Full text: Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft (Bd. 8 (1843))

182 G. v. Struve:
kennen lehrt, erschließt sie uns solcherweise die innersten Bedürfnisse
des Seelenlebens. Sie lehrt sie uns erkennen im Allgemeinen, in
sofern es sich handelt von denjenigen der Menschheit überhaupt, und
im Besonder», insofern die Bedürfnisse einzelner Nationen und ein-
zelner Individuen in Rede stehen. Denn die Phrenologie macht
uns aufmerksam auf die Verschiedenartigkeit der Gehirnbildung der
Verschiedenen Nationen, und wenn wir damit ihre bekannte Ge-
schichte, ihren bekannten Charakter vergleichen, so tritt die Wahrheit
der Phrenologie, daß die Gehirnentwickelung und Geistesentwickelung
Ln untrennbarer Innigkeit verbunden sind, aufs Schlagendste hervor.
Allein nicht blos die Ausdehnung des Gehirns, sondern auch
feine Beschaffenheit ist von der höchsten Bedeutung, und diese wird
insbesondere erkannt durch die verschiedenen Temperamente. Je nach-
dem ein Mensch das nervöse, das biliöse, das sanguinische, oder das
phlegmatische Temperament besitzt, werden die Organe seines Ge-
hirns in verschiedener Weise: in leicht erregbarer, thatkräftiger, le-
hensfrischer oder langsamer Weise sich geltend machen.
Schon die Lage ihrer Organe deutet darauf, daß die morali-
schen Empfindungen: Ehrerbietung, Gewissenhaftigkeit, Wohlwollen,
Festigkeit u. s. w. die übrigen geistigen Kräfte leiten, ihnen den Im-
puls ihrer Thätigkeit nach dem Willen des Schöpfers geben sollen.
Die Intelligenz und die Sinnlichkeit sollen nicht herrschen, sondern
dienen. Aber wenn auch dienend, sollen sie alle in reger, kräftiger,
lebensfrischer Thätigkeit erhalten werden. Nicht eine geistige Kraft
wurde uns gegeben, damit wir sie unbenützt lassen, nicht eine kann
ungeübt bleiben, ohne daß alle in ihrer innigen Verbindung die
Rückwirkung schmerzlich empfänden.
Der Zweck des Lebens der Einzelnen, der Familien, wie der
Nationen geht dahin, die gesammten geistigen Kräfte, die ihnen ge-
hören, oder die ihrer Leitung anvertraut sind, einer harmonischen
Entwickelung entgegen zu führen. Die Lebensweise des Einzelnen,
der Familie, wie der Nation, welche der Entwickelung einer oder
mehrerer der ihnen anvertrauten geistigen Kräfte hemmend entge-
gentritt, oder welche sie vorzugsweise und über das Maaß ihrer
Stärke in Anspruch nimmt, ist naturwidrig, und eben deßhalb un-
wandelbar immer gefährdend.
Eine kräftige geistige Entwickelung setzt aber nothwendig eine
kräftige körperliche voraus. Das Gehirn bedarf des Zuströmens

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