Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 11 (1896))

2

I. Köhler.

glaubte, darnach interpretiren zu müssen; man übersah das historische
Werden, weil man den Wahn hegte, als stiege ein neues Gesetzbuch
aus einer zeitlosen Höhe herab, um die zeitliche Entwicklung zu unter-
brechen und das ganze Werden des Rechts umzustülpen; man übersah
die Bedeutung der Rechtsdogmatik, weil man zu der unrichtigen Vor-
stellung kam, ein neues Gesetzbuch könne alle Dogmatik überflüssig
machen; man hegte einen Kultus des Wortes, weil man den gesetz-
geberischen Imperativ als eine in unser Kulturleben von außen ein-
dringende Macht, nicht als Theil und Ausfluß unseres Kulturlebens
erkannte, der organisch in die Gestaltung unseres Rechtes einwirkt in
Gemeinschaft mit anderen Faktoren.
Alle diese Fehler müssen vermieden werden: das Gesetzbuch nach
Maßgabe der Postulate unserer Zeit zu interpretiren, es nach den
Regeln der Dogmatik auf seine Prinzipien zu erforschen und diese
durchzuarbeiten, es historisch an das Vergangene anzuschließen und
dabei schüchtern bereits die neuen Glieder, welche die Zukunft an die
Kette reiht, zu erspähen, das ist die gewaltige Aufgabe, die unser harrt.
Unser Archiv hat schon von den ersten Bänden an dem Entwurf
seine Aufmerksamkeit zugewendet; die Arbeit am geltenden Rechte nach
Maßgabe des Gesetzbuchs soll nunmehr unsere Hauptaufgabe sein.
Nicht bloße Gesetzeskunde sollen wir pflegen, sondern Rechtsdogmatik,
und diese im Anschluß an die Geschichte des Rechts. Naturgemäß
darf dabei die Berührung mit dem Rechte anderer Völker nicht fehlen;
auch sind wir fern davon, uns ängstlich in das Gebiet der Gesetzes-
kapitel zu bergen: auch das in das Gesetzbuch nicht inbegriffene
Zivilrecht, einschließlich des Handelsrechts, wird fürder Gegenstand
unserer Bearbeitung sein: denn das Recht muß in stetem Zusammen-
hang erfaßt werden; weßhalb auch Ausblicke in das Bereich des Pro-
zesses, des Strafrechts und öffentlichen Rechts nicht ausgeschlossen sind.
Besondere Sorgfalt soll der auf Grund des bürgerlichen Gesetz-
buchs erfolgten Judikatur zugewendet werden, denn nunmehr wird die
Verbindung zwischen Theorie und Praxis eine besonders innige und
die Praxis mit Rücksicht auf die große Anwendungssphäre des Zivil-
rechts eine besondes reiche und, wie wir hoffen, ergiebige werden; es

Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer