Full text: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Kanonistische Abteilung (6 (1916))

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Heinrich Singer,

promissi, welche eine solche Selbstwahl gestattet haben soll,
ein Unicum wäre, das allen feststehenden Rechtsauffassungen
widerspricht, und jedenfalls in keiner der geschichtlich über-
lieferten Kompromißformeln den Kompromissarien, bei
irgend einer Wahl, eine solche Berechtigung erteilt worden
ist, so haben in der Folge die Theologen und Kanonisten
und ebenso auch die Publizisten (welche bei der Erläuterung
des c. II § 5 der Goldenen Bulle auch auf die Frage der
Selbstwahl zu kirchlichen Würden eingehen), solange die
Erzählung Villanis überhaupt als glaubwürdig behandelt
wurde, gewöhnlich einfach die nachträgliche Zustimmung
aller Kardinäle als das für die sonst anfechtbare Gültigkeit
der Selbstwahl Johanns XXII. entscheidende Moment be-
zeichnet.1)
Nach dem Muster der beiden uns schon bekannten
Selbstwahlanekdoten wurden auch andere Histörchen dieser
Art in Umlauf gesetzt, die ohne weiteres Glauben und Ver-
breitung fanden. Der Bischof Dominicus II. von Burgos
(Domingo de Arroyuelo, 1366—1380) sollte als Kompro-
*) Selbst noch Georg Christ. Neller in seiner aus dem Jahre 1756
stammenden Dissertatio de sacrae electionis progressu glaubt sich in
dieser Weise mit der Selbstwahl Johanns XXII. abfinden zu müssen,
indem er bemerkt: „non ex se valebat, sed quia electores contenti erant“.
(Vgl. Schmidts Thesaurus iuris ecclesiast. potiss. German, t. II, Diss.
XVII p. 720.) Merkwürdiger Weise hat übrigens in dieser Frage gerade
ein und der andere Autor, dessen Umsicht in der Benutzung der Literatur
und dessen Vorsicht in seinen Behauptungen den Zeitgenossen sonst
als vorbildlich gelten durfte, auffallend versagt. Barbosa (Juris ecclesi-
ast. lib. I c. 1 n. 96. 97, edit. Lugd. 1699 p. 19) leistet sich in der Dar-
stellung des Rechtszustandes, wie er bis zur Konstitution Gregors XV.
in Geltung war, den mehr als gewagten, um nicht zu sagen, den mon-
strösen Ausspruch: .... Quo exemplo [sc. Joannis XXII.] posse com-
promissarium, si unus tantum sit, se ipsum eligere, tradunt 8. Antoninus
.... et Azorius.... Quod in pontifice verum credo; nam talis electio
non repugnat iuri divino aut naturali, cum eidem minime repugnet
eundem esse eligentem et electum, habet tamen iuris humani repugnan-
tiam, quae non sufficit ad huiusmodi electionem annullandam, utpote
quod nulla exceptio a iure humano proveniens contra talem electionem
opponi possit iuxta dictum cap. Licet.“ Dennoch ist Lavorius (Variar.
lucubration. t. I tit. IV c. VI n. 17 p. 318, c. VII n. 27 p. 331) nicht
der einzige Schriftsteller, welcher diesen Sätzen Barbosas vollinhaltlich
zustimmt.

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