Full text: Sächsisches Archiv für bürgerliches Recht und Prozeß (Bd. 4 (1894))

10.2. Unger, das Handeln auf eigene Gefahr

Literatur.

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Wie schon dieser sehr summarische Auszug lehrt, bietet das Werk auf der Grundlage
eines einzigen, mit großer Folgerichtigkeit durchgeführten Grundgedankens eine Reihe werth-
voller Aufschlüsse und Anregungen. Die Feststellung des Notorietätsbegriffs beansprucht die
größte Beachtung. Zutreffend wird ferner für den Richter die, nur in Einzelfällen gesetzlich
beschränkte, Befugniß in Anspruch genommen, seine Kenntniß allgemeiner, jenseits der Einzel-
geschehnisse des gerade vorliegenden Prozesses liegender Thatsachen für die Entscheidung nutzbar
zu machen.
Freilich hat dieser zuletzt erwähnte Satz in der Praxis wohl kaum so große Bedeutung,
wie ihm auf den ersten Blick zuzukommen scheint und nach der Ansicht des Verfassers auch
wirklich zukommt. Jede Thatsachenbehauptung soll eine Schlußfolgerung voraussetzen, und
die hierbei anzüwendenden Obersätze sollen ihrem Begriffe nach Definitionen oder allgemeine
hypothetische Urtheile sein. Allein schon die allergewöhnlichsten Begriffe des Alltagslebens
sind einer Definition nur sehr schwer zugänglich und es heißt dem wirklichen Sachverhalt
Zwang anthun, wenn man behauptet, unsere alltäglichen Wahrnehmungen seien Ergebnisse
von Schlußfolgerungen in dem erwähnten Sinne. Und erst die technischen und künstlerischen
Urtheile, wie selten lassen sie die Nachweisung eines ihnen zu Grunde liegenden allgemeinen
Erfahrungssatzes als Obersatzes zu! Ob die Zunge des Feinschmeckers den Wein auf seine
Echtheit, das Auge des Kaufmanns das Oel auf seine Reinheit oder den ihm zukommenden
Schein, Blick und Hand des Kenners das Pferd auf seine Leistungsfähigkeit oder seinen Preis,
das Ohr des Künstlers den Ton aus seine Schönheit und Klangfülle prüft, mit einem Worte, über-
all, wo nicht ein theoretischer Satz, sondern im Wesentlichen praktische Uebung und Erfahrung das
Urtheil vermitteln, überall da handelt es sich nicht um eine eigentliche Schlußfolgerung aus —
mittheilbaren — „Erfahrungssätzen", sondern um eine Vergleichung von Sinneswahrneh-
mungen mit den im Wahrnehmenden bereits vorhandenen, aber nicht ohne Weiteres mittheil-
baren Sinnesvorstellungen oder um die Bethätigung einer nicht übertragbaren Fertigkeit,
und selbst in den Fällen, in denen sich die Beurtheilung auf Erfahrungssätze aufbauen läßt,
wie dies namentlich in den dem Kreise einer eigentlichen Wissenschaft ungehörigen Gebieten
der Fall sein mag, kommt doch fast stets eine Mehrzahl solcher Sätze gleichzeitig in Betracht,
und es gehört deshalb gewöhnlich die langjährige praktische Uebung eines tüchtigen Sachver-
ständigen dazu, um für den einzelnen derartigen Fall die richtige Subsumtion zu finden.
Die Erfolglosigkeit so mancher Versuche, Obersätze für die urtheilende Thätigkeit des Richters
zu gewinnen, wie sie namentlich die Geschichte des Strafprozeßrechts in der Lehre vom Jn-
dicienbeweise aufzuweisen hat, läßt sich zum Theil vielleicht auf das Gesagte zurückführen.
Es ist nicht möglich, diesen Einwänden hier weiter nachzugehen. Schließlich hat auch
an einer grundlegenden Arbeit, wie der vorliegenden, Jeder etwas auszusetzen. Möge der
Verfasser auf dem betretenen Gebiet fortarbeiten und die auf demselben liegenden mannig-
fachen Fragen, zu denen wir insbesondere auch die in der Abhandlung mehrfach berührte,
aber wohl noch tiefer zu erfassende Frage nach dem Verhältnisse der tatsächlichen zur recht-
lichen Subsumtion rechnen, einer endgültigen Lösung znzuführen.
L.G.Dir. Fuchs, Bautzen.
Das Handeln ans eigene Gefahr. Ein Beitrag zur Lehre vom Schadenersatz. Von
Dr. Joseph Unger, Präsident des Reichsgerichts in Wien. Zweite vermehrte und
verbesserte Auflage. Jena, Verlag von Gustav Fischer. 1893. 150 S. Preis 2 Mk.
60 Pf.
Es ist nicht zweifelhaft, daß Jemand für den Schaden zu hasten hat, den er durch
sein Verschulden verursacht. Ein schwieriges Problem aber ist dies: Auf wessen Ge-
fahr soll (in gewissen Fällen) das schuldlose Handeln stattfinden? Soll der

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