Volltext : Müller, Moritz: Ueber die Freiheit der Arbeit an den Sonntagen und den Feiertagen

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alljährlich  fort,  und  wenn  er  ausgewachsen  ist,  so  wird  er
immer  größer  und  schöner!
Man  nennt  uns  Unsterblichkeitsgläubige  egoistisch.  Sei
es  drum.  Ohne  Selbstliebe  gäbe  es  gar  keinen  Fortschritt.
Und  egoistisch  gescholten  zu  werden  ist  immer  noch  besser,  als
ein  Schwärmer  für  den  dummen  Glauben  zu  sein,  daß  die
Menschen  immer  und  in  Ewigkeit  den  Esel  für  Diejenigen
machen  müssen,  die  da  nachkommen!
Aber  wie  ist  es  denn,  wenn  jene  Naturforscher  Recht
haben  (und  es  sagen  es  nicht  die  unbedeutendsten),  die  da  behaupten, ¬
  daß  die  Erde  einstmals  auch  untergehen  wird?
Denken  wir  uns  gleich  an's  Ende.  Bleibe  der  Leser  bei
der  einfachen  Zahl,  die  wir  annahmen.  Zuletzt  nehmen  auch
die  zwanzigtausend  einzelnen  Pforzheimer  (die  letzten  der
Menschheit)  immer  mehr  ab,  endlich  bleibt  noch  Einer  übrig.
Das  ist  dann  der  letzte  Trumpf,  den  die  Gesammtmenschheit  ausspielt! ¬
  Nehmen  wir  an,  der  liebe  Mann  hieße  Hieronymi,
und  denken  wir  uns,  er  wäre  Redacteur  eines  sich  Millionen
Jahre  mit  fortentwickelt  habenden  deutschkatholischen  Sonntagsblattes. ¬
  Welch  ein  herrliches  Blatt  müßte  das  sein!
Aber  wie  hoch  und  erhaben  wäre  erst  der  letzte  Hieronymi!
Ich  denke  mir  ihn  als  eine  Art  höheres  Menschenwesen!
Einen  Prachtkerl!  Aber  auch  Er  muß  fort!  Fort  mit  Schaden!
Und  das  Schlimmste  ist,  er  stirbt  allein!  Die  letzte  Nummer
seines  Blattes  kann  Niemand  mehr  lesen.  Er  erhält  nicht
einmal  eine  Leichenrede!  Aber  ich  wette,  daß,  wenn  er  nicht
vorher  selber,  bevor  er  stirbt,  in's  Irrenhaus  geht  und  mit
der  Zipfelkappe  zum  Fenster  heraus  guckt  und  auf  Gott  und
die  Welt  schimpft,  so  will  ich  nicht  —  Müller  heißen.  Aber
es  hilft  ihm  nichts.  Die  ganze  Menschheit  muß  als  letzter
Einzelne,  als  letzter  Hieronymi,  schließlich  flöten  gehen.  Die
Erde  schnurrt  dann  wieder,  der  Himmel  weiß  wie  lange,  um
sich  und  um  die  Sonne  ohne  Menschen  herum  —  was  uns
*)  Ein  deutschkatholischer  Prediger  und  Gegner  Müller's,  welcher ¬
  im  „Sonntagsblatt“  von  jenem  angegriffen  wird.
            
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