Full text: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Kanonistische Abteilung (5 (1915))

Literatur.

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dieses Recht unverrückbar sei. Auf dem Gebiete des Kirchenrechts
mußte dieses Recht eine besondere Bedeutung gewinnen; auch die Dogmen
der katholischen Kirche zählten dazu. Das natürliche Recht ergab sich
durch logische Schlüsse aus Axiomen, die aus dem Wesen des Menschen
und der menschlichen Gesellschaft gewonnen waren. Ihm stand entgegen
das positiv menschliche. Das göttliche und natürliche Recht aber waren,
und das ist grundlegende Ansicht der naturrechtlichen Lehre, allgemein
verbindlich; sie hoben das menschliche auf. Nun galt es, das positive
Kirchenrecht, das zumeist der päpstlichen Gesetzgebung entsprang,
als Menschenrecht zu erweisen, an das sich der Staat bei Durchführung
seiner vom Naturrecht geforderten Reformen nicht zu halten habe.
Und da fand man das Rüstzeug bei den Legisten, bei Marsilius von
Padua, in den Kapitularien und anderen historischen Quellen. Daraus
konnte man erweisen, daß die Kirchenverfassung, daß vor allem die
päpstliche Macht etwas historisch Gewordenes und nicht von Anfang
an durch Christus wenigstens im heutigen Umfange eingesetzt worden
sei, daß nicht alles an ihr iuris divini, sondern sehr vieles iuris humani
war. Die Gewissen waren damit beruhigt.
Wenn die Verfasserin auf Martinis kirchenrechtliche Anschauungen
näher eingeht, so sind diese Ausführungen sicher verdienstlich. Gewiß,
Martini gehörte nicht zu den radikalen Stürmern. Als gebürtiger Tiroler
hat er sich offenbar zu viel positiv-katholisch-kirchliche Anschauungen
gerettet, um in das radikale Horn zu blasen. Die Beratungen des Staats-
rats über die staatliche Ordnung der Ehegesetzgebung zeigen sein Zurück-
halten in noch erweitertem Maße, als die Verfasserin ausführt. Wo
sind die Schüler nicht radikaler gewesen als der Meister? Auch der
hochkonservative Hatzfeld wird zu Unrecht von der Verfasserin als
Stürmer in Anspruch genommen. Gewiß war Martini ein hochgebildeter
Mann, der nicht blindlings ein paar Lehrbücher ausgeschrieben hat,
sondern neben Pufendorf, Thomasius und Wolff noch andere Quellen
gekannt hat und zitiert. Originell ist er deswegen doch nicht gewesen,
denn neue Gedanken hat er nicht geprägt. Andere Männer, wie Kaunitz
und Sonnenfeld, waren Anhänger der französischen Aufklärung.
Mit Recht weist die Verfasserin auf die nationalökonomischen
Triebfedern der Reformen. Doch hat sie diese weit überschätzt und
damit ein Zerrbild der Reformen Josefs geschaffen, wie seit Sebastian
Brunner ein ärgeres nicht gezeichnet worden ist. Sie erinnert da schon
an die sogenannte materialistische Geschichtsauffassung der Sozial-
demokraten. Welche wirtschaftlichen Motive waren z. B. bei Errichtung
der Generalseminare oder bei der Pfarregulierung maßgebend? Das
Wahre ist, daß vorsichtige Staatsmänner, vorab in einem Staate, dessen
Finanzen knapp sind, bei Reformen auch den Geldpunkt erwägen und
daß bei allseitiger Beleuchtung der Fragen auch die volkswirtschaftliche
Seite in Betracht gezogen wird. Josef soll auf die Glaubenseinheit dasselbe
Gewicht gelegt haben wie Ludwig XIV. (S. 52). Gewiß hat auch Josef
als dogmengläubiger Katholik die katholische Kirche für die allein selig
machende gehalten. Aber Ludwig XIV. hat auf Grund seiner Überzeugung

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