Full text: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Kanonistische Abteilung (3 (1913))

4

Emil Ott.

der älteste Chronist Böhmens, der Prager Domdechant Cosmas
berichtet zum Jahre 1061, ein vom Landesfürsten abgosetzter
Kastellan (comes) habe gegenüber dem fürstlichen Abge-
sandten, welcher ihm den Amtsverlust meldete, sich geäußert,
der Fürst mag über seine Burg verfügen, wie es ihm beliebt;
was aber meine Kirche besitzt, das einzuziehen, hat der Fürst
keine Gewalt.1)
Ohne Unterschied, ob das Gotteshaus eine Kapelle oder
eine Kirche mit Pfarrechten war, galt das Prinzip der Eigen-
kirche. Alle Gotteshäuser wurden samt ihren Einkünften und
Gütern als Privateigentum behandelt und als solches an andere
kirchliche Institute übertragen. In Konsequenz dieser Auf-
fassung wiesen die Kircheneigentümer den Seelsorgern nach
eigenem Gutdünken einen größeren oder geringeren Teil der
Einkünfte zu, behielten aber die übrigen Nutzungen für sich.2)
Eine große Gefahr drohte der Kirche, wenn das Eigen-
kirchenprinzip den Sieg davongetragen hätte. Nach den
Worten des hervorragendsten Forschers auf diesem Gebiete,
Stutz, wäre dies „mit einer ganz unerhörten Knechtung und
Ausbeutung der Kirche für weltliche Zwecke verbunden gewesen
und hätte die fast völlige Verbannung aller publizistischen
Gesichtspunkte aus dem Kirchenrechte im Gefolge gehabt“.3)
Vom Klerus im Lande konnte eine Änderung dieser
Verhältnisse im Sinne der kirchlichen Vorschriften nicht er-
hofft werden; denn er war durch Bande der Verwandtschaft
und Schwägerschaft an die Laien gefesselt, da die Anordnung
x) F. R. B. II 8. 94. Die in den Reg. Bob. I Nr. 219 abgedruckte
Urkunde, die nur aus ihrer Bestätigung 1233 bekannt ist und, angeblich
im Jahre 1132 errichtet, die Übertragung einer Kirche samt den an
ihr bestellten zwei Geistlichen an den Fürsten Sob&slav ausspricht, ist
nach Palackys Urteil höchst verdächtig (Reg. Boh. I 8. 624). Der in
derselben gebrauchte Ausdruck „canonici“ statt „clerici* findet sich in
keiner gleichzeitigen Urkunde Böhmens, weshalb die betreffende Urkunde
als unecht hier außer Berücksichtigung bleibt. — 2) Vgl. hierüber
Wahrmund, Kirchenpatronat 8.25ff. und die Belege aus Reg. Boh.I 837;
II323, 2034; III133 aus den Jahren 1234—1313 in dem gründlichen und
instruktiven Aufsatze Dr. Kroftas: Über das Verhältnis der römischen
Kurie zu Böhmen vor den Hussitenkriegen in der böhmischen histo-
rischen Zeitschrift Band X. — s) Stutz, Die Eigenkirche als Element
des mittelalterlich-germanischen Kirchenrechts 8.39 und Art.Eigenkirche,
Eigenkloster in Hauck-Herzog, Realenzyklopädie XXIII 8.373.

Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer