Full text: Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft (Bd. 12 (1848))

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Unger:
cher der Inder und Juden, sammt der juristischen Literatur der Bra-
mmen kommen für uns so wenig in Betracht, als die Jurisprudenz
des Koran. In Rom aber entstand ein wissenschaftliches Studium
des Rechts erst zu einer Zeit, da der Freistaat schon seinem Unter-
gänge nahte, zu einer Zeit, da die verschiedenen Staatsgewalten be-
reits den wichtigsten Theil des Rechts in schriftlichen Aufzeichnungen
niedergelegt hatten. Dieser Zustand war für eine gleichmäßige Wür-
digung aller Rechtsquetten nichts weniger als günstig, ja er wurde
noch ungünstiger, als unter den Kaisern gewisse Staatstheorien auf-
kamen, welche den Uebergang zur Alleinherrschaft und die Berechti-
gung des Kaisers zur Negierung erklären mußten, und mithin auch
auf die Rechtsquellen Anwendung finden konnten.
In den Schriften der römischen Juristen, wie sie uns in der
Compilation Justinians überliefert sind, finden wir nun folgende Dar-
stellung: Alles Recht ist entweder geschriebenes oder ungeschriebenes.
Das geschriebene besteht ans den Erlassen der verschiedenen Staats-
gewalten (Lex, Plebiscitum, Senatusconsultum, Principum Pla-
cita, Magistratuum Edicta) und den Aussprüchen der Rechtsver-
ständigen (Responsa Prudentium). Das ungeschriebene Recht ist
das durch Gewohnheit gebilligte. Daß man aber alle Gewohnheit
wie ein Gesetz befolgt, das ist in der Ordnung, weil die Gesetze ja
auch auf dem Beschlüsse des Volks beruhen, und doch nichts darauf
ankommen kann, ob das Volk seinen Willen ausdrücklich durch Ab-
stimmung oder durch stillschweigende Uebereinstimmung erklärt. Diese
republikanische Theorie wurde durch die Annahme einer Lex re-
gia aufrecht erhalten, mittelst welcher das Volk seine Rechte auf den
Kaiser übertragen haben sollte.
Als im Mittelalter das juristische Studium von neuem auf-
blühte, war es das römische Recht, von dem man ausging, und man
nahm daher aus diesem seine Theorie der Rechtsquellen. Doch
mußte man bald bemerken, daß es sich damit nicht allenthalben so
verhielt, wie man nach den Worten der lateinischen Quelle hätte
glauben sollen. Während im römischen Rechte die Gewohnheit eine
sehr untergeordnete Rolle spielte, sah man sich aller Orten mit ei-
ner Menge von Rechten umgeben, die nicht aus Gesetzen abzuleiten
waren, und die eine sehr verschiedenartige Natur zu haben schienen.
Man sah Rechte, die sogar ausgeschrieben waren, und dennoch nicht
auf Gesetzen beruhten. Obenhin gesprochen genügte es zwar, wenn

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