Full text: Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft (Bd. 9 (1845))

259

Tabor: Thronfolgefähigkeit.
rechte ist keine Spur davon vorhanden, daß körperliche Gebrechen
von der Erbfolge ausgeschlossen batten. Eine solche Spur würde
aber gewiß nicht fehlen, wenn eine Ausschließung aus jenen Grün-
den herkömmlich gewesen wäre. Dafür spricht schon die mehr oder
mindere Ausführlichkeit, mit welcher in jenen Rechten von dem Erb-
recht überhaupt gehandelt, und der Umstand, daß andere Gründe
gänzlicher oder theilweiser Erbfolgefähigkeit in denselben keineswegs
mit Stillschweigen übergangen worden sind. So die erbschaftliche
Ausschließung oder Beschränkung der Weiber nach der L. Salica
LXII. 6. der L. Rip. 38. 4. L. Thuring. VI. i. L. Saxon, tit. VII.
1. und 8. der unehelichen Kinder nach der L. Rothar. 154.
Der aus unebenbürtiger Ehe erzeugten Kinder nach L.Rothar.
223. und L. Luitprandi (Lomb. II. 2. L. 9). Erwähnt mag aNei-
der Umstand werden, daß das Wehrgeld bei Gebrechlichen nicht
geringer war (Sächs. Landrecht II. 21.); diese also ihr volles Ge-
burtsrecht und die darauf beruhenden Erbfolgerechte behielten.
Wenn das alte Volksrecht der Baiern *) dem Sohne eines
Herzogs verbietet, dem Vater, der noch die Kräfte, zu rathen, zu
richten und zu reiten habe, weder blind noch taub sei und die Be-
fehle des Königs in Allem vollbringen könne, gewaltsam die Ne-
gierung abzunehmen, und die Glosse in Cancian Recht hätte, wenn
sie meint, dieses Verbot deute auf die Zulä ssigkeit jener Entsetzung,
im Fall einer Regierungöunfähigkeit des Vaters hin; so würde aus
dieser Stelle doch nur die, durch eines jener Gebrechen begründete
Absetzbarkeit des Herzogs, als eines königlichen Beamten, folgen
nicht aber dessen Verdrängung aus seinem Allodialbesitz, oder die
Unfähigkeit im Allode zu succediren. So wenig jene Stelle den Be-
weis liefert, daß Jeder, der nicht hätte reiten und fechten können,
nach dem alten baierischen Volkörechte erbunfähig gewesen sei, eben

1) Lex Bajuvar. II. cap. 10. §. l.i Si quis filius ducis tam superbus
vel stultus fuerit, ut patrem suum dehonestari voluerit per con-
silium malignorum, vel per fortiam et regnum ejus auferre ab eo.
dum adhuc pater ejus potest judicio contendere, in exercitu ambu-
lare, populum judicare, equum virile ascendere, arma sua viva-
citer bajulare, non est surdus, nec coecus, in omnibus jus-
sionem regis potest implere, sciat se ille filius contra legem fecisse
et de hereditate patris sui esse dejectum.
17*

Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer