Full text: Sächsisches Archiv für bürgerliches Recht und Prozeß (Bd. 6 (1896))

23. Abhandlungen

23.1. Große und kleine Spruchfehler

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Abhandlungen.
Große und kleine Spruchfehler.
Von Landgerichtsdirektor Hofrath Frey in Leipzig.
Es mangelt in der Literatur nicht an Werken, welche der schwierigen Auf-
gabe dienen, die jungen Juristen zu praktischen Richtern heranzubilden. Es ist
aber zweifellos, daß deren Erfolg im einzelnen Falle ein um so geringerer ist, je
weniger der Leser Gelegenheit zu praktischer Thätigkeit gehabt hat. Wer schwimmen
lernen will, muß in das Wasser gehen, erst bei der praktischen Uebung geht den
Meisten das Verständniß auf, auch für theoretische Auseinandersetzungen. Die
Heranbildung durch praktische Uebung hat aber ihre Gefahren. Soll sie wirklich
Ersprießliches leisten, so muß sie unter der Leitung tüchtiger und erfahrener Richter,
mindestens nach dem Vorbilde, das deren Thätigkeit abgiebt, stattfinden. Das
ist leider aber nicht immer möglich. Es bleibt stets eine große Anzahl Richter
übrig, denen es nicht vergönnt gewesen ist, bei einer höhern, wenigstens einer kol-
legialen Behörde oder unter besonders tüchtigen Einzelrichtern sich heranzubilden,
die also wie Wildlinge herangewachsen sind, und wie alle Autodidacten mit Zähig-
keit fest an Ansichten und Formen hängen, die sie bei entsprechender Belehrung
durch erfahrene Kollegen oder bei kollegialer Aussprache nicht aufrecht erhalten
würden. Sie wirken damit dann leider wieder als Vorbilder' auf die Heranwach-
sende Generation. Vielleicht hilft es da etwas, wenn man den Finger auf die
Wunde selbst legt, auf besonders häufige Mißbräuche hinweist, gewissermaßen
durch das abschreckende Beispiel wirkt. Das sei im Folgenden versucht hinsichtlich
der Abfassung der Civilurtheile.
A. Rubrum.
1.
DaS Urtheil „enthält" nach § 284* der C.P.O. ,
1. die Bezeichnung der Parteien und ihrer gesetzlichen Vertreter
nach Namen, Stand oder Gewerbe, Wohnort und Parteistellung.
Diese Fassung ist nicht schön. Man nimmt mit Recht allgemein an, daß sich
„Namen, Stand" u. s. w. sowohl auf die Parteien, wie auf die gesetzlichen Ver-
treter beziehen sollen, wenngleich die „Bezeichnung der Partei nach der Partei-
stellung" eine Wiederholung und die „Bezeichnung des gesetzlichen Vertreters nach
der Parteistellung" eine Unmöglichkeit enthält. Gemeint ist seine Stellung zur Pa rtei.
Archiv für Bürgerl. Recht u. Prozeß. VI. 38

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