Volltext: Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft (Bd. 20 (1861))

6.2. Eine Sitzung des Niedergerichts zu Lübeck im Jahr 1845

98 Ueberreste alten Gerichtsverfahrens.
Beisitzer zu geheimer Berathung zusammen und verkündigten nach
einer halben Stunde das nach dem Vernunftrechte gefällte Urtheil."
An ein Vernunftrecht im abstrakten Sinne ist natürlich bei den
holsteinischen Bauern nicht zu denken: diese halten zunächst ihre
alten Gewohnheiten und Küren, sodann des Landes Satzungen,
worauf sie der anwesende Amtmann im Nothfalle aufmerksam macht,
in Ehrenl Schließlich kommt aber auch der gesunde Menschen-Ver-
stand mit dem gemeinen natürlichen Recht nicht zu kurz und das
ist es wohl, was der Berichterstatter aus den Entscheidungen heraus-
fand. Die bei Dreyer (Sammlung vermischter Abhandlungen
S. 1053) in hochdeutscher Uebersetzung gedruckten Neumünster'schen
Kirchspiels-Gebräuche beziehen sich wohl auf dieses Gericht; sie
sollten nach einem Regulativ wegen des Amts Neumünster von
1744, soweit sie den späteren fürstlichen Verordnungen nicht ent-
gegen, als der „Holsten Land-Recht" angesehen werden. Art. 1
jener Gebräuche sagt Folgendes: „Wann Ding und Recht angehet,
dasselbe wird in Gegenwarth des AmtmannS, Amtschreibers und
Kirchspiel-Voigten, von den dreyen verordneten Voigten (deren einer
genandt wird Ding-Voigt, der ander Vorsprack, der dritte Abfinder)
geheget, bey deS Grafen Banne und Königlicher Gewalt, darnach
wird verbothen Scheldwort, Lügenstraffend, Einrede und ungestümb
Ruffend, bey Strafe 8 Sch. 4 Pf. und da jemand sich hierinn ver-
lauffen thut, gebühren anfänglich den gemeldeten Voigten, so mennig
Lüg als auf einmahl angestellt wird, die erste verbrochene 8 Sch.
4 Pf. Darnach gehören dem Amtschreiber und Kirchspiel-Voigt, sooft
sich einer hierin verstehet, 8 Sch. 4 Pf. die also bald von den Ding-
Voigten geeschet und denenselben gereichet werden. Wann nun solches
geschehen, werden für'S Erste die Amts- darnach die Parthey-Sa-
chen fürgenommen."

2.
Eine Sitzung deS Niedergerichts zu Lübeck im Jahr 1845.
Das Riedergericht war damals (seither ist die Gerichtsverfas-
sung wie daS Verfahren geändert) zusammengesetzt auS zwei Prä-
toren (einem RechtSgelehrten und einem Kaufmann) und einem
rechtsgelehrten Aktuar, der dem einen Prätor gegenübersaß. Sechs
Prokuratoren bildeten den Umstand, d. h. sie standen in einem Halb-
kreise u»r einen kleinen Tisch, der unmittelbar unter dem Gerichts-

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