Full text: Sächsisches Archiv für bürgerliches Recht und Prozeß (Bd. 4 (1894))

Literatur.

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vorwurfsfrei Handelnde auf eigene Gefahr oder auf Gefahr Dritter han-
deln? Zur Lösung dieses Problems will der Herr Verfasser in der vorliegenden Abhand-
lung einen Beitrag liefern. Auf den überaus reichen Inhalt der Geist und Gelehrsamkeit
in gleich hohem Grade bekundenden und namentlich auch die Bestimmungen des deutschen
Entwurfs I. und II. Lesung sorgfältig berücksichtigenden Schrift im Einzelnen einzugehen,
verbietet der Raum. Es werden zunächst behandelt: Expropriation, Konzessionirung, gewerb-
licher Anlagen, Nothweg, Grenzüberbau- Zutritt auf fremde Grundstücke, Jägdrecht, jus tol-
lendi, Untervermiethung, und Nothstand. Von besonderem Interesse ist sodann der IV. Ab-
schnitt, welcher sich mit den auf Jrrthum beruhenden Willenserklärungen beschäftigt. Mit
Recht stellt der Herr Verf. den Grundsatz auf, daß, wer eine Willenserklärung abgebe, sei
es in eigener Person oder durch eine Mittelsperson, diese Erklärung auf eigene Gefahr zu
geben habe, nicht auf Gefahr des gutgläubigen Erklärungsempfängers. Auch derjenige, der
sich bezüglich seiner Eigenschaft als Vertreter irre, thue dies auf eigene Gefahr. Weitere
Abschnitte betreffen das Vermächtniß einer bestimmten Sache, Selbsthülfe und Jrrthum über
die Widerrechtlichkeit einer Handlung. Von größter praktischer Bedeutung ist die im Abschnitt
VII erörterte Frage, ob derjenige, der sich zur Ausführung einer obliegenden Leistung frem-
der Hülfe bedient, für das Verschulden seiner Gehülfen unbedingt einstehen müsse,
oder ob er nur für eigenes Verschulden in der Auswahl und Beaufsichtigung derselben zu haften
habe. Der Herr Verf. nimmt, in Uebereinstimmung mit dem deutschen Entwürfe, zutreffend
das Erstere als Regel an. Wenn er aber in Abschnitt VH! auch die unbedingte Haftbar-
keit der Dienst- und Geschäftsherrn für die Delikte, die ihre Untergebenen in Aus-
übung ihrer dienstlichen und geschäftlichen Verrichtungen begehen, anerkannt wissen will, so
dürfte dies zu weit gehen, und in dieser Beziehung den S. 69 mitgetheilten Vorschriften des
deutschen Entwurfs II. Lesung der Vorzug zu geben sein. Außerdem werden besprochen: der
durch Thiere angerichtete Schaden, der durch den zu befürchtenden Einsturz eines Nachbar-
hauses drohende Schaden, die Haftpflicht der Eisenbahnunternehmer (in dem wieder besonders
lehrreichen XI. Abschnitt), die Entschädigung unschuldig Verurtheilter, die Erstattung der
Prozeßkosten, die ungerechtfertigte Arrestanlegung u. A. m. Schließlich erörtert der Herr
Verf. die Schadenzufügung durch unzurechnungsfähige Personen als einen Fall der Haftung
ohne Schuld, der nicht eigentlich als ein Handeln auf eigene Gefahr, sondern als Geschehen
auf eigene Gefahr sich kennzeichnen. — Ich habe wenigstens diese Andeutungen über den
Inhalt der Unger'schen Schrift gemacht in der Hoffnung, dadurch zum Lesen derselben anzu-
regen und in der Ueberzeugung, daß Niemand dieselbe ohne die vollste Befriedigung aus den
Händen legen werde.
Oberlandesgerichtsrath vr. Ni pp old in Dresden.

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