Full text: Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft (Bd. 12 (1848))

ilS

Köstlin:
zu sprechen angewiesen wurde, und diese Anweisung treulich befolgte.
Hatte das römische Recht bisher dem deutschen immer noch einen
Platz neben sich gegönnt, so erfolgte von nun an eine rasche und
heftige Umwälzung im geltenden Rechte. Es verbreiteten sich neue
Ansichten über das Wesen des positiven Rechts überhaupt; man for-
derte geschriebenes Recht oder besonders bewiesene Gewohnheiten 324),
daher denn auch die Urtheile in Strafsachen nicht mehr nach der
besten Ueberzeugung der Richter, sondern nach geschriebenen Normen
erfolgen sollten. Die Folge war, daß die gelehrten Richter auf das
als jus incertum behandelte einheimische Recht herabsahen 323), und
die Nechtsbücher vom Ende des löten Jahrhunderts ab, wo sie nicht
ausdrücklich als Territorialrecht eine besondere Sanktion erhielten,
ihre Auktorität immer mehr einbüßten; deßgleichen, daß man eine
gänzliche Umänderung der Gerichtsverfassung vornahm 326), d. h.
Stadtgerichte und höhere Landesgerichte mit gelehrten Richtern be-
setzte, dagegen die vorerst noch im alten Stande verbleibenden an
die letzteren oder an die Iuristenfakultäten verwies.
Gleichwohl machte der ewige Landfriede hier so wenig, als in
der ersten Beziehung, einen vollkommenen Abschluß. Ausgesprochen
war nun allerdings die Unentbehrlichkeit des römischen Rechts für
Deutschland. Es war nicht mehr blos als Gewohnheitsrecht, son-
dern auch reichsgesetzlich327) ausdrücklich als gemeines deutsches Recht
erklärt. Auch wurde der Sieg vorerst in's Extrem verfolgt, indem
weder Theoretiker, noch Praktiker jener Zeit Kritik genug besaßen,
and die wahre Grenze zwischen der Anwendbarkeit des einheimischen
um des fremden Rechts aufzufinden 328), worüber die lebendige

I. S. 88. 91. II. S. 79. Eichhorn iu. §.442. Bluntschli l.
S. 319.
324) Württ. Hof'G.O. (Reyscher IV. 108.)
325) Petr, ab Andl. bei Zöpfl II. 1. S. 180 Not. 2—4.
,826) Württ. L.R. von 1555 und 1567. Reyscher, württ. Privatr. I.
§. 27. o. 4. Sachs. B.O. von 1432 bei Günther, das Priv. de
non app. d. Haus. Sachs. S. 20. Ha r p p r echt a. a. O. V. S. 256.
327) v. Wächter, gem. R. S. 27— 29. 180-183. 199-^201 und Mei-
ster ib. cit.
328) Zöpfl II. S. 188 n. 4-6. Mein Art. in den Monatsbl. zur
A. Mg. Seit. Mai 1846.

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