Full text: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Kanonistische Abteilung (5 (1915))

Literatur.

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für Meiningen in Betracht kommenden grundgesetzlichen Bestimmungen
über das Verhältnis von Staat und Kirche an. Es kommen nach ihm
in Betracht Art. IV des Vertrages über die Zulassung der sächsischen
Herzoge zum Rheinbund vom 15. Dezember 1806, in dem Fexercice du
culte catholique dans toutes les possessions de leurs Altesses sera pleine-
ment assimile k Fexercice du culte lutMrien, et les sujets des deux
religions jouiront sans restriction des memes droits civils et politiques;
ferner Art. XVI der Deutschen Bundesakte und die Art. 29, 32 des
Grundgesetzes von Sachsen-Meiningen. Die Frage, ob durch den Zu-
lassungsvertrag denn Bereits eine staatsgesetzliche Bestimmung getroffen,
nicht vielmehr nur eine völkerrechtliche Verbindlichkeit geschaffen war
(vgl. u. a. Fürstenau, Das Grundrecht der Religionsfreiheit 8. 87), hat
der Verf. nicht geprüft (vgl. nur die Wiedergabe der Urkunde 8. 48),
was um so notwendiger gewesen wäre, als das meiningische Grundgesetz
beiden Kirchen eine grundsätzlich verschiedene Stellung gibt: „Die
evangelische Kirche ist die Landeskirche, und sie wird, wenn ihre Do-
tationen in irgendeiner Hinsicht unzureichend sind, aus den Landes-
einkünften unterhalten", die katholische Kirche aber genießt nur wie
„alle anderen Kirchen den Schutz des Staats und volle Gewissensfreiheit,
insofern sie sich den Gesetzen und Ordnungen des Staats gemäß bezeigen".
In Meiningen besteht die Vorschrift des Plazet für kirchliche Verordnungen,
von der auch noch in neuester Zeit, im Jahre 1910 gegenüber der Borro-
mäus - Enzyklika durch förmliches Verbot der Veröffentlichung, Gebrauch
gemacht ist.
Den Hauptteil der Arbeit bildet die Darstellung der geschichtlichen
Entwicklung der einzelnen katholischen Seelsorgestellen im Herzogtum,
von denen nur eine, die Pfarrei Wolfmannshausen (deren Gebiet 1808
vom Großherzogtum Würzburg an Meiningen abgetreten wurde) aus
vorreformatorischer Zeit stammt, während die übrigen sieben erst mit
allmählicher Zulassung der Katholiken seit dem Ende des 18. Jahr-
hunderts entstanden sind. Durch deren Begründung und weitere Aus-
gestaltung hat sich dann ein besonderes Verhältnis von Staat und
katholischer Kirche im 19. Jahrhundert entwickelt. Leider ist das
historische Studium des Verfassers nicht erschöpfend gewesen. Seine
Quelle ist im wesentlichen nur das Archiv des bischöflichen Ordinariats
in Würzburg, unter dessen Leitung die Katholiken im Herzogtum ge-
wiesen sind; einzelnes hat er den Akten der Seelsorgestellen entnommen.
Nicht hat er das Staatsarchiv und die Regierungsakten studiert. Darin
liegt ein großer Mangel, denn man kann keine zuverlässige Geschichte
des Verhältnisses von Staat und Kirche schreiben ohne näheren Ein-
blick in die Anlässe und Motive, die zu den nach außen gegebenen
Entscheidungen der Regierungen geführt haben, und in die Zusam-
menhänge, die zwischen der Behandlung der katholisch-kirchlichen und
evangelisch-kirchlichen Angelegenheiten und der sonstigen Verwaltungs-
politik eines Staats bestehen. Es ist dieser Mangel der Arbeit um
so bedauerlicher, als über manche für die Entwicklung des Verhältnisses
der Regierung zur katholischen Kirche in Meiningen interessierende

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