Full text: Beiträge zur Erläuterung des deutschen Rechts (Jg. 37 = 5.F. Jg. 2 (1893))

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Literatur.

Abs. 1) muß man sich in dieser Hinsicht durch einen Hinblick auf Augustin
und Luther trösten. Etwas Anderes ist es aber, eine solche Ansicht zu
bekennen, als sie zu beweisen. Einen Nachweis der einen oder der
anderen Anschauung über diesen alten Zankapfel der Philosophen und
der Theologen in dem engen Rahmen einer Monographie oder gar in
demjenigen einer Kritik halte ich für ein völlig aussichtsloses Unter-
nehmen. Wer sich mit dieser Frage Jahre lang unausgesetzt beschäftigt
und zu einer Antwort durchgerungen hat, dessen Ueberzeugung muß sich
als der Gesammteindruck seines ganzen Lebens darstellen und auf einer
unzähligen Fülle äußerer und innerer Erlebnisse beruhen, welche von
einer beschränkten Zahl von Gegenargumenten nicht ausgewogen werden
können. Einen überzeugten Deterministen wird selbst bei dem auf-
richtigen Bestreben, sich belehren zu lassen, auch nicht eine einzige Aus-
führung des Verfassers in seinem Glauben erschüttern und man darf
davon überzeugt sein, daß auch der Verf. standhaft bleiben würde, wenn
ihm ein solcher Gegner über alle die Punkte, dre er erörtert hat, seine ent-
gegengesetzten Ansichten vorführte.
Eben darum würde es in der That schlimm um die Rechtswissen-
schaft stehen, wenn sie nicht die Fähigkeit besäße, ihre Sonne zugleich
über Deterministen und Jndeterministen leuchten zu lassen. Ohne Ver-
antwortlichkeits- und ohne Schuldbegriff kann sie freilich nicht bestehen;
daß sich aber diese Begriffe nicht mit dem Determinismus vereinigen
lassen, ist eine Behauptung, die der Erfahrung widerspricht und jeder
Begründung entbehrt. In Wahrheit pflegt der indeterministifche Ver-
brecher die Verantwortlichkeit ebenso oft abzuleugnen, wie der determi-
nistische oder derjenige, der sich über Willensfreiheit überhaupt keine Ge-
danken macht. Der Determinismus hat sicherlich Auswüchse, namentlich
schädigt er leicht das Gefühl für die Menschenwürde, aber auch der
Indeterminismus artet nur allzu oft in Eigendünkel, Unduldsamkeit und
Unvorsichtigkeit aus, während der Determinismus, wie der dritte Theil
der Ethik Spinoza's beweist, auf das Gefühlsleben der Menschheit einen
weit heilsameren Einfluß auszuüben vermag, als der Verfasser zugiebt.
Darum erscheint es überaus bedenklich, daß das Buch den gefähr-
lichsten Jrrthum einzelner Deterministen geradezu unterstützt, nämlich die
falsche Behauptung, daß der in gesetzmäßiger Weise bestimmte Wille nur
als unverantwortlich gedacht werden kann. Diese Ansicht ist dazu ge-
eignet, diejenigen Deterministen, welche sich bisher in der Ueberzeugung
von der menschlichen Verantwortlichkeit nicht haben irre machen laffen,
in dieser Ueberzeugung zu erschüttern. So wird der Verantwortlichkeits-
glaube geschwächt, während er gekräftigt werden sollte.
Wem freilich Erziehung und Gewohnheit die Fähigkeit entzogen
haben, sich eine Willensunfreiheit ohne Unverantwortlichkert vorzustellen,
für den ist es besser, wenn er bei dem Indeterminismus verbleibt; denn
der feste Glaube an die sittliche Verantwortlichkeit ist für die juristische
Berufsthätigkeit wichtiger und minder entbehrlich, als eine klare und
richtige Einsicht in die Vorbedingungen des menschlichen Wollens. Das
Recht beruht eben nicht blos auf einer politischen, sondern auch auf einer

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