Full text: Sächsisches Archiv für bürgerliches Recht und Prozeß (Bd. 4 (1894))

Opitz, Ueber das Anerbenrecht. 52Z
Es erhellt aus diesen Ausführungen, die bei den betreffenden Berathungen
im Ausschüsse und in den Vollsitzungen des LandeskulturratheS nirgends Wider-
spruch erfuhren, daß der Landeskulturrath schon damals auf dem Standpunkt stand,
die Regelung des bäuerlichen Erbrechts (Anerbenrecht) im Wege der Reichsgesetz-
gebung an sich als das Erstrebenswerthe anzusehen und daß er auf die Empfeh-
lung dieses Vorgehens schon bei jener Gelegenheit nur aus dem Grunde nicht
zugekommen ist, weil er die allgemeine Meinung auf ein solches Vorgehen noch
nicht hinreichend vorbereitet glaubte. Der Landeskulturrath hat bei den betreffenden
Verhandlungen nicht annehmen können, daß in diesem letzteren Punkte die Ver-
hältnisse schon so zeitig sich ändern würden. Wenn damals in demselben Berichte
weiter gesagt worden ist:
Die Aufnahme diesbezüglicher Bestimmungen in den Entwurf würde auf
Annahme wenig Aussicht haben, wohl aber von verschiedenen Seiten lebhafte
Angriffe Hervorrufen und möglicherweise das Zustandekommen des Gesetzbuchs
überhaupt gefährden,
so haben die Verhältnisse in der Zwischenzeit einen solchen Umschwung erfahren,
daß man gegenwärtig die nurgedachte Bemerkung des Berichtes in ihr Gegentheil
verkehren und mit einigem Grunde die Annahme aussprechcn kann, daß die Ver-
sagung der Aufnahme von Bestimmungen über das Anerbenrecht in den Entwurf
des B.G.B.'s das Zustandekommen des letzteren nach Befinden in Frage stellen
könnte.
Diese Entwickelung der Verhältnisse dürfte der Landeskulturrath nach seiner
bisherigen Stellung zu der in Rede stehenden Frage nur mit Genugthuung be-
grüßen können. Mit Ausdauer und durch erfolgreiche Beweisführung ist die
landwirthschaftliche Welt bemüht gewesen, bei dem sachlich urtheilenden Theile
der Bevölkerung in allen Theilen Deutschlands sowie an maßgebender Stelle die
Ueberzeugung hervorzurufen, daß die rechtliche Gleichstellung des ländlichen Grund-
besitzes mit den übrigen Theilen der Güterwelt, daß namentlich die Behandlung
des ländlichen Grundbesitzes als marktfähiger und marktgängiger Waare eine ebenso
dem Wesen der Sache widersprechende ist, wie sie auf die Dauer nicht beibehalten
werden kann, ohne die Interessen des ländlichen Grundbesitzes schwer zu gefähr-
den und' damit die Grundsäule des Staates und der Gesellschaft ins Wanken zu
bringen. In der That hat die Ein- und Durchführung der aus dem römischen
Rechte herübergenommenen Auffassung des Grund und Bodens als eines Gegen-
.standes, der der freien Veräußerlichkeit und Vererblichkeit unterliegt, auf den in
Deutschland Dank der weiterblickenden Fürsorge früherer Geschlechter überkomme-
nen geschlossenen Grundbesitz mit der Wucht eines gewaltigen, in ununterbroche-.
ner Thätigkeit befindlichen Hammers zertrümmernd gewirkt, nachdrücklicher und
folgenschwerer, als es die in derselben Richtung sich bewegenden Strömungen
und Bestrebungen grundbesitzfeindlicher politischer Richtungen je zu thun ver-
mocht hätten.

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