Full text: Ortloff, Hermann: Physiologische Kennzeichen für Beginn und Ende der Rechtsfähigkeit

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giebt der Möglichkeit, daß dieselbe noch vor dem Austritt aus 
den Geschlechtsteilen bereits abgestorben war, in solchen Fällen 
wenigstens eine Art von schwacher Wahrscheinlichkeit, wo, wie im 
vorliegenden Falle, keinerlei Lebensäußerungen nach der Geburt 
zu konstatieren sind. Nicht die Geschwulst tötet, aber dieselben 
Ursachen, die die Geschwulst bedingen, können auch zur Verlöschung 
des Lebens im Mutterleibe beigetragen haben. Aber selbst an 
genommen, die Frucht habe noch nach der Geburt jenes für uns 
rätselhafte Leben gehabt, das in einer bloßen Reizempfindlichkeit 
in einer zur möglichen Entwicklung vitaler Funk 
tionen disponierenden Fähigkeit des Organismus 
besteht, so ist der Beweis, daß es wirklich zum Leben erwacht 
sein würde, ebensowenig zu führen als der, daß das beginnende 
Leben nicht sogleich wieder erloschen sein würde, auch wenn das 
Kind nicht sogleich in's Wasser gefallen wäre. Fälle derart, daß 
Kinder ohne erkennbaren Grund tot zur Welt kommen, daß an 
fängliche Lebensäußerungen sehr bald wieder und noch, ehe das 
Atmen stattgefunden, wieder aufhören, sind nicht selten. Es 
ergiebt sich hieraus, daß im gerichtsärztlichen Sinne 
unter Leben nur ein Leben mit Atmen verstanden 
werden kann; denn nur ein solches Gelebthaben läßt sich 
konstatieren. Selbst wenn sich in der Kindesleiche das Vor 
handengewesensein instinktiver Atembewegungen innerhalb eines 
respirabeln Mediums hätte nachweisen lassen, was hier nicht 
der Fall war, so hätte von einer Erstickung im forensischem Sinne 
doch nicht die Rede sein können, weil zum Ersticken vorange 
gangenes Luftatmen gehört und das hier unzweifelhaft gefehlt 
hatte. Die größere oder geringere Wahrscheinlichkeit, daß das 
Anschlagen des Kindeskopfes an die Wände oder an den Boden 
des Eimers eine Gehirnerschütterung, daß der plötzliche Eindruck 
des kalten Wassers auf das an hohe Temperatur gewöhnte 
Hautsystem einen Nervenschlag verursacht haben könne, muß immer 
bedeutungslos bleiben, sobald das Leben im Augenblick der 
Geburt in Betracht oder vielmehr in Frage kommt. Und so ist 
dies einer der Fälle, wo der Behauptung der U. gegenüber, daß 
das Kind gelebt, d. h. sich im Wasser bewegt habe, der Gerichts 
arzt den objektiven Thatbestand für unerwiesen, wo selbst dem
	        
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