Full text: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Kanonistische Abteilung (8 (1918))

10.7. Sohm, R., Das altkatholische Kirchenrecht und das Dekret Gratians

Literatur.

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Rudolph Sohm, weiland ord. Professor an der Universität
Leipzig. Das altkatholische Kirchenrecht und das Dekret
Gratians. Aus der Festschrift der Leipziger Juristenfakultät
für Dr. Adolf Wach. München und Leipzig, Duncker und
Humblot 1918. VIII, 674 S. gr. 8°.
Sozusagen mit der Feder in der Hand ist der Leipziger Meister
von uns gegangen. Nicht nur hat er umfangreiches Manuskript für
den zweiten Band seines Kirchenrechts hinterlassen, sondern auch diesen
gewaltigen Exkurs dazu hat er uns vermacht. Zum größten Teil brachte
er ihn noch selbst zum Druck. Und, was weit wichtiger, auch die
Niederschrift des übrigen hat er bis auf den Schluß, der aber wohl kaum
noch etwas von Belang dem schon vorher Ausgeführten hinzugefügt
haben würde, mit nie erlahmender Tatkraft besorgt, wie wohl ihn am Spät-
abend seines Lebens die schwersten Schicksalsschläge trafen. „So stirbt
er?/ ein Held", läßt Schiller Pranä Moor beim Anblick der in voller Pracht
untergehenden Sonne ausrufen. „So stirbt ein Held“, das ist der Ein-
druck, unter dem wir angesichts dieser letzten Leistung Sohms stehen.
Nicht nur die darauf verwendete Arbeit nötigt uns Bewunderung
ab. Vielmehr liegt das Heroische, das auch dieses Sohmsche Buch
an sich hat, vor allem in der Idee, die es beherrscht, und in der
Folgerichtigkeit und Geschlossenheit der Durchführung des zugrunde
liegenden Gedankens. Gleich früheren Arbeiten des Meisters ist diese
vor allem ein literarisches Kunstwerk und will zunächst als solches
gewürdigt und genossen werden.
Im Anfang der Kirche war die Liebe, nicht das im Widerspruch
zum Wesen der Kirche stehende Recht, so lautete der Satz, um dessent-
willen Sohm sein „Kirchenrecht" schrieb.
In der ersten Hälfte der darauf folgenden, mehr als anderthalb
Jahrtausend langen Entwickelung der katholischen Rechtskirche be-
herrschten göttliche Ordnung, Weihegewalt und Sakrament die Lage,
war das Kirchenrecht in diesem Sinne altkatholisch, so lautet die
These, die dieses Buch verficht.
Erst im Neukatholizismus tritt neben das göttliche das menschliche
Kirchenrecht, tritt neben die Weihegewalt die Jurisdiktion und deren
Hierarchie, um jene zu überhöhen und die einheitliche, körperschaftliche
Papstkirche zu erzeugen, wird zwischen Gewissensforum und Rechts-
forum unterschieden, wird die Zahl der Sakramente, die bis dahin
Legion war, beschränkt auf die sieben, dem Katholiszismus heute ge-
läufigen, entsteht der heutige, formale Sakramentsbegriff.
Dieser Neukatholizismus hebt etwa 1170 an und tritt in voller
Ausbildung hervor um 1200. Das Tridentinum hat ihn dann noch
weiter ausgestaltet, und die Erlasse der letzten Päpste, Pius IX., Leos XIII.,
Pius X. bringen ihn für die Gegenwart zum Ausdruck. Durch ihn
ist die Kanonistik erst Jurisprudenz geworden, vorher war sie Theologie.
Auch bei Gratian. Dieser war nicht ein Anfänger, sondern ein
Vollender; er brachte das altkatholische, das eucharistische, das sakra-

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