Full text: Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft (Bd. 11 (1847))

16.6

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werden. Durch das Christenthum, welches das Reich der weltlichen
Mächte von dem Reiche Gottes geschieden, den Bund mit dem Saa-
men Abrahams zu einem Bunde mit der Menschheit erweitert, die
Furcht Gottes zur Liebe Gottes verklärt, an die Stelle des pries
sterlichen Opfers und der Beobachtung äußerer Gebräuche das
Opfer, welches auf dem Altar des eigenen Herzens dargebracht wird,
und die Werke der Liebe gesetzt hat, — ist die Religion, welche frü-
her mehr Sache der Staaten und der Völker war, Sache der In-
dividuen geworden, und es mußte somit auch die Anforderung ent-
stehen, daß Gewissensfreiheit als ein heiliges Recht im äußern Leben
anerkannt werde7). Die Principien, worauf diese Anforderung be-
ruht, sind aber: das Verhältniß aller Menschen zu Gott ist ein freies,
unmittelbares; es giebt in dieser Beziehung so wenig einen Unter-
schied der Völker wie der Geschlechter; der Glaube, der nicht in
einem äußern Bekenntniß besteht, sondern in der innersten Werk-
statt des menschlichen Geistes sich gestaltet, kann nur durch die
Macht der Wahrheit und des Wortes erweckt werden; Gott allein,
der die Kraft verleihet, die Wahrheit zu erkennen und in sich le-
bendig zu machen, dem allein das innerste Heiligthum des Menschen
erschlossen ist, dessen Auge das Ringen nach Wahrheit sieht, dessen
Ohr das stumme Gebet der Herzen vernimmt, sind wir allein Re-
chenschaft für unfern Glauben schuldig; sein sind allein die Gerichte;
weltliche Macht hat daher nicht zu schaffen und zu regieren im
Reiche des Glaubens, denn sie kann wohl Menschen quälen, be-
drücken, ihnen um ihres Glaubens willen Güter und äußere Ehren ent-
ziehen, das Leben nehmen; aber wie es außer ihrem Beruf liegt,
den Glauben zu richten, so wenig vermag sie es, ihn zu erwecken.
Das menschliche Gemüth und die menschliche Vernunft, welche die
Pflicht des Gehorsams in weltlichen Dingen anerkennt, widerstrebt
daher allem Zwang, aller Einwirkung durch äußere Mittel in Sa-
chen des Glaubens; und die Erfahrung hat sattsam gelehrt, so oft
es wieder vergessen worden ist, daß solche Einwirkung, statt ihren
Zweck zu erreichen, entweder Heuchler hervorruft oder Haß gebiert,
und dadurch die Seelen verdirbt und die Religion selbst herabwür-
digt, welche des weltlichen Arms zu ihrer Aufrechthaltung, ihrem
Schutze bedarf.

7) S. auch Neander's Kirchengeschichte Bd. 2. S. 68.

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