Full text: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Germanistische Abteilung (Bd. 15 (1894))

Litteratur.

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Gesetze Heinrichs IL seine Entstehung verdanke, welches das Verfahren
wegen nova dissaisina normirte. In Ergänzung der Ausführungen Ober
die Leetgerichtsbarkeit, die sich durch eine mit der Freibürgschaftsschau
verbundene Rügejury kennzeichnet, befasst sich ein Anhang der Ein-
leitung mit der Geschichte des Wortes leet, welches gegen Ende des
12. Jahrhunderts in der Bedeutung eines räumlichen Bezirkes, wahr-
scheinlich eines Gerichtsbezirkes bezeugt ist. Maitland denkt an die in
Kent lathes genannten Gerichtsbezirke und an die drei mötldbdu unge-
boden in der Urkunde Kemble IV 233. Skeat führt das Wort leet auf
das Zeitwort l&tan, lassen zurück. Wenn das richtig ist, so liegt es
nahe, leet unserem Worte Gelass, mittelniederländisch gelaet, laet, und
dessen Nebenform Gelässe (vgl. Grimm, Wörterbuch IV 2870. 2872) an
die Seite zu stellen. Gelass bedeutet einen Raum, wo man sich nieder-
lassen kann. Leet würde dann als Gerichtsbezirk seinen Namen haben
von dem Orte, wo das Gericht stattfand, wie das hallimotum (halgemot)
von der Halle, in der die Gerichtsversammlung tagte.
Die von Maitland abgedruckten Protocolle betreffen in der Mehr-
zahl die Praxis der grund herrlichen Gerichte, auf welche neues Licht in
reichlicher Fülle fällt. Doch hat sich Maitland in seiner Auswahl nicht
auf die manorial courts beschränkt. So giebt er u. a. eine Auslese von
Rechtsfällen aus den in ihrer Art einzig dastehenden Gerichtsrollen des
Jahrmarktes von 8. Ives (Huntingdonshire). Erhalten sind uns die
Rollen des Marktgerichtes für die Jahre 1275 und 1291. Abgedruckt
sind nur Stücke aus dem Jahre 1275. Aus dem Jahre 1291 theilt die
Vorrede zwei Rechtsfälle im Auszug mit. Möge die Hoffnung Maitlands,
dass die Seiden Society die gesammten überlieferten Protocolle des
Marktgerichtes von S. Ives publiciren werde, in nicht allzu ferner Zeit
in Erfüllung gehen; denn sie sind von hervorragender Bedeutung für
die Erkenntniss der lex mercatoria. Was wir daraus lernen können,
möge ein einzelner Rechtsfall (S. 152) veranschaulichen, an den ich im
Anschluss an Maitlands Vorrede einige Bemerkungen anknüpfen will.
Ein Kaufmann Brunns aus Bordeaux klagt gegen Walter und
Reginald aus Norwich als pares, participes und communares eines ge-
wissen Robert von Norwich und seines Sohnes Johannes. Er klagt,
dass sie ihm in Gemeinschaft mit Robert und Johannes (pariter cum
predictis R. et I.) rechtswidrig acht Pfund Silbers vorenthalten: vi et
iniuste detinent et deforciant VIII libras argenti, welche Robert und
Johannes zu Johannis 1274 ihm (dem Brunns) vel cuicumque de suis
scriptum inter ipsos confectum portanti zu zahlen schuldig waren aus
einem Geschäfte über Wein, den er ihnen zu Boston 1273 verkauft habe.
Der Klagvorwurf lässt uns den ursprünglichen Charakter der ger-
manischen Klage um Geldschuld deutlich erkennen. Diese war wie an-
fänglich jede Klage eine Delictsklage, eine Klage um strafbares Unrecht.
Das Unrecht lag in der Säumniss des Schuldners, „die sich als rechts-
widrige Vorenthaltung darstellte und z. B. im norwegischen Rechte eine
Klage wegen rän, wörtlich Raub, begründet“ (H. Brunner, Deutsche
Rechtsgeschichte II, 328). Verwandte Rechtsfälle von 8. Ives führen uns

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