Full text: Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft (Bd. 11 (1847))

Ueber Gewissensfreiheit. 165
zu unterscheiden 5). In neuerer Zeit ist es üblicher und beliebter ge-
worden, Religionsfreiheit für die eigentliche (vollkommene) Gewis-
sensfreiheit zu gebrauchen, und mit diesem letzten Wort ein mehr
-oder minder beschränktes Maas religiöser Freiheit zu bezeichnen.
So auch von Ar et in in seinem constitutionellen Staatsrecht 6),
welcher die einem jeden Bürger in einem nach den Principien des-
selben geordneten Staat zuzusichernde, vollkommene (!) Gewis-
sensfreiheit darein setzt: „daß Niemand zu einer andern Religion ge-
zwungen werden kann; jedem freisteht, zu einer andern Religion
mberzutreten, keinem seiner Religion wegen der Staatsschutz ver-
weigert werden darf, und die Ausübung des Cultus oder die Got-
tesverehrung jedem wenigstens in seinem Hause gestattet werden
muß." Die Religionsfreiheit besteht dem gemäß in der unbeschränk-
ter» Cultusfreiheit (also mindestens in der Berechtigung zum sog.
Privatgottesdienst) und in dem Vollgenuß der bürgerlichen und po-
litischen Rechte. Wie diese verschiedenen Auffassungen entstanden sind,
was davon zu halten sein möchte, wird sich im Verfolg der Ab-
handlung ergeben.

8. 2.
So lange Religion und Recht noch in bestimmter Weise nicht
Don einander geschieden sind, das Recht entweder wie in theokrati-
schen Staaten in der Religion aufgeht, oder diese nur Bestandtheil
der Staatsverfaffung ist, mithin bald alle Religion zum Recht, bald
mehr alles Recht zur Religion wird; so lange die Gottheit in un-
nahbarem, verhülltem Heiligthum wohnt und zu den Menschen nur
redet durch den Mund des Priesters, — tragen die Satzungen der
Religion den Charakter von Gesetzen, welche strengen Gehorsam
heischen, und von Menschen mit irdischer Macht ausgerüstet, durch
weltliche Gewalts- und Zwangsmittel überwacht und gehandhabt

5) J. H. Boebmer, dissert. praelim. de jure circa libertatem conscien-
tiae (Jus eccl. Protest. Vol. II.) §. 37: Conscientiae libertas plena
dicitur quae liberum publicumque religionis exercitium cum omni-
bus inde dependentibus effectibus habet j minus plena quae publico
liberoque exercitio destituta vel privatis sacris vel devotioni do-
mesticae relicta vel sola tolerantia nititur.
6) Von Aretin, Staatsrecht der constitutionellen Monarchie (Alten-
burg 1824) Bd. 2. S. 88.

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