Full text: Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft (Bd. 12 (1848))

#4 Köstlin:
den müßten, ja noch überdieß eine Konkurrenz der geistlichen Ge-
richte mit den weltlichen für alle Fälle behauptete, wo wegen einer
sündlichen Handlung Klage erhoben werde w). Ausserdem hatte sich
aber allmälig ein wahres Strafrecht der Kirche auch gegen die
Laien entwickelt 5'); und seit Innocenz III. bildete sich das eigen-
thümliche kirchliche Strafverfahren aus 5J), was beides eine groß-
artige und feingegliederte Organisation der kirchlichen Behörden
nothig machte53). Diesem Organismus und seinem fein und kon-
sequent ausgebildeten Rechte gegenüber konnte sich aber Recht und
Verfahren des Lehensstaates am wenigsten innerhalb des Gebiets
der Kirche selbst, und später auch ausserhalb desselben nicht mehr
halten. Gerade der Eintritt der Kirche in den Feudalstaat ver-
schaffte vielmehr ihrem Rechte allmälig den Sieg auch in den welt-
lichen Gerichten 54).
Der Lehensstaat mußte mithin mitten in seinem Schooße das
Wachsthum des, zu seiner Ueberwältigung berufenen, seinen Priu-
cipien schroff entgegen gesetzten kirchlichen Rechts dulden. Die Roth-
wendigkeit hievon lag aber in dem gesummten Verhältnisse der Kirche
zu dem mittelalterlichen Staate. Mit der Zersprengung des Reichs
Karls d. Gr. war die Einheit der germanischen Nationen ihres Or-
gans verlustig geworden, ohne daß doch diese Einheit aus dem Be-
wußtsein sich verloren hätte. Dem Bedürfnisse, ein neues Organ
dafür zu gewinnen, kam nun eben die Kirche entgegen, und dadurch
schwang sie sich zur Herrschaft über alle christlichen Völker auf. Zu-
nächst mußte diese Herrschaft freilich auf eine geistliche Idee, näm-
lich auf die Pflicht der Kirche, die Reinheit des Glaubens allenlhal"
ben zu erhalten, gegründet werden 55). Allein die Grenze dieses
Begriffs war so unbestimmt, daß es leicht war, die Mehrzahl der
Verhältnisse des weltlichen Lebens unter diesen Gesichtspunkt zu brin-
gen und der Gesetzgebung und Rechtspflege der Kirche Antheil an

50) Cap. 5. 13. X. de jud. (II. i.) Eichhorn, Kirch.R. ll. S. 140 f.
51) Eichhorn ebd. II. S. 76—88.
52) Bien er, Beitr. zur Gesch. d. Jnquis.Proc. Eichhorn ebdas. II.
S. 83 n. 21.
53) Eichhorn ebd. I. S. 632 — 640. N.G. II. §. 319—325.
54) Stein III. S. 305 - 351.
55) Eichhorn II. §. 318.

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