Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 44 = 2.F. 8 (1902))

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Otto Settel,

Wenn wir vom Standpunkt des Käufers diejenigen Eigen-
schaften als wesentlich bezeichnten, deren Vorhandensein oder
Fehlen der normale Käufer nicht' auf sein Risiko zu nehmen
pflegt, so können wir die analoge Regel auch für den Verkäufer
aufstellen: auch für ihn sind wesentlich die Eigenschaften, deren
Vorhandensein oder Fehlen im normalen Dertragsinhalt zum
Ausdruck kommt und daher auch in der normalen Preis-
bemeffung wirksam wird. Es kann ja Vorkommen, daß z. B.
der Verkäufer von Schmucksachen, der über ihre Echtheit oder
Unechtheit im Unsichern ist, sie ausdrücklich, ob nun echt oder
unecht, etwa um einen mittleren Preis verkauft. Das Normale
ist dies gewiß nicht; echte Schmucksachen pflegen als echte, un-
echte als unechte verkauft zu werden. Hätte daher der Ver-
käufer echte als unecht verkauft, so kann er anfechten. Irrte
dagegen der Verkäufer über solche Eigenschaften, die nicht in
diesem Sinne zur normalen Individualisirung gehören, Eigen-
schaften, hinsichtlich deren in umgekehrter Richtung der Käufer
auf eigene Gefahr irren würde, so ist auch für ihn jede An-
fechtung ausgeschloffen. Ebensowenig wie der Käufer einer
Geige den Kauf deshalb anfechten kann, weil er sie irrthümlich
für eine Amati gehalten habe, ebensowenig kann der Ver-
käufer ihn deshalb anfechten, weil er nicht gewußt habe, daß
sie eine Amati sei. Es geht nicht an, daß die eine Vertrags-
partei der anderen im Wege der Anfechtung jeden Dortheil
entreißt, den dieser sei es ihre bessere Sachkenntniß, sei es die
beiderseitige Sachunkenntniß verschafft hat; das würde auch die
erlaubte Spekulation unmöglich machen.
Hinsichtlich des Irrthums über Eigenschaften der Person
haben wir ganz dieselbe Unterscheidung zu machen, wie bei
dem über die Eigenschaften der Sache. Es giebt Eigenschaften
der Person, die in den Vertragsinhalt hereingezogen zu werden
pflegen, andere, bei denen dies überhaupt nicht oder doch nicht

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