Full text: Sächsisches Archiv für bürgerliches Recht und Prozeß (Bd. 1 (1891))

29.5. Dr. Sehling, die religiöse Erziehung der Kinder und der Entwurf eines B.G.B.'s für das D. Reich.

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Literatur.

Weit weniger überzeugend, als jene speziellen Ausstellungen, wirken die allgemeinen
Uriheile, welche der Verfasser ihnen vorausschickt und auf welche er den Nachdruck legt. Die
Zeit zu solchen ist nach unserer Ueberzeugung noch lange nicht gekommen, am wenigsten für
den Praktiker, der sich sein Urtheil auf Grund seiner eigenen praktischen Erfahrungen zu bilden
gewohnt ist. Wir haben die Zurückhaltung, deren sich die Praktiker in dieser Hinsicht seither
.befleißigt haben, als wahlberechtigt anzuerkennen. Dem universalen und schöpferischen Geist
mag es allenfalls gegeben sein, seiner Zeit vorauseilend sich schon jetzt zu einer Gesammtan-'
schaumig des Entw', zu einer Vorausberechnung der von ihm, würde er Gesetz, ausgehenden
gewaltigen Wirkungen zu erheben, ein solcher vermag auch allenfalls durch die Kraft seiner
Ueberzeugung fortreißend und überzeugend auf Andere zu wirken. Den Aussprüchen des Ver-
fassers fehlt diese Voraussetzung, sie entbehren der Ursprünglichkeit, denn sie sind nicht viel
mehr als eine Zusammenstellung dessen, was schon von anderen Schriftstellern zu Ungunsten
des E. vorgebracht worden ist.
Einigermaßen leiden sie auch unter der besonderen Tendenz, unter welcher sie geschrieben
sind. Bemüht, Romanisten und Germanisten um das Allg. Landrecht zu vereinigen, sucht
der Verfasser beiden gerecht zu werden. Er rühmt dem klassischen römischen Rechte nach, daß
es die Systematik, Logik und Technik des Rechts in ausgezeichneter und für alle Zeiten vor-
bildlicher Weise ausgebildet habe und daß daneben sein charakteristischer Vorzug darin bestehe,
daß es, wenn auch von seinem sozial und wirthschaftlich beengten Standpunkte aus, immer
dem materiellen Recht und der Billigkeit, sowie den Bedürfnissen des praktischen Lebens vor
den Konsequenzen juristisch formeller Auffassung den Vorzug gegeben habe, er legt ihm mithin
alle diejenigen Vorzüge bei. welche nach S. 21 den inneren Werth einer Rechtsordnung,
ihren „Geist" bestimmen. Danach möchte man glauben, daß er alles Heil von der Bethätigung
dieses römischen Geistes gegenüber unseren heutigen Lebensverhältnissen erwarte. Gleichwohl
findet er daneben noch Raum für die Klage, daß der E. nicht in „deutschem Geiste" gedacht sei.
So läßt er nach dem Romanisten auch den Germanisten zu Worte kommen, vergißt aber leider,
anzugeben, worin denn nun dieser „deutsche Geist" bestehe und inwiefern für ihn — unbe-
schadet der Aufnahme bestimmter einzelner deutschrechtlichen Anschauungen und Rechtsinstitute,
wie sie ja auch im E. Platz gefunden haben — noch neben dem so gerühmten „römischen
Geiste" Raum übrig bleibe.
Die Verbesserungsbedürftigkeit des E. wird allseitig anerkannt. Daneben steht aber
seine Verbesserungsfähigkeit, welche von der Mehrzahl der Beurtheiler nicht bezweifelt wird.
Die Grundlage der weiteren Arbeit wird deshalb voraussichtlich dauernd der E. selbst bilden.
Sicherlich aber werden die von so vielen Seiten hervorgetretenen Wünsche, soweit thunlich
Berücksichtigung finden und in erster Reihe diejenigen, welche sich auf bereits geltende Gesetze
und deren praktische Bewährung und Anerkennung zu stützen vermögen. Eine solche Berück-
sichtigung kann namentlich auch das Preuß. Allg. Landrecht fordern. Von diesem Gestchts-
punkte aus erscheinen uns die Darlegungen des Verfassers immerhin dankenswerth.
Landgerichtsrath Fuchs, Bautzen.
Die religiöse Erziehung der Kinder nnd der Entwurf eines bürgerlichen
Gesetzbuches für das deutsche Reich. Von vr. Emil Setzling, ord. Professor
der Rechte in Erlangen. Erlangen und Leipzig. Andr. Deichert'sche Verlagsbuch-
handlung Nachf. (Georg Böhme) 1891. 64 Seiten. 90 Pf.
Der Entw. hat die relig. Erziehung der Kinder nicht geregelt. 8 1608 lautet: „In
welchem religiösen Bekenntnisse das Kind zu erziehen ist, bestimmt sich nach den Landesgesetzen."
Dasselbe gilt nach § 1658 von der relig. Erziehung bevormundeter Miilderjähriger. Die
Kommission hat gemeint, sie würde in das Gebiet des öffentlichen Rechts'hinübergreifen und

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