Full text: Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft (Bd. 11 (1847))

Ueber Gewissensfreiheit. 103
sreiheit, die freilich in der innigsten Beziehung stehen und auf der-
selben Grundlage beruhen, unterscheiden kann. Gewissensfreiheit in-
nerhalb der Kirche findet statt, wenn diese die Selbstständigkeit oder
freie Persönlichkeit der Individuen anerkennt und zur Grundlage
ihrer ganzen Einrichtung hat. Einer solchen Kirche ist ein Priester-
thum fremd, welches das religiöse Bewußtsein gleichsam zum pri-
vilegirten Besitzthum einer besondern Classe von Personen macht.
Sie kennt keine Glaubensgesetze, welche unbedingte Anerkenntniß und
Unterwerfung fordern, sondern nur Lehren, deren Macht in der
Ueberzeugung liegt, die sie wirken; welche jeder, so weit er es vermag,
zu prüfen und sich möglichst frei und ganz zu eigen zu machen hat; und die
auch niemals als abgeschlossen angesehen werden können. Sie fordert, daß
alle Religionshandlungen aus freier Entschließung hervorgehen sollen,
und verschmäht es, durch irgend welche Zwangsmittel dazu anzuhalten.
Und indem sie nur durch dargebotene, nie aufgedrungene Beleh-
rung wirkt, übt sie keine Zucht, um ihre Mitglieder zum Glauben,
zum kirchlichen Leben, zur Sittlichkeit anzuhalten. Der Gegenstand
unserer Erörterung soll aber nur die staatliche Gewissensfreiheit sein.
Diese möchten wir aber nun näher bestimmen, als das Recht jedes
selbstständigen Staatsgenossen: seine religiöse Ueberzeugung frei zu
äußern und zu bekennen, Gott in der von derselben geforderten oder
darnach für angemessen erachteten Weise zu verehren, den Lebens-
momenten und Handlungen, welchen nach den Religionsbegriffen eine
religiöse Bedeutung beiwohnt, die erforderliche Weihe geben zu lassen,
und andererseits zu Nichts genöthigt zu werden, was nach jenen
Religionsbegriffen als unzulässig erscheint. Dieses Recht schließt jeden
directen wie indirekten, jeden moralischen wie physischen Zwang ans;
daher jede Verhinderung an einem Verhalten, wie es bei voller Frei-
heit stattgefunden haben würde, jede Verhängung von Rechtsnach-
theilen, möge dieselbe mehr als Strafe sich darstellen oder als
bloße Entziehung und Verweigerung von Rechten um des religiösen
Glaubens willen, als eine Beeinträchtigung oder Beschränkung der
Gewissensfreiheit betrachtet werden muß.
Man kann daher die Gewissensfreiheit auf drei Hauptstücke zu-
rückführen: Bekenntnißfreiheit, Cultuöfreiheit und ungeschmälerte
Rechtsfähigkeit *).
r) S. auch S. Jordan, Lehrbuch des allgemeinen und deutschen
Staatsrechtes. Bd. f. Z. 68. Nr. 5.

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