Volltext: Beiträge zur Erläuterung des deutschen Rechts (Jg. 21 = 3.F. Jg. 1 (1877))

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Beiträge zu der Lehre
2. Grund und Inhalt der Auflassung.
Die wissenschaftliche Behandlung der Rechtsinstitute, welche nach
der Aufnahme des römischen Rechts in Deutschland sich entwickelte,
war der Erkenntniß des Wesens germanischer Rechtsbildungen nicht
förderlich. Für die Rothwendigkeit einer Mitwirkung des Gerichts
bei der Uebertragung des Grundeigenthums fand man in den
Sammlungen Zustinians keinen Vorgang. Die gerichtliche Auf-
lassung des deutschen Rechts erschien Vielen als das Erzeugniß der
Neigung, das Volk in seinen Geschäften zu bevormunden o). Diese
irrige Vorstellung aber führte zu einer Vermengung des Ver-
äußerungsvertrages mit der Auflassung und hierdurch zu einer Ver-
dunkelung des Begriffes der letzteren. Erst die heutige Wissenschaft
hat aus den Duellen den Beweis erbracht, daß beide Geschäfte
streng von einander zu scheiden und in denjenigen Rechten, welche
die Auflassung unabhängig von römischrechtlichen Einflüssen fortge-
bildet haben, auch wirklich geschieden sind10).
Das Gemeinwesen hatte in der That keine Veranlassung, die
obligatorischen Beziehungen der Betheiligten zu einander vor sein
Forum zu ziehen. Auch hatte es viel zu wenig den Staatscharakter
ausgeprägt, als daß eine Neigung obrigkeitlicher Personen zur Be-
vormundung des Volkes die Gestaltung des Privatrechts hätte be-
stimmen können. Der Grund für die rechtliche Ueberzeugung un-
serer Vorfahren, daß zur Veräußerung des Grundeigenthums die
Mitwirkung der Gerichts- oder der Rathsversammlung erforderlich
wäre, scheint viel tiefer gelegen zu haben.
Der Grundbesitz war in der ältesten Zeit das Kennzeichen des
freien Mannes. Auch später noch, als das bewegliche Vermögen an
Bedeutung gewonnen hatte, blieben die wesentlichsten politischen
Rechte mit dem Besitz am Grund und Boden verbunden. Das
öffentliche Interesse erheischte deshalb eine Einrichtung, welche die
Festigkeit und Erkennbarkeit des Grundeigenthums verbürgte, und
diese Bürgschaft glaubte man in der Publizität des Veräußerungs-
aktes zu finden").
Nach einer anderen Meinung freilich 'soll der Grund für jene

») Behrend a. a. O. S. 702, 703.
'°) Stobbe S. 219, 220.
u) Dies ist die gewöhnliche Meinung. Siehe Mäscher S. 44.

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