Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 6 (1892))

Gemeinschaftliche Testamente der Eheleute.

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Dernburg"8) lehrt:
„Die gegentheilige Annahme würde mit Treue und
Glauben und dem, was bei der Abfassung der gegenseitig
erklärte Wille der Betheiligten war, nicht stimmen. Der
Ueberlebende würde sich die Vortheile des gemeinsamen
Testaments zu nutze machen und die Opfer, die er hierfür
bringen sollte, zurücknehmen. Man muß es daher als
Vertragswille der korrespeküv Testirenden ansehen, daß der
Längstlebende, welcher Erbe des Mittestators geworden ist,
nunmehr seine mit Rücksicht auf den Mittestator, insbe-
sondere zu Gunsten der Verwandten desselben getroffenen
Anordnungen nicht zurücknehmen darf. In diesem Sinne
liegt allerdings in dem korrespektiven Testamente zugleich
eventuell ein Erbvertrag."
Ein weit sichereres und klareres Bild von der Rechtsüber-
zeugung des deutschen Volkes gewährt nun aber ein Blick auf die
Praxis. Hier herrscht annähernd völlige Einhelligkeit, und vor
Allem hat auch in dieser Frage die eindringliche Art, in welcher
Hartmann die Rückkehr zu dem römischen Recht mit dem von
ihm angenommenen Inhalt forderte, fast gar keinen Eindruck
gemacht.
Das ehemalige Reichskammergericht war zunächst der
ältesten gemeinrechtlichen Doktrin darin gefolgt, daß es die Wider-
ruflichkeit der gemeinschaftlichen Testamente nach dem Tode des Erst-
versterbenden festhielt.Aber schon im Jahre 1722, also 20 Jahre
nach Stryk's Abhandlung, änderte es seine Ansicht, indem es
nunmehr aussprach: Minime vero permissum est conjugi superstiti,
ut testamentum commune, quod per mortem defuncti fuit con-
validatum, in suum commodum, et in praejudicium heredum, qui-
bus ipso jure acquiritur possessio, possit revocare. Hoc enim
foret paradoxen insigne in jorisprudentia.118)
Besonders ergiebig für diese Frage ist die neuere Praxis in
dem ehemaligen Kurfürstenthum Hessen. Vornehmlich an der Hand
m) Pandekten III. §. 97.
m) Gaill, pract. obs. 2, 117. Ebenso Leipziger Schöffensprüche von 1508,
1590, 1635 nach Carpzow, jurisprud. forens. rom. sax. III. const. 2, def. 12.
118) Ludolf, Symphorema consultat, et decis. forens. cons. 43.

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