Full text: Beiträge zur Erläuterung des deutschen Rechts (Jg. 37 = 5.F. Jg. 2 (1893))

von Liszt, Lehrbuch des deutschen Strafrechts.

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Gewährsmann Kant für sich in Anspruch nimmt, ihn, der die Freiheit
„menschlicher Entschließungen aus der Vernunft und die Schuld aus der
Freiheit ableitet! Und muß nicht des Verfassers Betonung, er habe es
als Kriminalist nur mit dem empirischen Menschen und mit der Welt
der Erfahrung zu thun, den Anschein erwecken, als habe der Altmeister
Kant jenes Unding von Willensfreiheit nicht am wirklichen Menschen,
sondern an einer Art von Retorten-Homunculus entdeckt und sei sich der
Bedeutung des Kausalgesetzes denn doch nicht voll bewußt geworden?
Mit einem anderen als dem empirischen Menschen hat Kant sich
lebenslang nicht befaßt, wohl aber hat er den einseitigen Pseudo-
Empirismus der Geisteswissenschaften in seine Schranken gewiesen und
jener Rechtswissenschaft, die lediglich auf Erfahrung sich gründet, den
treffenden Zuruf gewidmet: „Eine bloß empirische Rechtslehre ist ein
Kopf, der schön sein mag: — nur Schade, daß er kein Gehirn hat!"
Die Möglichkeit menschlicher Schuld zu leugnen, wenn man die
Kahlfreiheit negirt, ist durchaus am Platz und sogar geboten. Von
schuld aber zu reden und sie als „Verantwortlichkeit für den durch
willkürliche Körperbewegung verursachten Erfolg" zu definiren, während
man die Verantwortlichkeit in der „Bestimmbarkeit des Willens durch
Motive" findet, das ist ein schlagendes Beispiel, wohin jene Methode
führt, die auch im Gebiet des Seelischen mit dem technischen Rüstzeug
der naturwissenschaftlichen Disziplinen auszukommen vermeint. Freilich
ist danach der Mörder ein schuldiger Mann, — aber auch der harmlose
Spaziergänger im grünen Wald ist „schuldig", denn auch er macht
„willkürliche Körperbewegungen", für die er verantwortlich ist, weil sein
Wille durch das Motiv, sich im Freien zu erquicken, bestimmt worden
ist. Vergebliche Mühe, mit Schuld einen Sinn zu verbinden, nachdem
inan den sittlichen Kern herausgeschält hat —, der Geist ist entflohen,
und nur die Scherben bleiben in der Hand.
Dem Verfasser ist der Zweckgedanke die rechtserzeugende Kraft,
und die Auseinandersetzung mit seinen Gegnern dünkt ihn deshalb
schwierig, „weil sie in dem Bemühen, widerstrebende Gegensätze zu ver-
söhnen, naturgemäß die begriffliche Klarheit vielfach schwer vermissen
lassen." Aber doch hält er eine Auseinandersetzung für wünschenswerth,
ja er unternimmt selbst den Versuch einer Versöhnung des Zweck-
gedankens mit der überlieferten Gerechtigkeit, und schließlich hält er sogar
den Gegensatz beider Anschauungen garnicht für so tief, als es auf den
ersten Blick scheinen möchte. Die Gerechtigkeit fordere, daß jeder nach
der Schwere seiner Verschuldung leide, und zwar nach dem Erfolg der
-hat im einzelnen Fall: Der Zweckgedanke sehe auf die verbrecherische
Gesinnung, die . der Thäter bewiesen habe, erforsche seine Vergangenheit
und ziehe daraus Schlüsse für die Zukunft. Die Schwere der Schuld
bestimme sich nach dem Grade der zu Tage getretenen Auflehnung des
Einzelwillens gegen' die Rechtsordnung, insbesondere danach, ob ge-
wohnheitsmäßige Auflehnung oder gelegentliche Abirrung vorliege: genau
M demselben Ergebniß führe der Zweckgedanke. Mithin liege in dieser
„Vertiefung" des Schuldbegriffs die Versöhnung der Gegensätze: der

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