Full text: Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft (Bd. 9 (1845))

Ueberhangs- und Ueberfallsrecht. 319
alle bewegliche Sachen, die in das Bereich seines Gutes kommen, sich
ohne Weiteres aneignen, ist wohl klar. An sich betrachtet soll da-
durch eben nur bestimmt werden; in dem Besitz einer unbeweglichen
Sache sei von selbst auch ein solcher der darauf sich findenden fah-
renden Habe enthalten, weßhalb denn auch eine eigenmächtige An-
maßung der letzteren im einzelnen Fall immer noch ein besonderes
rechtliches Verhältniß voraussetzen muß 25).
Dieß allgemeine Princip finden wir nun aber so abstract un-
mittelbar wohl nirgends in unseren Rechtsquellen ausgesprochen;
sein Dasein wird jedoch durch viele concrete Nechtsbestimmungen
bezeugt. Aus ihm erklärt sich das bekannte eigenmächtige Pfän-
dungsrecht des Besitzers von Grundstücken, ebenso das Jagdrecht,
wenigstens in seiner ursprünglichen Bedeutung, wo es ausschließlich
dem Eigenthümer des Bodens zustand, dann das Occupationsrecht
fremder Bienenschwärme, welches mitunter der, auf dessen Grund
sie sich niederlaffen, ausüben darf. Eben diese Rechtsanschauung
liegt sicherlich aber auch der Bestimmung, wonach der bloße Auf-
enthaltsort in manchen Gegenden schon hörig oder leibeigen machte,
zu Grunde, (die Luft macht eigen). Ferner sind wohl auch das
Strand- und das Grundruhrrecht hierher zu zählen, nach denen von
den Besitzern des Ufers die an solchem gestrandeten Güter, ja mit-
unter selbst Menschen, als Eigenthum angesprochen werden konnten26).
Ich läugne keineswegs, daß man gegen die Anwendung jenes
allgemeinen Princips zur Erklärung des Ueberhangs- und Ueber-
fallsrechtes mehre triftige Einwendungen zu erheben vermag, zu deren
näheren Betrachtung ich mich nunmehr wenden will, indem alsdann
die Richtigkeit oder Irrigkeit unserer Ansicht sich von selbst ergeben
wird.
Der augenscheinlichste und sehr nahe liegende Einwurf bezieht
sich nur auf das Ueberhangsrecht und besteht in der Behauptung,
der Ueberhäng sei als solcher gar keine bewegliche Sache, sondern
als Theil eines noch stehenden Baumes offenbar ein Immobile. Dieß

25) Vrgl. Alb recht a. a. O. Note 49.
26) Auf die Wahrheit unseres Prineips weiset auch schon der Doppel-
sinn des Wortes Gewere hin, insofern solches den Besitz überhaupt
und arcch den Inbegriff der Immobilien Jemandes (Haus und
Hof) bezeichnen kann. S, Albrecht a. a. O.

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