Full text: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Germanistische Abteilung (Bd. 15 (1894))

7.9. Lindner, Theodor, Die deutschen Königswahlen und die Entstehung des Kurfürstenthums

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Litterator.

Alles in Allem bildet die geistvolle Schrift schon durch die strenge
Quellenm&8sigkeit der Behandlung eines Stoffes, den ohne die stete Mit*
arbeit der „Phantasie“ nach Lage der Quellen Niemand — auch der Verf.
nicht — für uns verständlich interpretiren könnte, einen im Ganzen doch
sehr wohlthuenden Gegensatz gegen Seebohm’s geistreich naschende Art.
Die durch des Letzteren Hypothesen nahegelegte Vergleichung mit spät-
römischen Zuständen vermeidet Vinogradoff. Sie liegt an sich nahe.
Zwar bei einem Theil der Institute, welche besonders frappante Ähnlich-
keiten mit römischen Verhältnissen aufweisen: so\ der virgate de wara
(Steuerhufe) mit dem römischen iugum und vor Allem der ganzen Rechts-
lage der villani mit derjenigen der coloni in den spätrömischen excom-
munalisirten Gutsbezirken, erklärt sich die Verwandtschaft einfach dar-
aus, dass ähnlich geartete Rechtsinstitute sich international wiederholen,
weil sie der Natur der Sache überall gleichmässig entsprechen. Anderer-
seits ist aber eine Gontinuität der Entwickelung von den spätrömischen
Gutswirthschaften zu den frühmittelalterlichen schlechterdings nicht zu
bezweifeln. Nur bewegt sich diese Entwickelung nicht, wie Seebohm
glaubte, in einer sich gleichbleibenden, nämlich (vom Standpunkt der
Hintersassen) ausschliesslich aufsteigenden Richtung, und ferner ist
keineswegs jemals die ganze oder doch fast die ganze Landbevölkerung
in Gutswirthschaften organisirt gewesen, sondern diese stellen nur einen
Ausschnitt des Gesammtbildes, welches das platte Land bot, dar, dessen
quantitatives Verhältnis zum ganzen gewechselt hat und schon deshalb
auch nach Vinogradoffs Arbeit noch problematisch geblieben ist.
Es darf gehofft werden, dass der bedeutende und geistvolle Schrift-
steller, mit dem diese kurzen Bemerkungen sich zu beschäftigen hatten,
uns bald eine ebenso glückliche Erörterung auch der noch offen ge-
bliebenen Probleme liefern möchte.
Berlin, April 1894. Max Weber.

Theodor Lindner, Die deutschen Königswahlen und die Ent-
stehung des Kurfürstenthums. Leipzig 1893, Dyk’sche
Buchhandlung. XII und 234 8. 8 °.
Nächst der Entstehung des Städtewesens hat wohl kein Theil der
deutschen Rechtsgeschichte eine so umfangreiche Litterator aufzuweisen,
wie die Geschichte der Königswahl und die Ausbildung des Kurfürsten-
collegiums. Konnte es doch nach den trefflichsten Untersuchungen auf
diesem Gebiete noch zu so abschreckenden Beispielen wissenschaftlicher
Arbeit, wie sie Maurenbrecher geliefert hat, kommen! Durch die ebenso
gründliche wie scharfsinnige Untersuchung Lindners dürfte die Frage
nunmehr in der Hauptsache zu abschliessender Beantwortung gelangt
sein. Die Hauptergebnisse dieser Untersuchung sind die folgenden. Zu-
nächst die strenge Scheidung zwischen Designation und eigentlicher
Wahl. Bei der enteren lag die Entscheidung ganz in der Hand des

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