Full text: Beiträge zur Erläuterung des deutschen Rechts (Jg. 60 (1916))

Haff, Grundlagen einer Körperschaftslehre. 715
in einen zweiten Teil. Er will zunächst nur dem Wesen der Verbände,
der Frage, ob ein einheitlicher, von dem Einzelwillen der Gemeinschaft
verschiedener Verbandswille anzuerkennen ist und wie er sich bildet,
nähertreten und kommt unter Verwertung der von der neueren Psycho-
logie entwickelten Grundsätze zu einem Ergebnisse, das die Mitte hält
zwischen der sog. Fiktionstheorie und der insbesondere von Gierke ver-
tretenen sog. organischen Theorie. Auch dem Vers, ist die als Einheit
rechtlich anerkannte (organisierte) Personenmehrheit nicht ein bloßes Ge-
dankending, sondern eine Wirklichkeit, aber nicht in dem Sinne, daß sie
willens- und handlungsfähig sei gleich dem Einzelmenschen, sondern so,
daß sie vermöge eines von der Summe der Einzelwillen verschiedenen
Verbandswillens wirkungsfähig sei. Der Bildung dieses einheitlich
sich äußernden Verbandswillens wird deshalb nachgegangen, wobei
namentlich der durch die Organisation gewährleistete Zweckwillen in den
Vordergrund tritt. Wollen und Denken der einzelnen — so führt
Vers, aus — seien ohne interindividuelle Zusammenhänge nicht vor-
stellbar; auch der Verbandswille sei ein psychologisches Phänomen (gegen
Binder). Von hier aus gelangt Vers, zu der Willensbildung beim
Staate und zu dem Probleme der Einheit beim Staate überhaupt,
woran sich Untersuchungen über die Rechtsbildung in Gestalt von Ge-
setzesrecht und Gewohnheitsrecht knüpfen. Schließlich beschäftigt sich
Vers, mit der Rechtsfindung, der richterlichen Fallentscheidung und setzt
sich mit der Freirechtsschule auseinander.
Wie man sieht, drängen sich auf engem Raume die Gedanken und
es wird dem nicht philosophisch geschulten Leser nicht immer leicht, ihnen
zu folgen. Manches wird durch die dem zweiten Teile vorbehaltene
dogmatische Erörterung der Körperschaftslehre noch klarer werden. Daß
die höchste körperschaftliche Organisation, der Staat, nicht ein bloßes
Abstraktum ist, sondern eine lebendige Wirklichkeit, möchte in der von
dem blutigen Ringen der Völker erfüllten Gegenwart besonders klar
hervortreten. Mag auch, äußerlich betrachtet, der Einzelwille der
Führenden die Geschicke der Völker bestimmen, so steht doch hinter ihm,
ihn seinerseits bestimmend, der Wille mindestens der Mehrheit der
Volksgenossen. Eine Regierung, die diesen Zusammenhang verliert,
vermag sich auf die Dauer nicht zu halten, es sei denn, daß sie ihn
wiederfindet, indem es ihr gelingt, sich jene Mehrheit abermals zu
schaffen. Es ist ihr gutes Recht, den Kampf um dieses Ziel aufzu-
nehmen und gegen den Strom zu schwimmen, wenn sie die Kraft hat,
ihn zu meistern. Versagt sie ihr jedoch, so hört sie auf, lebensfähig
zu sein. Dies gilt entsprechend von den Körperschaften niederer Ordnung
und insofern wird sich allerdings von einem Verbandswillen sprechen lassen.
Bei der Rechtsfindung soll sich, wie der Vers, erfreulicherweise
ausführt, der Richter innerhalb des Gesetzesrahmens halten. Rur aus-
nahmsweise begeht — so meint Vers. — der Richter kein Unrecht,
wenn er gegen Wortlaut und Sinn des Gesetzes entscheidet, nämlich
dann nicht, wenn er nach eingehender Prüfung der bestehenden Zwangs-
ordnungen des Handelns die Möglichkeit im Auge haben darf, daß

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