Full text: Sächsisches Archiv für bürgerliches Recht und Prozeß (Bd. 6 (1896))

22.5. Seitz, Dr. Karl Joseph, Die praktische Rechtsschule im Entwickelungskampfe mit den bisherigen doktrinären, historischen und Natur-Rechtsschulen.

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Literatur.

fasser, daß Verträge über die religiöse Erziehung der Kinder nichtig sein sollen. Als zweck-
entsprechende Form des Austritts verlangt er die persönliche, mündliche Erklärung zu Pro-
tokoll des Richters, oder bei blosem Konfessionswechsel eine Anzeige an eine staatliche Be-
hörde. Eine einheitliche Regelung dieser Frage für ganz Deutschland ist auf absehbare Zeit
nicht zu erwarten. Es braucht deshalb hier nicht darauf eingegangen zu werden, ob allen
Vorschlägen des geschätzten Verfassers beizupflichten ist. Fraglich ist es ja insbesondre, ob
es sich empfiehlt, alle auch während der Ehe über die religiöse Erziehung von Kindern
abgeschlossenen Verträge für nichtig zu erklären. Die kirchenpolitischen Erwägungen, die bei
gemischten Ehen gegen die Zuläsfigkeit derartiger Verträge vor der Ehe sprechen, kommen
in solchen Fällen nicht oder doch weniger in Betracht und es würde dem Rechtsbewußtscin
weiter Kreise widersprechen, wenn ein Abkommen, wonach ein Kind in der Konfession, auf
die es getauft ist, auch erzogen werden soll, als nichtig behandelt werden müßte.
Landrichter vr. Kettembeil, Leipzig.
Die praktische Rechtsschule im Entnnckelungskampfe mit den bisherigen doktrinären,
historischen und Natur-Rechtsschulen. Von Dr. Karl Joseph Seitz. München
1895. I. Schweitzer Verl. (Jos. Eichbichler).
Die Rechtswissenschaft befindet sich nach der Meinung des Verfassers gegenwärtig in
einem Uebergangszustande. Die blos nach rückwärts gewendete geschichtliche Schule wird
abgelöst von einer das lebendige Recht erfassenden, Naturrecht und geschichtliches Recht auf
dem Boden der Erfahrung vereinigenden praktischen Rechtsschule, die, von jeher geübt, in
den Sprüchen der Praxis zu ihrer Einführung in die Theorie nur noch der wissenschaft-
lichen Begründung erharrt.
Die einzige Quelle unserer Erkenntniß ist die Erfahrung, die uns zwar nicht das Wesen
der Dinge, wohl aber ihre Erscheinungen und deren Gesetze erschließt. Auf dem Gebiete des
Rechts erscheint sie in doppelter Gestalt, als Erfahrung mittels des bereits einmal im Rechte
Geschehenen — geschichtliches Recht — und als Erfahrung aus unserm eignen Innern,
unserm Gewissen, unserer sachlich induktiven Vernunft (aequitas) — Naturrecht, Juristen-
recht. Auch das Rechtsleben selbst, das, an Zeit und Raum gebunden, sich mit den that-
sächlichen Verhältnissen, den Uebungen der Völker und der fortschreitenden Erkenntniß der
Wissenschaft fortbewegt, entquillt der Erfahrung. Der Fehler der seitherigen Rechts-
schulen aber besteht darin, daß sie in einseitiger, aprioristischer Weise nur eine Seite der
Erfahrung, entweder die Geschichte oder das Naturrecht, angewendet haben, während die
Praxis sich von dieser Einseitigkeit frei zu halten verstanden hat.
Auch wer diesen Sätzen zustimmt, wird von der Art ihrer Begründung nicht befrie-
digt sein. Sie bewegt sich fast durchweg auf dem Boden der blosen Spekulation, läßt aber
die auf diesem Gebiete zu erfordernde strenge Ableitung aus Grundbegriffen vermissen. Im
Wesentlichen machen deshalb die Ausführungen den Eindruck unbewiesener Behauptungen.
Noch weniger befriedigt die Form der Darstellung, die der Klarheit entbehrt und mit ihren
breiten Wiederholungen und stetig wiederkehrenden unerfreulichen und trivialen Angriffen
gegen die historische Schule und einzelne Vertreter derselben die Geduld des Lesers ermüdet.
Landgerichtsdirektor Fuchs, Leipzig.

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