258 Viertes Buch. Die Handlungen. Erfordernisse der Rechtsgeschäfte.
allein nur wenn es selbst aus dem bloßen Denken und Wollen
ins Thun übergegangen ist (quum venit ad movendam
„causam coeptam"); da stehen nicht
„inofficiosi querellam“ —
Wollen und Thun, sondern ein fertiges und unfertiges Thun
(§. 535) im Gegensatze; ein gar nicht zum Ausdruck gelangtes
Wollen ist nirgends Geschäft 5)
Dagegen ist nicht zu verkennen, daß das römische Recht
dem Willen einen gewissen Vorrang vor dem Ausdruck einLeicht ¬
prägt sich das was man will in dem Material,
räumt6)
in welchem es überhaupt zum Ausdruck gelangen soll, nicht
vollkommen aus. Da wird nicht etwa das Rechtsgeschäft verworfen, ¬
weil es am Ausdruck fehlt, sondern dem Willen, trotzdem ¬
er nicht vollkommen ausgedrückt ist, zur Geltung verholfen*). ¬
Das findet nicht nur in Gestalt der Auslegung
(§. 568), wenn das Rechtsgeschäft eine Willenserklärung, und
die Erklärung dunkel oder zweideutig ist, sondern auch dann
statt, wenn das Wort an sich klar oder unzweideutig ist, also
nicht mehr von einer „verborum interpretatio" *), sondern nurmehr ¬
von voluntatis quaestio im weiteren Sinne die Rede sein
kann. Denn nicht nur „in emtis et venditis", „in conditionibus ¬
testamentorum" und in letztwilligen Erklärungen überhaupt, ¬
sondern in allen Verträgen*), wir dürfen heute wohl
——
5) [Ueber den Besitzverlust solo animo des Besitzers oder seines Detentors
s. l. 1 §. 4. l. 3 §. 6. l. 17 §. 1. l. 30 §. 4. l. 47 (init.) cf. l. 3 §. 18
D: a. v. a. p. 41, 2. Bd. I §. 141 Anm. 3, ferner S. 529 und §. 142 Anm.
5—8. 18. 19. §. 165 Anm. 5, Adf. Schmidt, Z. Lehre v. d. Wirkung de
Rechtsgeschäfte (Lpz. 1888) S. 1, Czyhlarz in Glücks Commentar, Bücher
41. 42 Bd. I S. 90 fg. Anm. 39, Zitelmann, Irrtum Anm. 217 und
wegen der Dereliction oben §. 522 Anm. 14. Ueber und gegen den Besitzerwerb ¬
solo animo Bd. I S. 506/507, überhaupt noch Hirsch, Sachbesitzerwerb ¬
u. =Verlust S. 574. 575. 7034. Vgl. außerdem Bd. III §. 368 Anm.
45. §. 394 Anm. 13. Auch bei der stillschweigenden Willenserklärung
563. 564) kommt ein Wollen zum Ausdruck, anders wie es scheint
(§§.
Schloßmann, Vertrag S. 60. 61. Wegen nuda voluntas u. ä. (z. B.
Bd. III §. 394 Anm. 3, §. 429 Anm. 22, oben §. 561 Anm. 13) s. Voigt,
Jus naturale III Anm. 134. 140. XII Tafeln I §. 38 Anm 13. Ihering,
Geist d. R. R. II Anm. 654.
6) — prior atque potentior est quam vox mens dicentis — l. 7
§. 2 D. supp. leg. 33, 10.
„Nicht der mangelnde, wohl aber der unvollkommene Willensausdruck
ist unschädlich, wenn andere Momente erläuternd eingreifen." Regelsberger
in Endemanns Hdb. d. Handelsr. II S. 388.
8) l. 3 C. lib. praet. 6, 28.
9) l. 6 §. 1 D. c. e. 18, 1. — l. 101 pr. l. 19 pr. D. cond. 35, 1.