Full text: Volume (6 (1916))

IX

Berufstätigkeit der Kandidaten der Gerichts- und Ver-
waltungspraxis zu machen.
Nach dem Zeugnisse aller, die zu ihm in näheren Be-
ziehungen standen, war Thaner auch im Privatleben ein
stiller, bescheidener Mann von verschlossenem Wesen; diese
seine Zurückhaltung läßt es begreiflich erscheinen, daß er,
namentlich in vorgerückterem Alter, der Gesellschaft und
der Öffentlichkeit fast gänzlich fernblieb. Seine Erholung
und Zerstreuung suchte er in der Natur, für die er stets
das lebhafteste Interesse bekundet hat (die Botanisier-
büchse begleitete ihn auf seinen Ausflügen, er war auch
stets ein großer Freund des Jagdsportes). Es ist sozusagen
selbstverständlich, daß ein Mann, welcher so wenig die
Berührung mit der Öffentlichkeit suchte, bei aller Ent-
schiedenheit seines nationalen und politischen Standpunk-
tes doch niemals ein Berufspolitiker gewesen ist. Unsere
Verfassungseinrichtungen und die akademische Tradition
übertragen jedoch den Rektoren unserer Universitäten als
solchen politische Repräsentationspflichten, und so erklärt
es sich, daß Thaner, der im Studienjahre 1885/6 zu Inns-
bruck und im Studienjahre 1897/8 zu Graz das Rektorat
bekleidete, damals auch politisch hervorgetreten ist.1)
Heinrich Singer.
x) Wir würden es nicht für richtig hatten, hier etwa auch auf diese
politische Tätigkeit Thaners näher einzugehen und dieselbe in ihrem
Zusammenhänge mit den Verhältnissen und Zuständen, mit den Ereig-
nissen kritischer Tage jener Epoche zu schildern. Gewiß wird ja der
Gegensatz der Weltanschauungen und der durch denselben begründeten
politischen Programme auch in späterer Zeit stets seine Bedeutung be-
haupten; diese Gegensätze werden für die politischen Parteien Deutsch-
Österreichs auch in Zukunft richtunggebend sein. Aber wenn einmal
der Zeitabstand es gestatten wird, die Kämpfe der Epoche, in welche
ThanerS politisches Auftreten fiel, von einer höheren Warte aus zu be-
urteilen, wird man wohl auch allgemein das Verständnis dafür gewinnen,
daß zu jener Zeit die Gegensätze unter den Deutschen Österreichs sich
so verschärft hatten, weil eben auch deutsche Parteien die Gefahren
einer von ihnen unterstützten Politik für Staat und Nation nicht recht-
zeitig erkannten und deshalb dieser Politik — obwohl sie dieselbe, ohne
ihren Grundsätzen zu vergeben, hätten bekämpfen können — damals
noch Gefolgschaft leisteten.

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