Full text: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Germanistische Abteilung (Bd. 22 (1901))

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Wilhelm von Brünneck,

Weiter ist hier noch das Hofrecht der Stiftsgüter von
Essen im Saallande anzuführen, einer Landschaft innerhalb
der Grenzen des Stifts Utrecht. Es datirt vom Jahre 1270
und betrifft die unter der Herrschaft des Stifts (Klosters)
Essen stehenden Liten. Wenn ein einfacher Lite, heisst es
da, ohne Ehefrau stirbt, oder eine Frau ohne Mann, so zieht
der Schultheiss deren gesammtes Vermögen, und zwar, wie
man zu ergänzen hat, für das Kloster ein1).
Bis jetzt haben wir mit ehelosen Leuten überhaupt zu
thun gehabt. Nur von ihnen war in den angeführten Quellen
die Rede.
Das Wort Hagestolz wird, soweit ich sehen kann, zu-
erst in schweizerisch-schwäbischen Rechten gebraucht, deren
Abfassung während der zweiten Hälfte des XIH. und im
Verlaufe des XIV. Jahrhunderts vor sich ging. Durch die
Handveste vom 31. Juli 1291 verlieh der Abt von 8t. Gallen
den Bürgern der Stadt gleichen Namens das Recht von
Kostnitz4). Zugleich aber ordnete er das Verhältniss, in
dem die innerhalb der Stadt und ihres Weichbildes wohnen-

*) Die hier einschlagenden Worte lauten: „Si simplex lito moritur
sine uxore vel femina sine marito, scultetus omnem substantiam ipso-
rum tollit; si secus fuerit mediam partem tollit“ (Verslagen en Mede-
deelingen des Utrechter Vereins zur Ausgabe der Bronnen van het
oude vaderlandsche recht (1885) I, 8.19 ff.). Bei dem einfachen Liten
(dem Liten schlechthin) wird man an den halbfreien, hörigen Bauern
zu denken haben im Gegensatz zu dem, welcher durch Eintritt in
Hof- und Kriegsdienst ein Ministeriale des Klosters geworden ist. Dass
der Schultheiss den Nachlass der unverehelicht verstorbenen Liten
nicht für sich behalten durfte, sondern an das Kloster abzuliefern
hatte, folgt aus der den angezogenen Worten vorangehenden Bestim-
mung über den hier als jus heredii bezeichneten Sterbfall. Dieser
griff Platz, wenn ein verheiratheter Lite mit Hinterlassung von Leibes-
erben starb. Der Schultheiss hatte, wenn er diesen, bestehend in einem
Pferd oder Ochsen bezw. in der Hälfte des sonstigen beweglichen
Nachlasses, einzog, dafür der Aebtissin aufzukommen („preposite
Assidens! respondebit“). — ») TJ.-B. von St. Gallen HI Nr. 1076 8. 270
bis 271. Die Anwendung des Kostnitzer Stadtrechts sollte in St. Gallen
nur insofern eine Aenderung bezw. Einschränkung erfahren, als das
dadurch nothwendig wurde, dass die St. Galler Bürger nicht, wie die
Kostnitzer ihre Liegenschaften zu Eigen, sondern als Lehn (Leihgut)
vom Gotteshause St. Gallen besassen.

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