Full text: Beiträge zur Erläuterung des deutschen Rechts (Jg. 49 (1905))

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Literatur.

Gesichtspunkte, die zur Klärung der fast schon bis zum Übermaß erör-
terten Frage der Tierhaftung beitragen könnten. Neu hingegen, aber
in unerfreulichem Sinne, ist die Art der Behandlung gegenüber dem
bei ernsthaften wissenschaftlichen Darstellungen üblichen Verfahren, ins-
besondere die Form, in der die benutzte Literatur verarbeitet ist. Die
Literaturnachweise erscheinen nämlich, unter völligem Verzicht auf Fuß-
noten, als wörtliche Wiedergabe der einzelnen Belegstellen, und diese
wörtlichen Zitate nehmen für sich allein einen Raum von
mehr als 26 Seiten ein, während das ganze Buch nur 85 Seiten
umfaßt! Sehr bezeichnend ist auch, daß Vers., wie (5) ersichtlich ist,
Grimms Deutsches Wörterbuch nicht selbst benutzt, sondern lediglich als
Zitat aus Kuhlenbeck entnommen hat.
Vers, teilt seine Ausführungen in 6 Abschnitte ein: 1. der Tier-
halter, 2. die Beschädigung durch das Tier, und 3. der Begriff „Schaden"
im § 833.
Tierhalter ist nach ihm (5), wer ein Tier mit dem Willen, es im
eigenen Interesse nicht bloß vorübergehend zu benutzen, besitzt. Diese
Definition kann weder als neu, noch als richtig anerkannt werden. Aus
die Frage, was unter „eigenem Interesse" zu denken sei, ob nur Ver-
mögensinteresse oder was sonst, gibt auch Vers, keine bestimmte Ant-
wort. Der Sprachgebrauch des täglichen Lebens (14) kann eine sichere
Grundlage hierfür ebensowenig abgeben, wie der „richterliche Takt" (39).
Die Unhaltbarkeit der Ausführungen, die „einen nicht bloß vorüber-
gehenden Besitz" als erforderlich dartun sollen (14 ff.), zeigt sich schon
aus den eigenen Beispielen des Vers. So soll die Hausfrau, die um
'/212 Uhr Hühner kauft, um sie 3/412 Uhr zu schlachten, nicht einen
nur vorübergehenden Besitz bezwecken! Offenbar soll damit nur die
sonst notwendige Konsequenz vermieden werden, daß die Hühner über-
haupt nicht gehalten würden. Zu besonders befremdlichen Ergebnissen
gelangt Vers, aber durch das Erfordernis des „besonderen Tierhaller-
willens" (24). Danach sollen z. B. die Erben, solange sie keine
Kenntnis vom Erbfalle haben, die zum Nachlasse gehörenden Tiere nicht
halten, sondern „man müsse sich das Tierhalten des Erblassers
als fortwirkend denken!" (19). Ferner soll zum Erwerbe der Tier-
haltereigenschaft Deliktsfähigkeit erforderlich und auf den Tierhalter ins-
besondere § 828 anwendbar sein (25 f.). Die Vorschrift des § 828 über
das Verschulden kann sich aber doch, wie schon aus der Reihenfolge der
Paragraphen hervorgeht, unmöglich auf die Fälle der schuldlosen Haftung
(§§ 833, 835) beziehen.
Die im 2. Abschnitt enthaltenen Ausführungen über das Kausal-
problem sind ebenso unklar, wie unzutreffend. Insbesondere beweist die
Nebeneinanderstellung von Liepmann, M, Rümelin und Endemann (56)
als Vertreter einer und derselben adäquaten Theorie (!) zur
Genüge, daß Vers, sich mit den Fragen der Verursachungslehre in un-
zureichender Weise bekannt gemacht hat. Das Ergebnis ist schließlich,
daß der Tierhalter nur hafte, wenn der Schaden in adäquater Weise

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