Volltext: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Kanonistische Abteilung (5 (1915))

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Literatur.

Das Buch begnügt sich damit, die verschiedensten Erscheinungs-
formen der christlichen freiwilligen Armut nebeneinander zu stellen»
ohne sie auf dem Hintergründe der Kultur- und Wirtschaftsverhältnisse
von Zeit und Land zu studieren und dadurch ihren wesentlichen Charakter
zu erklären. Noch nachteiliger für die Arbeit ist es, daß der Verfasser
sich nicht bemüht hat, den Faden der Entwicklung durch die ganze
Untersuchung hindurch aufzurollen. Wäre er sich dieser Pflicht bewußt
gewesen, so hätte er sich nicht darüber zu beklagen, „daß das Ergebnis
der Arbeit der Mühe des Kuchens nicht in allem entspreche".
Es mußte doch z. B. dargetan werden, daß der Begriff der „aposto-
lischen Armut" in der Urkirche, in der Regel des hl. Benedikt und bei
dem Poverello von Assisi einen ganz verschiedenen Inhalt zeigt. Zum
Glück hat der Verfasser nicht alle seine Quellen so oberflächlich gelesen
wie gerade die Benediktinerregel, von der die germanische Kultur des
Frühmittelalters doch so stark beeinflußt worden ist. Auch sie will
die Armut nach dem Vorbilde der Apostel beobachtet wissen. Aber
ihr Ideal ist nicht völlige Besitzlosigkeit auch der Klostergemeinde und
Inanspruchnahme fremder Wohltätigkeit, sondern die sufficientia. Jedem
einzelnen soll vom Abte gegeben werden, was ihm notwendig ist und
jeder Überfluß, auch im Kleinsten, soll vermieden werden. Während
niemand das geringste zu eigen hat, besitzt die Gesamtheit alles, was
für ihre körperlichen und geistigen Bedürfnisse, für die Aufnahme von
Gästen, die Pflege der Armen und Kranken erforderlich ist. Dieser
Gemeinbesitz — zunächst die Ausstattungsgegenstände des Klosters —
soll von den Mönchen wie geweihtes Altargerät heilig gehalten werden,
eine Anschauung, die für die Beurteilung des benediktinischen Armuts-
ideals von hoher Wichtigkeit ist. Benedikt will auch, daß seine Mönche,
wenn die Armut es erfordert, sich von der Arbeit ihrer Hände nähren,
gleich den Vätern und Aposteln, um — wie Augustinus bemerkt —
niemandem lästig zu fallen (Sancti Benedicti Regula monachorum c. 48
ed. Cuthbertus Butler, Freiburg 1912, 8. 84 A. 19). Auch an anderen
die Armut betreffenden Stellen teilt Benedikt die Lehre Augustins (vgl.
Butler 65. 11; 66. 1; 95. 1—5). Deshalb hätte auch Dmitrewski §10
und 11 dem § 9 vorausgehen lassen müssen, da die in den beiden Ab-
schnitten behandelten Autoren auf die Benediktinerregel noch Einfluß
üben konnten.
An der zisterziensischen Reform des Benediktinertums geht der
Verfasser mit einigen belanglosen Äußerungen vorüber. Er sieht nicht,
daß die fratres grisei wie durch ihre Verfassung und durch ihr Kon-
verseninstitut, so ganz besonders durch die starke Betonung der Armut
für die fratres minores wegbahnend gewirkt haben. War doch gerade
die Beobachtung der Armut das Hauptmoment des Gegensatzes
zwischen Citeaux und Kluni. Auf ihr beruhte aber auch die Steige-
rung des ganzen aszetischen Strebens im 12. Jahrhundert, das die
Mendikantenbewegung des 13. Jahrhunderts vorbereitet hat.
Eine Berichtigung der vielen Schiefheiten und Unrichtigkeiten
in der Beurteilung aszetisch - monastischer Dinge, die sich in dem

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