Volltext : Preser, Karl: ¬Die Erhaltung des Bauernstandes

VI.  Der  Kapitalismus  und  die  Passivität  der  Landwirthschaft.  221
wendig  gewesen  sei,  um  einer  neuen  Wirthschaftsepoche  als  Wegweiser
zu  dienen.  So  z.  B.  schreibt  von  Mangold!):
„Die  Aufgabe  des  Staates  kann  nur  darin  bestehen,  insofern  von  einer
Aufhebung  der  Wuchergesetze  wirklich  eine  Erhöhung  des  hypothekarischen  Zinsfußes ¬
  zu  befürchten  ist,  alle  Hindernisse  zu  beseitigen,  welche  etwa
noch  Darleihen  auf  Hypothek  für  die  Kapitalisten  in  der  einen  oder  anderen
Hinsicht  weniger  annehmbar  machen.  Den  Gläubigern  durch  Sicherstellung
ihrer  Rechte,  leichte  Uebertragbarkeit  der  Forderungen,  Schutz  gegen  unvorhergesehene ¬
  Kündigungen  (!)  die  größtmöglichsten  Vortheile  darzubieten ¬
  und  damit  das  Angebot  von  Kapitalien  zu  hypothekarischer -
  Belegung  möglichst  groß  zu  erhalten,  das  ist  der  einzig
(sic!)  sichere  Weg,  um  über  die  Schwierigkeiten  hinwegzuhelfen."
Ich  bezweifele,  daß  der  die  volkswirthschaftlichen  Erscheinungen
sonst  so  fein  analysirende  National-Oekonom,  wenn  er  noch  lebte,  heute
dasselbe  schreiben  würde,  nachdem  die  „Freiheit  und  Leichtigkeit  des
Kredits“  uns  nicht  zum  Segen,  sondern  zum  Fluche  gereichte  und  zwar
gerade  auf  dem  Gebiete  des  hypothekarischen  Kredits.  Dabei  aber  noch
gar  einen  Schutz  für  den  Gläubiger  gegen  „unvorhergesehene  Kündigung
oder  gar  zur  größeren  Mobilisirung  dieses  Kredits  „Mittel  und  Institute
zu  verlangen,  um  die  errichteten  Schuldverschreibungen  wie  ein  Papier
au  porteur  verhandeln  zu  können:  das  sind  Irrthümer,  welche  durch
die  Gesetzgebung  zwar  nicht  direkt  hervorgerufen,  aber  von  ihrem  Geiste
dergestalt  unterstützt  werden,  daß  sie  mit  einem  gewissen  Schein  von
Berechtigung  sich  in  das  öffentliche  Leben  hineinwagen  dürfen.
Erwägen  wir  nun  weiter,  wie  selten  dem  Hypotheken-Darlehen  der
Charakter  eines  Produktiv=Kredits  inne  wohnt,  wie  häufig  sogar  Darlehen ¬
  zu  Bauten*2)  gegeben  werden,  die  mit  der  Wirthschaft  im  größten
Mißverhältnisse  stehen  und  nur  zur  Kreirung  weiterer  Schulden  führen
müssen,  so  ist  unschwer  zu  erkennen,  daß  wir  der  eigentlichen  Basis  des
Vertrauens  im  Grunde  genommen  gar  keine  Aufmerksamkeit  schenken.
Diese  Basis  besteht  aber  doch  nur  darin,  daß  der  Kapitalsuchende  mit
den  wirthschaftlichen  Eigenschaften  seiner  Person  den  wirthschaftlich  richtigen ¬
  Gebrauch  des  dargeliehenen  Geldes  verbürgt,  und  ist  dies  richtig:
wer  möchte  dann  noch  bezweifeln,  daß  von  einem  landwirthschaftlichen ¬
  Kredit  nicht  dort  die  Rede  sein  kann,  wo  sich  eine  Grundschuld
1)  Grundriß  der  Volkswirthschaft.  (Stuttgart  1871.)  S.  60—71.  Vergl.
auch  dessen  Artikel  „Kredit"  im  Bluntschli=Brater'schen  Staatswörterbuch.
2)  Vergl.  Schraut,  die  Organisation  des  Kredits  (Leipzig  1883).  S.  2.
            
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