Full text: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Kanonistische Abteilung (5 (1915))

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Albert Werminghoff,

Jedem Gesetz wohnt von Natur die Neigung inne,
seine Bestimmungen in der Weise zu treffen, daß sie hin-
sichtlich des Kreises von Menschen, für die sie gelten, im
Hinblick des Gegenstandes, den sie sich unterwerfen, und
in Ansehung ihrer Durchführung eine gewisse Gleichartigkeit
voraussetzen und als erreichbar in Rechnung stellen. Die
Wirklichkeit des Lebens dagegen zeitigt neben tausend
Befolgungen der gesetzlichen Vorschriften ebenso viele
Anpassungen an sie, also Veränderungen, und nicht weniger
Widersprüche, also Übertretungen. Jedes Gesetz nivelliert,
das Leben differenziert. Trifft dies für Gesetze im straffsten
Einheitsstaate und aus Zeiten höchstentwickelter legisla-
torischer Technik zu, wie viel mehr für ein Gesetz im
deutschen Reiche des späteren Mittelalters, in einem Staats-
wesen mit schier unbestimmbaren Grenzen nach außen,
mit der gewaltigen Zahl politischer Bildungen aller Art
und Ausdehnung, mit der ebenso großen Zahl kirchlicher
Verwaltungsbezirke und Einzelanstalten. Kein Territorium,
keine Stadt entbehrte der Herrschaftsansprüche gegenüber
Geistlichen und Kirchen; kein Bistum, keine Abtei war
ohne laikale Untertanen oder Hintersassen. Kleriker und
Laien waren aufeinander angewiesen, und gleichwohl trennte
sie der unüberbrückbare Gegensatz des Berufs, der gegen-
seitigen Achtung, der Wertung jener beiden Lebensformen,
des Staates und der Kirche1), in die hinein sie gestellt
waren. Kleriker und Laien bildeten keineswegs je eine in
sich selbst gleiche Schicht der Bevölkerung. Unterschiede
der sozialen Stellung und des sie erfassenden Rechts waren
allenthalben am Werke. Überall waren ihre Beziehungen zu
den übergeordneten Gewalten, sei es weltlicher sei es geist-
licher Prägung, abweichend gestaltet. Wie war es möglich,
in dem niedersten Geistlichen eines weltabgelegenen Dorfes
das Pflichtgefühl des Gehorsams gegen ein Reichsgesetz zu
1) Vgl. dazu J. Bryee, Das heilige römische Reich übers, von
A. Winckler (Leipzig 1873), 8. 272 mit Anm. 4, dazu das Gedicht
„Über die Würde des Priesters“ bei F. Vetter, Lehrhafte Litteratur
des 14. und 15. Jahrhunderts II (a. u. d. T.: Deutsche Nationallitteratm-
herausg. von J. Kürschner XII, 2. Berlin und Stuttgart ohne Jahr),
8. 113 ff.

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