Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 19 (1901))

Rechtsunterricht.

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Begriffe vorher logisch erkannt und verstanden seien? Was muß das
pädagogische Prius sein?
Es sollte nun eigentlich garnicht zweifelhaft sein, daß die Grund-
lage alles historischen und dogmatischen Könnens in der Rechts-
Wissenschaft scharfe logische Erfassung der Begriffe ist. Dies wird in
der Theorie freilich allgemein zugegeben^) aber im Praktischen wird man
diesem Gedanken nicht gerecht. Man zieht eben nicht die Folgerungen
daraus, die daraus gezogen werden inüssen.
Wir stellen also soviel fest, daß Begriffskenntniß das Erste sein muß.
Da erhebt sich denn die andere Frage: Welche Begriffe soll der
Student zuerst kennen lernen?
Doch wohl die, die er im späteren Studium am meisten braucht!
Sind das aber die römischen Begriffe? Doch gewiß nicht.
Ferner ist es doch unumgänglich, daß der Student zunächst
die Begriffe kennen lernt, die die logische Vorstufe zu den anderen
Begriffen bilden. Sind das aber die römischen? Ganz gewiß nicht.
Es ist einer der verhängnißvollsten Jrrthümer, die jemals in
der ganzen Frage der Studienreform begangen worden sind, daß so
vielfach die historisch älteren Begriffe als das logische Prius der
neueren Begriffe angesehen worden sind und auch noch augesehen werden.
Betrachten wir, wie es der Logik entspricht, als das logische Prius
den einfachen, den differenzirten Begriff, so ist zweifellos der moderne
juristische Begriffsschatz das logische Prius, der römische ist nur das
historische Prius. Ich werde den Beweis dafür unten noch aus-
führlicher zu erbringen versuchen. Hier will ich zunächst nur darauf
Hinweisen, daß das historische Prius durchaus nicht das logische Prius,
daß es insbesondere nicht das Einfache im Gegensatz zum Zusammen-
gesetzten, das Klare, Durchsichtige im Gegensatz zum unvollkommen Ent-
wickelten, das Differenzirte im Gegensatz zum Un differenzirten sein muß.
Ich will an dieser Stelle hiervon abbrechen, denn ich werde auf
Dies und anderes schon Erwähnte im neuen Zusammenhang noch
zurückkommen müssen.
5) So schon Rümelin, Der Civilistische Unterricht und das Bürgerliche
Gesetzbuch S. 6. „Daß dieses Aneignen der juristischen Grundbegriffe eine der
wichtigsten Aufgaben des juristischen Unterrichts oder insofern vielleicht die
wichtigste ist, als es die Grundlage aller weiteren juristischen Leistungen bilden
muß, wird wohl allseitig anerkannt."

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