18
Unterthan Kenntniß der Maximen, die seine Mitunterthanen ¬
in ihren äussern Handlungen gegen ihn befolgen werden, ¬
und wird sofort sowohl moralisch als rechtlich verpflichtet, ¬
die gleichen Maximen hinwieder gegen sie zu befolgen. ¬
Die positiven Gesetze verschiedener Staaten können
daher unter sich verschieden seyn, ohne daß die einen mehr
als die andern von dem Naturrechte abweichen: im Gegentheil, ¬
ein positiver Gesetzgeber soll die Individualität
seines Volkes nie aus den Augen verlieren, er muß auf
den Karakter, die Lebensart und den Grad der Kultur
desselben Rücksicht nehmen 1), und seine Gesetze diesen
thanen gehorchen den Befehlen der Regierung aus eigener Ueberzeugung; ¬
andere werden durch die Furcht zum Gehorsam bestimmt, ¬
daß die Obrigkeit, welche das Schwerdt traͤgt, dasselbe
gegen sie gebrauchen könnte: diese gehorchen nicht sowohl aus
gutem Willen, als aus Klugheit, und um ein grösseres Uebel zu
vermeiden; sie werden also durch psychologischen Zwang
zum Gehorsam angehalten. Nur wenige sind thöricht genug,
den wirklichen Zwang abzuwarten, und sich durch diesen zum
Gehorsam bestimmen zu lassen. Die Regierung ist die beste, die
sich bey ihren Unterthanen ein solches Ansehen zu geben
weiß, daß dieselben aus Ueberzeugung ihre Gebote befolgen,
und sie nur selten in den Fall setzen, zu der Anwendung der eigentlichen ¬
Zwangsmittel zu schreiten.
*) Als Solon gefragt wurde, ob die Gesetze, die er den Atheniensern ¬
gegeben, die besten Gesetze seyen? antwortete er:
„Ja, die besten für die Athenienser.
S. übrigens
Goguet de l'origine des loix, des arts et des sciences, L. 1.
Montesquieu esprit des loix ; Macchiavelli Discorsi
sopra la prima deca di T. Livio, und Michaelis mosaisches -
Recht, Bd. 1. §. 6. wiefern Mosis Gesetze die besten sind?