Full text: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Kanonistische Abteilung (5 (1915))

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Literatur.

ja man hat es zu allerletzt erlebt, daß in der Ablaßforschung ein Paulus
für die Dogmatiker zum Saulus geworden ist und nun endlich den
Ablaß im 11. Jahrhundert entstanden sieht, ein Resultat, das ihm vor
8 Jahren schon umsonst vom Ref. war vor Augen gehalten worden. Die
historischen Wirklichkeiten drängen eben trotz allem doch zum Lichte.
In der Bußgeschichte der Frühzeit handelt es sich vor allem um
das Problem: „Christ und Sünde" oder um die Frage: „Hat das Früh-
christentum eine Vergebung größter Sünden (3 Kapitalsünden) gekannt
und bewerkstelligt? Die Historiker vertreten, im großen ganzen
genommen, die Anschauung, daß die ersten Christen sich als die „Heiligen"
(äyioi; tsie tot) wußten, daß für sie also eine offizielle Sündenvergebung
gar kein Bedarfsgegenstand war; wenn doch einer der Ihrigen sich schwer
verfehlte, galt er als ausgeschlossen aus der Gemeinschaft. Noch unter
dem wirksamen Banne des Glaubens an die baldige Wiederkunft Christi
hat aber dann um die Mitte des 2. Jahrhunderts der „Hirte" des
Hermas in Rom ausnahmsweise eine 2. Buße für Christen verkündigt,
auf daß keiner bei des Herrn baldigem Kommen verloren ginge; diese
Ausnahme ist hernach zur Regel geworden, zuerst für die Unzuchts-
sünder (ca. 220), dann für die Apostaten (ca. 250) und letztlich auch
für die Mörder (314) und noch vor 400 ward auch denen, welche nach
der einmaligen Buße wieder schwer sündigten, die Absolution wenigstens
auf dem Todbett gewährt. — Die Dogmatiker sehen in solcher Dar-
stellung des Entwicklungsgangs in der Regel zwar noch nicht die Leugnung
der kirchlichen Sündenvergebungsgewalt, weisen aber darauf hin, daß
dann wenigstens deren praktische Anwendung negiert sei; und doch
habe die Kirche allzeit, von dem Blutschänder zu Korinth angefangen
bis heute, selbst die schwersten Sünden erlassen, was aus einer Reihe
von Tatsachen sich ergebe. Unvergebbare und für immer aus der kirch-
lichen Gemeinschaft ausschließende Sünden habe es überhaupt nie
gegeben; nur die Kommunion, nicht die Absolution habe man den
büßenden Kapitalsündern in der Frühzeit verweigert. Die Bußpraxis
von damals hätte kein wesentlich anderes Aussehen gehabt als die
von heute.
Zählen unter die Vertreter der historischen Anschauungsweise aus
den letzten Jahrzehnten allen voran F. A. Funk, dann in beschränkendem
Sinn Vacandard, auch Batiffol und Tixeront, so zu denen der
dogmatischen Esser, Stufler SJ. und — der Verfasser des angezeigten
Buches: D’Ales SJ., Professor am Institut catholique in Paris, der seit
Jahren eine erkleckliche Anzahl von Zeitschriftenartikeln zur Geschichte
der altchristlichen Buße, namentlich auch 1905 ein Werk über die „Theo-
logie Tertullians", 1908 ein solches über diejenige „Hippolyts" schrieb
und nunmehr, vortrefflich gerüstet, seine Artikel unter einem Gesamt-
titel zusammenfaßte, ergänzte, vertiefte und, wenn nötig, auch änderte.
„L'ädit de Calliste" ist mehr das Schlagwort für den durchs Ganze
ziehenden Hauptgedanken von der Vergebbarkeit aller Sünden, indes
der Untertitel „Etüde sur les origines de la penitence chretienne" dem
breiten historischen Untergrund des Buches erkennen läßt.

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