Full text: Sächsisches Archiv für bürgerliches Recht und Prozeß (Bd. 4 (1894))

Literatur.

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zu verknüpfen, den in vorklassischer Zeit der Gastwirth bei Aufnahme des Reisenden in der
symbolischen Form der manumissio herkömmlich abzuschließen pflegte, und auf den in 1.1 8 3
D. 4. 9. hingewiesen wird. Haben wir den Verfasser richtig verstanden (Res. ist dessen nicht
sicher, da die unklare, hier und da sich widersprechende Darstellungsweise das Verständniß
der Schrift ungemein erschwert), so wird von ihm angenommen, daß jener alte Vertrag zur
Zeit des prätorischen Edikts noch in Geltung gewesen sei. Die einzige Neuerung, die der
Prätor eingeführt, habe darin bestanden, daß er die Haftung des Wirths von der manumissio
zurückdatirt habe auf das rein thatsächliche receptum durch die Untergebenen des Wirths
(S. 15, 16). Eine sonderbare Auffassung. Sturm erkennt an anderer Stelle doch selbst
an, daß jener ursprüngliche Verwahrungsvertrag mit der Zeit außer Uebung gekommen war.
Gerade das Schwinden der alten Verkehrssitte, die zunehmenden Betrügereien der römischen
Gastwirthe, veranlaßten den Prätor, helfend einzugreifen. Auch wenn der Wirth dem Reisen-
den keine custodia mehr zusicherte, sollte er doch kraft Gesetzes ihm für die Rückgabe der
in das Wirthshaus eingebrachten Sachen zu haften haben; vergl. 1. 1 8 3 D. h. t.: sed et
si hoc non exercet, tamen de recepto tenebitur. Das frühere Garantieversprechen des
Wirths wurde, wie Goldschmidt sich ausdrückt, an dessen treffliche Abhandlung über das
receptam nautarum in der Ztschr. f. Handelsrecht (Bd. 3 S. 58 flg), der Verf. sich sonst
vielfach anlehnt, vom Prätor „subintelligirt". Der Wirth wurde so behandelt wie Jemand,
der die specielle custodia ausdrücklich versprochen hatte (Windscheid, Pand. II, §364
Nr. 6). Wie darin etwas Anomales liegen soll (S. 18), ist schwer zu begreifen.
Den Kernpunkt der Lehre hat von jeher die richtige Bestimmung und Abgrenzung der
custodia gebildet. Nach 1. 3 § 1 D. h. t. haftet der Wirth auch für den Zufall (omnimodo
tenetur etiam si sine culpa ejus res periit); er hat aber nicht einzustehen für damnum
fatale und vis major. Dem Versuche, dieses Räthsel zu lösen, geht der Verf. aus dem Wege.
Er beschränkt sich darauf, die custodia als eine dem Gastwirthe auferlegte specielle persön-
liche Beaufsichtigung der Sachen zu definiren. Wo die immerwährende menschliche Bewachung
nicht ausgereicht haben würde, den Schaden abzuwenden, sei der Wirth frei. Das ist ganz
dieselbe Begriffsbestimmung, die schon Wind sch eid der custodia gegeben hat. Näher auf
die Bedeutung der vis major einzugehen, die sich als die Kehrseite der custodia darstellt,
lehnt der Verf. ausdrücklich ab. Er hält das für unnöthig, da der Begriff aus den Quellen
klar genug zu erkennen sei (S. 27). Wer die zahlreichen Streitstagen kennt, die an jenen
Begriff sich angeknüpft und die bis zum heutigen Tage noch nicht ihre Lösung gefunden
haben (zu vergl. neuerdings Stammler in diesem Archiv, Bd. 3 S. 65 flg.), wird diese
optimistische Ansicht des Verf. nicht zu theilen vermögen.
Beachtenswerther sind die Ausführungen Sturms über das, was er mit einem nicht
gerade sehr glücklich gewählten Ausdrucke als „die moderne- Natur der Sache" bezeichnet
(S. 33 flg.) Bei unfern vollständig veränderten Verkehrsverhältnissen besteht gegenwärtig
kein rechtes Bedürfniß mehr, den Wirth, wie vordem im alten Rom, schlechthin für Alles
haften zu lassen, was der Reisende in seine Gasträume eingebracht hat. Dieser Erwägung
hat schon der Entwurf eines dtsch. B.G.B.'s Rechnung getragen, indem er in 8 627 bei
Geldern, Werthpapieren und Kostbarkeiten die unbedingte Haftung des Wirths auf das Maß
dessen beschränkt, was zu den laufenden Bedürfnissen des Gastes gehört. Für Werthsachen,
die der Reisende über das laufende Bedürfniß hinaus mit sich führt, soll der Wirth nur
dann zu haften haben, wenn ihm dieselben zur Aufbewahrung übergeben sind oder wenn er
es abgelehnt hat, ihre Aufbewahrung zu übernehmen. Sturm ist damit nicht in allen
Punkten einverstanden. Er will namentlich dem Wirthe das Recht eingeräumt wissen, die
Aufbewahrung von Kostbarkeiten der bezeichneten Art abzulehnen. Wir stehen nicht an, der
Regelung des Entwurfs, der bei der zweiten Lesung noch insofern eine Verbeffernng erfahren

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