als eine furchtbare Strafe des Irrthums über die ganze Gesellschaft ¬
aus.
Die Geschichte ist reich an Beweisen hierfür und der letzte noch ist der
falsche Grundsatz des Physiokratismus: „Laissez aller et laissez passer:
le monde va de lui même", ein Grundsatz, den die Schule der Manchester=Männer ¬
adoptirte und der noch heute von einem großen Theile
1) Rudolf Meyer, Briefe und social=politische Aufsätze von Rodbertus.
II. S. 519.