Full text: Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft (Bd. 19 (1859))

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Jacobson:
sistorien ein Genüge. Der eigenthümlich gemischte Charakter der
mit dem Staate verbundenen evangelischen Kirche konnte natürlich
diesen Behörden nicht fehlen, die denn auch bald geradezu als Be-
hörden der Kirche und des Staats bezeichnet wurden 68). Die ma-
teriellen Bestimmungen über das Eherecht selbst tragen auch von Anfang
an diesen gemischten Charakter, wie dies aus der Verwerfung des
kanonischen, so wie der Benutzung des römischen Rechts und aus
anderen Umständen genugsam erhellt. Bis gegen die Mitte des
achtzehnten Jahrhunderts blieb das Eherecht in den einzelnen Ländern
der evangelischen Kirche im Ganzen in dem Zustande-, welchen es
seit der Reformation durch die Kirchen- und Eheordnungen erhalten
hatte, und ebenso bestand bis dahin die Consistorial-Jurisdiction in
Ehesachen, welche zur Erhaltung des bisherigen Rechts wesentlich
beigetragen hatte. Inzwischen hatte jedoch die Doctrin und Praxis
schon früher eine minder strenge Auffassung der ehelichen Verhält-
nisse so vorbereitet ^), daß die Anwendung derselben in ganz Preu-
ßen leicht erfolgen konnte, als Friedrich II. 1746 eine Reform des
gesammten Rechts veranstaltete. In der neuen Prozeßordnung, dem
Project des Oodieis Fridericiani Marchici vom 3. April 1748, wur-
den vom Könige „aus bewegenden Ursachen diejenige geistliche Civil-
Sachen, welche bishero bey dem Oonsisiorio tractirt worden, in
specie die Ehe-Sachen u. s. w. dem Kammergericht vorgelegt"69a).
Durch das neue Landrecht, das Project des 6orpc>ris juris Fri-
dericiani von 1749, wurde sodann ein neues Eherecht eingeführt,
welches in wesentlichen Punkten das früher als Regel geltende Recht
abäuderte, insbesondere die Scheidungsgründe sehr vermehrte 70).
Die nachtheiligen Folgen dieses Gesetzes, da in verschiedenen

68) Stahl a. a. O. S. 168. 174 folg. 200. Richter a. a. O. S. 97.
117 folg. 141.
69) m. f. darüber Richter Beiträge zur Geschichte des Ehescheidungsrechts
in der evangelischen Kirche. Berlin 1858.
69a) vergl. auch Edict vom 10. Mai 1748, bei Mylius Corpus Constit.
Marchic. Contin. IV. nro XVIII. Fol. 51.
70) Pars I. Buch II. Titel in. Bei der Einführung erklärte man, "es solle
in allen geistlichen Prozessen, als Ehe- und Priestersachen pro rogula ge-
halten werden, weil es ohnedem nach dem Jure Romano und der all-
gemeinen Observanz eingerichtet sei" (vergl. Instruction vom 4. August
1753 §. 113. Novum Corp. Const. Tom. I. Fol. 1047).

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